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Ausgabe:

1876 Nr. 4

Spalte:

107-108

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gebhardt, Osc.

Titel/Untertitel:

Graecus Venetus. Pentateuchi, Proverbiorum, Ruth, Cantici, Ecclesiastae, Threnorum, Danielis versio graeca 1876

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

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Seite 1

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107 Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 4. 108

gehende Unterlaffung ift es, felbft da wo griechifche Les- j Ruhm der denkbar gröfstcn Genauigkeit und einer aufser-
arten citirt werden, die hebräifche Kapiteleintheilung zu I ordentlichen Reichhaltigkeit an hiftorifchen, kritifchen
geben, und nicht die griechifche in Klammer beizufchrei- und philologifchen Bemerkungen, welchen ihr Delitzfch
ben; dies führt fogar den Verfaffer zu fehr ernftlichen in der Vorrede zollt, ift von der Kritik bereits allgemein
Mifsverftändnifsen. S. 21: ,Er überfetzt Stellen, die im '< anerkannt worden. Wie mühfam die Arbeit des Heraus*
hebräifchen zweimalvorkommen,erft an zweiterStelle', i gebers war, zeigt das beigegebene Facfimile der Hand-
z. B. 30, 10. 11. u. 46, 26. 27; aber hebr. c. 30 ift griech. i fchrift.

c. 37 und hebr. 46 ift griech. 26; cf. S. 167; ,ebenfo 48, Während über Zeit und Perfon des Uebcrfctzcrs bis-
40 [= griech. 31] lefen fie erft 49, 22'; letzteres ift aber ; her nur ganz vage Vermuthungen aufgeftellt waren, hat
griech. 29; dadurch wird der Beweis, der S. 26 auf die- | Gebhardt jetzt fo viel mit Sicherheit conftatirt, dafs er
fes Weglaffen an erfter, und Ueberfetzen an zweiter Stelle | das ,Wurzelbuch' des David Kimchi um 1200 kannte, und
gebaut wird, hinfällig; S. 152: ,vv. 7 u. 8 finden fich in dafs ein Theil des Manufcriptes von feiner eigenen Hand
LXX nicht'; fie flehen nach v. 40. Doch wollen wir uns gefchrieben ift, dafs er alfo, da die Handfchrift dem
bei diefen Dingen nicht aufhalten, fondern uns freuen XIV. oder dem Anfang des XV. Jahrhunderts angehört,
über den Geift unbefangener Forfchung, in dem der Ver- früheftens im XIV. Jahrhundert diefeUeberfetzungfchrieb.
faffer an feine Aufgabe gegangen ift, und insbefondere > Für die Benutzung Kimchi's ift der befte Beweis die Wie-
noch hervorheben, dafs derfelbe auch die Refultate der dergabe des Vogelnamens o'-.S Deut. 14, 16 durch mU/.äv,
neueften affyrifchen und aegyptologifchen Forfchungen j beruhend auf einer Verwechfelung von Kimchi's yipbo =
(Schräder, Lenormant) für die Zeitgefchichte des Jeremia, falcon mit -pbc = pelican. Der Ueberfetzer kann freilich
und die phönieifche Sprachforfchung (Schröder) für die ; Kimchi nur vereinzelt zu Rathc gezogen haben; denn
Erklärung des Hebräifchen benützt hat. I Lev. 11, 17 gibt er 013 wieder durch noQcpvgicnv {übet-

London Dr E Neftle ' haupt mag auf die mehrfach divergirende Uebertragung

der im Hebräifchen übereinftimmenden Liften von Thiernamen
in Lev. c. 11 und Deut. c. 14 aufmerkfam gemacht
werden). — Gebhardt hat es ferner u. E. wahr-
fcheinlich gemacht, dafs der Ueberfetzer ein Jude, vielleicht
ein Judenchrift war. Ein fehr überzeugendes Indl-
cium dafür ift die irrige Ueberfetzung von D'ipian Ex. 23, 20
durch ovrcoti'jg = !"n!"P, was doch wohl nur bei einem

Graecus Venetus. Pentateuchi, Proverbiorum, Ruth,
Cantici, Ecclesiastac, Threnorum, Daniclis versio graeca.
Ex unico bibliothecae S. Marci Venetae codice nunc
primum uno volumine comprehensam atque apparatu

critico et philologico instruetam ed. Ose. Gebhardt. Juden möglich war, welchem bipTsri als Gottesname galt.
Praefatus est Fr. Delitzsch. Cum imagine duplicis ' — Weiter geht in Vermuthungen über die Perfon des
scripturae codicis lithogr. (in Fol.) Leipzig 1875, Brock- ; Vefrf- Dclitzfch's Vorrede wo durch fehr feine Combi

haus. (LXX, 592 S. gr. 8.) M. 15. —

Die in einem einzigen Exemplar der Marcus-Bibliothek
zü Venedig vorhandene griechifche Ueberfetzung
mehrerer Bücher des A. T., welche unter dem Namen
Graecus Venetus bekannt ift, hat feit dem vorigen
Jahrhundert die Aufmerkfamkeit der Gelehrten auf fich
gezogen. Zwar erkannte man bald, dafs die Ueberfetzung
nicht fehr alt, alfo für die Textkritik nicht
von erheblichem Werthe fei; allein zu gleicher Zeit
wurde man auf viele Eigentümlichkeiten fowohl der
Sprache als der Auffaffung des Uebcrfctzcrs aufmerkfam,
welche feiner Arbeit für die Philologie und die Gefchichte
der Auslegung des A. T. einen hervorragenden Platz
fächerten. Die verfchiedenften Vermuthungen find über
die Perfon des Ueberfetzers aufgeftellt worden: nach den
Einen war er ein Jude, welcher feine Arbeit für den
Gebrauch der Synagoge beftimmte, nach den Andern ein
in jüdifchcr Gclehrfamkeit unterrichteter Chrift, fei es aus
Spanien, fei es aus Byzanz; wieder Andere wollten ihn
für einen Syrer halten. —■ Aus der Vcrfchicdcnhcit diefer
Aufftellungen läfst fich die Einzigartigkeit der Ueberfetzung
erfehen. Doch war bisher noch nicht die Möglichkeit
gegeben, ein ficheres Urthcil über diefelbe zu
fällen. Zwar gab fchon 1784 Villoifon einen Theil der
Ueberfetzung heraus, den fehlenden liefs 1790 Ammon
folgen. Den vielen Mängeln diefer Editionen fuchte
Morelli durch eine neue Vergleichung der Handfchrift
abzuhelfen (im Anhang der Ammon'fchen Ausgabe und
in Morellt's Bibl. Manuscr. S. 13 ff.); allein zahlreiche
Irrthümer jener find ihm entgangen. Jetzt zum erften
Mal ift eine Gefammtcdition des Textes veröffentlicht.
Der zu diefer Aufgabe in feltcncr Weife befähigte Herausgeber
hat fich fchon früher durch eine Abhandlung:
,Die fiebzig Hirten des Buches Henoch' in Mcrx' Archiv
II, 2 bekannt gemacht, neuerdings durch feine Ausgabe
des Theilc'fchen Neuen Teftamentes und den bisher er-
fchienenen erften Fascikel der in Gcmcinfchaft mit Har-
nack und Zahn unternommenen Edition der Patres
Apostolici. Seine Ausgabe des Graecus Venetus ift das
Ergebnifs jahrelangen ausdauernden Fleifses, und der

nationen auf den gelehrten Juden Eliffäus hingewiefen
wird, welcher Ende des XIV. Jahrh. an dem durch die
Pflege der Wiffcnfchaften glänzenden Hofe des Osmanen
Murad I (zu Prufa und Adrianopel) lebte. Wird fich
die Identität beider Perfonen auch fehwerlich erweifen
laffen, fo ift damit wenigftens eine Perfönlichkeit aufgefunden
, welche alle bei dem Verf. der Ueberfetzung vorauszufetzenden
Eigenfchaftcn in fich vereinigte.

Die Ueberfetzung felbft hat den Werth eines höchft
eigentümlichen Commentars und kann als folcher dem
Exegetcn vielfache Dienfte leiften. Es fei hier nur auf
die Uebertragung des Tetragramm's durch oWcüTifc,
ovrovgyög und ovotcoTrjg aufmerkfam gemacht. Der Ueberfetzer
feheint danach den Gottesnamen als 1 Iiphilform
erklärt zu haben, wie unter den Neueren Lagarde und
Schräder. Die Ausfprachc Jahwe, deren erfter Vocal
mindeftens vollftändig gefichert ift, vorausgefetzt, kann
auch u. fck das Tetragramm urfprünglich keine andere
Bedeutung gehabt haben; denn das Imperf. Kai von mfi
konnte rnrr (rYfrp) oder lauten, aber nicht wohl

!"HH-> wofür fich 'keine Analogie anführen läfst; denn
rsrirV ift keine folchc. — Dem Philologen werden die
beiden Rcgiftcr fonft gar nicht oder nur feiten vorkommender
Worter, welche der Gr. Venet. enthält, reiche
Ausbeute gewähren.

Leipzig. Wolf Baudiffin.

Sevin, Prof. Ludw., Das Ur-Evangelium und die ältesten
Sammlungen der Aussprüche Jesu, nach den neueften
Refultaten der Wiffenfchaft in deutfeher Ueberfetzg.
zufammengeftellt für gebildete Laien. Müllheim 1875,
Schmidt. (VIII, 79 S. gr. 8.). M. 1. 30.

Es ift gewifs fehr erfreulich zu fehen, dafs fich ge-
wiffe PTgebnifse der neueren Evangelienkritik einer immer
allgemeineren Anerkennung erfreuen, und ebenfo läfst
fich das Beftreben nicht verwerfen, auch die theologifche
Laienwelt mit denfelben nach und nach bekannt zu
machen. Handelt es fich dabei doch in der That um
eine Erbauung, das heifst um den Aufbau einer hiftorifch