Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1876

Spalte:

129-134

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scrivener, Fred. Henry

Titel/Untertitel:

A plain introduction to the criticism of the New Testament for the use of biblical students. Second edition, thoroughly revised, enlarged, and brought down to the present date 1876

Rezensent:

Gebhardt, Oscar

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von Prof. Dr. E. Schürer.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. HLnrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

L Jahrgang.

4. März 1876.

N°- 5.

Scrivener, A plain introduction to the cri-
ticism of the New Teftament (Gebhardt).

Lipfius. Die Quellen der älteften Ketzerge-
fchichte (Harnack).

Geyler, Das Syftem des Manichäismus (Weiz-
fäcker).

Gör res, Kritifche Untersuchungen über die
Licinianifche Chriftenverfolgung (Weizsäcker
).

Delitzfch, Das Lehrfyftem der römifchen
Kirche, 1. Thl. (Schürer).

Die chriftologifchen Arbeiten der neueften Zeit

Zweiter Artikel (Herrmann).
Wackernagel, ,Für Euch', Beicht- und

Abendmahlsreden (Lindenberg).
Beck, Die innere Miffion (Lehmann).

Scrivener. Fred. Henry, M. A., LL. D., A piain intro- I
duction to the criticism of the New Testament for the

use of biblical students. Second edition, thoroughly
revised, enlarged, and brought down to the present
date. Cambridge 1874, Deighton, Bell & Co. (XIX,
607 S. gr. 8., mit XIV lithogr. Tafeln).

Wenn Scrivener's Einleitung in die ncutcftamentliche
Textkritik in Deutfchland fo bekannt wäre, wie fie es
follte, fo könnten wir uns hier darauf befchränken, auf
die wefentlichen Vorzüge der vorliegenden zweiten Auflage
des Werks vor der im Jahre 1861 erfchienenen
erften hinzuweifen. Da aber diefem Hauptwerk des
feiner textkritifchen Arbeiten wegen von allen Fach-
genoffen als Autorität erften Ranges anerkannten Ver-
faffers unter uns bis jetzt die verdiente Würdigung
und Benutzung noch nicht zu Theil geworden ift, fo
wollen wir verfuchen, den darin niedergelegten reichen
Lehrftoff den Lefern diefer Zeitfchrift vorzuführen.

Nach einer Einleitung, welche fich über den Hergang
der Ueberlieferung der neuteftamcntlichen Schriften,
über Varianten im Allgemeinen, fowie über die verfchie-
denen Arten und Urfachen der Entftchung derfelben
verbreitet (Cap. I, S. 1—20), behandelt der Verf. im erften
Haupttheil die Quellen und Vorausfetzungen der neu-
teftamentlichen Textkritik, nämlich die Handfchriften
(Cap. II, S. 21 — 269), Ueberfetzungen (Cap. III, S. 270 —
367), Anführungen beiKirchenvätern (Cap. IV,S.368—373)
und Druckausgaben (Cap. V, S. 374—432) des griechi-
fchcn Neuen Teftaments, erörtert fodann im zweiten
Theil die Grundfätze und Regeln der neuteftamcntlichen
Textkritik, und zwar erftens das Gewicht und die Tragweite
der inneren Gründe (Cap. VI, S. 433—444), zweitens
die aus der Gefchichte des Textes für die vergleichende
Kritik' (comparative criticism) fich ergebenden
Gefichtspunkte (Cap. VII, S. 445—484), drittens die aus
dem Charakter des neuteftamentlichen Idioms folgenden
Gefetze (Cap. VIII, S. 485—402); der Schlufstheil zeigt
an der Kritik ausgewählter Stellen des Neuen Teftaments,
wie die fo gewonnenen Grundfätze im einzelnen Falle in
Anwendung zu bringen find (Cap. IX, S. 493—570). Drei
Indices, von welchen der erfte die nach den gegenwärtigen
Fundorten gruppirten griechifchen Handfchriften,
der zweite die in dem Buch erwähnten Perfonennamen
und Gegenftände, der dritte die erläuterten Schriftftellen
umfafst, erleichtern den Gebrauch des Werks, und vierzehn
lithographifche Tafeln bieten in acht Alphabeten
und Proben aus einigen dreifsig Handfchriften ein Bild
von der Schreibweife der verfchiedenen Zeiten.

Es liegt in der Natur der Sache, dafs in einer Einleitung
in die Kritik des neuteftamentlichen Textes die
BefprechungderHauptqucllen deffelbcn den gröfstenRaum

einnimmt. So kann es nicht überrafchen, dafs hier das
zweite Capitel, welches von den griechifchen Handfchriften
handelt, mit 248 Seiten nicht viel weniger als
die Hälfte des ganzen Buchs umfafst. Was der Verf.
in diefem Theil bietet, verpflichtet allein uns fchon zum
gröfsten Dank. Das Vcrzeichnifs der Minuskeln (S. 164—
249), deren Scr. felbft weit über ein halbes Hundert zum
erften Male verglich, ift ohne Frage das vollftändigfte und
genauefte zur Zeit vorhandene, und auch die Bcfchreibung der
Uncialen(S. 83—163 ;, unter denen wir nur die vonTifchen-
dorf mit N, O, Ob bezeichneten Fragmente Paulini fcher
Briefe und bei der Notiz über die Papyrusbruchftücke
aus dem erften Corintherbrief S. 161 die Benennung derfelben
(Q) vermiffen, beruht überall, wenn nicht auf
eigener Anfchauung der Originale — Cod. Bezae Can-
tabr. (D der Ew.) und Cod. Augienfis (F der Paulini-
fehen Briefe) find bekanntlich von Scr. felbft edirt —,
fo doch auf genauer Kenntnifs und forgfältiger kriti-
Icher Sichtung des vorliegenden umfangreichen Materials.
Das Gleiche gilt von der dem Handfchriftenkatalog
vorausgefchickten Orientirung über die Befchaffenheit
griechifcher Handfchriften; fie belehrt den Lefer über
Schreibmaterial, Palimpfeftc, Schreibutenfilien, Form der
Codices, Signatur, Uncial- und Curflvfchrift, Datirung,
iota adscr. und subscr., Spiritus und Accente, Intcrpunc-
tion, Abbreviaturen, Stichometrie, Correcturen, und fo-
dann, mit fpecieller Beziehung auf die neuteftamentlichen,
über die verfchiedene Eintheilung des Textes in den
Handfchriften, Ueberfchriften und Unterfchriften, Catenen,
Inhalt der Codices, fofern fie nicht das ganze N. T. um-
faffen, Ordnung der Bücher, Lectionarien, Bezeichnung
der Codices im kritifchen Apparat. Auf wenig Seiten
(S. 21 — 82) ift hier ein weit zerftreutes Material in fo
zweckmäfsiger wie überfichtlicher Gruppirung vor Augen
geftellt. Wenn wir an diefem Abfchnitt etwas auszufetzen
haben, fo ift es die z. Th. wenig gelungene Nachbildung
der Abbreviaturen S. 47. Nicht ganz zutreffend
ift es, wenn S. 39 als die älteften uns erhaltenen curfiv ge-
fchriebenen griechifchen Bücher der Euclid der Bod-
lciana (dat. v. J. 888) und die in derfelben Bibliothek
aufbewahrten Dialoge Plato's (dat. v. J. 895) bezeichnet
werden; denn ein früheres Datum als beide trägt Cod.
145 der Moskauer Synodalbibliothek (Matthäi CXLVI),
nämlich das Jahr 880 (f. Sabas, Specimina palaeogra-
phica p. 7 sq). Den Handfchriftenkatalog hofft Ref. dem-
nächft an einem anderen Ort durch Nachrichten über
einige in Rufsland z. Th. im Privatbefitz befindliche,
angeblich aus dem 8., 9., 12. und 13. Jahrhundert flammende
Evangeliencodices bereichern zu können. Die
Angaben S. 181 über den Cod. Ravianus, deffen ehemaliger
Befitzer nicht Jo. Rave hiefs, fondern Chriftian
Raue, und S. 226 über den Cod. Rhodienfis des Stunica,
von dem es fchr zweifelhaft ift, ob er überhaupt die

10