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Ausgabe:

1877 Nr. 14

Spalte:

384-386

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Naville, H. Adrien

Titel/Untertitel:

Julien l’Apostat et sa philosophie du polythéisme 1877

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 14.

384

er fein Vorwort (S. 6) mit dem Gebetswunfche: ,Zünde
Weisheit mir in den Geift'. Wir dürfen in dem Verf.
einen würdigen Schüler der Berliner Hochfchule für die
Wiffenfchaft des Judenthums erblicken, der noch einmal
Tüchtiges leiften mag, wenn er in Zukunft feinen Arbeiten
die nöthige Reife zu Theil werden läfst. Der
Umftand aber, dafs das jetzt mir vorliegende Schriftchen
nur ,einen Theil des im Manufcripte fchon fertigen
exegetifchen Commentars zu den Bb. Efra und Neh.
bildet', der feinerfeits ,einer auch fchon ziemlich weit
gediehenen Gefchichte der religiöfen Entwicklung des
Judenthums vor, in und nach dem babil. Exile als
Grundlage dient', nöthigt auch den wohlwollendften
Lefer, dem jugendlichen Eifer das Horazifche nonumque
prematur in annum zuzurufen.

Die drei Theile, in welche die Arbeit zerfällt, find
folgende: § I. Name, Theilung in zwei Bücher und Stellung
im Kanon (S. 7—9). — §2. Innere Zufammenge-
hörigkeit der Bb. Efra und Nehemia. Ihr Verhältnifs
zur Chronik. Verfaffer und Abfaffungszeit (S. 9—37).
— § 3. Hiftorifcher Charakter der Bb. Efra und Nehemia
(S. 38—53). Den Schlufs bilden ,Zufätze und Berichtigungen
', welche weit davon entfernt find, auch nur ein
annähernd vollftändiges Verzeichnifs der überaus vielen
Druckfehler und fonftigen Hörenden Irrthümer zu enthalten
. Nachläffigkeiten wie z. B. S. 10 Hävernik, Berthold
, Chronik ftatt Hävernick, Bertholdt, Chronift fallen
weniger unangenehm auf als ebendafelbft ,Zunz, gottes-
dienftl. Worte'; ein Rabbiner folltedochwiffen, dafs der Titel
des gelehrten Werkes feines gefeierten Religionsgenoffen
,gottesdienftliche Vorträge' lautet. Kurz, der Mangel an
Akribie (z. B. S. 48, Z. 6, wo ,neue' getilgt werden mufs)
ift durch die ganze Schrift hin ein erftaunlich grofser.
Ich kann die Hypothefe, welche der Verf. über dieCom-
pofition der Bücher Efra und Nehemia in etwas unklarer
Weife vorträgt, hier nicht ausführlich befprechen, finde
es aber fehr unwahrfcheinlich, dafs vom Chroniften nur
Efra 1—6; 7, ia 6—10 (möglicher Weife auch 11—26);
8, 35- 36 herrühre, während das Uebrige in den beiden
Büchern drei anderen Verfaffern und Zeiten angehören
foll, dem Efra, dem Nehemia und einem Ueberarbeiter.
Der Umftand, dafs Neh. 13, 26 derfelbe Salomo, deffen
Ehre dem Chroniften fo hoch flehe, als warnendes
Exempel aufgehellt werde, und andere hervorgehobene
Schwierigkeiten, welche fich der Verf. zum Theil durch
irrige Exegefe (vgl. S. 21 über Neh. 5, i2b) felbft erft
fchafft, bieten noch keine ,augenfcheinlichen Beweife
gegen den Chroniften als letzten Bearbeiter des Buches
Nehemia'. Die Meinung (S. 39), dafs Cyrus ,das Edict
Efra 1, 2 ff. durch einen Juden, etwa Daniel, ausfertigen
liefs', ift gleichwerthig mit den Behauptungen (S. 44 f.),
dafs erft in 2 Kön. 17, 23 b das letzte Ende des nördlichen
Reiches berichtet werde, und dafs ,die Samaritaner
aus völlig heidnifchen (foll heifsen: ,lediglich aus heid-
nifchen.' Vgl. aber z. B. 2 Chron. 34, 9) Elementen
entftanden' feien. Der Verf., der den Osnappar (Efra
4, 10) mit dem Affyrerkönige Asurbanipal identificirt,
hätte in feiner Beftreitung Schrader's erwähnen können,
dafs Schräder (Die Keilinfchriften und das A. T., S. 245
Anm.) feine in den Studd. und Kritt. 1867 vorgebrachten
Zweifel gegen eine zweite, von der früheren unter Sal-
manaffar-Sargon gefchehenen verfchiedene Colonifation
Samariens ausdrücklich zurückgenommen hat. Uebrigens
kann ich unferem Verf. (S. 40. 51) nur Recht geben, wenn
er die Anficht Schrader's und anderer Gelehrten, dafs in
Hagg. 2, 18 das Datum der wirklichen Tempelgründung
vorliege, entfehieden verwirft; ich fehe keinen triftigen
Grund, die wefentliche Gefchichtlichkeit von Efra 3 in
Zweifel zu ziehen.

Bonn. Ad. Kamphaufen.

Ludwig, Pfr. G., Ein Blick in die römischen Katakomben.

Vorträge, in etwas verkürzter Form gehalten in Bern
im Januar und Februar 1876. Bern 1876, Haller.
(96 S. gr. 8.) M. I. 60; cart. M. 2. —

Das Intereffe an dem Schoofskinde der chriftlichen
Archäologie, der Katakombendurchforfchung, ift in erfreulicher
Zunahme begriffen. Namentlich ift die Bemühung
hervorgetreten, dasfelbe auch in Laienkreifen
zu erwecken. Diefem Zwecke dient das Büchlein von
Ludwig, PIs find drei Vorträge in Bern gehalten, Gefchichte
und Anlage, namentlich aber Infchriften, Malereien
, Sculpturen der römifchen Katakomben behandelnd
. Der Autor bekennt ganz offen, felbftändige
Studien nicht gemacht zu haben, und folgt feinem Gewährsmann
Xav. Kraufs in deffen Roma sotterranea, die
ja eine deutfehe Bearbeitung des Katakombenwerks von
Brownlow und Northcote ift, welche wiederum völlig
de Roffi nachgehen. Etwas Neues bieten denn diefe
Vorträge nicht, indeffen faffen fie das vorhandene Material
der de Roffi'fchen Forfchungsergebnifse ziemlich
vollftändig und in gefchickter Anordnung zufammen, und
bieten es in anfprechender Form, die mitunter nur durch
Ueberfchwänglichkeiten fich fchadet. Einzelne Aeufse-
rungen über monumentale Refte der Katakomben klingen
gar zu begeiftert, und diefe Begeifterung dem realen Kunft-
werth der betreffenden Stücke gegenüber ift nicht ganz
natürlich; vgl. S. 76 unten. Doch ftört dies das Ge-
fammtverdienft des Werkchens nicht," das mit gut ausgewählten
Illuftrationen ausgeftattet, jedem der fich über
den Gegenftand rafch orientiren will, mit gutem Gewiffen
empfohlen werden kann.

Leipzig. Cl. Brockhaus.

Naville, Prof. H. Adrien, Julien l'Apostat et sa philo-
sophie du polytheisme. Neuchatel 1877, Sandoz. (VII,
203 S. gr. 8.) M. 3. 20.
Der Verf. diefer Abhandlung, Profeffor der Philo-
fophie an der Akademie zu Neuchatel, beabfichtigte ein
Bild von der philofophifchen und religiöfen Denkweife
Julian's zu geben, mit Verzicht auf biographifche Details
und zeitgefchichtliche Unterfuchungen. Mit Recht weift
er darauf hin, dafs Julian in feinem Zeitalter keine ifolirte
Erfcheinung gewefen ift, dafs vielmehr feine Theologie
für eine ganze Gruppe der gebildetften Männer feiner
Zeit typifch genannt werden darf. In dem erften Ca-
pitel handelt er deshalb unter der Ucberfchrift: Raisons
generales de la conversion de Julien von dem Gegen fatz
der althellenifchen Cultur und Civilifation zu der durch
die Kirche beftimmten Bildung. Man kann dem Verf.
nur beipflichten, wenn er es ablehnt, die Factoren, um
die es fich hier handelt, als rein religiöfe zu bezeichnen.
Julian und feine Freunde fanden in dem Neuplatonismus
nicht nur die Formeln, mittelft welcher fie die bunte Mannigfaltigkeit
fämmtlicher Volksreligiohen und Mytholo-
gieen und die verfchiedenen philofophifchen Syfteme ein-
I heitlich zu begreifen und religiös zu würdigen im Stande
waren, fondern der Neuplatonismus offenbarte ihnen
auch die Einheit der hellenifchen Civilifation und ihrer
Gefchichte überhaupt. Diefes Syftem entfaltet fich fomit auf
der letzten Stufe feiner Entwickelung in derfelben Breite,
welche die chriftliche Theologie, man kann faft fagen,
von ihren Anfängen an, behauptet hatte, und indem es
zugleich jedem religiöfen Gefühl und jeder weltmüden,
götterfüchtigen Regung fördernd entgegenkam und
dauernde Beziehungen zur Gottheit, Troff und Befreiung
zu gewähren verhiefs, Hellte es fich als ein der kirchlichen
Theologie ebenbürtiger Gegner dar. Es ift nicht
wunderbar, dafs eine Denkweife bei den Gebildeten Anklang
fand, die einerfeits den gänzlich veränderten religiöfen
Stimmungen der Zeit Rechnung tragen wollte,
andererfeits die alten Culturideale einer taufendjährigen