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Ausgabe:

1876 Nr. 26

Spalte:

682-684

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Philippi, Friedr. Ad.

Titel/Untertitel:

Kirchliche Glaubenslehre 1876

Rezensent:

Krauss, Alfred

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 26.

682

Redner, wie wenige; noch mehr aber wegen feines
,theologifchen Standpunkts' (Cap. 10). Religion ift
ihm Sache des Gemüths: im innern Leben des Menfchen
vollzieht fich das Verhältnifs zwifchen dem Unendlichen
und dem Endlichen, als eine geiftige Wechfelbezichung.
Dies Verhaltnifs ift eine Realität, hat objective Wahrheit
: die Vorftellungen darüber, über Gott, fein Verhaltnifs
zur Welt und zum Menfchen find Producte des
menfehlichen Geiftes. Soweit fie den rein innerlichen
Gcgenftand der religiöfen Beziehung finnlich faffen und
daher der natürlichen Welt als eine überfinnliche ent-
gegcnftcllen, find fie blofse Vorftellungen, und zwar
von einem Gebiet, von dem man wiffen kann, dafs es
aufser dem Geifte nicht exiftirt. Der religiöfe Werth
der Glaubensvorftellungcn liegt alfo nur darin , wie
weit fie Ausdruck innerer Vorgänge im Gemüth find;
die Frage dagegen, ob diefe Vorftellungen als folche
Wahrheit find, ift Sache der Wiffenfchaft. Dadurch
fuchte Lang fowohl Wiffenfchaft als Religion, jede in
ihrem Recht und Anfpruch an den Menfchengcift voll-
ftändig zu wahren. Als ,Führer der Reform' (Cap. 12)
wirkte Lang theils als Redactor der Zeitftimmcn (fpätcr
Mitredactor derReform) und populär theologifdicr Schrift -
fteller, vor allem aber als Redner auf Vcrfammlungen.
Seine Thätigkeit war naturgcmäfs zunächft polemifch
und zwar nach rechts, gegen die alte Kirche und ihre
Formen, — denn das, worin beide einig waren, die Realität
und objective Gültigkeit des innern religiöfen Vorgangs
, ward ja von Niemand beftritten. In der Polemik
war Lang fcharf, fchneidig und rückfichtslos, confequent
auch den letzten Reft aller finnlichen Vorftellungen den
Forderungen des Vcrftandes zum Opfer bringend ; dabei
that er oft den Gegnern, befonders den Vermittlungstheologen
Unrecht, indem er die äufserften theoretifchen
Confequenzen des kirchlichen Glaubens, wie fie für ihn
feftftanden, auch jenen aufbürdete. — Doch war das
nicht die einzige Seite des Kampfes, oder gar Lang's
einziges Intereffe an der Religion, — im Gegentheil, ihm
ftand bei allem Kampf gegen die Formeln der alten
Kirche die reale Macht und die hohe Bedeutung der
Religion zu feft, dies religiöfe Leben war zu fehr das
Treibende der ganzen Perfönlichkeit, als dafs er nicht über
die Negation jener Vorftellungen hinausgehend, für die
Religion hätte in die Schranken treten follen. An äufserer
Veranlaffung, feinen Standpunkt auch gegen links hin
geltend' zu machen, fehlte es Lang nicht, dazu trieb ihn
ichon die Wahrnehmung, dafs in feiner Nähe fo Viele nur
fein Nein begierig aufnahmen, um fein Ja entweder ftill-
fchweigend zu übergehen oder offen aufzugeben, dazu aber
trieben ihn vor allem die Aufftellungcn von Straufs, Hartmann
, Lange. Gegen alle drei hat Lang die Religion als
reale objectiv wirkliche Wechfelbezichung zwifchen dem
unendlichen und dem endlichen Geift innerhalb und auf
dem Boden des endlichen Menfchengeiff.es vertheidigt, —
nicht, als ob er, wie bisweilen gefagt, durch diefe Angriffe
felbft pofitiver geworden fei, nachdem er gefehen, wohin
fein Streben confequenter Weife führen müffe, fondern
diefe Angriffe wurden nur die äufsere Veranlaffung, dafs
Lang die pofitive Seite feines Standpunktes, die ffets vorhanden
und auch ffets ausgefprochen war, mehr in den
Vordergrund ffellte. Diefen Kampf um die letzten Pofi-
tionen des Chriftenthums behandeln Cap. 14—17. Straufs
verwirft alles Chriftenthum, ja, alle Religion bis auf den
Reff eines natürlichen Gefühls für das Univerfum, und
dies Univerfum fafst er von feiner materialiffifchen Welt-
anfehauung aus rein naturaliffifch, mit Verwerfung eines
geiftigen Princips. Lang wirft ihm vor: 1. Venvechfelung
der Religion mit der zeitweiligen religiöfen Vorftellung; 2.
dafs der religiöfe Charakter des Chriftenthums in die Weltflucht
gefetzt und das entgegengefetzte Moment der
Weltüberwindung im Reiche Gottes überfehen wird;
3. dafs die Bedeutung der Kirche, als Pflegerin der idealen
Güter innerhalb der Gefammtheit des Volkslebens überfehen
wird; 4. den Bankerott des philofophifchen Denkens
, das im Materialismus ffecken bleibt. Hartmann
fleht von feinem peffimiftifchen Gefichtspunkt aus die
Wahrheit des Chriftenthums in der Verneinung diefer
Welt, die Unwahrheit desfelben darin, dafs es alles in
eine jenfeitige Welt verlegt, die optimiftifch vorgeftellt
wird. Der moderne Proteftantismus behält die Unwahrheit
, verliert die Wahrheit, indem er jenen Dualismus
aufhebt und die Verpflanzung des jenfeitigen, optimiftifch
vorgeftellten Gottesreiches auf den Boden diefer Welt
zum Kern der Religion macht. Lang ift mit manchen
diefer Aufteilungen einverftanden, aber: die Religion ift
ein Auffchrei der Seele nach Erlöfung, aber nicht nach
Erlöfung aus dem Dafcin, als dem Uebel, fondern aus
dem Uebel am Dafein, nicht nach Erlöfung ins Nichts,
fondern zu Gott, dem höchften Gut und dem Grund des
Dafeins. Lange behauptet als Vertreter des Neo-Kan-
tianismus (der mit nur halbem Vcrftändnifs Kant's deffen
Noiiu/ennn auf eine Welt bezieht über und hinter diefer
irdifchen): Sache wirklicher Erkenntnifs ift nur die Welt
der Sinne; aber über diefer Welt der Sinne giebt es für
den Menfchen noch eine Welt der Ideale, d. h. dem
menfehlichen Geifte wohnt der Vernunfttrieb inne, fich
über der wirklichen Welt eine Idealwelt zu dichten
in der religiöfen Anfchauung und der philofophifchen
Speculation. Diefelbe ift nur fubjective Dichtung, der
in der realen Welt nichts entfpricht, aber fie ift ein
fchöncr Traum, der allein vermag uns über die Nöthen
des Lebens zu erheben. Ihm gegenüber beftreitet Lang
ebenfofehr die Zerreifsung der Welt in eine reale Welt
der Sinne und eine blofs erdichtete Welt der Ideale,
wie er die objective Realität des religiöfen Vorgangs
betont. —

Durch diefe Polemik nach links ift Lang's Wirkfam-
keit erft allfeitig abgerundet, und das dürfte zugleich
der Punkt fein, an dem feine Freunde und Gegner fich
am erften begegnen; — feine Gegner, d. h. diejenigen
von rechts, wenn fie bedenken, dafs hier Lang gerade
für das gekämpft hat, was auch fie mit allen Anhängern
der Religion gegen die offnen Feinde derfelben heutzutage
nicht eifrig genug vertheidigen können, nämlich die
Realität und objective Geltung, damit die Berechtigung
der chriftlichen Religion; feine Freunde und befonders
die praktifchen Geiftlichen unter ihnen, indem fie merken
und fich zu Herzen nehmen, dafs die freie Theologie
nur allzulange fchon in den Negationen flecken geblieben
ift, dafs es endlich an der Zeit ift, nicht blofs den gemein-
famen Gegnern zur Linken entfehieden entgegenzutreten,
fondern auch vor allem danach zu ftreben, wirklich pofi-
tiv religiöfes Leben in den Gliedern der Gemeinde zu
wecken, denn nur die Partei hat die Zukunft, die am
meiften im Stande ift, in den Gliedern der chriftlichen
Gemeinde wahrhaft religiöfes Leben zu wecken und zu fördern
, — und wer wird leugnen können, dafs auf dem Gebiet
die Leiftungen des ,modernen Proteftantismus' noch recht
fchwach find. — Nach diefer Seite hin befonders möchten
wir das Studium der vorliegenden Schrift Jedermann
auf das Wärmfte empfehlen.

Jena. Bernhard Pünjer.

Philippi, Confift.-R. Prof. Dr. Friedr. Ad., Kirchliche
Glaubenslehre. V. Die Lehre von der Heilsordnung,
von den Gnadenmitteln und von der Kirche. 3. Abth.
Die Lehre von der Kirche. Gütersloh 1875, Bertelsmann
. (292 S. gr. 8.) M. 4. 50.

Philippi giebt zuerft feine eigene Lehre von der Kirche,
von ihrem Wefen und ihrer Erfchcinung, von dem Unter-
fchiede zwifchen fichtbarer und unfichtbarer Kirche und
von dem Amte, dann die kirchliche Bewährung für die
aufgeftellten Behauptungen und fchliefslich die einfchla-
gende neuteftamentliche Exegefe. Wenn auch nicht immer