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Ausgabe:

1876 Nr. 26

Spalte:

684-685

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Leonhardt, Das christliche Gebet. 7 Vorträge 1876

Rezensent:

Kaftan, Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 26.

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der Satzbau, fo ift doch die Anlage des Buches durchfichtig
und überfichtlich. Ein gewiffes Gefchick in der
Auswahl und Gruppirung wird Niemand dem Autor be-
ftreiten. Die Polemik ift fo fiegesgewifs, dafs fie alle
gegnerifchen Meinungen mit Ruhe und Sicherheit abthut.
Wer den von Philippi eingenommenen Standpunkt als
den allein berechtigten bewiefen haben will, wird das
Buch gewifs fehr befriedigt aus der Hand legen.

Die Dogmengefchichte freilich wird fich nicht fo
leicht bei den vonPhilippi beliebten Meinungen beruhigen.
Dafs die lutherifche Lehre von der unfichtbaren Kirche,
über die fich Philippi befonders ausführlich verbreitet,
eine fehr wechfelvolle Gefchichte durchlaufen hat, ift
unterem Autor ganz unbekannt. Luther's bezügliche Anflehten
werden nur nach denjenigen Seiten hin dargeftellt,
nach welchen fie mit Zwingli's Lehre harmoniren. Ueber-
haupt kennt Philippi von dem proteftantifchen Dogma
nur die Zwingli'fche Formulirung und die von derfelben
abhängige Weiterbildung; die echt und genuin lutherifche
Auffaffung fcheint ihm fremd zu fein. Er ift darin der
getreue Fortfetzer der Gerhard und Quenftedt, mit denen
er auch die rührende Naivität gemein hat, auch in diefem
Stücke die reformirten Irrlehren zu beftreiten. Luther
ftimmt mit Melanchthon, diefer mit Chemnitz; denn weil
letzterer in feinen Locis die Melanchthon'fchen Loci zum
Grunde gelegt und diefelben fortlaufend commentirt,
fo wird gerade er als der authentifchfte Interpret ihres
genuinen Sinnes zu betrachten fein S. 68!! Aber auch
zwifchen Gerhard und Chemnitz herrfcht völlige Ueber-
einftimmung. Kurz alle Zeugen find ganz gleicher Anficht
. S. 126 f.: ,Auch über diefen Punkt exiftirt durchgängig
nur eine einhellige Lehre in unferer Kirche, eine
völligeUebereinftimmung zwifchen Luther, den Symbolen
und fämmtlichen älteren auf den Symbolen ruhenden
rechtgläubigen Dogmatikern'. Nur fchade, dafs fich der
Urfprung diefer Lehre zwar bei Zwingli und dem Heidelberger
Katechismus, aber was die orthodox lutherifche
Geftalt anlangt, weder bei Luther noch bei Melanchthon
findet.

Ich kann an diefer Stelle nicht im Einzelnen den
Gegenbeweis gegen Philippi antreten und bedarf dies
wohl um fo weniger, als ich denfelben fchon anderwätts
geführt habe. Auf's Neue aber hat fich mir gezeigt,
dafs eine genetifche Darftcllung der proteftantifchen
Lehre von der Kirche mit den von Philippi ignorirten
Vorreformatoren Wiclif und Hus beginnen und nicht an
Luther, fondern an Zwingli fich orientiren mufs, wenn
anders eine objective Kenntnifs der gefchichtlichen Entwicklung
gewonnen werden foll.

Was die Lehre vom Amte betrifft, fo befindet fich
Philippi in eben folchem Widerftreit mit den gefchichtlichen
Zeugnifsen wie hinfichtlich des Kirchenbegriffes.
Seine Prämiffen würden viel eher auf den reformirten
als auf den melanchthonifchen Amtsbegriff führen; aber
für ihn ift es undenkbar, dafs Luther's Principien in irgend
einem Stück von Calvin getreuer und richtiger interpretirt
worden feien als von den fogenannten orthodoxen Lutheranern
. Nur das Eine füge ich noch bei. Auf S. 151
meint Philippi, die Reformirten hätten nirgends einen
Satz wie der tractatus de potestate et primatu papae, dafs
die claves principaliter et immediate der Kirche übergeben
feien; Heppe wenigftens wüfste hiefür nur einen
Nichts beweifenden Satz aus Marcfius anzuführen. Hätte
Philippi bei Heppe nicht blofs Belegftelle 48, fondern
auch Belegftelle 46 gelefen, fo würde er vielleicht anders
geurtheilt haben. Seine Behauptung ruht aber auf einer
gründlichen Verkennung der reformirten Lehre, die ihren
elementarften Sätzen untreu werden müfste, wenn fie
die claves in Petro einem anderen Subject als der Kirche
übergeben fein liefse. Ich führe nur beifpielsweife Franc.
Turrettini Inst. p. III p. 333 an: per traditionem
clavium regni coelorum factam Petro et in ejus persona
toti ecclesiae. Hier hat ja Philippi das von ihm ver-

mifste tradere, nicht blofs destinare, und anders als fo,
wie fich Turrettini ausdrückt, kann das principaliter et
immediate ja auch gar nicht verftanden werden. Man
vgl. übrigens auch noch Maftricht p. 948 und Pictet
p. 865.

Der Schriftbeweis dreht fich felbflverftändlich um
die drei Begriffe Himmelreich, Kirche und Amt, befteht
aber wefentlich nur in einer Paraphrafe der neutefta-
mentlichen Belegftellen. Wie fich das Reich Gottes
zum Reiche des Sohnes verhalte, wird S. 190 nicht erklärt
, fondern lediglich mit Berufung auf 1. Kor. XV 28
abgemacht. Die zu löfende Schwierigkeit foll alfo die
Löfung felbft fein. Ueber die Umbildung von Reich
Gottes in Kirche bleiben wir im Dunkeln. Die beiden
Begriffe werden neben einander behandelt, aber nicht
in ihrem inneren Verhältnifs zu einander und in der gefchichtlichen
Abhängigkeit des einen vom anderen erwogen
. Matth. XVI 18 ift nach der althergebrachten
proteftantifchen Auslegung erklärt; zur Erleichterung
des Verftändnifses von nltQU und Iltigog wird paulini-
fcher Sprachgebrauch herbeigezogen. Dafs ezxAijat'a im
Neuen Teftament verfchiedene Bedeutungen hat, kommt
gelegentlich zur Sprache; eine reinliche Sonderung und
Begriffsbeftimmung diefer verfchiedenen Bedeutungen
fuchen wir aber vergebens. Der Epheferbrief bringt wie
der Brief an die Hebräer eine mit den Korintherbriefen
ganz übereinftimmende Lehre. S. 246: ,Neue Momente
fügen die übrigen apoftolifchen Briefe nicht hinzu, fondern
documentiren nur diefelbe Anfchauung von der
Kirche, die wir in den paulinifchen Briefen gefunden
haben'.

Mit den neuern kritifchen Forfchungen fetzt fich
Philippi gar nicht aus einander. Seine Darfteilung ift
lediglich Repriftination alter Anflehten und macht auch
nur den Eindruck des Veralteten. Aufser der deutfehen
Sprache erinnert nur fehr Weniges daran, dafs man
einen Schriftfteller des 19. Jahrhunderts vor fich hat.
Faft fpurlos find die letzten 150 Jahre vorübergezogen.
Die epitheia ornanlia für die Römifchen, die Fanatiker
und die Calviniften find ein Bischen anders und auch
ein wenig urbaner geworden; im Uebrigen aber erweckt
das Buch nur dadurch befonderes Intereffe, dafs es die
Jahreszahl 1875 trägt.

Strafsburg. Alfred Kr aufs.

Leonhardt, Dr., Das christliche Gebet. 7 Vorträge, mit
Vorwort von D. Brückner. Berlin 1876, Berggold.
(IV, 164 S. 8.) M. 2. 40.

Das Gebet ift fo allgemein wie die Religion, und
diefe gehört wefentlich zum menfehlichen Geiftesleben.
In der wahren Religion, d. h. im Chriftenthum, erreicht
auch das Gebet feine volle Wahrheit als innerlicher
Verkehr des Menfchcn mit Gott. Das Vaterunfer ift
nicht das allein zu verwendende Gebet, aber die Norm
für den Inhalt alles chriftlichen Betens. Das Gebet foll
gefchehen ohneUnterlafs, fofern alles, was wir thun, im
Namen Jefu gefchieht; als befondere Uebung ift es Einzelgebet
, Gemeindegebet und Fürbitte. So weit die vier
erften Vorträge über die Thatfache, die Wahrheit, den
Inhalt und die Geftalt des Gebets. Der fünfte und
fechfte Vortrag fuchen die Einwände gegen die Gebets-
erhörung aus dem Wege zu räumen. Der fiebente be-
fpricht die Vollendung des Gebets als Gebet im Namen
Jefu.

Diefe Vorträge find, nach der Vorrede zu urtheilen,
nicht gehalten, fondern gleich für den Druck ausgearbeitet
worden. Der Verfaffer will nichts neues geben, wohl
aber das alte in einer Form bieten, welche geeignet ift,
Ferneftehende heranzuziehen, ohne der Wahrheit etwas
zu vergeben. Diefe Abficht ift auch den einzelnen Ausführungen
anzumerken. Ob die Schrift dazu geeignet ift,