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Ausgabe:

1876

Spalte:

68-69

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hofmann, J. Chr. K. v.

Titel/Untertitel:

Ueber die Zukunft der theologischen Fakultäten. Rede 1876

Rezensent:

Schürer, Emil

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Seite 1

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Der letzte Abfchnitt handelt zur abfchliefsenden
pofitiven Ergänzung der bisherigen Abwehr von der
Unzerfetzbarkeit des Chriftenthums. Weder die Wiffenfchaft
noch die Cultur werden das Chriftenthum zerfetzen
. Die Einwände des modernen Denkens gegen
die chriftliche Lehre können die Ueberzeugung des
Chriften von ihrer Wahrheit nicht erfchüttern; denn
diefe Ueberzeugung ftützt fich in erfter Linie nicht auf
eine theoretifche Einficht in die Sache, fondern auf die Erfahrung
von der feligmachenden Kraft des Evangeliums.
Ebenfo wenig wird die Kritik derUrgefchichte des Chriftenthums
zu einem folchen Refultat führen, da die gegenwärtige
lebendige Kraft des Chriftenthums für die Wahrheit
der ihm zu Grunde liegenden hiftorifchen Thatfachen
Bürgfchaft leiftet. Wenn aber Hartmann von einem
unverföhnlichen Gegenfatz zwifchen Chriftenthum und
Cultur redet, fo tritt er in Widerfpruch mit der Gefchichte.
Das Chriftenthum hat felbft eine Cultur erzeugt. Seine
abfolute Transfcendenz ift eine der drehten Behauptungen
des Philofophen. Gegenfatz befteht nur zwifchen einer
chriftlichen Cultur und einer modernen antichriftlichen.
Welche hegen wird, tatst fich nicht fagen. Siegt aber
auch die letztere, fo ift doch damit das Chriftenthum
nicht zerfetzt, fondern wird aus zeitweiliger Hemmung
zu neuer Kraftentfaltung gelangen. — Zum" Schlufs wirft
der Verfaffer endlich die Frage auf, ob denn die Lehren
des chriftlichen Glaubens für die Vernunft total undurchdringlich
bleiben. Er entfcheidet he dahin, dafs wer fich
dem Geifte Gottes öffne, nun auch zu der einzig möglichen
Gotteserkenntnifs gelange, dafs — kurz gefagt —
der Chrift im Chriftenthum auch für fein intellectuelles
Bedürfnifs Befriedigung finde.

Die Grundgedanken diefer Auseinanderfetzung find
richtig, dafs nämlich die unter uns wirkfamen religiös-
htthchen Kräfte des Chriftenthums die Unzerfetzbarkeit
deffelben auch als theoretifcher Weltanficht verbürgen,
und dafs die chriftliche Wahrheit den Vergleich mit der
modernen Weisheit fehr wohl auszuhalten im Stande ift.
Ueber einzelnes in der Ausführung und Begründung
wollen wir mit dem Verfaffer nicht rechten, da hier nicht
der Ort dafür ift. Aber die Frage ift am Platz, ob nicht
die Erörterung im Intereffe des apologetifchen Gefchäfts
unter einen allgemeineren Gefichtspunkt hätte gehellt
werden follen. So wie fie jetzt lautet, ift fie eigentlich
nur für den gefchrieben, der in der Hauptfache mit dem
Verfaffer einig ift. Für den' Gegner bleibt das meifte
blofse Behauptung. Und damit ift dann der eigentliche
Zweck aus dem Auge gelaffen. Eine allgemeinere Erörterung
hätte aber auf einen Vergleich ausgehen und
zeigen müffen, dafs jede durchgeführte Weltanficht noth-
wendig Einwänden des exacten Denkens unterliegt, das auf
diefem Gebiet aber nicht das letzte Wort hat. Es wäre
dann klarer hervorgetreten, dafs der Angriff" nicht der des
Denkens auf das Chriftenthum ift, fondern einer — und
zwar im höchften Grade problematifchen — Weltanficht
auf die andere.

Doch — das mag Sache der Meinung fein. Zu
wünfchen wenn auch kaum zu hoffen ift, dafs die kleine
gut gefchriebene Schrift in den Kreis der Lefer Hart-
mann's dringe und denen diene, welche noch nicht zum
blinden Glauben an die neue Philofophie fortgefchritten
find. Milde ift fie jedenfalls bei allem fcharfen Widerfpruch
gehalten. Vielleicht hätte fogar die bisweilen
hervortretende Unwiffenheit Hartmann's in theologifchen
Dingen und der zum anfpruchsvollen Ton nicht recht
paffende Dilettantismus der ganzen Schrift eine etwas
derbere Zurechtweifung verdient. Die Sprache ift meift
klar und durchfichtig, dabei aber edel gehalten, was in
wohlthuendem Gegenfatz zu dem die Grenzen häufig
überfchreitenden Hafchen nach populärer Ausdrucksweife
bei Hartmann fleht.

Bafel. J. Kaftan.

Di Ii mann, Aug., Rede beim Antritt des Rectorats der
königl. Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin am 15.
October 1875. Berlin, 1875. (16 S. 4.)

Hofmann, J. Chr. K. v., Ueber die Zukunft der theologischen
Fakultäten. Rede beim Antritte des Prorektorats
der Univerfität Erlangen. Erlangen 1875, Deichert.
(20 S. 8.) M. — 40.

Auf diefe beiden Rectoratsreden, deren erftere auch
in der Prot. Kirchenzeitung 1875 Nr. 45 abgedruckt ift,
glauben wir wenigftens kurz hinweifen zu follen, da fie
beide eine Debensfrage der Theologie behandeln: die
Frage nämlich, ob unfere theologifchen Fakultäten auch
fernerhin als integrirende Beftandtheile der Univerfitäts-
körper fortbeftehen follen und können. In der Berliner
Rectoratsrede wird diefe Frage mit voller Freudigkeit bejaht
. Denn die Religion (die ihre höchfte Blüthe im Chriftenthum
erreicht hat) ift ein integrirenderBeftandtheil unteres
Geifteslebens; darum auch die Wiffenfchaft von ihr ein we-
fentliches Glied in der universitas litcrarum. Und die Pflege
der theologifchen Wiffenfchaft in lebendiger Wechfelwir-
kung mit den übrigen Wiffenfchaften liegt ebenfo fehr im
Intereffe des Staates wie der Kirche; in dem des erfteren.
weil die Religion eine allgemeine Culturmacht ift; in dem
der letzteren, weil nur fo eine theologifche Wiffenfchaft
wirklich gedeihen kann. Weit peffimiftifcher fieht
die Erlanger Rectoratsrede in die Zukunft. Sie hält den
Fortbeftand unterer theologifchen Fakultäten für ernft-
lich bedroht, theils weil man (theoretifchj denjenigen
Thatbeftand, welchen die chriftliche Theologie als das
ihr eigentümliche Object vorausfetzt (nämlich den Thatbeftand
,einer Gemeinfchaft Gottes und der Menfchheit,
welcher nicht aus der Selbftentwickelung der Menfchheit
herausgewachfen, fondern durch eine Gefchichte, die fich
zwifchen Gott und ihr begeben hat, verwirklicht ift'), nicht
mehr als thatfächlich und wirklich anerkennen will, theils
weil man 'praktifch) die kirchliche Gemeinfchaft ,aus dem
in die ftaatliche Ordnung verfafsten Gemeinfchaftsleben'
ausfchliefsen will. Aus beiden Urfachen foll die Befei-
tigung der theologifchen Fakultäten ,früher oder fpäter'
zu erwarten fein, worin freilich der Verfaffer keine Schä-
| digung, fondern vielmehr eine Befreiung des Chriftenthums
und der Theologie von wechfelnden Zeitmeinungen
i und jeweiligen Einrichtungen erblicken würde. — Referent
j bekennt fich in allen Hauptpunkten zu den Ausführungen
1 der Dillmann'fchen Rede. Ein jeder der die Religion
überhaupt und das Chriftenthum insbefondere für eine
i reale und berechtigte Thatfache hält, mufs doch wenig-
i ftens die Forderung aufrecht erhalten, dafs auch die Um-
j versitas lilerarum fich damit befchäftige, gleichviel ob
,man' will oder nicht. Und in praktifcher Hinficht ift
ja an den freikirchlichen Seminaren aller proteftantifchen
Denominationen zur Genüge zu fehen, wohin derartige
Anftalten führen. An ihren Früchten follt ihr fie erkennen
'.

Leipzig. E. Schür er.

Uotis.

| Tov tv äyioig ffOtjpog tjfuiv KXrj (tSWtos istUht6nov 'Pttfitjg
ui dvo Ttgog KoQiv&iovg IniOxolal. Herausgegeben
nach einer Handfchrift in der Bibliothek des
Patriarchats vonjerufalem durch Philotheus Bryen-
nius, Metropolitan von Serrä. Konftantinopel, 1875. 8.

Ueber diefe neue Ausgabe der Clemensbriefe, welche
I nicht verfehlen wird, in der theologifchen Welt grofses
i Auffehen zu erregen, bringt die Augsburg er Allge-
j meine Zeitung vom 7. Januar 1876, Nr. 7, Beilage,
eine kurze Anzeige aus der Feder des bekannten Orien-
1 taliften Dr. Mordtmann, der wir Folgendes entnehmen: