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Ausgabe:

1876 Nr. 3

Spalte:

79-81

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Teuffel, W. S.

Titel/Untertitel:

Geschichte der römischen Literatur. 3. Aufl 1876

Rezensent:

Möller, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 3.

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mahnung 15, 1 —13, eine conciliatorifche Erneuerung des
Briefeingangs (15, 14—32) und des Brieffchluffes (16,
3—16), endlich in der katholifirenden Zeit (150—60),
noch eine Warnung vor der Härefe und deren Verdammung
(16, 17—20). Uas Nähere über diefe kritifche
Divination und ihre verfuchte Rechtfertigung mufs man
fich wieder an drei Orten zufammenfuchen, nämlich theils
aus der Einleitung (§ 4), theils aus der Ueberfetzung,
wo man in den Summarien und in den Textparenthefen
einzelne, freilich fehr fporadifche Gründe für die Unecht-
heit dieler Stücke findet, theils in einem befonderen Ab-
fchnitt über den Schlufs des Briefs (S. 129—140), wo wenig-
ftens die Echtheit des Uebriggelaffenen recht eingehend
begründet wird. Im Uebrigen gehört fchon ein flarker
Glaube an die Unfehlbarkeit der Kritik dazu, wenn man
auf die Volkmar'fchen Ausführungen hin feine Gefchichte
des Brieffchluffes für mehr als eine fcharffinnige Combi-
nation nehmen foll. Aber auch wer den wiffenfchaft-
lichen Werth folcher Hypothefenfpiele nicht eben hoch
anfchlägt, wird aus der Textkritik des Verfaffers, wie
aus feiner fcharffinnigen Analyfe des Gedankengangs
mancherlei lernen können. Verhehlen können wir nicht,
dafs die überaus ungefchickte Anlage des Buchs, die
daffelbe immer wieder an verfchiedenen Orten fuchen
läfst, feinen Gebrauch fehr erfchwert.

Kiel. B. Weifs.

Teuff el, W. S., Geschichte der römischen Literatur. 3. Aufl.
Leipzig 1875, Teubner. (XVI, 1216S. gr. 8.) M. 14. —

Innerhalb eines Luftrums hat fich diefes ftattliche
Werk von ftaunenswerthem Fleifse, anerkannter Gediegenheit
und grofser Brauchbarkeit fo in der gelehrten
Welt eingebürgert, dafs nun bereits die dritte, wieder
mehrfach bereicherte Auflage vorliegt. Wenn daffelbe
an diefcm Orte zur Befprechung kommt, fo kann das
felbftverftändlich nicht in der Abficht gefchehen, um eine
umfaffende Kritik an ihm zu üben, oder auch nur über
den Gefammtwerth deffelben zu urtheilen oder durch Mittheilung
zu orientieren. Beides läge aufserhalb des Berufs
und der Befähigung des Referenten. Auch darauf
kommt es uns hier nicht an, was fonft bei der Befprechung
neuer Auflagen fchon bekannter Werke in den
Vordergrund tritt: die Veränderungen im Vergleich mit
den früheren Auflagen zu befprechen. Uns handelt es
fich nur darum, darauf aufmerkfam zu machen, welche
werthvolle Gabe in diefem Werke auch den Theologen
geboten ift. Der Verfaffer fchreibt, wie er fagt, die Gefchichte
der römifchen Literatur im Sinne einer Gefchichte
der Literatur des römifchen Volkes und Reiches. Damit
ift einerfeits eine zeitliche Abgrenzung gegeben, wenn
auch eine fliefsende, da aus einleuchtenden Gründen bis
ins 7., theilweife felbft bis ins 8. chriftliche Jahrhundert
herabgegangen werden mufste, um die Ausläufer der
Literatur altrömifcher Cultur zu umfaffen. Andererfeits.
war es durch die Natur der Sache geboten, dafs die
chriftlich-theologifche Literatur nicht ausgefchloffen oder
verkürzt werden durfte, wenn diefe hier auch nur unter
dem allgemeineren literarhiftorifchen Gefichtspunkte behandelt
werden konnte, d. h. theils fo, dafs das fpecififch
theologifche Schriftthum als eine Fachliteratur etwa wie
die juriftifche etc. ihre volle Berückfichtigung findet,
theils fo, dafs in den verfchiedenen Literaturzweigen das
Hereingreifen der chriftlichen Ideen nicht aufser Acht
gelaffen wird. Wenn fich in diefem Theile das Werk
des Verf. mit dem Schönen Buche von Ebert (Gefchichte
der chriftlich-lateinifchen Literatur bis zum Zeitalter
Karls des Gr.) eng berühren mufs, fo ift doch einmal
die Grundidee beider Werke eine ganz verfchiedene: bei
Ebert die chriftlich-lateinifche Literatur im genannten
Zeiträume gedacht als erfter Theil einer allgemeinen
Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande
, als Beginn einer Weltliteratur, bei Teuf fei die

I römifche Literatur, die in ihrem breiten Strome unter

I anderm auch die Strömung des chriftlichen Gedankens
mit fich führt. Sodann aber lag auch in der verfchiedenen
Abzweckung beider Werke die Nothwendigkeit einer
ganz verfchiedenen Form und Behandlungsweife. Die
trefflichen Analyfen und Charakteriftiken in zufammen-
hängender Darfteilung machen das auf folider Forfchung
ruhende, aber nur mit den nothwendigften literarifchen
Verweifungen befchwerte Werk von Ebert zu einer anziehenden
, feffelnden, in die geiftige Entwicklung einführenden
Leetüre, wobei aber hinfichtlich des gelehrten
Apparats viel vorausgefetzt wird. Dagegen trägt die
Literaturgefchichte von Teuffei ganz den Charakter einer
trefflich ausgerüfteten gelehrten Schatzkammer, eines
Repertoriums, worin der Lernende ficher ift, nach allen
Seiten hin erwünfehte und bei aller Prägnanz fehr voll-
ftändige Auskunft zu erhalten. Unter den trocknen Paragraphen
folgen die aufserordentlich reichhaltigen, wohlgeordneten
Anmerkungen, die man fich nur nicht etwa
als rohe Anhäufung bibliographifchen Stoffs denken darf,
da fie fehr forgfältig und kritifch durchgearbeitete, in
den verfchiedenften Beziehungen orientirende, oft mit
wenigen Worten erwünfehtes Licht gebende Bemerkungen
über die Schriftfteller und ihre Werke nach Form
und Inhalt enthalten. Begreiflicher Weife macht zwar
diefes Werk fo wenig wie etwa das Ebert'fche und das
ältere fleifsige aber wenig kritifche von Bähr eine felb-
ftändige Bearbeitung der lateinifchen Patriftik nach theo-
logifchem Gefichtspunkte überflüffig. Nicht nur die
Maffenhaftigkeit der theologifchen Production, fondern
auch die allgemeine Aufgabe feiner Literaturgefchichte
macht es Teuffei geradezu unmöglich, in die innere theol.
Entwicklung als folche, namentlich die dogmatifch-pole-
mifche und die Behandlung der Exegefe fich irgend tiefer
einzulaffen. Gar manches, was eine patristifche Literaturgefchichte
aufnehmen müfste, mufs hier übergangen,
Vieles kann nur geftreift werden. Dennoch ift die Nutzbarkeit
des Werks auch für den Theologen eine grofse,
dankbar anzuerkennende. Für's Erlte nämlich vermittelt
es dem Theologen, der ja auf diefem Gebiete der Ilandreichung
Seitens der Philologie beftändig bedarf, die
Bekanntfchaft mit dem, was von philologischer Seite her
für die einzelnen lateinifchen Kirchenfchriftfteller gethan

J worden ift und wovon fo Manches bei der Ausdehnung
der philologifchen Literatur, ihrer Verzweigung in Zeit-
fchriften, Monographien, Programmen und Differtationen
dem Theologen nur gar zu leicht entgeht. Nicht.jninder
wichtig aber ift der Dienft der Orientirung in der gleichzeitigen
nicht-theologifchen Literatur, deren der Theolog
je länger je weniger entbehren kann. Immer unabweisbarer
macht fich ja die Aufgabe geltend, die eigentlich
kirchliche und theologifche Entwicklung in die innigfte

I Beziehung zu Hellen zur geflammten gleichzeitigen Cul-
turbewegung. Dies gilt nicht nur für das Verfiändnifs
der Anfänge chriftlich-lateinifcher Cultur (Minucius Felix,
Tertullian, Arnobius, Lactantius), fondern nicht minder
für die Zeit der Herrfchaft der Kirche. Hier bedarf es
zur Wahrnehmung der wirklichen geiftigen Atmosphäre
nicht blofs des Blickes auf die grundfätzlichen Vertreter
des Heidenthums (wie Ammianus Marcell., den heid-
nifchen ganz in der Aftrologie Heckenden Firmicus Maternus
neben dem gleichnamigen chriHl. Apologeten,
A. Symmachus, Rutilius Namatianus etc.), oder auf einen
C. Marius Victorinus, der erfl im vorgerückten Lebensalter
dem ChriHenthum fich zugewendet und von viel-
feitiger Thätigkeit als Grammatiker,.Rhetor und Philofoph
noch zu theologifcher Arbeit übergegangen ifi, fondern
auch der Vergegenwärtigung folcher Männer, welche wie
Aufonius das ChriHenthum zwar aeeeptiren, dabei aber
wefentlich in einer literarifchen Gedankenwelt verharren,
welche fehr wenig von demfelben beeinflufst iH. Je
mehr weiterhin auch die nichttheologifche Literatur eine
chriftliche wird, d. h. eine von chriHlichen Verfaffern