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Ausgabe:

1876

Spalte:

91-92

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlosser, Gust.

Titel/Untertitel:

Göthes iphigenie nach ihrem religiös-sittlichen Gehalt. 2 Vorträge 1876

Rezensent:

Lindenberg, H.

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9'

Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 3.

92

was nach der eignen Meinung des verehrten Verfaffers
hinzugekommen, höher anzufchlagen ift, als was er im Vergleich
gegen früher felbft vermifst. Es predigt eben
Einer nicht, wie er will, fondern wie er ift. In der
Predigtart tritt die chriftliche Perfönlichkeit in die Er-
fcheinung. Und bei Ahlfeld's Predigten und fonderlich
in diefem letzten Bande ift es der volle Mann in Chrifto,
der uns entgegen tritt. Ahlfelds Predigten bedürfen nicht
erft der Empfehlung. Es find ja vielfach Mufterpre-
digten in homiletifcher Beziehung. Damit wollen wir
nicht fagen, dafs fie imitirt werden follen. Wenn das
bei allen Predigten von Uebel ift, fo gewifs doppelt bei
einer fo charakteriftifch ausgeprägten Eigenart, wie die
Ahlfeld's ift. Aber wer könnte und wollte nicht gern
von einem fo begabten und geübten Prediger etwas
lernen in Behandlung des Textes, in Anwendung der
Schriftwahrheit, in lebensvoller Form und Ausführung.
Es find aber auch fee 1 forgerli ch e Predigten, worin
,das Examen Jefu Chrifti mit den Chriftenfeelen' (Predigt
35) vorgeftellt und die Mahnung ,Macht Ernft mit dem
Qiriftenthume!' (Pred. 25) ernft ans Herz gelegt, wie auf
der andern Seite ,Gottes Troft für ein zagendes Ge-
wiffen' (Pred. 15) und ,das Gnaden wort des Tröfters an
unfere Herzen' (Predigt 36) lieblich und lockend ge-
fchildert wird. Die Erfahrungen eines langen Paftoren-
lebens in täglicher Seelforgerarbeit fpiegeln fich in jeder
Predigt wieder. Der Verfaffer jenes bekannten und beliebten
Buches, ,das Leben im Lichte des Wortes Gottes'
ift auch in diefen Predigten überall zu erkennen. Daher
find es auch rechte Zeitpredigten im guten Sinne.
Sie predigen unferer Zeit ihre Sünden, fie zeigen ihr
aber auch die Wege Gottes in ihr zu ihrem Heil. Dabei
fchaut der Prediger nicht zagend und refignirt in unfere
Zeit, fondern bietet feiner Gemeinde, die in dankbarer
Liebe und Treue ihm verbunden ift, unermüdlich die
alten Gnadenmittel, im Bewufstfein, dafs der Glaube, den
er predigt, der Sieg ift, der die Welt überwunden hat.
Unter dem Lefen des Buches ift dem Ref. immer wieder
die Verheifsung des ,Pfalmliedes auf den Sabbattag'
Ps. 92, 14—16 in den Sinn gekommen. Der Herr der
Kirche wolle diefelbe fort und fort und noch auf viele
Jahre an dem theuren Verfaffer diefer Predigten wahr
machen. —

Leipzig. Past. E. Lehmann.

Schlosser, Guft., Göthes Iphigenie nach ihrem religiössittlichen
Gehalt. 2 Vorträge. Frankfurt a'M. 1875,
Heyder & Zimmer. (34 S. gr. 8.) M. 1. —

Nach einigen einleitenden Bemerkungen über die
Entftehung der jetzigen Form der Goethe'fchen Iphigenie
und einer kurzen treffenden Schilderung der äfthetifchen
Schönheit derfelben ftellt der Verfaffer, um den religiös-
fittlichen Gehalt des Drama's zu prüfen, als Erfordernifs
aller ächten Poefie den Grundfatz auf: ,Anerkennung
einer höheren fittlichen Weltordnung, die Niemand un-
geftraft verletzen darf. Dann: das Bewufstfein und Gefühl
eines tiefen Zwiefpaltes,der in Folge der Sünde durch
diefe Gotteswelt geht, und ihre Harmonie zerftört; ein
tiefes Weh darüber; zum dritten aber auch eine Sehn-
fucht nach der Verföhnung, nach Wiederherftellung jener
Harmonie, jenes geftörten Friedens und mindeftens eine
Ahnung von diefer Verföhnung; in der chriftlichen Poefie
dann aber die volle Erkenntnifs diefer alle Sünden tilgenden
Verföhnung und die volle, helle, feiige Freude
darüber'. Um nach diefem Grundfatz, dem wir allerdings
eine etwas präcifere Faffung gewünfeht hätten, den
ethifchen Gehalt zu ermitteln, wird zunächft der Inhalt
des Stückes überfichtlich dargeftellt und bis zum Schluffe
des erften Vortrages die Frage behandelt, in wie weit
die antiken Behandlungen des Stoffes — bei Aefchylus,
Sophokles und Euripides — das Problem: wie kann die

[ Schuld des Oreftes gefühnt werden? gelöft haben. Der
Verfaffer kommt zu dem Refultat, dafs weder die richterliche
Freifprcchung des Oreft bei Aefchylus, noch die
feine pfychologifche Motivirung der rächenden That
bei Sophokles, am allerwenigften die gelungene Entführung
des Götterbildes bei Euripides eine befriedigende
Löfung des ethifchen Conflictes biete. ,Die Löfung wird
nur im Chriftenthum gefunden, und — wie weit bewufst
oder unbewufst, bleibe dahingeftellt — fo finden wir fie
in Göthe's Iphigenie'. In dem zweiten Vortrag wird dann
mit eingehender Charakteriftik der Nachweis geführt, dafs
ein Charakter, wie ihn Göthe in feiner Iphigenie gezeichnet
, ,der Erde offen, aber dem Himmel zugewendet, in
einem von Glaube und Liebe getragenen Sein, das durch
den Wandel wirkt', nur auf dem Boden des Chriften-
thums möglich fei. Bis dahin wird der Verfaffer auf allgemeine
Zuftimmung rechnen können. Wenn er aber
in der Thatfache, dafs durch diefe ,in Reinheit lebende
in Liebe fich hingebende Perfönlichkeit' die Sühne herbeigeführt
wird, eine ,Ahnung' der ftellvertretenden Ge-
nugthuung findet, fo wird fich der unbefangene Lefer
des Gedankens nicht erwehren können, dafs der Verfaffer
feinem oben ausgefprochenen Grundfatz zu Liebe
eigene Gedanken in das Dichterwerk eintrage und wird
die Schlufsbemerkungen nur als eine Art homiletifcher
Anwendung gelten laffen können. Auch gegen die Art,
wie S. 28 das künftlerifche Schaffen befchrieben wird,
liefse fich manches einwenden. Das Geniale des Künft-
lers befteht doch nicht nur im ,Erlaufchen und Erkennen
der Schönheiten in Natur und Menfchenleben und in
einheitlicher harmonifcher Verbindung derfelben', und
die Züge von wirklichen chriftlichen Frauen, ,deren Skizzen
Göthe in der Dichterwerkftatt feiner Seele hängen hatte',
würden fchwerlich zufammen das Bild der Iphigenie ergeben
haben, ohne die geniale Productivität des Dichters
, mit der er die Geftalt gefchaut, mit einem Wort
ohne die dichterifche Infpiration. Hievon abgefehen
aber bieten die in lebendiger, klarer Darftellung gehaltenen
Vorträge eine anziehende, zu mannigfachen Gedanken
anregende Leetüre.

Nuffe bei Mölln in Lauenburg. H. Lindenberg.
ITiiecellcn.

Caspari's .Quellen zur Gefchichtc des Tauffymbols
und der Glaubensregel' Thl. III (vgl. die Anzeige in
Nr. 1 der Theol. Litztg.) find jetzt bei Dörffling & Franke
in Leipzig in Commiffion erfchienen. Preis 9 M. (Thl.
I—III: 21 M.).

Ueber die in der vorigen Nr. bereits erwähnte neue
Ausgabe der Clemensbriefe (aus einer vollftändigen
Handfchrift zu Konftantinopel saec. XI.) von dem Metropoliten
Philotheus Brycnnius bringt nun auch Hilgenfeld
in der Prot. Kirchenzeitung 1876, Nr. 3
eine kurze Anzeige, welche die Mittheilungen Mordt-
mann's durchgängig beftätigt und noch das Neue hinzufügt
, dafs auch eine Ausgabe der Briefe des Barnabas
und des Ignatius, welche in derfelben Handfchrift enthalten
find, bald nachfolgen foll. Hinfichtlich des Textes
erwähnt Hilgenfeld, dafs Cap. 5 des erften Clemensbriefes
1 nach dem neu aufgefundenen Texte ,neue Schlaglichter
auf den Charakter des zwifchen Petrus und Paulus geführten
Streites' werfe. Wir hoffen bald Näheres über
die Ausgabe berichten zu können.

Ein gefälfchterBarnabas-Text. — In der neuen
Ausgabe der Patres apostolki fasc. I von Gebhardt und
Harnack ift p. XVIII n. 4 eine Notiz aus Donaldfon's
Apostolical fatlicrs (London 1874, p. 315 wiedergegeben
, wornach der bekannte und berüchtigte Hand
fehriftenfälfeher Simonides eine Ausgabe des Barnabas
-Briefes nach dem Codex Sinaiticus mit der Jahreszahl
1843 und dem Druckort Smyrna veranftaltet haben
foll. Die Herausgeber (Gebhardt und Harnack) haben