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Ausgabe:

1877 Nr. 1

Spalte:

20-21

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pestalozzi, L.

Titel/Untertitel:

Der christliche Glaube. Altes und Neues gesammelt und gesichtet 1877

Rezensent:

Lindenberg, H.

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 1.

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dem hat Michaud felbft an Stelle der mit rhetorifchem
Schwünge gefchriebenen Vorrede ,A nies Icctcurs
francais1 für die deutfche Bearbeitung ein Vorwort ver-
fafst, das in dem bezeichnenden Ausfpruch gipfelt:
,Der Romanismus ift ein freffender Krebsfehaden
in einer Republik nicht minder, wie in einer
Monarchie; den gefchichtlichen Nachweis hierfür
wird man in unferem Buche finden' (S. VI).

In der That wird diefer Nachweis ohne viele un-
nöthige Redensarten durch Anführung einer Fülle von
intereffanten Thatfachen geliefert. Nach den, mehr allgemeine
Gefichtspunkte aufftellenden fechs erften Capiteln
wird im fiebenten die Lage der römifch-katholifchen
Kirche und des Clerus in Frankreich nach dem Stande
der Gefetzgebung gefchildert, dann im achten von den
Vorrechten gehandelt, welche die franzöfifchen Ultramontanen
bei der Regierung geniefsen, im neunten ihre vortreffliche
Parteiorganifation, insbefondere durch die ver-
fchiedenen, jetzt Mode gewordenen Oeuvres beleuchtet.
Hierauf folgen fehr lehrreiche Schilderungen, wie die
franzöfifchen Ultramontanen die Armee, die Arbeiter, |
die Preffe, den öffentlichen Unterricht für fich zu gewinnen
(accaparer) fuchen. Ueberall haben fie die Hände
im Spiel. Vorzüglich aber wirken fie durch ihre Preffe,
an deren Spitze der von allen gefürchtete Univers
Louis Veuillot's fteht. Heute ift, fo feltfam dies auf
den erften Blick erfcheinen mag, Herr Louis Veuillot
der wahrhaftige Laienpapft (Je veritablc pape - laique)
der römifch-katholifchen Kirche in Frankreich. ,Diefer
Mann, von welchem der Bifchof von Moulins, fein
Freund, im Jahre 1853, wenn auch etwas verblümt,
(dune maniere voilee) als von einem Religionszweiflcr
fprach; der nacheinander Revolutionär, Demokrat, Republikaner
und Conftitutioneller war; der geftern von
Staatsreligion nichts wiffen wollte und die abfolute Trennung
beider Gewalten forderte, dabei unbefchränkte
Freiheit auf beiden Gebieten, der aber heute für ein Ge-
mifch von Politik und Religion in die Schranke tritt,
Ultra-Legitimift ift und nach einem Staatsftreich fchmach-
tet; diefer Mann, der dem Marfchall-Präfidenten täglich
um einen Staatsftreich in den Ohren liegt; diefer Mann,
deffen Journal der Graf K. von Montalembert das Journal
der clericalen Canaille' genannt hat, — diefer Mann
ift es, der die Tpärlichen Refte von gallicanifch gefinnten !
Prieftern in Frankreich im Zittern hält, während er
Clerus und Bifchöfe mit derReitgerte (a la baguette) regiert'
(S. 57). Aus feinem Munde rührt auch das höchft
charakteriftifche, recht offene Geftändnifs her: ,Da, wo
wir in der Minderzahl find, beanfpruchen wir die Freiheit
nach euren Grundfätzen; wo wir die Mehrheit
haben, verfagen wir fie nach unferen religiöfen Ueber-
zeugungen' (S. 57). Wir find Herrn Veuillot für diefen
in der deutfehen Ausgabe wiederholt und mit Recht
wiederholt angeführten Ausfpruch fehr dankbar. Das j
heifst man doch ungefchminkt, wenn nicht gar mit einem
leichten Anfluge von Schamlofigkeit, die Wahrheit fagen!
während unfere deutfehen Clericalen auch manchen guten
evangelifchen Chriften damit Sand in die Augen ftreuen,
dafs fie in erbaulich klingenden Phrafen von der Freiheit
der Kirche, der Wahrung der heiligen und unverletzlichen
Rechte des Gewiffens und anderen fchönen
Dingen mehr reden, für die fie, und zwar natürlich fie 1
allein, gegen die ,Staatsomnipotenz' kämpften. In Frankreich
, wo die Ultramontanen es nicht nöthig haben,
irgend jemand blauen Dunft vorzumachen, reden fie, wie
Herr L. Veuillot, frifch von der Leber weg und liefern
zugleich durch ihre Thaten den praktifchen Commentar '•
dazu. Möchten ihre Gefinnungsgenoffen von der Cen- I
trumspartei nur eben fo offen fein! Wir wünfehen es um j
unferer evangelifchen Glaubensgcnoffen willen, von denen
manche, welchen man eine beffere Einficht zutrauen
follte, noch immer in dem naiven Wahne befangen find,
die Clericalen ftritten für die Freiheit der Kirche. Ja,

wenn Freiheit der Kirche nichts anderes ift, als Herrfchaft
der Kirche — dann kämpfen fie allerdings dafür!

Wie fie in Frankreich herrfchen, lehren das'" fünfzehnte
und fechszehnte Capitcl. Hier wird dargethan, wie
die Ultramontanen die Werke der Wohlthätigkeit im
perfönlichen fowohl, als im Parteiintereffe, ausnutzen
und wie fie es meifterhaft verliehen, alles, was fie hindert
, aus dem Wege zu räumen. Den Widerftand der
Bifchöfe haben fie dort fo gut, wie bei uns befiegt
(S. 347), die ihnen widrigen Schriften aber aus dem
Streite vor und während des Concils, welche noch nicht
vergriffen find, werden, wo immer dies fich machen läfst,
dem ferneren Verkaufe entzogen. So verfchwand das
Werk des Bifchofs Maret ,Du concile general et de la
paix rcl/gieuse1; fo die ,Lettres du P. Gratry a Msgr.
Decliamps1, welche nach der Ausfage des Verlegers
Douniol ,vergriffen', nach dem Geftändnifse des Buchhändlers
Mignard ,im Auftrage des Verfaffers' zurückgezogen
find (S. 350). ,Unfchätzbare Dienfte im Vertilgen
interdicirter und mifsliebiger Bücher leidet ....
der ,Alte-Papier-Vcrcin zur Unterftützung des h. Vaters'
(S. 351. 216). Es ift dies auch eines der oben fchon erwähnten
Oeuvresund, wie es fcheint, ein recht namhaftes und
fehr gefchätztes. Eine jedenfalls fehr gefchmackvolle
und geiftreiche Erfindung! Wie viel übrigens die Ultramontanen
fich erlauben dürfen, ohne irgendwie zurecht
gewiefen zu werden, geht u. a. auch aus der malitiöfen
Charakteriftik des gegenwärtigen Unterrichtsminiftcrs
Henri Waddington hervor; wenn es über ihn in dem
vom Figaro herausgegebenen Tafchenbuch: Senateurs
et Deputes, silhouettes a la plume heifst: ,Englifcher
Typus. Blonder Backen- und Schnurrbart. In der Mitte
gefcheitelt bis zum Nacken. Klein und wohlbeleibt.
Mittelmäfsiger Redner. Sehr gutmüthig, thäte
keiner Fliege etwas zu Leide. Trägt feit dem
1. April ein Paar weifse Hofen' (S. 282).

Doch das find — unfchuldige, wenngleich fehr über-
müthige Scherze. Schlimmeres, nicht fo unfchuldiges,
erzählen die Capitcl fiebzehn bis neunzehn, wenn darin
nach einander der Verfall des wiffenfehaftlichen Geiftes,
die Mifshandlung der Moral und die religiöfe Entartung
der Ultramontanen an's Tageslicht gezogen wird. Die
Theologie ift zum ,Alacoquismus' und zur ,Papftver-
götterung' geworden (S. 364), die Moral veräufserlicht,
wenn nicht durch jefuitifche Cafuiftik im Geiftc Gury's
tief erfchüttert, der religiöfe Aberglaube fteht überall
in fchönfter Blüthe. Der Herz-Jefu-Cultus ift recht
eigentlich die Religion des gegenwärtigen Frankreichs,
das dem Sacre coeur auf dem Montmartre eine prachtvolle
Kathedrale, zum Theil aus Staatsmitteln, erbaut.
Wahrlich, es fleht fchlimm genug aus in unferem Nachbarlande
, und diefer traurige religiöfe Zuftand Frankreichs
hat auch für uns feine grofsen Gefahren; denn
der es beherrfchende Jefuitismus fchürt die Rcvanche-
gelüfte aus Leibes Kräften. Weil er dies thut, wagen
auch fclbft die eigentlichen Republikaner (fofern es
deren unter den wankelmüthigen Franzofen wirklich
etliche giebt) nicht, ihm energifch entgegen zu treten,
wie jüngfthin Gambetta durch fein Votum für die Beibehaltung
der Gefandtfchaft im Vatikan deutlich bewiefen
hat. Wer diefe grofsen Gefahren recht kennen lernen
will, lefe Michaud's tüchtiges Werk, das Fridolin
Hoffmann in körniger, zuweilen etwas derber, für
diefe Materie jedoch durchaus paffender Sprache auch
unferem deutfehen Volke zugänglich gemacht hat.

Crefeld. F. R. Fay.

Pestalozzi, Diac. L., Der christliche Glaube. Altes und
Neues gefammelt und gefichtet. Zürich 1876, Schultheis
. (352 S. gr. 8.) M. 3. 60.

Wer gewohnt ift, mit der Feder in der Hand zu
lefen, wird fich mit den Jahren einen anfehnlichen Schatz