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Ausgabe:

1877 Nr. 9

Spalte:

239-240

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Portig, Gust.

Titel/Untertitel:

Religiöse Reden über die Grundwahrheiten des Christenthums 1877

Rezensent:

Pünjer, Bernhard

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239

Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 9.

240

ift. Wer diefe Sittlichkeit anerkennt, darf deshalb nicht
jene Refultate mifsachten. Im Gegentheil liefern die-
lelben auch ihm brauchbare Richtpunkte für die Specia-
lifirung der fittlichen Vorfchriften und ein werthvolles
Material für die Technik der Erziehung und der prak-
tifchen Sittlichkeit überhaupt. Zu diefen Zwecken ift
die Arbeit der Verf.'s Allen, welche an ethifchen Fragen
ein wiffenfchaftliches Intereffe nehmen, dringend zu empfehlen
.

Halle aS. W. Herr mann.

Portig, Pred. Lic. Ür. Gurt., Religiöse Reden über die
Grundwahrheiten des Christenthums. Zur Lehre und
Erbauung. Gotha 1876, F. A. Perthes. (VIII, 216 S.
gr. 8.) M. 4. —

Der Verfaffer felbft bezeichnet den Zweck der Reden
dahin, ,fie feien gefchrieben für denjenigen denkenden
Theil der Gemeinde, der Erbauung fucht und findet nicht
in hergebrachten dogmatifchen Formeln oder geläufigen
rhetorifchen Phrafen, fondern in gedankenmäfsiger und
dabei gläubiger Durchdringung der gcfammten chrift-
lichen Wahrheit'. Diefem Streben nach gedankenmäfsiger
Verftändigung über den chriftlichen Glauben entfpricht
es, dafs der Verfaffer in den vorliegenden 10 Reden in
ziemlich gelchloffener Folge alle wichtigen Punkte nach
ihrem inneren Zufammenhang geordnet erörtert. Zunächft
(I. ,Sünde und Gnade') wird in glühenden Farben
die Macht der Sünde gefchildert, wie fie alles beherrfcht
und durchdringt, deren Gewalt nur die noch gröfsere
Gnade brechen kann: diefelbe empfängt der Glaube.
(II. ,Glaube und Rechtfertigung'). Wie die Religion,
fo ift auch der Glaube etwas der Natur des Menfchen
wefentlich Inhärirendes, im Allgemeinen das Fefthalten
einer unfichtbaren Welt, nicht Sache der Erkenntnifs
oder der blofsen Stimmung, fondern des ganzen Geiftes-
lebens. Als That des Willens mufs der Glaube ein Ob-
ject haben, und fo beftimmt und erfüllt fich der allgemeine
Glaube zum Glauben an den perfönlichen Gott
als Schöpfer, an Chriftum als Erlöfer diefer Welt. Die
völlige Hingabe an den perfönlichen Gott und an Chriftum
als den Heiland der Welt ift der rechtfertigende Glaube;
wenn auch der Einzelne in untergeordneten Punkten zurückbleibt
, die Kirche mufs die beiden Thatfachen des Todes
und der Auferftehung Chrifti bekennen. Daher behandelt
die dritte Rede den ,gefchichtlichen Chriftus' und
zwar, indem fie, das Weihnachtsfeft als Feft der geiftigen
Sonnenwende faffend, zuerft die Geiftesnacht ohne
Chriftus fchildert, dann den Reichthum der Geiftesfülle
in Chriftus, die vierte ,Chriftus am Kreuz', wie die
Sündenlaft der ganzen Welt ihm den Schmerzensfchrei
ausprefst: ,Gott, mein Gott, warum haft du mich ver-
laffen'! die fünfte den ,erhöhten Chriftus', der auf
Erden fortwirkt durch (VI.) den ,heiligen Geift'. Auf
die fubjective Seite geht der Verf. wieder zurück, wenn
er (VII.) den ,Kampf des Chriften' während des ir-
difchen Lebens fchildert, fowie (VIII.) ,die Freiheit
des Chriften', wie der Menfch nur durch die Freiheit I
durch Chriftus eingeht zur Herrfchaft mit ihm. Von der
Gemeinfchaft der Gläubigen handeln IX. ,Schrift und
Bekenntnifs, Gebet und Sakrament' und X. ,die
Kirche'. — Demfelben Streben, dem denkenden Theil
der Gemeinde die Wahrheiten des Chriftenthums nahe
zu bringen, dient auch die Art, wie überall die Verftandes- 1
bedenken, die gegen diefelben erhoben find und werden,
herbeigezogen und abgewiefen werden. Als Beifpiel
dafür diene gleich die erfte Rede, wo die verfchiedenen
Theorien zur Erklärung der Sünde abgewiefen werden, als
ob diefelbe nur ein Mangel und eineUnvollkommenheit der
menfehlichen Natur fei, oder nothwendig, wenn die menfeh-
liche Vernunft aus dem Zuftande der Rohheit erwache,
oder eine Folge der Verbindung von Leib und Geift im

[ Menfchen, oder als nothwendiger Gegenfatz zum Guten,
als Schatten im Weltgemälde, oder damit an der Macht
der Sünde die Macht der Gnade defto herrlicher er-
fcheine. Aehnlich verfährt der Verf. überall und zeigt
auch dadurch, dafs feine Arbeit auf gründlichen Studien
beruht.

Nach obiger Angabe des Verf. mufs man vermuthen,
entweder, dafs derfelbe durch wiffenfehaftliche Bedenken
zu manchen Abweichungen von der Kirchenlehre ver-
anlafst wird, oder dafs er verfucht, diefe durch Ver-
ftandesgründe zu ftützen. Jenes ift durchaus nicht der
Fall, denn kleine Abweichungen wie die, dafs Gott der
Sohn dem Vater nicht gleichgeftellt, dafs gelehrt wird,
der erhöhte Chriftus fei nicht effentiell, fondern nur durch
feine Geifteswirkung allgegenwärtig, die Bibel fei nicht
i Gottes Wort, fondern enthalte es, u. a. find gegenüber
dem durchgehenden Confenfus durchaus verfchwindend.
Diefes verfucht der Verf., obgleich die Erörterung über
Glaube und Wiffcnfchaft (p. 36.), foweit ihre Unklarheit
j ein Verftändnifs zuläfst, den Glauben als ein für die
Wiffcnfchaft unantaftbares Gebiet darfteilt, obgleich mehrfach
z. B. betreffs der Gottmenfchheit Chrifti u. a. offen
die Unbegreiflichkeit eingeftanden wird. Anderswo freilich
wird ein ftringenter Beweis zu führen verfucht, bisweilen
(p. 52. 57) fogar mit dem allgemeinen Satz argu-
mentirt, dafs der Wirkung die Urfachc entfprechen mühe;
was aber der Verf. einen Beweis nennt, davon nur
I wenig Beifpiele. Rede II enthält folgendes Räfonnement:
der Glaube mufs nothwendig einen Gegenftand haben;
das ift der perfönliche Gott (die Schwierigkeit, Gott als
Perfönlichkeit zu denken wird nicht weiter berührt), der
die Welt gefchaffen hat, denn es ift Forderung des
religiöfen Glaubens, dafs der Stoff nicht durch fich da
ift, dafs das Bewufste nicht aus dem Bewufstlofen fich
I emporgearbeitet habe, dafs das eigenthümliche Neue auf
j jeder höheren Stufe der Entwicklung durch einen wunder-
I baren Act Gottes hinzugekommen. ■— Da der Glaube
I an Chriftum die Hingabe des ganzen Menfchen an ihn
wie an Gott ift, find alle Ausfagen über Chriftus abge-
J fchnitten, die ihn dem Menfchen wefentlich gleichftellen.

Die Ableitung der Trinität p. 154 sq. in ihrer Fülle
1 leerer, unverftändlicher Phrafen erinnert faft an theofo-
I phifch-myftifche Philofopheme. Wir könnten der Beifpiele
noch unendlich viele anführen; kurz, wo der Verf. verfucht
zu beweifen, alfo die chriftliche Lehre gedanken-
! mäfsig zu begründen, ift, felbft abgefehen von der
phrafenhaften Sprache, nichts weniger gegeben als ein
Beweis, der von allgemein zugeftandenen Vorausfetzungen
aus auch anders Denkende überzeugen könnte, fondern
| ein dictatorifches Räfonnement für gleich Gefinnte.

Kann demnach die Schrift unteres Erachtens fchwer-
lich dazu dienen, denkende Chriften von ihren Zweifeln
zu befreien, fo hoffen wir dennoch von ihr grofsen Nutzen
und Segen. Der Verf. zeigt foviel innige Glaubensüberzeugung
und tiefe Religiofität, ift von der Wahrheit und
erhabenen Göttlichkeit dos Chriftenthums fo fehr durchdrungen
, ift überdies fo fehr Meifter der begeifternden
Sprache, der phantafie- und bilderreichen erbauenden
Rede, dafs fein Werk ficher vielen, und zwar nicht blofs
Gefinnungsgenoffen, als Quelle religiöfer Erbauung dienen
wird.

Jena. Bernhard Pünjer.

Zur Literatur der innern Mission.

Dafs die innere Miffion immer mehr zu einem eigenen
Fach heranwächft, welches ein eingehendes Studium
verlangt, wenn man es nur einigermafsen überfchauen
will, zeigt die jährlich fteigende Zahl der Bücher und
Brochüren, welche über innere Miffionsarbeiten veröffentlicht
werden. Schon flammen auch die gröfsere Zahl
derfelben aus der Hand berufener Arbeiter auf diefem
Gebiete, während dasfelbe früher meift nur dilettantifch