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Ausgabe:

1877

Spalte:

195-196

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vogüé, Eugène M. de

Titel/Untertitel:

Syrie, Palestine, Mont Athos 1877

Rezensent:

Kautzsch, Emil

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Seite 1

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195

196

wird doch anderwärts in die Prophetie hineingezwängt: I
er ift der verfchmähte Hirte c. II, 4—14 (vielmehr der
Prophet), er der ,thörichte£ Hirte c. 11, 15 (vielmehr
ein fchlechter König), er der Durchbohrte c. 12, 10
(vielmehr Jahwe oder vielleicht ein Prophet als fein Stellvertreter
), er der gefchlagene Hirte c. 13, 7 (vielmehr
ein König). Damit auch bei Haggai und Maleachi der
Meffias nicht fehle, ift er der ,Siegelring' (Hagg. 2, 23)
und der Herr, welcher zu feinem Tempel kommt (Mal.
3, 1). — So ift denn fertig das Bild eines Meffias, welcher
einerfeits ein Engel, ja Jahwe felbft, andererfeits ein
leidender ift, während eine unbefangene Exegefe von
dem allem im Texte nichts rindet.

Was jene Partieen diefes Commentars betrifft, welche
mit Abficht mehr an den Text anlehnend als aus ihm
entnehmend allgemein-theologifcheund praktifch-religiöfc
Gedanken anreihen, fo laffen fich daraus — wir wiederholen
es — viele richtig leitende Winke entnehmen,
welche in mannigfacher, an dem Verf. Allen bekannter
Weife von Tiefe religiöfen Verftändnifses zeugen und
nicht nur dem Prediger — dem ja dies Bibelwerk vorzüglich
dienen foll — zu Statten kommen werden, fondern
jedem Lefer die Leetüre zu einer geiltlich-fördern-
den machen können.

Unter den fpärlichen grammatifchen Bemerkungen
ift uns unbegreiflich geblieben, wie D",p-,"!p Sach. 4, 12
abgeleitet werden konnte von pna. Äbgefehen von
Hehlern im deutfehen Text haben wir Irrungen in der
Schreibung der wenigen hebräifchen Wörter des Commentars
bemerkt: S. 3. 12. 17. 79 (drei . 84. 85. 86. 88.
94. 95. 96. 154.

Strafsburg i. E. Wolf Baudiffin.

Vogiie, Vtc Eugene Melchior de, Syrie, Palestine, Munt

Athos. Voyage aux pays du passe. Paris 1876, Plön &
Cic- (XII, 333 S. 8. m. 7 Holzfchn.) fr. 4. —

Der Verfaffer (nicht identifch mit dem berühmten
Archäologen diefes Namens, aber nach verfchiedenen
Andeutungen demfelben fehr nahe ftehend) vereinigte in
dem vorliegenden Bande eine Reihe von Auffätzen, die
früher in der Revue des deux mondes erfchienen waren.
Die drei erften derfelben erftrecken fich auf eine Reife
von Konftantinopel über Ephefus, Rhodus, Cypern,
Beirut, die Gedern, Balbek, Damaskus, Banias u. f. w.
nach Jerufalem und feinen Umgebungen bis zur Ein-
fchiffung in Jaffa (1. Nov. — 28. Dcc. 1872), während
der vierte Abfchnitt einen Aufenthalt unter den Mönchen
des Athos im Juli 1875 fchildert. Durch einen fünfjährigen
Aufenthalt in Stambul und feine Stellung bei
der franzöfifchen Gefandtfchaft dafelbft wohl vorbereitet,
unternahm der Verf. die erfte Reife weniger zum Behuf
wiffenfehaftlicher Unterfuchungcn, als vielmehr in der
Abficht, lebendige perfönliche Eindrücke zu gewinnen
und ,bei den Menfchen von heute den Commentar zu
den Dingen von ehemals zu Richen' (S. 171). Letzterer
Gefichtspunkt tritt in der That überall in den Aufzeichnungen
hervor und verleiht thnen ein Intereffe, welches
fie weit über den Durchfchnitt der gewöhnlichen Reife-
befchreibungen erhebt.

Wenn hie und da das franzöfifche Nationalgefühl
etwas ftark hervortritt und der echt franzöfifche esprit
der Schilderung für unferen Gefchmack zu fchr in Decla-
mation übergeht, fo wird man doch für diefe Schwächen
reichlich entfehädigt durch eine Fülle feiner Beobachtungen
über den Charakter von Land und Leuten im
Orient; Schilderungen, wie die der Weihnachtsnacht in
Bethlehem, die Charakteriftik der von dem Boden Jeru-
falems ausgehenden religiöfen Einflüffe (der ,folie hiero-
solytnitaifie* S. 228 ff.) und der verfchiedenen Confeffionen
dafelbft find in ihrer Art mufterhaft zu nennen, um fo
mehr, als das Urtheil des Verf. über die Protcftanten in

Paläftina (S. 233 ff.) ein günftiges Vorurtheil für feine
richtige Beürtheilung der übrigen Confeffionen erweckt.
Nicht minder ift feine Schilderung der merkwürdigen
Mönchscolonie am Athos als eine Quelle reicher Belehrung
über ein wenig gekanntes Stück byzantinifcher
Kirchengefchichte und Kunft nachdrücklich zu empfehlen.
— Wie bei einem Franzofen nicht zu verwundern, fehlt
es nicht an einzelnen geographifchen Irrthümern. So
wird der Scheich von Abu dis (nahe bei Jerufalem) zu
einem Fellachen der Jordansaue gemacht, S. 240 Ramleh
mit dem antiken Ramah (fammt dem Grab der Rahel!)
identificirt. Irrig ift auch die Behauptung S. 109, dafs
die Haarlocken der orthodoxen Juden auf eine Zugehörigkeit
zur Karaitifchen Sekte hinweife, fowie die auf
S. 208, dafs den Juden das Betreten des Haramplatzes
ftreng verboten fei: vielmehr vermeiden fie felbft den
Befuch aus Furcht, möglicherweife den Boden des Aller-
heiligften zu betreten. Der berühmte Codex von Na-
bulus wird von den Samaritanern nicht auf die Zeit des
Schismas (S. 136), fondern auf einen Urenkel des Aaron
(1622 v. Chr.!) zurückdatirt. Unfer Verf. datirt ihn aus
den erften Jahrhunderten der chriftlichen Aera; nach der
Ueberzeugung des Referenten, der den Codex im Frühjahr
1876 aufmerkfam betrachtete, läfst fowohl die r'orm,
wie die Kleinheit der Buchftaben nicht die Annahme
eines auch nur 1000jährigen Alters zu. — Von den
7 Illuftrationen verdienen befonders die Bilder der Athos-
klöfter Vatopedi und Hagios Dionyfios Erwähnung.

Bafel. E. Kautzfeh.

Heppe, Dr. Heinr., Kirchengeschichte beider Hessen. 2 Bde.

Marburg 1876, Sipmann. (XII, 479 u. VIII, 496 S.
gr. 8.) M. 17. -

Wir find an Arbeiten auf dem Felde der heffifchen
Kirchengefchichte nicht arm. Gleichwohl hat ein Ge-
fchichtswerk, das fich eine Kirchengefchichte Heffens
nennen durfte, bis jetzt gefehlt. Was vorhanden war,
umfafste entweder nur einzelne Perioden (wie Haffen camp,
heff. Kirchengefchichte im Zeitalter der Reformation) oder
einzelne Thcile des heffifchen Landes (wie Ebert, Ge-
fchichte der evang. Kirche in Kurheffen), oder es behandelte
, oft in polemifchem Intereffe, nur einzelne Seiten
der kirchlichen Entwickelung, fo namentlich die viel
umftrittene Gefchichte des Confeffionsftandes. Heppe ift
der Erfte, der uns als Frucht 30jährigen Sammeins und
Forfchens eine heff Kirchengefchichte im vollen Sinne
bietet. Die Kirche Pleffcns ift eines Gefchichtfchreibers
werth. Hat auch unfer Heffen nur einmal beftimmend
in den Gang der kirchl. Ercignifse eingegriffen, fo hat
es doch jederzeit im vollen Strome des geiftigen Lebens
in Deutfchland geftanden, fo dafs, was bei uns im Kleinen
gefchah, die Entwickelung der Dinge im Grofsen treu
und lebendig wiederfpiegelt. Man braucht nur an die
Namen Bonifacius, St. Elifabeth, Philipp der Grofsmüthige
zu erinnern. Der Kampf der heff. Fürften gegen Mainz
im 14. und 15. Jahrhundert eröffnet bedeutungsvolle Einblicke
in das Ringen der erwachenden Staatsidee gegen
die Kirchenherrfchaft. Der Conflict der Linien Kaffel
und Darmftadt, der zu Anfang des 17. Jahrhunderts ausbrach
, zeigt in verjüngtem Mafse das Bild der confef-
fionellen und politifchen Krifis, welche fchliefslich zum
30jährigen Kriege hintrieb. Auch nachmals haben fich
alle Phafen, die der deutfehe Proteftantismus durchlief
, der Orthodoxismus, der Pietismus in feinen edlen
Erfcheinungen und in feinen Auswüchfen, der Rationalismus
, die ftaatskirchliche Bureaukratie, die Union etc.,
in Heffen in zum Theil fehr charaktcriftifchen Erfcheinungen
offenbart. Heppe's Buch giebt uns fonach ein werthvolles
Stück deutfeher Kirchengefchichte. Dabei hat der
Verfaffer, wie fich's gebührt, die kirchliche Gefchichte
durchgängig im Zufammenhange nicht allein mit der