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Ausgabe:

1877 Nr. 1

Spalte:

371-372

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Strauss, Dav. Friedr.

Titel/Untertitel:

Gesammelte Schriften. 1. u. 2. Bd 1877

Rezensent:

Pünjer, Bernhard

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 13.

reich entgegentreten wird. Damit hat er nur wiederholt
, was er bei ziemlich anders gearteter Zeitftrömung
bereits in der zweiten Auflage ausgefprochen hatte.
Ueberhaupt ift der Charakter des Buches in allem We-
fentlichen unverändert geblieben. Auch die Zahl der
Paragraphen ift nur um einen einzigen vermehrt worden
(fi 52 ,von der Gewöhnung'). Dagegen hat es der Verf.
fleh angelegen fein laffen, faft überall zu beffern, die
neuere Literatur forgfältig nachzutragen, auch den trefflichen
Abfchnitt über die Gefchichte der Pädagogik zu
erweitern. Wir zweifeln nicht, dafs das Werk in feiner
jetzigen Geftalt die alten Freunde noch mehr befriedigen
und neue Freunde fleh gewinnen wird.

Leipzig. Wold. Schmidt.

Strauss, Dav. Friedr., Gesammelte Schriften. Nach des
Verfaffers letztwilligen Beftimmungen zufammengeftellt.
Eingeleitet und mit erklärenden Nachweifungen ver-
fehen von Eduard Zeller. 1. u. 2. Bd. Bonn 1876,
Straufs. (VIII, 341 u. XI, 392 S. m. Portr. in Stahlft.
gr. 8.) ä M. 5. -

Vor uns liegen die beiden erften Bände einer Sammlung
von Schriften Straufs', herausgegeben von deffen
Freunde Ed. Zeller. Da liegt es entfehieden nahe,
zunächfl: ein Wort über die Sammlung als folche zu
fagen. Die Anordnung derfelben richtet fleh, von
geringen Abweichungen abgefehen, nach den Wünfchen,
die Straufs felbft vor feinem Tode betreffs einer fpäteren
Sammlung feiner Schriften aufgezeichnet hatte. Ausge-
fchloffen find zunächfl alle Schriften von rein gelehrtem
Intereffe, alfo von den theologifchen: die wiffenfehaft-
lichen Ausgaben des Lebens Jefu, die Glaubenslehre,
die Beurtheilung von Schleiermacher's Leben Jefu, von
Schenkel's Charakterbild, die Abhandlung über Schleiermacher
und Daub etc., von den biographifchen: das
Leben Frifchlin's. Von den populär-theologifchen Schriften
find auch die ,theologifchen Selbftgefpräche' zurück-
geftellt, weil der Verf. diefelben fpäter Vgl. Bd. I, S. 13)
ebenfo für verfehlt erklärt hat, wie die dritte Auflage
feines Leben Jefu. Die .Gefammelten Schriften' werden
uns alfo trotz ihrer elf Bände kein vollftändiges Bild der
fchriftftellerifchen Thätigkeit des Verfaffers geben und
befonders die wiffenfehaftlich-theologifche kommt ftark
zu kurz. Mag auch die äufsere Rückfleht auf den engeren
Leferkreis die Zurückftellung diefer Schriften veranlafst
haben, fo mufs doch jeder Theolog wünfchen, dafs in
einem Nachtrag diefe Lücke ausgefüllt werde.

Von den in Auslieht genommenen elf Bänden der
Sammlung follenBd. III—VI folgende theologifche Schriften
bringen : das Leben Jefu für das deutfehe Volk (nach
der zweiten Ausgabe). Der Chriflus des Glaubens und
der Jefus der Gefchichte. Die Halben und die Ganzen.
H. S. Reimarus. Der alte und der neue Glaube mit
Nachwort als Vorwort. — Bd. VII—XI folgende Bio-
graphieen: Ulrich von Hutten, Schubart's Leben in feinen
Briefen, Chriftian Märklin, Klopflock, Voltaire", — während
Bd. L II. als ,vermifchte Schriften' eine Reihe einzelner
kleiner Auffätze über die verfchiedenften Gegen-
ftände zufammenftellen.

Auch der erfte Band enthält überwiegend bereits
früher veröffentlichte Abhandlungen; unter dem Titel
,Krieg und Friede' die zwifchen Straufs und Renan
während des deutfeh-franzöfifchen Krieges gcwechfelten
offenen Briefe, die ,deutfchen Gefpräche' über die Burg
der Hohenftaufen, den Kölner Dom, die Todesftrafe,
ferner ,Sechs theologifch-politifche Volksreden', von
Straufs 1848 als Candidaten für das Frankfurter Parlament
gehalten, denen fleh der Nachruf auf ,König Wilhelm
von Würtemberg' und der Vortrag über Julian,
,Der Romantiker auf dem Throne der Cäfaren' anfchlies-
fen. Lernten wir hier den Politiker kennen, fo zeigen

die ,zwei Leichenreden', die eine dem Andenken feines
Freundes Sicherer, die andere demjenigen feines Bruders
gewidmet, fowie der Auffatz über Juftinus Kerner', ein
wie warmes Gefühl Straufs für Freundfchaft hatte. Das
lebhaftefle Intereffe jedoch erregen die beiden erftenStücke,
die bisher ungedruckten ,Literarifchen Denkwürdigkeiten'
und ,Zum Andenken an meine Mutter'. Urfprünglich
nicht für die Oeffentlichkeit beftimmt, fondern am Con-
firmationstage feiner Tochter niedergefchrieben, um feinen
Kindern das Bild ihrer Grofsmutter recht vor die
Seele zu Hellen, entrollen diefe Blätter vor uns ein gar
liebliches Bild von dem edlen Wefen und füllen Wirken
diefer herzensfrommen Frau und von dem innig-liebevollen
Verhältnifs zwifchen ihr und dem Sohne, — ein
laut redendes Denkmal dankbarer Kindesliebe, gleich
ehrenvoll für den Sohn wie für die Mutter. Auen die
Denkwürdigkeiten' wurden niedergefchrieben ohne die
Abficht der Veröffentlichung und wer weifs, ob wir nicht
gerade diefem Umftand die völlig rückflchtslofe Offen-

1 heit zu danken haben, mit der Straufs hier über fleh und
andere urtheilt. Uns macht diefe Offenheit natürlich
diefe Selbftbekenntnifse nur deflo werthvoller. Gröfsten-
theils im Februar und November 1867 niedergefchrieben,
im Mai und December 1872 gefchloffen, geftatten diefelben
uns einen Einblick in das tief innerfte Wefen des
Mannes, und hier gewahren wir eine Tiefe des Gefühls,
einen Reichthum des Gemüths, wie wir ihn bei dem
fcharffinnigen Kritiker kaum vermuthen würden. Die
wahre Zutriedenhcit fcheint ihm mcifl gefehlt zu haben.
— Die Verdrängung aus der theologifchen Thätigkeit
fchmerzte ihn bis an fein Ende, und an feinen fchrift-

1 ftellerifchen Erfolgen zweifelte er! Befonders intereffant
find die Auffchlüffe, die wir hier über die Entftehung
der einzelnen Schriften erhalten.

Bringt uns fomit der erde Band Arbeiten aus der
langen Zeit von 1839 bis 1872, fo enthält der zweite
Band neunzehn kleinere Arbeiten aus den Jahren 1847 bis
1865. Da diefelben bereits fämmtlich gedruckt und hier
nur zufammengeftellt find, halten wir es für überflüffig,
hier auf den Inhalt ausführlich einzugehen. Diefe kleineren
Abhandlungen beziehen fleh gröfstentheils auf die
Kunft, theils, wie .Leffing's Nathan der Weife', ,Auguft
Wilhelm Schlegel', ,Karl Immermann', ,Ludwig Bauer',
auf die Poefle, theils auf die Malerei, z. B. ,der Freiherr
K. F. E. von Üexküll und feine Gemäldefammlung', ,Zur

I Erinnerung an den Maler Eberhard Wächter' etc. Gerade
in diefen kleinen Schriften tritt uns die Meifterfchaft
entgegen, mit der Straufs die Sprache handhabte und
den Stil beherrfchte.

Jena. ' Bernhard Pünjer.

Bibliographie

von Dr. Caspar Rene" Gregory,
tfeuefte fciteratut.

Faber, E., Eine Staatslehre auf ethifcher Grundlage od. Lelir-
begriff d. chines. Philofophen Mencius. Aus dem Urtexte
überf., in fyftemat. Ordng. gebracht u. m. Anmerkgn. u.
Einleitgn. verfehen. Elberfeld, Friderichs. (VIII, 273 S.
gr. 8.) 5- -

Asmus, P., Die indogermamfehe Religion in den Hauptpunkten
ihrer Entwickelung. 2. Bd. Das Abfolute u. die
Vergeifligg. der einzelnen indogerman.Religionen. I.Hälfte.
Halle, Pfeffer. (213 S. gr. 8.) 6. —

Gefenius', W., hebräifches u. chaldäifches Handwörterbuch
üb. das Alte Teffament. 8. Aufl., neu bearb. v. F. Mühlau
u. H. Volck. I. Hälfte. Leipzig, F. C.W.Vogel. (512
S. gr. 8.) 7- SO.

Schmidt, O., Das Opfer in der Jahve-Religion u. im Polytheismus
. Inaugural-Differtation. Halle, Fricke. (47 S.
gr. 8.) 1. -