Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1876

Spalte:

73-76

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lenormant, François

Titel/Untertitel:

Les sciences occultes en Asie. La magie chez les Chaldéens et les origines accadiennes 1876

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung

Herausgegeben von Prof. Dr. E. Schürer.

Ericheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig, J. C. Hixirichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

1. Jahrgang.

5. Februar 1876.

N°- 3.

Lenormant, La magie chez les Chaldtens

(Baudiffin).
Volkmar, Paulus' Römerbrief (Weifs).
Teuffcl, Gefchichte der römifchen Literatur.

3. Aufl. (Möller).

De Roffi, Mufaici criftiani (Brockhaus).

Dreydorff, Pafcal's Gedanken über die Religion
(Bender).

Vilmar, Dogmatik, 2 Thle. (Herrn. Schultz).

Ahlfeld, Ein Kirchenjahr in Predigten (Lehmann
).

Schloffer, Göthe's Iphigenie nach ihrem re-
ligiös-fittlichen Gehalt (Lindenberg).

Lenormant, Frangois, Les sciences occultes en Asie.
La magie chez les Chaldeens et les origines accadiennes.

Paris 1874, Maisonncuve et Cie. (X, 363 S. 8.)

Der Verf. hat fchon früher in feinen Etudes accadiennes
Bd. I (1873) und neuerdings in der Schrift: La
langue primitive de la Ckaldie et les idionies touraniens
(1875) — an letzterer Stelle mit Bezug auf Halevy's
Zweifel an einer akkadifchen Sprache — die akkadifchen
Keilinfchriften unterfucht, um mit den Mitteln der Sprachvergleichung
den turanifchen Charakter diefer Sprache zu
erweifen. Auf einem andern Wege gelangt er zu dem-
felben Ziel in der vorliegenden Schrift, nämlich auf dem
der vergleichenden Religionswiffenfchaft.

Zunächft wird eine Darfteilung der von den Chal-
däern geübten Magie gegeben durch Mittheilung einer
grofsen Anzahl mägifcher Formeln in Ueberfetzung und
mit Erklärungen. Sie find faft fämmtlich in akkadifcher
Sprache verfafst mit beigefetzter affyrifcherUebertragung;
nur von wenigen liegt allein ein affyrifcher Text vor.
Die Texte finden fich zum Theil in den Cunciform in-
scriptions of Western Asia Bd. II, und diefe find fchon
früher von Oppert überfetzt worden; die fpäter aufgefundenen
find gefammelt in Bd. IV. des grofsen In-
fchriftenwerkes, deffen Tafeln dem Verf. durch befondere
Vergünftigung bereits bei feiner Arbeit vorlagen. Als
wefentliche Ergänzung der vorliegenden Schrift, welche
keine Transfcriptionen der Texte enthält, bietet diefe
der zweite Bd. der Etudes accadiennes (I. partie, Paris
1874). Die Täfelchen mit diefen Befchwörungsformeln
gehören einer von Afurbanipal veranftalteten Sammlung

fchen Monotheismus zum Dämonennamen herabgedrückte
Bezeichnung der heidnifchen Götter wie D^brs halten
darf. Auch in jenen Befchwörungsformeln gilt wie in
der altteftamentlichen Vorftellung des Azazel und Jef.
34, 13 f. die Wüfte als ein fpecieller Sitz der Dämonen.
Erhalten find begreiflicher Weife nur folche Befchwörungen,
welche eine wohlthätige Abficht haben; allein aus ihnen
geht hervor, dafs nicht minder eine finftere Zauberkunft
beftand, welche Böfes zu ftiften bezweckte, und welcher
die auf uns gekommenen Formeln vielfach entgegenzuwirken
fuchen. — Da neben Chaldäa im fpäteren Alterthum
auch Aegypten als Ausgangspunkt der Magie gilt,
giebt der Verf. weiter eine Vergleichung der Magie in
beiden Ländern. Die ägyptifche beruht auf dem Glauben,
dafs die Menfchenfeele die Beftimmung habe, nach dem
Tode dem Ofiris gleich zu werden. Dies zu befördern,
wurden nach vielen Beifpielen des Todtenbuches durch
magifche Formeln fchädliche Einflüffe abgewehrt von
dem Leichnam, deffen Erhaltung die Apotheofe der
Seele bedingte. Dann aber legte man den magifchen
Formeln auch die Kraft bei, den Lebenden, der fie fprach,
mit göttlichen Eigen fchaften auszuftatten. Wefentlich
ift der ägyptifchen Magie, dafs fie nicht wirken will auf
gute oder böfe Dämonen, welche die ägyptifche Religion
überhaupt nicht kennt, fondern dafs der Magier, in die
Perfon eines Gottes umgewandelt, den andern Göttern
gebietet. Diefe Art der Magie bezeichnet der Verfaffer
treffend als die theurgifche. Alles diefes findet fich in
der Magie der Chaldäer nicht. Hier werden Dämonen
angerufen, in welchen die Gottheiten eines älteren
Glaubens zu erkennen find. Durch Ueberordnung der

an und zeigen, dafs man bei Befchwörungen fich noch Götterwelt der eingewanderten Semiten wurden fie in diefer
gern der akkadifchen Sprache bediente, als diefe fchon Weife degradirt. Es ift hier unter der Decke des femi-
längft erftorben war, ähnlich wie die fpäteren Griechen tifchen Pantheons der Reft einer dem Fetifchismus nahe
und Römer die unverftändlichen Laute ägyptifcher und flehenden, alfo wefentlich mit magifchen Handlungen
und femitifcher Wörter in magifchen Formeln mit Vor- verbundenen Verehrung der Elementargeifter zu erliebe
anwandten. Der Inhalt der hier mitgetheilten kennen.

Zauberfprüche ift fehr mannigfacher Art; fie find anzu- Um das Verhältnifs diefer beiden mit einander verwenden
gegen Befeffenheit, Gefchwüre, Fieber, Peft und 1 fchmolzenen Religionsformen beurtheilen zu können,

vielerlei andere Krankheiten, zur Bewahrung vor plötzlichem
Tode, gegen Verwüftungen des Meeres und der
Flüffe, gegen Dämonen — fo gegen einen Wüften-
dämon, gegen Incubus und Succubus u. f. w. Auch eine
Anrufung wohlthätiger Geifter wird mitgetheilt. An

läfst Lenormant eine Darftellung der chaldäifch-baby-
lonifchcn Religion in der gefchichtlichen Zeit folgen. In
diefer vortrefflichen Skizzirung ift befonders beachtens-
werth der Nachweis, dafs die Claffification der Götter,
welche wir auf Tafeln der fpäteren Zeit finden, der

diefe Documente anfchliefsend wird eine Darftellung j älteren durchaus fremd ift, fowie der damit zufammen
der Dämonenwelt des chaldäifchen Glaubens verfucht. I hängende Verfuch, den folaren Charakter als den ur

Die Geifter haben ihren Aufenthalt in der Natur wie im
Menfchen; fo werden die Krankheiten als das Werk von
Dämonen betrachtet, und die Medicin ift deshalb ein
Zweig der Magie. Für die altteftamentl. Vorftellungen
ift von Intereffe, dafs wir von einem Dämonenpaar Lil und

fprünglichen der meiften männlichen Gottheiten, den aftra-
len als einen erft fpäter ihnen verliehenen nachzuweifen.
Ref. glaubt, dafs der Verf., der hier übrigens nur andeuten
, nicht erfchöpfend abhandeln will, darin noch
weiter hätte gehen können. So ift doch wohl durch

Lilith hören (vgl. Jef. 34, 14), fowie dafs bei den Affyrern Vergleichung mit dem phönieifchen Sonnengott Baal die
sed ein Dämonenname war, fo dafs man nun nicht mehr j folare Bedeutung des Bil aufrecht zu halten, und dann
das altteftamentl. als eine erft durch den ifraeliti- dürfte es weiter nicht unwahrfcheinlich fein, dafs auch

6