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Ausgabe:

1876 Nr. 26

Spalte:

671-672

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Roos, Joh.

Titel/Untertitel:

Augustin und Luther. Ein historisch-apologetischer Versuch 1876

Rezensent:

Kolde, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 26.

672

gefunden worden, Stücke aus dem A. und N. T. enthaltend
, insbesondere Pfalmen nach LXX, einige Lectionen
aus Deut., Jes. und Prov., aus den Ew. und der Apoftel-
gefchichte, Hymnen, Heiligenleben und theologifche
Werke. Leider ift aber alles fo fragmentarifch, dafs der
Inhalt der letzteren kaum mit Sicherheit ermittelt werden
kann, doch fcheinen fie meift Predigten zu fein und alle
find wohl aus dem Griechifchen überfetzt, eine wenigstens
ift durch die Ueberfchrift dem Chryfoftomus zuge-
wiefen. Welche Arbeit die Entzifferung diefer meift
ftark befchädigten Blätter, von denen viele Palimpfefte
find, gemacht haben mufs, kann nur der würdigen, der
die beigegebenen vorzüglichen 8 Facfimiles (oder wie
Ref. es mit einem Theil der Originalien im Brit. Muf.
that) genau zu unterfuchen fich die Mühe giebt. Und
was ift der Gewinn diefer Arbeit? Erftens eine Anzahl
von Varianten zum griechifchen Bibeltext, die Land
S. 199—202, 206 f. Sorgfältig zufammengeftellt hat,
weiter eine Bereicherung des fyrifchen Wörterbuchs
(S. 217 ff.), fodann aber vor allem eine Reihe von Zeug-
nifsen über das Vorhandenfein juden-chriftlicher Gemeinden
in Paläftina bis ins XIII. christliche Jahrhundert.
Die Handfchriften, deren fyrifche Charaktere offenbar
den griechifchen Uncialen nachgeahmt find, flammen
aus dem VIII. bis XIII. Jahrh.; dafs die Gemeinden, für
die fie gefchrieben wurden, jüdifchen Urfprungs waren,
zeigt ihr Sprach Schatz: e'xhvt] z. B. in den Pfalmen ift immer
mit E3""0 überfetzt, demfelben Wort, das die Juden in
ihren Verfluchungsformen gegen die Christen zu gebrauchen
pflegten; Kirche mit npvuxs, Synagoge; xixhoc des
A. T. verschiedene Mal in jüdifcher Weife mit Wia,
während die edeffenifchen Syrer dafür K*.*VB| und tna
nur für Chriftus zu gebrauchen pflegen. Wo wir aber
die Heimat diefes Dialektes und diefe judcnchriftlichen
Gemeinden zu Suchen haben, das ift Streitig. Der Vati-
canifche Evangelien-Codex ift nach der Unterfchrift von
einem Abt Elias im Jahr 1030 in einem ,Sternklofter
(Kaukabj in Antiochia der Araber (?) im Gebiet von Jerusalem
, in der Nähe von 'Abud' gefchrieben worden.
Land will in diefem Antiochien Gadara jenfeits des
Jordans erkennen, das diefen Namen geführt haben foll,
und verlegt die Heimat des Dialekts in das Oftjordan-
land, indem er an die bekannte Auswanderung der
Christen nach Pella anknüpft; Nöldeke glaubt in der
Nähe Jerufalems bleiben, und in diefen Fragmenten die
Ucberrefte eines örtlich und zeitlich fehr beschränkten
Dialektes fehen zu müffen; aber in beiden Fällen find
die Fragmente für die Sprachgefchichtc, wie für die
Kirchengefchichte von Wichtigkeit, und wir fagen dem
Herausgeber Dank, dafs er fich die grofse Mühe fie
herauszugeben nicht verdriefsen liefs.

London. E. Neftle.

Roos, Pfr. Johs., Augustin und Luther. Ein hiftorifch-
apologetifcher Verfuch. Gütersloh 1876, Bertelsmann
. (VIII, 152 S. gr. 8.) M. 1. 80.

Nach dem Titel waren wir im höchsten Grade ge-
fpannt auf das vorliegende Buch. Man konnte entweder
einen auch nach fo vielen Vorarbeiten noch immer dän-
kenswerthen Effay über das Verhältnifs Luther's zu
Auguftin erwarten, oder man mufste, wenn man Sich
unter ,hiftorifch-apologetifchem Verfuch' überhaupt etwas
denken kann, darunter eine Art Ehrenrettung verstehen.
Von alledem beabfichtigt der Verfaffer nichts. Er geht
vielmehr darauf aus, den Entwickelungsgang Auguftin's
und Luther's darzustellen mit der Abficht ,daraus gewichtige
Zeugnifse zu gewinnen zur Rechtfertigung des
Chriftcnthums als übernatürlicher göttlicher Offenbarung
und der heiligen Schrift insbefondere als der Urkunde
diefer göttlichen Offenbarung'. Zu diefem Zwecke erhalten
wir denn eine Darfteilung des Lebens und Strebens
Auguftin's, ,des Gefetzlofen', und Luther's, ,des Ge-
fetzesmenfehen', bis zu ihrer Bekehrung resp. Ausbildung
zum Reformator. Man kann hierbei dem Verfaffer nicht
den Vorwurf machen, die Vorarbeiten unbeachtet gelaffen
zu haben. Wie er felbft zugiebt, hat er Sich für Auguftin
Streng an Bindemann angefchloffen, doch nicht ohne,
wie wir ihm gern glauben wollen, Auguftin's Confeffionen
,in dem lateinifchen Original' vor Sich gehabt zu haben.
,Der innere Entwicklungsgang Luther's bis zu feinem
Durchdringen zum Frieden' ift, fo weit derfelbe richtig
dargestellt ift, nichts als ein Auszug aus Köftlin. Dafs
zwifchen dem Erkennen der Wahrheit und dem kräftigen
Eintreten für diefelbe ein grofser Unterfchied zu machen
ift, dafs unzählige Factoren noch hinzukommen mufsten,
um Luther zu dem reformatorifchen Verhalten des Jahres
1520 zu veranlaffen, davon fcheint der Verf. eben fo
wenig zu wiffen, als er es beachtet, wie wichtig für das
Verftändnifs für Luther's Ringen nach dem innern Frieden
der fürchterliche Dämonenglaube war, den er von
Haus aus mitbrachte. Naiv aber ift es, wenn uns, nachdem
der nicht gerade neue Gedanke in den verfchieden-
ften Wendungen ausgefprochen worden, endlich gefagt
wird: ,Luthers Werk ift das Werk der Reformation in
Deutschland. Er baute auf den beiden Grundpfeilern,
,die Rechtfertigung durch den Glauben' und ,dic heilige
Schrift als die urfprünglichc Quelle und normative Autorität
für christlichen Glauben und christliches Leben' die
evangelifche Lehre auf und hat auf fie die evangelifchc
Kirche gegründet'. Wie fchade, dafs dies nicht fo einfach
war. — Erft auf den letzten Seiten kommt der Verf.
zu feinen ,apologetifchcn Refultaten'. Von der That-
fache aus, dafs Auguftin und Luther nur durch das
Evangelium bekehrt wurden, werden Männer wie E-v.Hart-
mann, Straufs und F. Baur, die von Luther gering zu
denken fcheinen, möglichst vernichtet. Dem erltgenannten
wird die Frage vorgelegt, ob man ,Luther zutrauen könne,
dafs er die ganze Energie feines Geiftes, die ganze
Kraft feines Lebens an das Werk der Reformation der
Kirche gewendet habe, ohne auch nur zu merken (sie!), dafs
er mit der Aufstellung des proteftantifchen Princips der
Todtcngräber des Chriftenthums fei'. Nachdem dann alle
,Neuproteftantcn', welche über Infpiration etwas anders
denken als der Verf., abgeurtheilt find, Stellt derfelbe
gegenüber dem falfchen ,Fortfchreitcn der theologifchen
Wiffenfchaft' feine Anficht von einer wahren Theologie
auf, (cf. S. 147 f.), die keinerlei Anfpruch auf Neuheit
machen kann.

Marburg. Th. Kolde.

Lenz, Privatdoc. Dr. Max, Drei Tractate aus dem Schriften-
cyclus des Constanzer Concils unterfucht. Marburg 1876,
Elwert's Verl. (98 S. gr. 8.) M. 2. --

In der von H. v. d. Hardt herausgegebenen Sammlung
von Schriften und Acten zur Gefchichte des Con-
ftanzer Concils befinden fich in Tom. I, pars V, VI und
VII drei Tractate unter den vom Herausgeber gewählten
Titeln de modis uniendi ac refortnandi ecclesiam in
concilio universali, de difficultate ref. in conc. univ.
und vwnita de neces siiate ref. in capite et in mevibris.
Alle drei find anonym auf Hardt gekommen; er aber
fchrieb ganz willkürlich die erfte Johann von Gcrfon,
die zweite und dritte Pierre d'Ailli zu, nahm jedoch die
Autorfchaft des letzteren an der dritten ebenfo flüchtig
in T. I, pars VIII zurück und machte Dietrich von Nieheim
(Theodoricus a Niem in Westfalen) zum Verfaffer von
de necess. ref. Die Unnahbarkeit der erften Hypothefe
hat J. B. Schwab in feinem Werke über ,Gcrfon' (i8|8)
endgültig nachgewiefen; dafs die beiden anderen Tractate
ebenfo wenig von Peter von Ailli herrühren, ift von
dem Ref. in f. Abh. ,der Card. P. v. A. u. f. w.' (Jahrb.
f. d. Th. XX, 2) därgethan worden. Die vorliegende