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Ausgabe:

1876

Spalte:

105-107

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scholz, Ant.

Titel/Untertitel:

Der masorethische Text u. die LXX-Uebersetzung d. Buches Jeremias 1876

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Thcologifche Literaturzeitung. 1S76. Nr. 4.

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Unfer ,BrieP ift die alterte vollftändigc Momilie, die wir
befitzen). Unter folchen Umlländen gewinnt die Erwähnung
eines Clemens bei Herin. Vis. II, 4 für unferen
Brief Bedeutung; aber jede Combination hier bedarf
fo vieler Hülfshypothefen, dafs es zu kühn wäre, irgend
eine zu empfehlen. Es ift nicht fchwer, den Inhalt
des neuen Fundes jetzt fchon zu überfehen; die Rhetorik
des Predigers bringt uns weder wichtige, gefchicht-
liche Einzelerkenntnifse noch erhebende Gedanken;
aber die Probleme haben fich gemehrt, nicht in Bezug
auf den Clemensbrief, wohl aber betreffs diefer neuen
clementinifchen Homilie. Dem Manne aber, der uns
diefe grofse Gabe gebracht hat, gebührt unfer wärmfter
Dank. Er gilt nicht feinem Glücke, fondern feiner Ge-
wiffenhaftigkeit und feiner Treue.

Leipzig. Ad. Ilarnack.

Scholz, Prof. Dr. Ant., Der masorethische Text u. die
LXX-Uebersetzung d. Buches Jeremias. Regensburg
1875, Manz. (229 S. gr. 8.) M. 4. —

Das hier zur Anzeige gebrachte Werk eines katho-
lifchen Theologen (der Verfaffer irt Profeffor an der
Univerfität Würzburg) nimmt die früher von protertan-
tifchen Exegeten lebhafter erörterte Frage über das Ver-
hältnifs der griechifchen Ueberfetzung des Buches Jere-
mia zum gegenwärtigen hebräifchen Texte deffelben wieder
auf und fucht diefelbe durch eine zufammenhängende,
nicht nur einzelne Lesarten herausgreifende Unterfuchung
zur Pmtfcheidung zu bringen; doch glauben wir kaum,
dafs ihm diefes gelungen ift und dafs fein Löfungsver-
fuch allgemeine Zuftimmung finden wird. — In einer
kurzen Einleitung werden die beiden möglichen Auf-
faffungen (der jetzige griechifche Text entweder Reful-
tat einer willkürlichen Bearbeitung unferes hebr. Textes
oder treue Ueberfetzung einer älteren, von der mafore-
thifchen verfchiedenen alexandrinifc'nen Recenfion) nach
ihren Hauptvertretern kurz ausgeführt und die allgemeine
Stellung ,derSynagoge und desChriftenthums' zur alexan-
drinifchen Ueberfetzung überhaupt befprochen. (Unter
der ,Synagoge' haben wir aber die helleniftifchen Juden
zu verliehen, befonders Philo; von dem der LXX
ungünfligen Urtheil der eigentlichen Synagoge, d. h. des
palärtinifchen Judenthums und des Talmud ift gar nicht
die Rede, eben fowenig von den der griechifchen Ueberfetzung
nicht holden Aeufserungen des Hieronymus.)
Der erfte Abfchnitt (S. 12—28) führt durch eine lexika-
lifch-grammatikalifche Unterfuchung der LXX zu dem
Refultat, dafs diefelbe treue Ueberfetzung eines vorliegenden
, und nicht freie Bearbeitung des maforethifchen
Textes fei und mit mafsvoller Befonnenheit werden der
GraPfchen Verurtheilung gegenüber die Vorzüge diefer
auf traditioneller Auslegung beruhenden Ueberfetzung
hervorgehoben, aber auch ihre Fehler nicht verkannt,
und richtig ausgeführt, was man von einem Ueberfetzer
jener Zeit erwarten könne und was nicht. ,Das Verhält-
nifs diefer Ueberfetzung und des zu Grunde liegenden
hebräifchen Originals zum maforethifchen Text' foll im
zweiten Abfchnitt (S. 29—120) durch eine Vergleichung
der wichtigften Arten der Verfchiedenheiten beider Texte
erkannt werden; die Varianten von Capp. 1, 2 und 52
(wozu 2 Reg. 24. 25 beigezogen wird) find vollftändig
der Reihe nach gegeben und befprochen; die des übrigen
Buchs in 18 Claffen eingetheilt und dann einzelne
Beifpiele derfelben erläutert; die wichtigften diefer Claffen
find: 1) kleinere Zufätze, a) zum hebräifchen, b) zum grie-
ciiifchen Text; 2) Ueberarbeitete Strophen; 3) Abweichungen
in der Perfonalbezeichnung; 4) im Numerus;
Ii) Verfetzung von Buchftaben in Wörtern; 13) Hebrais-
men im Griechifchen, die der maforethifche Text nicht
hat; 14) Verwechslung ähnlicher Buchftaben. Bei letzterem
Abfchnitt fcheint der Verfaffer an die gerade bei

Jeremia intereffante Frage, ob das der LXX vorliegende
Exemplar in der alten oder neuen hebr. Schrift geschrieben
gewefen, gar nicht gedacht zu haben, während er
an den Nachweis des damaligen Mangels einer fcriptio
plena faft zu viele Mühe verwandt hat. Der Charakter
diefer Verfchiedenheiten, insbefondere der Umftand, dafs
keine der Claffen einem der beiden Texte, etwa dem
griechifchen, eigen ift, führt zu dem Schlufs, dafs die
Abweichungen des griechifchen nicht von der Willkür
des Ueberfetzers herrühren, fondern ein Werk der Ge-
fchichte des Textes find, und dafs das in Alexandrien
gebräuchliche Original, welches dem Ueberfetzer als
Vorlage diente, dem maforethifchen an kritifchem Wcrthe
in keiner Beziehung nachftehc, während allerdings in
folchen Fällen, wo es fich um Verwechslung von Buchftaben
, ähnlichen Wörtern u. f. w. handle, dem letzteren
im allgemeinen der Vorzug gebühre. (Leider hat der
Verfaffer bei Befprechung der Varianten in der Regel
nicht angegeben, welcher er den Vorzug gebe, fondern
fich mit Anführung der Verfchiedenhcit begnügt.) In Betreff
der abweichenden Kapiteleintheilung von c. 25, 14
an giebt der Verfaffer, wie uns fcheint mit Recht, der
griechifchen den Vorzug, und um diefe Entfcheidung zu
begründen, erhalten wir eine von S. 124—214 reichende
Inhaltsüberficht über das Buch, in der er zu dem Re-
fultate kommt, dafs daffelbe in 6 Dekaden (60 Weiffa-
gungen) gctheilt werden müffe. Wir geliehen, weder die
lange ,Inhaltsüberficht über das Buch' (die aber im einzelnen
viele treffende Bemerkungen enthält), noch die
,kurze Ueberficht über den Inhalt der 6 Dekaden', noch
die allgemeinen Behauptungen über die Zahlenfymbolik
des Alterthums und die ifraelitifche und die des Salo-
monifchen Tempels insbefondere, mit dem langen Auszug
aus Bähr's Symbolik, haben uns von der Richtigkeit
und Notwendigkeit diefer Einteilung überzeugt. Warum
mufs denn überhaupt für eine allmählich entftandene
Sammlung gelegentlicher Weiffagungen ein Eintheilungs-
prineip gefucht werden? Dagegen ftimmen wir mit dem
Verfaffer vollftändig überein, wenn er die gröfseren abun-
direnden Stücke des hebräifchen Textes von Iürklärern,
Vorlcfern u. f. w. herleitet, die hinzufügten qnac ex tempore
dici poterant et attdiri, ßait folitnm efl in Jcliolaribns
diseiplinis ßnnpto tliemate exeogitare, quibus verbis aliquis
nti poltnt 'Hieron.); und dafs diefe gerade im hebr. Text
fich zahlreicher finden als im griechifchen, erklären wir

1 einfach mit ihm daraus, dafs die Haftaravorlefung in

I Aegypten nicht oder kaum gebräuchlich war. Zum
Schlufs wird ,die kanonifche Würde' diefer Zufätze kurz

; befprochen und das Refultat in 7 Sätzen dahin zufam-

i mengefafst, dafs die LXX gewiffenhaft, wörtlich, nach
einem vorliegenden hebräifchen Texte, der aber auch
fchon feine Interpolationen erfahren hatte, im Ganzen
fehr gut überfetzt fei.

Im Einzelnen haben wir Manches zu bemerken. S. 1
ift das Citat aus Origenes ,im Hiob fehlen oft 3 oder 4,
bisweilen 14 oder 19 (16) Wörter', ßtxaraööcxQu xa Öixn
iwsa (xal ti)' durch ftreichen von öexu zu verbeffern und

j zu überfetzen: 14 oder 15; svvia xal S£ entfprechend dem
hebräifchen ütx — S. 5 ift der Schlufs von der kirch-

; liehen Reception des Theodotion ftatt der LXX im
Daniel auf das Vorhandenfein mehrerer Ueberfetzungen
der übrigen Bücher, auch des Jeremia, von denen die
alexandrinifchen Juden die belle ausgewählt hätten, etwas
gar zu rafch. — Zu S. 6 Note 1. Welche Ausgabe der
LXX vom Verfaffer benutzt wurde, fagt er nicht, und

: nur gelegentlich wird eine Differenz der Handfchriften
angeführt; S. 39 ift die Angabe ,nur Cod. F. A. [lies FA.]
hat fie' falfch; der Vers fleht in vielen Handfchriften
bei Holmes-Parfons, allerdings mit Unrecht. Druckfehler
in Zahlen find ziemlich häufig; z. B. S. 21 Z. 6 v.

1 o. 3, 10 ftatt 30, 10. Ibid. Z. 18 ift 31, 32 falfch. S. 41
Z. 15 v. u. zweimal 33 ftatt 34; S. 98 Z. 3 v. o. 46, 8
ftatt 46, 17. — Eine grofse, durch das ganze Buch durch-