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Ausgabe:

1877

Spalte:

231-234

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Welch, Ransom

Titel/Untertitel:

Faith and Modern Thought 1877

Rezensent:

Kaftan, Julius

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231

Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 9.

gerade die unter Zwingli's Augen gedruckten Zürcher-
bibeln mit folchen Bildern reichlich ausgeftattet, z. B.
felbft das Bild von Gott Vater in der Ausgabe von
1525 einzig auf dem Titelblatt 9 mal, in einer anderen,
1531, aufserdem auch im Texte etwa 19 mal angebracht
und im Ganzen 205 Bilder in demfelben gezählt finden,
fo mag das ein neuer Beweis dafür fein, wie nicht der
Gegenfatz gegen die religiöfe Kunft als folche, fondern
vielmehr der Zwingli eigenthümliche Begriff des chrift-
lichen Cultus feiner Verurtheilung der Bilder in demfelben
zu Grunde gelegen hat.

Dem Druckfehlerverzeichnifs am Schlufs hätte noch
sollen beigefügt sein: S. 51: 1520 st. 1523 und S. 255
Z. 7 v. u.: von st. vor.

Bafel. R. Stähelin.

Welch, Ransom B., D.D.LL. D., Faith and Modern Thought.

Introduction by Taylor Lewis. New York 1876. gr.8.7 s.6 d.

Dies Buch hat für deutfche Theologen dadurch
Intereffe, dafs es ein Beifpiel davon ift, wie die im Titel
ausgedrückte Frage von englifchen oder genauer ameri-
kanifchen Theologen der pofitiven Richtung behandelt
wird. Zu den Gegnern, welche der Verf. bekämpft,
gehört befonders auch J. St. Milk Deffen Effays über
die Religion haben gezeigt, wie von diefer Seite religiöfe
Fragen behandelt und beurtheilt werden. Das Buch von
Welch ift die Kehrfeite dazu. So entgegengefetzt die
Standpunkte find, beides was allgemein wiffenfchaftliche
Anfchauung und was das innere Verhältnifs zur Religion
betrifft — fo treffen der englifche Philofoph und der ameri-
kanifche Theolog doch darin zufammen, dafs fie zwifchen
der Religion und der religiöfen Lehre nicht grofs unter-
fcheiden. Es fällt keinem ein, zuerft die Frage aufzuwerfen
, ob die Religion eine eigenthümliche Erfcheinung
des menfchlichen Geifteslebens fei oder nicht, und im
bejahenden Fall, worin ihr Wefen beftche. Uns Deutfchen
erfcheint dies als der unentbehrliche Ausgangspunkt für
eine Unterfuchung der religiöfen Wahrheit nach ihrem
Werth für die Erkenntnifs wie nach ihrem Verhältnifs
zur Wiffenfchaft. Anders aber bei jenen. Hier
wird ohne weiteres die Frage nach dem Dafein Gottes
aufgeworfen. Das macht gerade jene Effays von
Mill fo intereffant, weil fie zeigen, was von den Lehren
der Religion übrig bleibt, wenn fie einfach als zur theo-
retifchen Welterklärung gehörige Sätze behandelt und
als folche zum Gegenftand einer fkeptifchen Reflexion
moderner Art gemacht werden. Und das Buch von
Welch zeigt als Gegenftück dazu, wie fich die Theologie
modernen Einwänden gegenüber vertheidigt, ohne eigentlich
eine irgendwie veränderte Pofition einzunehmen. Es
ift der alte Supranaturalismus, der hier im Intereffe edler
und warmer Frömmigkeit vertheidigt wird. Die Mittel
find nicht neu. Oder wenigftens kann nur eine ge-
fchickte Verwerthung der Widerfprüche der neuen Gegner
unter einander fo genannt werden. Aber das angedeutete
Intereffe mag einen kurzen Bericht über das
Buch an diefer Stelle rechtfertigen. Es verräth immerhin
beides Kenntnifse und Gefchick.

In 6 Capp. wird der Gegenftand abgehandelt. Es
find einzelne Effays, die zum Theil früher fchon gedruckt
wurden, was auch als Entfchuldigung für mannigfaltige
Wiederholungen gelten mag. Doch bilden Capp. 2—4
zufammen eine fortlaufende Unterfuchung.

Das erfte Capitel behandelt die Theorie von der
Erhaltung der Kraft {theory of forces). Es wird zuerft
an den widerfprechenden Definitionen der hier in Betracht
kommenden Hauptbegriffe gezeigt, wie wenig
ficher der Boden ift, auf dem fich die Gegner bewegen.
Das hätte nun weiter nichts auf fich, wenn fich diefelben
auf ihr Gebiet (die Natur) befchränkten. Statt deffen
unternehmen fie es, auf fo unficherer Grundlage eine
neue Weltanfchauung zu errichten. Sie machen es zu

ihrem Wahlfpruch, dafs nur der Beweis etwas und die
blofse Behauptung nichts gelten foll. Aber fie felbft
behaupten frifch darauf los. Mögen auch die befonnenen
einfehen, dafs die Kluft zwifchen den materiellen Vor
gängen und dem bewufsten Leben kaum jemals zu
überbrücken fein wird, fo hilft doch den meiften ein
frifcher Sprung darüber hinweg. Und das hat feinen
guten Grund. Denn die Theorie ift in dieler Ausdehnung
über das ganze nothwendig als Fundament für die neue
Weltanfchauung der Evolution. Dann geht der Verl.
zur Beurtheilung felbft über. Er macht geltend, dafs
wir neben der materiellen Welt aus unferer Erfahrung
eine geiftige und weiter eine moralifche Welt kennen.
Und diefe liegt uns fogar näher als jene, unfer Wiffen
um fie ift das gefichertere. Gewifs find alle jene Kräfte
vorhanden, und die Erforfchung derfelben durch die
moderne Wiffenfchaft ift von grofsem Werth. Aber fie
find nicht das Leben, fondern nur Mittel für ein Leben,
welches höhere Zwecke verfolgt. — Dies letztere Rä-
fonnement wird man nur billigen können. Es ift, wo es
in den folgenden Unterfuchungen wiederkehrt, wie hier
die Stärke des Verf. Dagegen ift die Beweisführung
aus den Widerfprüchen der Gegner etwas tumultuarifch.
Man gewinnt zwar den Eindruck, dafs drüben noch nicht
alles in Ordnung ift. Aber damit ift doch nicht bewiefen,
dafs nicht alle über gewiffe Grundfätze einig, und noch
weniger, dafs diefe Grundfätze falfch find. Auch ift es
heut zu Tage ein mifslichesDing, wie der Verf.thut, ein derartiges
Princip für die Erforfchung der materiellen Natur
zuzulaffen, feine Anwendung darüber hinaus aber zu
verbieten. Denn was wird dann aus der Pfychologie: Man
wird nicht umhin können, Förderung für diefe davon
zu erwarten, wenn fie auch nach materialiftifchem Princip
bearbeitet wird. Und warum nicht? Es ift ja doch
dafür geforgt, dafs die Bäume nicht in den Himmel
wachfen. Jeder befonnene Forfchcr weifs oder könnte
wiffen, dafs das immer nur die eine Seite der Sache
| bleibt. Der Verf. hätte feine Widerlegung noch überzeugender
gemacht, wenn er noch mehr das relative
Recht der Gegner anerkannt und fie gerade auf diefer
Bafis ihres radicalen Unrechts überführt hätte.

Die Unterfuchung in Capp. 2—4 ift bedeutend
fchwächcr als die erfte. Sie behandelt die Frage: shall
fatth be mied out? So wie fie dem Verf. vorfchwebt und
wie er in die Unterfuchung eintritt, ift es etwa das, was
bei uns unter dem Titel ,Glaube und Wiffen' behandelt
zu werden pflegt. Aber im weiteren Verlauf wird dann
allerdings ganz etwas anderes daraus. Nämlich erft fafst
er die Frage allgemein, was die Bedeutung des Glaubens
auf allen Gebieten des Wiffens fei. Er behauptet eine
grundlegende Bedeutung des Glaubens fchon für das
Wiffen um das Endliche und führt eine Reihe der gerade
! hier von ihm bekämpften fkeptifchen Philofophen als
I Zeugen dafür an. Schliefslich ift alles belief. Nach
| diefem Anfang hätte er die Unterfuchung nun in der
| Weife weiter führen follen, dafs er eine eben folche
j Bedeutung des Glaubens für das Wiffen um das Ueber-
finnliche und diefes Wiffen als damit ebenfo gut begründet
wie jenes nachgewiefen hätte. Aber das tritt
alsbald fo gut wie ganz zurück. Statt deffen ftreitet er
mit materialiftifchen Gegnern um die Realität des geifti-
gen und moralifchen Lebensgebietes als eines fpeeififeh
I vom materiellen unterfchiedenen, mit Athciften um das
j Dafein Gottes, mit Rationaliften um den Inhalt der
j chriftlichen Offenbarung und die Autorität der Schrift.
Alfo das materiale Intereffe, den Inhalt feines d. h. des
chriftlichen Glaubens ficher zu ftellen, leitet die zuerft
angelegte formale Unterfuchung in ganz andere Bahnen.

Das Dafein Gottes wird aber fo bewiefen. Zuerft
wird die Allgemeinheit der Religion, des Glaubens an
Gott conftatirt. Dann wird nach dem Grund diefer Er-
j fcheinung gefragt, und er wird gefunden in der Vernunft
I des Menfchen, die von Gott Zeugnifs ablegt. Das ift