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Ausgabe:

1877 Nr. 14

Spalte:

386-390

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krafft, Karl und Wilh.

Titel/Untertitel:

Briefe und Documente aus der Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert, nebst Mittheilungen über Kölnische Gelehrte und Studien im 13. und 16. Jahrhundert 1877

Rezensent:

Brieger, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 14.

386

Vergangenheit mit Begeifterung als noch gültig aufwies.
Es ifl dem Neuplatonismus nicht geglückt, diefen beiden
Aufgaben gerecht zu werden, fein rafcher Niedergang
beweift, dafs fich die hellenifche Götterwelt und die hel-
lenifche Cultur dort nicht mehr wirkfam erhalten liefsen,
wo die Gemüther bereits in völlig neuen Regionen Troft
und Befriedigung fuchten. Der ganze Apparat, den
der Neuplatonismus aufbot, um die Kluft zwifchen einer
gewünfchten modernen Offenbarungsphilofophie und der
alten Götterwelt zu überbrücken, die Allegorie, die Magie
und die erkünftelte Univerfalität und Gefchloffenheit
des Syftems, fie vermochten nicht zufammenzuhalten,
was feiner innerlten Natur nach fich widerftrebte. Und
hätten fie gehalten — diefer Vorfchlag, die Continuität
mit der alten Culturentwickelung ficher zu ftellen, kam
zu fpät; es war ihm keine Zeit gelaffen, fich in der
Schöpfung eines Cultus, einer Hierarchie zu erproben
und feine Fähigkeit, die Menfchheit zu zügeln und zu
tröften, zu erweifen. Selbft die Lofung, die der Neuplatonismus
in eitler Selbfttäufchung ausgab, er fei der legitime
Erbe der grofsen Güter der Vorzeit, fie wirkte
nicht mehr. Wo man für die ,galiläifche Barbarei' nicht
fchwärmte, nahm man fie doch in den Kauf und fand
für unliebfame Einbufsen in dem neuen Glauben nach
den verfchiedenften Seiten werthvolle Aequivalente. Julian
dachte anders, und er fetzte die ganze Kraft feines
Lebens ein, um die Unterthanen feines Reichs der
Kirche zu entreifsen. Die Gründe feines Abfalls vom
Chriftenthum liegen offen zu Tage; kaum wird fich irgend
eine Beziehung in dem Leben diefes Kaifers vor
feiner Thronbefteigung entdecken laffen, die ihn nicht
derKirche entfremden, den Piatonikern befreunden mufste.
Man kann deshalb in den Capiteln ,von den Gründen
der BekehrungJulian's' und ,von der Bekehrung Julian's'
nur mit Muhe irre gehen. Auch Naville hat das Richtige
getroffen; indefs bliebe noch zu unterfuchen, wieweit
kleinafiatifche Neuplatoniker planvoll fich den
jugendlichen Prinzen zu einem Rüftzeug erzogen haben.
In den folgenden vier Capiteln ftellt der Verf. zufamrnen-
hängend die religiöfe Philofophie des Kaifers dar. Die
Eintheilung (Les dieux nationaux. Le Roi Soleil. Interpretation
de la Mythologie. Le mite des dieux) ifl fach-
gemäfs; die Ausführung, welche möglichft mit den eigenen
Worten Julian's gegeben wird, zutreffend und in-
tereffant. Nur in dem Abfchnitt Reformes religieuses
projetees par Julien vermifste Ref. einen Hinweis darauf,
dafs die religiöfe Politik des Kaifers Idealen über das
Verhältnifs von Staat (Regierung) und Kirche (Priefter-
fchaft) zuftrebte, die nichts weniger als antike waren.
Es fchlug eben, wie fo oft, die angebliche Reaction und
Reftauration in ihr Gegentheil um: Julian's Träumerei von
der Stellung der Hierarchie im Staate ift bereits nichts
anderes, als die Anticipation des mittelalterlichen Bildes.
Gerade hier bewährt es fich, dafs der romantifch ge-
ftimmte Kaifer kein Grieche im alten Sinne des Wortes,
nicht einmal ein Mann, wie Marc Aurel, fondern eine
durch und durch mittelalterliche Geftalt gewefen ift, die
durch äufsere Verhältnifse geleitet, von dem Chriftenthum
, wie es ihm entgegentrat, auf das tieffte verwundet,
in die Rolle gedrängt wurde, die Götter Griechenlands
zu rehabilitiren. In dem letzten Capitel erörtert Naville
die Polemik des Kaifers gegen das Chriftenthum. Die
Ausführungen hier find dürftig gerathen; der Verf. hat
fich der Aufgabe entzogen, die Schrift Cyrill's gegen Julian
genau durchzuarbeiten, um eine deutliche Einficht
in die grofse Streitfchrift des Kaifers gegen die Chriften
zu gewinnen. Hätte er das gethan, fo wäre ihm auch
eine Frage wichtig geworden, die er in feiner Abhandlung
gar nicht berührt hat, die Frage nach dem Verhältnifs
Julian's zu feinen Vorgängern auf dem Gebiete
der Polemik gegen das Chriftenthum. Man wird nicht
zweifeln dürfen, dafs dem Kaifer bereits ein reiches Ar-
fenal in dem Kampfe gegen die ,Galiläer' zur Verfügung

ftand, und es wäre eine intereffante Unterfuchung, die
Grundzüge der neuplatonifchen Apologetik und Polemik
in ihrer Verwandtfchaft und in ihrem Unterfchiede mit
der des Celfus einmal zufammenhängend darzuftellen.
Die Selbftändigkeit der julianifchen Kritik des Chriften-
thums, die fo oft bewundert worden ift, würde dadurch
in einem anderen Lichte erfcheinen und zugleich der
Umftand, dafs Julian in der Form feiner Polemik über
die Neuplatoniker heraus auf Celfus und die Beurthei-
lungsweife des 2. Jahrhunderts zurückgeht, deutlich hervortreten
. Zunächft freilich wäre der bisher noch von
Keinem in Angriff genommenen Aufgabe zu genügen,
die Streitfchrift Julian's felbft wiederherzuftellen (auch
der neuefte Herausgeber der Werke Julian's, Hertlein,
hat die reliquiae apud Cyrillum bei Seite gelaffen); diefe
Unterfuchung, fowie die andere, die Politik des Kaifers
gegen die Chriften Schritt vor Schritt chronologifch zu
verfolgen, d. h. ihre allmähliche Entwickelung aufzuweiten
, find noch zu erledigen, bevor das Urtheil über
den Apoftaten zum Abfchlufs geführt werden kann. In-
deffen darf die Abhandlung Naville's als eine befonnene
und in allen Hauptpunkten zutreffende Schilderung der
religiöfen Denkweife Julian's beftens empfohlen werden.
Der Verf. hat gehalten, was er in der Vorrede feinen
Lefern verfprochen, wenn er bemerkte, fie würden fich
davon überzeugen, dafs feine Darftellung von keiner po-
lemifchen oder apologetifchen Abficht infpirirt fei.
Leipzig. Ad olf Harnack.

Kraftt, Paff. Karl, u. Confift.-R. Prof. D. Wilh. Krafft,
Briefe und Documente aus der Zeit der Reformation
im 16. Jahrhundert, nebft Mittheilungen über Köl-
nifche Gelehrte und Studien im 13. und 16. Jahrhundert
. Elberfeld (1876), Lucas. (XVIII, 207 S. gr.
8.) M. 5. -

Der Schwerpunkt und hervorragende Werth diefer
Publication liegt in den Mittheilungen des Pfarrer K.
Krafft, während von feinem Bruder, dem Bonner Kirchen-
hiftoriker, nur ein kurzer Auffatz über Albert den
Grofsen (,Albertus der Grofse und feine Stellung zur
Wiffcnfchaft feiner Zeit' S. 105—117) beigefteuert ift. —
Fühlt fich der Specialforfcher auf dem Gebiete der Re-
formationsgefchichte noch immer den eifrigen Sammlern
des vorigen Jahrhunderts, den Strobel, Riederer, Weller,
Füsli und vor allem dem raftlofen J. G. Schelhorn zu
lebhaftem Dank verpflichtet, fo hat er es ficherlich mit
nicht geringerer Freude zu begrüfsen, dafs es doch auch
heute nicht ganz an Männern fehlt, welche die fördernde
Arbeit jener in der Gegenwart fortfetzen. Unter diefen
nimmt nächft J. K. Seidemann, dem verdienten Luther-
forfchcr, Karl Krafft ganz entfehieden den erften Platz
ein. Es erfcheint nicht überflüffig, bei gegebener Gelegenheit
auf die früheren Arbeiten Krafft's hinzuweifen,
da fie bei den Kirchenhiftorikern noch nicht ganz diejenige
Berückfichtigung gefunden zu haben fcheinen,
welche fie verdienen. Bewegen fie fich auch vorzugs-
weife auf einem Specialgebiete: der Gefchichte des Humanismus
und der Reformation am Niederrhein, fo
bieten fie doch für die Gefchichte der deutfehen Reformation
überhaupt nicht nur durchweg eine mittelbare,
fondern für wichtige Abfchnitte, wie die Vergleichshandlungen
der Jahre 154041 und für Hermann von Wied,
eine ganz directe Förderung.

1) 1868: Mittheilungen aus der Matrikel der
alten Kölner Univerfität zur Zeit des Humanismus
: Zeitfchrift für Preufs. Gefchichte V, 467—5°3-

2) 1870: Auf Zeichnungen des fchweizerifchen
Reformators Heinrich Bullinger über fein Studium
zu Emmerich und Köln (1516—1522) und
deffen Briefwechfel mit Freunden in Köln, Erzbifchof
Hermann von Wied etc. Elberfeld [160 S. in gr. 8]. Ein