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Ausgabe:

1877

Spalte:

322-323

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lemme, L.

Titel/Untertitel:

Das Evangelium in Böhmen 1877

Rezensent:

Plitt, Gustav Leopold

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terung nachgegangen ift, felbftverftändlich nicht ohne
das Verhältnifs der Gefchichtserzählung in beiden Evangelien
zu Markus und die feiner Meinung nach auch bei
diefem ftattfindende Benutzung der apoftolifchen Quelle
noch einmal fortlaufend zu berückfichtigen.

Einem Werke von folcher wiffenfchaftlichen Tüchtigkeit
gegenüber, wie es Weifs in feinem Matthäusevangelium
geliefert hat, das mit feinem Scharffinn eine |
an allen Punkten einheitlich durchgeführte Grundan-
fchauung über die Entftehung der fynoptifchen Evan- J
gehen zum Abfchlufs bringt, würde Ref. am Liebften i
lieh darauf befchränken, nur zum grundlichen Studium
desfelben einzuladen. Von einer eingehenden Recenfion ;
mufs er fich jeden Falls fchon um des ihm verflatteten j
Raumes willen dispenfiren; denn fie könnte nicht anders
als durch eine Auseinanderfetzung mit Weifs über jede I
einzelne Perikope des Matthäusevangeliums gelciftet !
werden. Indefs die Vorausfctzung, auf welcher die ur-
iprüngliche Conception der Anficht über die Entftehung
der fynoptifchen hwangelien bei Weifs beruht, foll
wenigftens nicht unerörtert bleiben.

Weifs legt, und darin ftimmt Referent ihm bei,
hohen Werth auf das Papianilche Zeugnifs über die Logia
des Matthäus und das hivangelium des Markus; dennoch (
läfst er meiner Meinung nach feinen Inhalt nicht zum ,
vollen Rechte kommen. Denn bei genauer Plxegefe
verweigert das Zeugnifs nicht, wie Weifs behauptet, jede
nähere Angabe über die Befchaffenheit der Logia, fo
dafs wir allein durch die Kritik des in den Synoptikern
vorliegenden Materials ein ungefähres Bild von denfelben
gewinnen könnten und nach den Ergebnifsen diefer Kritik
mit Weifs etwa das Recht hätten, den Namen Logia
nur a parte potiore zu verftehen und der urfprünglichen I
Matthäusfchrift neben Ausfprüchen des Herrn, immerhin i
mit ihrer hiftorifchen Verumftandung, auch ein gutes I
Theil Erzählungsftücke zuzuweifen: im Gegentheil, in
dem bekannten Bericht des Papias über Markus wird die |
Befchaffenheit feines Evangeliums, das ov /.itv toi rccl-ei j
7« iito Xqiotoi- /; ktx&tvtcc i] agaxirtvzu erzählt habe, j
daraus erklärt, dafs fein Gewährsmann Petrus nicht <
auf eine ot'vtaZig tojv xvgiaxojv koyicov ausgegangen fei, I
fondern nghg rag xgeiag tag öiäaoxakiag mitgetheilt
habe. Da nun in diefer Ausfagc das oe xci^ec der Er- ;
Zählung des Markus, entfprechend dem 7rpnc rag igtlag
der Petrinifchen Mittheilungen, den Gegenfatz zu ovv- I
xa'^ig und folgerichtig tu 'ij kByikkvTa ij iiguySivra., ent- i
fprechend den didaoxakuag, den Gegenfatz zu xvgi- j
axä köyia bildet, fo erhalten wir durch diefe gegen-
latzliche Beziehung der knyia zu keylrtvra rj /igayUevra
aus dem Munde des Papias Auffchlufs darüber, was
er nach feiner Kenntnifs der älteften Evangelien- |
fchriften unter koyiu verlieht, gerade keine Mifchung
von Rede- und Erzählungs-Stückcn {Uyd-tvza und./^op;-
D-tvttt), fondern eine Sammlung von Ausfprüchen Jefu,
höchftens mit hier und da hinzugefügter hiftorifchen
Verumftandung. Aufserdem bezeugt das dem r.a nguy-
Sevia vorausgeftellte t« ksyjrtvia im Berichte des Papias
über Markus für deffen Evangelium einen ausgiebigen
aus der Petrinifchen Diegefe gefchöpften Rede- '
ftoff, der aus apoftolifcher Erinnerung (lammend wie die 1
von Matthäus gefammelten knyia fich mit diefen formell j
und inhaltlich berührt haben mufs. Schon nach diefem
Zeugenverhör wird man alfo die beiden Weifs eigen-
thümlichen Gedanken, die er in feiner Kritik der Synoptiker
durchzuführen verfucht, feine Anficht, dafs die '
Logia ftark mit Erzählungsftücken durchfetzt feien, und '
die Meinung, dafs fchon Markus diefe Logia neben der
Petrinifchen Diegefe zur Compofition feines Evangeliums j
benutzt habe, wenig wahrfcheinlich finden. In der That
will dem Referenten auch fchon bei der erften Perikope .
(5 Matth. 3, l—12), bei der Weifs eine Beftätigung
diefer beiden Gedanken zu finden vermeint, diefes nicht I
einleuchten. Gerade die Erzählung von der Predigt des 1

Täufers kann nicht urfprunglich von Markus aus der
apoftolifchen Quelle gefchöpft und von Matthäus und
Lukas aus derfelbenQuelle erweitert mitgetheilt fein; auch
wenn die fogenannte apoftolifcheQuelle nach Weifs nur
a parte potiore den Namen knyia xvgiaxd trug, fo handelt
es fich in diefer Erzählung doch gar nicht um Herrn-
fprüche oder Herrnthaten, fondern um Ausfprüche und
ein Thun des Täufers, und gerade hier ift die Holtz-
mann'fche Hypothefe, dafs der Bericht von Jen beiden
Seitenreferenten aus dem Urmarkus aufgenommen fei,
in unferem Markus aber nur verkürzt vorliege, am durch-
fichtigften. Ueberhaupt mufs Referent auch dem fcharf-
finnigen, aber complicirtenVerfuche vonWeifs gegenüber,
das Problem der Entftehung und der Verwandtfchaft
der fynoptifchen Evangelien zu löfen, im Wefentlichen
bei den Aufftellungen Holtzmann's flehen bleiben in der
Weife, wie er es fchon in feiner Bearbeitung der Einleitung
in's N. T. von Bleek S. 345 gethan hat; auch
feine Zeitbeftimmung für die Abfaffung des Matthäusevangeliums
(a. a. ü. S. 347) mufs er gegen Weifs
(S. 40) aufrecht erhalten; der Chriftus, der vor dem
Jahre 70 die Weiffagung Matth. 24, 2 ausfprach, der
konnte auch in einer Parabel mit der vollen Beftimmt-
heit des Wortes 22, 7 auf die über Jerufalem hereinbrechende
Kataftrophe und ihre Folgen hinweifen. Obgleich
Weifs nach des Unterzeichneten Meinung nicht die
Richtigkeit feiner Löfung des fynoptifchen Problems
erwiefen hat, der Werth feiner Leiftung foll deshalb
nicht verkleinert werden; fein Buch bleibt um feiner unbefangenen
und forgfältigen Auslegung willen, durch feine
eindringende Kritik des Textes, durch feine feine Art,
den Problemen der höheren Kritik nachzugehen, eine
Zierde der deutfehen theologifchen Wiffenfchaft.

Bonn. Mangold.

Lemme, Lic. L., Das Evangelium in Böhmen. Gotha 1S77,
F. A. Perthes. (V, 124 S. gr. 8.) M. 2. —

Der Verfaffer geht von dem Gedanken aus, dafs es
Aufgabe jeder kirchlichen Gemeinfchaft, alfo auch der
evangelifchen Kirche fei, zu erobern. ,Die Tendenz
der Eroberung halte ich, im Gegenfatz zu dem bisher
beobachteten refervirten Verhalten in interconfeffionellcr
Hinficht, für eine der Lebensfragen der evangelifchen
Kirche Deutfchlands'. Sie müffe zum Angriffe auf die
römifche Kirche übergehen, natürlich nur mit den Waffen
des Geiftes; das fei die befte Art der Vertheidigung. Für
diefen Angriff aber fei Böhmen einer der wichtigften
Punkte, und fo will er denn in feinem Schriftchen zeigen:
,was der Proteftantismus in Böhmen bisher an Erfolgen
aufzuweifen hat und was feine jetzige Geftalt dort für
die Zukunft erwarten läfst'. Die hierfür nöthigen Studien
hat er zum guten Theilc im Lande felbft auf einer eigens
dafür unternommenen Reife gemacht.

Nachdem der Verf. kurz den Urfprung der evangelifchen
Kirche Böhmens berührt hat, um daraus
Manches im F'olgendcn zu erklären, fchildert er genauer
die eigenthümliche Verfaffung und den gegenwärtigen
Beftand derfelben, letzteres mit eingehenden ftatiftifchen
Angaben, welche das ftetige Wachfen der evangelifchen
Gemeinden erkennen laffen. Darnach geht er auf die
Theile der Kirche ein, um deren Eigenthümlichkeiten
und ihr Verhältnifs zu einander zu zeichnen: die deutfehen
und die tfchechifchen Gemeinden, die lutherifche und
die reformirte Kirche. Dann folgen ein paar kurze Ab-
fchnitte über die katholifche Kirche Böhmens und die
Altkatholiken. So ift Subject und Object der gewünfeh-
ten Evangelifation gefchildert und es kann von diefer
felbft gehandelt werden. Der Verfaffer befpricht nach
einander die Ivvangelifationsarbeiten der Brüdergemeinde,
der tfchechifch-reformirten Kirche und der Schotten,
und die der lutherifchen Kirche. Dem Allen fügt er
noch einen fehr bedeutfamen und der Berücklichtigung