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Ausgabe:

1877 Nr. 14

Spalte:

397

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Wilh.

Titel/Untertitel:

Predigten und Reden. Hrsg. von A. E. Websky 1877

Rezensent:

Wächtler, August

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397

Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 14.

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fchöpfend zu fein; er habe diefelben nur als Belege benutzt
und ihre Darfteilung abgebrochen, fobald diefer
Zweck ihm erreicht fchien. Diefes Verfahren ift die Ur-
fache, weshalb gewiffermafsen nur aphoriftifch der phi-
lologifch-hiftcrifche Stoff excerpirt, nirgends aber eine
Partie zufammenhängend dargeftellt und erklärt worden
ift. Es lag übrigens auch kein zureichender Grund vor,
von den zur Indogermanifchen Familie gehörigen Völkern
nur Inder, Perfer, Griechen und Germanen zu berück-
fichtigen, von Italern, Gelten und Slaven aber gar nicht
Notiz zu nehmen.

Für alle Arbeiten auf dem Gebiete der Vergleichenden
Religionswiffenfchaft bleibt zur Zeit noch dringend
zu wünfchen, dafs einmal I Iiftorifches und Philofophifches
fcharf und klar auseinandergehalten werden, dafs die hi-
ftorifche Unterfuchung vorausgehe und hinreichendes, ge-
fichertes Beobachtungsmaterial befchaffe, bevor man zur.
Condruction religionsphilofophifcher Theorieen fchreitet,
und dafs man fich zunächft noch darauf befchränke, Vorarbeiten
zu liefern und mafchenweife einen Abfchnitt
nach dem anderen gründlich zu erforfchen, ehe man fich
für competent hält, über das ganze weite Gebiet der
Religionsgefchichte zu fchalten und endgültige Refultate
zu ziehen.

Jena. Edm. Spiefs.

Müller, weil. Pred. Wilh., Predigten und Reden. Hrsg.
von Lic. A. E. Websky. Berlin 1877, Neuenhahn.
(VII, 186 S. gr. 8.) M. 5. —

Das Buch enthält 9 Predigten und 4 Reden von W.
Müller mit der Gedächtnifsrede auf denfelben von Lisco.
Der Herausgeber fcheint diefelben für einen beftimrnten
Kreis veröffentlicht zu haben, welcher nach dem Verlud
von Heinr. Lang und W. Müller fich die Aufgabe dellt,
,ihr Bild lebendig zu erhalten und mit ihrem geidigen
Vermächtnifs zu miffioniren für das hehre Ideal ihres
Lebens und Strebens, für ein Chridenthum des Geides
und der Liebe, der Freiheit und der Frömmigkeit zumal'.
Ein folgender Band foll die gefammelten Vorträge und
ein dritter einen Predigtcyclus von Müller über das Wefen
des Chridenthums bringen. Die vorliegenden Predigten find

intereffante Beiträge zur Gefchichte unterer kirchlichen 1 durch Rhythmus, Alliteration, Äffonanz und Reim an
und kirchenpolitifchen Bewegung der letzten 30 Jahre, nehmlich und eindringlich gemacht werden. Hierbei
und dehen fad alle in engder Beziehung zu bedeutfamen i wird für viele Zuhörer die Gefahr, fich an der Bemühung
Vorgängen in Müller's Leben. Der bekannte dogmatifche j um den Klingklang der gekündelten Form genügen zu
Standpunkt unterliegt nicht unterer Beurtheilung, wie auch . laden, datt den Inhalt zu erfaffen, mindedens ebenfo grofs
die Predigten felbd den Streit nicht zu ihrem Gegen- 1 fein, wie der Nutzen, welcher anderen daraus entdehen kann.

und f. Z. vor feiner Altenweddinger Gemeinde auch gehalten
find'; er hat diefelben jetzt herausgegeben, um
,öffentlich zu bezeugen, dafs er bedrebt gewefen, das
Wort der Wahrheit recht zu theilen und recht zu handhaben
, und wenn's fein könnte, leife Anregung zu geben,
das Wort Gottes in dets glaubens- und lebensfrifcher
Weife dem Volke Gottes nahe zu bringen'. Die Grund-
fätze, welche der Verfaffer über drenge Textgemäfsheit
und edle Popularität im Vorwort aufhellt, find vortrefflich
, wir bedauern nur, dafs diefelben in den Entwürfen
nicht mit der gleichen Entfchiedenheit zum Ausdruck gekommen
find. Der vorliegende Band enthält Entwürfe
zu fämmtlichen Sonntagsevangelien vom I, Advent bis
zum 27p. trin., und zwar für jedes Evangelium mehrere,
manchmal 6, ja zum 1. Weihnachtstage fogar 10 Entwürfe
. Die Ueberfchriften, welche jeder Entwurf als
Thema trägt, ohne dafs der Weg vom Text her gezeigt,
oder auch nur angedeutet würde, find nach Form wie
nach Inhalt von fehr verfchiedenem Werth, zuweilen als
Urtheil gefafst, zuweilen auch nur eine Ueberfchrift der
Perikope oder eine Inhaltsangabe der Predigt. Bei fehr
vielen Entwürfen id das Thema ein gereimter Vers und
nicht feiten mit einem ,oder' ein Reim neben den the-
matifchen Satz gehellt. Gegen die gelegentliche Berechtigung
des Reims in der Predigt wollen wir nicht dreiten,
aber die reichliche Verwendung desfelben in diefen Entwürfen
beweid auf's neue, dafs grofse Vorficht anzuwenden
id, wenn diejenige Ausartung des Strebens nach
Popularität, vor welcher der Verfaffer felbd erndlich
warnt, vermieden werden foll. Am allerwenigden Berechtigung
hat die Reimform, wenn diefelbe nicht dazu
dient, gehaltvolle Sätze in leicht fafslicher Form auszu-
fprechen, fondern nur eine Form id, in welcher mit dem
Reime gefpielt wird. Z.B. beim Evang. I. Epiph.: ,Wo
id mein Jefus? oder Mit Jefu kann es auch uns gehn,
wie feinen Eltern eind gefchehn'. XL trin: ,Was an dem
Pharifäer im Tempel uns anzieht und abdöfst, oder:
Wie uns der Pharifäer im Tempel giebt gutes und böfes
Exempel'. XXI. trin :,Welche Winke uns der Königifche
giebt; oder: Was fich am Königifchen Mann ein jeder
von uns merken kann'. Auch die Angabe der Partition,
welche nur feiten eine wirkliche ,Dispofition' bildet, foll

dande machen, vielmehr die Herzenswärme, die homile-
tifche Begabung und namentlich in den Cafualreden die
grofse Gewandtheit des verdorbenen Predigers bekunden.
Halle a/S. A. Wächtler.

Das Streben nach Textgemäfsheit macht fich bei den
meiden Entwürfen in anerkennenswerther Weife geltend,
namentlich in den Unterabtheilungen werden die einzelnen
Momente forgfältig hervorgehoben und oft fehr glücklich
für die praktifche Verwerthung gekennzeichnet. Zuweilen
freilich tauchen Entwürfe auf, welche mit dem
Texte in nur geringer Verwandtfchaft dehen; z. B. beim
Evang. von den 10 Ausfätzigen wird ,die Klage: Undank
id der Welt Lohn', behandelt, als welche 1. nur allzu
begründet, 2. höchd betrübend id, 3. uns fehr nahe angeht
! Oder das Sprichwort ,Heute roth, morgen todt'

1. Schultze, J. Heinr., Textgemässe Predigt-Entwürfe über
die evangelischen und epistolischen Pericopen des Kirchenjahres
, fowie über zwei Jahrgänge freier Texte mit
Berückfichtigung der kleinen und der pericopenlofen
Fed- und Feiertage in 3 Theilen. Ein Beitrag zur

populären Predigt. 1. Thl. Die evangelifchen Peri- I (Jüngling zu Nainj 1. eine alte fattfame Erfahrung. 2.
copen. Göttingen 1876, Vandenhoeck & Ruprecht. (VI, fe,ne. unveraltete heilfame Ermahnung In den Unter-
q h o theilen findet (ich ebenlowenig eine Beziehung auf die

131 b. gr. X) M. 1. 80. betreffende Textgefchichte. Das find kaum Predigtent-

2. Kelber, Pfr. Ludw., Material ien zu Ansprachen über würfe, gefchweige denn textgemäfse. Wir zweifeln nicht,
die heilige Festgeschichte. Eine homiletifche Beigabe I dafs für manchen Prediger diefe Sammlung, trotz unferer
zu Dr. Schoeberlein's heiliger Fedgefchichte in 12 Ausdellungen, ein willkommenes Hülfsmittel fein wird,
liturgifchen Andachten, zugleich ein Feltandachtsbuch ' aberf wjr mü.eD: ei"6 fnaue ■ üfung heim Gebrauch

, , . z-l nx . 1,0^^.1 I empfehlen und dem Verfaffer rathen, bei der Fortfetzung

für gebildete Chnden. Gütersloh 1876, Bertelsmann. der^Arbeit den reichen Vorrath an Entwürfen, über

XII, 168 S. gr. 8.) M. 2. 40. welchen er zu gebieten fcheint, einer forgfältigen Sich-

1. Die bezeichneten Entwürfe nennt der Verfaffer felbd tung zu unterwerfen.
,das durchfichtige Gefüge und Fachwerk von Predigten, 2. Die Schrift von Kelber bildet als homiletifche Zu-

welche eind gröfstentheils weiter von ihm ausgearbeitet gäbe zu den liturg. Fedandachten von Schöberlein das