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Ausgabe:

1877 Nr. 8

Spalte:

206-208

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Laichinger, H.

Titel/Untertitel:

Das System der christlichen Glaubens- und Sittenlehre vom Begriff des höchsten Gutes aus aufgefasst und dargestellt 1877

Rezensent:

Weber, Th.

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 8.

206

bis 1530 zeigt, wie Servet in feinen Bibelftudien zur Auf-
löfung der Scholaftik und befonders der fcholaftifchen
Trinitätslehre, mächtig gefördert wird durch Melanchthon
's loci in ihrer erften Geftalt von 1521, wie diefelben
ihn nicht blofs in dem allgemeinen Gedanken, fämmt-
liche Lehren der Kirche an der Schrift zu meffen, be-
ftärken, fondern auch formell feine Methode, materiell
feine Auffaffung wefentlicher Punkte beeinfluffen. Nur
Schade, dafs der Gegenfatz zwifchen dem Melanchthon,
der ,die Myfterien der Gottheit lieber anbeten will, als
erforfchen', der die Behandlung Gottes, feiner Plinheit,
Trinität etc. für gleichgültig hält und alles Gewicht legt
auf die Wohlthaten Chrifti, die Krkenntnifs der Sünde
und Gnade, und dem Servet, dem das sine Deo esse und
das Deutn non cognoscerc, zufammenfällt, der von Chrifti
Wohlthaten Nichts zu fagen weifs, als dafs wir durch
ihn Gott erkennen, der über den Speculationen über
Gott und feine Dispofitionen die fubjective Seite des
Heils völlig bei Seite läfst, — dafs diefer Gegenfatz
völlig unerwähnt bleibt, die Zeichnung alfo völlig ein-
feitig wird. Cap. II ,Servet und Melanchthon, der
Pförtner und der Petent' 1530, fchildert, wie Servet
1530 als Pförtner und Amanuenfis des kaiferlichen Beichtvaters
Ouintana zu Augsburg Melanchthon, feine Freunde
und Gegner perfönlich kennen lernt. An Melanchthon
Itöfst ihn zurück 1) die Schwankung dcsfelben betreffs
der Trinität zur Annahme des Nie entern, 2) Das Fehlen
der Liebe (die erflen Schriften Servet's geben zu diefer
Vermuthung keinen Anlafs), 3; Die Unduldfamkeit
gegen die Oberländer. Cap. III ,Servet wirft fi ch
zu Mclanchthon's Lehrer auf, 1531 u.32, erörtert, wie
die erften Schriften Servet's, De trinitatis erroribus l.
VII und Dialogorum I. II überall auf Melanchthon Rückficht
nehmen und durch den Gegenfatz gegen ihn be-
ftimmt werden. Während Melanchthon die Lehren von
Gott, feiner Einheit und Dreiheit, als unwichtig bei Seite
läfst, unternimmt Servet eine Rcvifion der kirchlichen
Trinitätslehre an der Hand der Bibel. In derRecht-
fertigungslehre wird dem Schwanken der Lutheraner
gegenüber der Glaube richtiger definirt (doch ift
auch Servet darüber damals noch nicht zur Klarheit gekommen
), die Liebe mehr betont, der Alt-Teftament-
liche und der Neu-Teftamentliche Glaube beide auf die
Perfon Chrifti bezogen ftatt auf irgendwelche Ver-
heifsungen. Die Rechtfertigung fafst Servet entgegen
der forenfifchen Deutung durchaus ethifch (dafs
Servet felbft noch fchwankt erhellt daraus, dafs die
forenfifche Faffung de trin. err. fol. 99b de just. p. 1.
2. 4 mit fo klaren Worten ausgefprochen ift, wie kaum
irgendwo die entgegenftehende), unterfcheidet zwifchen
der Theilnahme am Reich im Diesfeits und der Seligkeit
im Jenfeits, bekämpft die Lehre vom knechtifchen
Willen und der Prädeftination. Cap. IV ,Melanchthon
ftudirt Servet', 1533—35, weift aus Briefen des Melanchthon
an Camerarius und Brentz nach, dafs Mel.
die Schriften feines Gegners eifrig lieft, und wie er über
deffen Anflehten urtheilt. Cap. V .Servet's chrifto-
logifcher Einflufs auf Mel anchthon's Schriftbeweis
' 1535, führt aus, wie die trinitarifchen und chrifto-
logifchen Anfchauungen Melanchthon's, wie diefelben in
den locis von 1535 niedergelegt find, überall durch
Servet beeinflufst find, bald von ihm etwas aufnehmen
, bald im Gegenfatz gegen ihn ihre Bcftimmt-
heit erhalten. Mit grofsem Scharffinn weift der Verf.
diefen weitgehenden Einflufs auch da nach, wo Melanchthon
der Beziehung auf Servet keinen Ausdruck giebt.
In wichtigen Punkten freilich müffen wir dem Verf.
widerfprechen. Die Lehre von Gott, der Trinität etc.
ift dem Spanier durchaus keine res sahitaris im gewöhnlichen
Sinn, fo dafs diefe .Dogmen für ihn Lebenswahrheiten
von greifbarer fittlicher Bedeutung' würden. Gott
hat fich am vollkommenften in Chriffo offenbart, daher
müffen wir an Chriftum glauben, damit wir dadurch zur

Erkenntnifs Gottes und damit zur Seligkeit gelangen.
Das ift Servet's Faffung, aber von einem Gott, der durch
die Sendung feines Sohnes als Erlöfers der verlorenen
Menfchheit als Gott der Liebe und des Heils fich er-
wiefen hat, weifs er nichts. Diefe Wendung hat die
Lehre erft bei Melanchthon erhalten, und zwar deshalb,
weil ihm von Anfang an die beneficia Christi fo ungleich
höher ftanden, als die natura. Ueberdies führt fchon
1535 Melanchthon für die Ausführung diefer Lehren das
rein formale Intereffe des wiffenfehaftlichen Syftems an.
Cap. VI ,Servet's anthropologifcher Einflufs auf
Melanchthon's Schriftbeweis' 1535, führt mit überzeugenden
Gründen den Nachweis, wie Melanchthon in
feinen anthropologifchen Anfchauungen durch die Aufhellungen
Servet's ftark beeinflufst ift und ihm nach-
giebt in der Lehre vom freien Willen und der Prädeftination
, von den guten Werken und der Liebe. Cap.
VII .Melanchthon verfolgt Servet' 1535-43 fchildert
auf Grund des bekannten Melanchthon'fchen Briefes
an den Senat von Venedig, wie Mel. feinen Gegner feindlich
angreift. Diefe ganze Erörterung fleht und fällt
natürlich mit der Echtheit jenes Briefes. (Vergl. darüber
: Benrath in Brieger's Zeitfchrift für Kirchenge-
fchichte. Heft 3.) Cap. VIII ,Servet's neue Stellung
zu Melanchthon' befpricht, wie Servet auch jetzt noch
eine Vcrftändigung mit Melanchthon fucht, indem er
feine Schrift Restitutio Christianismi vor dem Druck ihm
einfendet, ja, derfelben noch eine Apologia ad Melanch-
thonem anfügt. Vier Punkte find es befonders, in denen
die Differenz hervortritt, indem Servet Melanchthon vorwirft
1) die Zerfchneidung des Einen Gottes, 2) die Verleugnung
des wahren Glaubens an Chriftus, 3) die Zer-
ftörung der guten Werke, 4) Verwechfelung des Gefctzes
mit dem Evangelium. Cap. IX .Melanchthon, Servet
's Freund und Feind zugleich' 1543—53 ftellt
dar, wie Melanchthon auf anthropologifchem Gebiet mit
Servet geht gegen Luther, auf trinitarifchem Gebiet dagegen
mit Luther gegen Servet. Cap. X .Melanchthon
, der Widerpart des Spanifchen Antitrini-
tariers' fchildert, wie der Gegenfatz auf Mel.'s Seite fich
immer mehr verfchärft und fchliefslich zur ausdrücklichen
Billigung des Genfer Ketzergerichts führt.

Dürfte auch die Schätzung Servet's fich häufig als
Ueberfchätzung erweifen und die Aenderung der Anflehten
Melanchthon's auch öfter aus anderen Gründen zu
erklären fein, als aus dem Einflufs Servet's, fo wird doch
Jeder dem Verf. dankbar fein, dafs er durch feine fcharf-
finnige und eingehende Arbeit uns einen Blick in die
innerfte Werkftatt der Gedanken unferes Reformators eröffnet
hat.

Jena. Bernhard Pünjer.

Laichinger, Pff. H., Das System der christlichen Glaubensund
Sittenlehre vom Begriff des höchften Gutes aus
aufgefafst und dargeftellt. Gotha 1876, F. A. Perthes.
(XII, 755 S. gr. 8.) M. 12. -

Ein ,von einem Begriff aus aufgefafstes und darge-
ftelltes Syftem' mufs es fich fchon gefallen laffen, befonders
fcharf auf feine fyftematifche Leiftungsfähigkeit
angefehen zu werden. Der Herr Verf. möge es uns
daher verzeihen, wenn wir feinem Wunfeh (p. VI), nur
,mit Gründen der heil. Schrift' angegriffen refp. widerlegt
zu werden, nicht nachkommen können. Diefe PVrderung,
die bei einem Reformator wohlberechtigt ift, heifst bei
einem Syftematiker fich jede fachliche und fachliche Kritik
verbitten.

Freilich hat fie bei dem vorliegenden ,Syftem' ihren
guten Grund. Sie ift die einfache Confequenz aus dem
bibliciftifchen Standpunkt des Verfaffers. Und eben diefer
Biblicismus ift es, der das ganze Werk mit all feinen
Schwächen und Vorzügen charakterifirt.