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Ausgabe:

1876 Nr. 26

Spalte:

657-660

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lenormant, François

Titel/Untertitel:

Die Anfänge der Cultur. Geschichtliche und archaeologische Studien. 2 Bde 1876

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von Prof. Dr. E. Schür er.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

1. Jahrgang. 23. December 1876. N°- 26.

Lenormant, Die Anfänge der Cultur. 2 Bde.
(Biuidiffin).

Tiele, Gefchicdenis van den godsdienft.

(Chantepie de la S.aussaye).
Kucncn, Yahveh and the „other gods" (Bau-

diffin).

Grätz, Gcfchichte der Juden, Bd. I (Kautzfch).
Godet, Commentar zu dem Evangelium Johannis
, deutfch bearbeitet von Wunderlich, | Briefe von Dunkelmännern, ins Deutfche über-

I. Thb, 2. Aufl. (Schürer). fetzt von Binder (Möller).

Margoliouth, The Lord's Prayer no adap- j Kattenbufch, Luther's Lehre vom Unfreien

tation of existing Jewish I'etitions (Schürer). Willen und von der Prädeftination (Moller).

„ . . T in- Tr /xt 01 Jaraczewski, Zur Gefchichte der llexenpro-

Anecdota Synaca ed. Land. T. IV (Neftle). ce(Te h ^ ^ Umgegend (MöUer)K

Roos, Augurtin und Luther (Kolde). Biedermann, Heinrich Lang (Pünjer).

Lenz, Drei Tractate aus dem Schriftencyclus Philippi, Kirchliche Glaubenslehre,V.(Kraufs).

des Conflanzer Conciles (Tfchackert). ( Leonhardt, Das chriftliche Gebet (Kaftan).

Lenormant. Francois, Die Anfänge der Cultur. Gefchicht-
liche und archaeologifche Studien. Autorifirte vom
Verfaffer revidirtc und verbefferte Ausgabe. 2 Bde.
Jena 1875, Coftenoble. (VIII, 267 u. 309 S. gr. 8.)
M. 12. —

Unter den mannichfachcn Abhandlungen diefes im
Original 1874 unter dem Titel: Les preniieres civilisations
(Paris, Maifonncuve & O*) erfchienenen Buches führt eine
die Ueberfchrift: ,Das egyptifche Altcrthum auf der
Weltausftcllung von 1867'; eine Art Wcltausftcllung aus
dem Gebiete der Archäologie bietet Lenormant's Arbeit
felbft. Iis find hier veröffentlicht gefammeltc Effays aus
den verfchiedenften Zweigen der Alterthumskunde,
welche einzeln fchon früher in den Jahren 1867 bis 1873
in Zeitfchriften veröffentlicht wurden, thcils Original-
leiftungen eigener Studien, thcils Refume's fremder
Leiftungcn. Zuerft führen zwei Abhandlungen ein in
die Zeit des fofftlen Menfchcn (eine Darfteilung der Er-
gebnifsc von Hamy's Precis de paleontologie humaine)
und in die Denkmäler der neolithifchen Periode. Dann
folgt eine Reihe ägyptologifcher Abhandlungen: auf An-
lafs der Parifer Weltausftcllung giebt der Verf. einen
Ueberblick über die Gefchichte des alten Aegyptens, eine
Befprechung der ausgcftelltcn Altcrthümer und eine
Kritik der auf der Ausftellung verbuchten Nachbildung
ägyptifcher Bauten; daran reihen fich eine Abhandlung
über das Gedicht des Pentaur, ,Unterfuchungen über die
Gefchichte einiger Hausthiere, befonders in Aegypten'
und endlich ein Verfuch, den Urfprung des ,Romans der
zwei Brüder' zu ergründen. Der zweite Band führt uns
nach Affyricn und Phönicien, in das eigenfte Gebiet des
Verf. Es werden hier behandelt die Sintfluthinfchrift, ,ein
chaldäifchcs (sie) Veda', die Gefchichte des Merodach-
baladan und endlich die Kadmosfage.

Wir können hier nur flüchtig auf diefes Buch auf-
merkfam machen, da theologifches Intcreffe lediglich
drei diefer Abhandlungen in Anfpruch nehmen, und auch
diefe nur in weiterem Sinne. Der Effay: ,Die Sündfluth
und die babylonifche Epopöe' (II, 3—106) handelt zu-
nächft allgemein von dem Epos bei den Affyrern mit
eingehender Bcrückfichtigung jener oft behandelten
epifchenDichtung, welche inDeutfchland durch Schräder
als ,die Höllenfahrt der Iftar' (1874) bekannt gemacht
worden ift (f. jetzt die unferes Wiffens neuefte Ucber-
fetzung in ,Geo. Smith's Chald. Genefis' deutfche Ausg.
S. 187—204 und dafelbfl die Angabe der Literatur
S. 203. 313). Dann wird eine Erklärung der affyrifchen
Sintfluthfage gegeben mit vergleichender Berückfichtigung
der altteflamentlichen Erzählung (vergl. Smith a. a. O.
S. 223—243). Den Schlufs machen Bemerkungen über

das Verhältnifs der Tradition von der grofsen Fluth bei
den Indern zu der bei den Semiten. Lenormant hält
die indifche für fecundär, von den Affyrern überkommen.
— Unter dem zugleich pretentiöfen und unverftänd-
lichen Titel: ,Ein chaldäifches Veda' (IL 107—148) wird
eine Sammlung religiös-lyrifcher Gedichte, an verfchie-
dene Gottheiten gerichtet, überfetzt und erklärt; ähnliche
Gefänge hat auch Schräder (,Höllenf. d. Iftar. Nebft
Proben affyrifchcr Lyrik' 1874) bekannt gemacht, wie
Lenormant verweifend auf die Verwandtfchaft mit den
altteflamentlichen Pfalmen. Diefe darf freilich nicht mit
der Lupe unterfucht werden; es ift kein einziger tieferer
religiöfer Gedanke hier ausgefprochen; lediglich die Erhabenheit
der jeweils angerufenen Gottheit wird in eintönigen
Ausdrücken immer wieder vorgetragen. — Die
Abhandlung: ,Ein babylonifcher Vaterlandsfreund des
achten Jahrhunderts v.u. Z. Merodachbaladan' (II, 149 —
219) handelt von dem auch im alten Teftament
II Könige 20, 12 genannten babylonifchen König. Sie
ift charakteriftifch für die Lebendigkeit, mit welcher der
Verf. das Vergangene zu vergegenwärtigen facht, Im
Grunde wiffen wir von jenem Ehrenmanne Babels gar
nichts, als dafs er im Kampfe mit Affyrien fich als
felbftändigen Herrfcher von Babylon zu behaupten
fuchte. Trotzdem begrüfst der Verf. ihn wie einen langjährigen
Bekannten und hält, rückblickend auf die poli-
t'ifchen Erfahrungen feines franzöfifchen Vaterlandes in
den jüngftvergangenen Jahren feine ,hohe, theilnehmende
Bewunderung' für diefen ,alten outrancicr von Babylon'
nicht zurück. Ucbrigcns erfahren wir trotz diefer Er-
kennungsfeene glcichgeftimmter Seelen auch durch Lenormant
's Abhandlung fehr wenig von Merodachbaladan
felbft; fie ift vielmehr zum gröfseren Theil eine verdienft-
liche, das Verhältnifs der affyrifchen und altteftamentl.
Quellen fehr richtig abwägende Darftellung derBeziehungen
zwifchen Juda und Affyrien unter Sanherib und Hiskia
(in wohlthuenden Gegenfatz tretend zu der von keinerlei
hiftorifchem Takte geleiteten Behandlung dcrfelben
Periode von A. Hildebrandt: Juda's Verhältnifs zu
Affyrien in Jefaja's Zeit 1874). Lenormant nimmt nur
Einen Merodachbaladan an, den Sohn des Jakin, und
erklärt die Angabe II Könige 20, 12: ,Berodachbaladan,
Sohn des Baladan' für fehlerhaft. Wir glauben, dafs
Schräder im Recht ift, wenn er (Die Keilinfchr. u. d. A.
T. 1872 S. 213—227) den hier namhaft gemachten
Merodachbaladan (das 3 ftatt H ift natürlich falfch) für
einen Sohn des Merodachbaladan, Sohnes des Jakin,
hält. Andersfalls würde die Zeit der Aufftandsverfuche
des Einen Merodachbaladan auffallend lang anzufetzen
fein. Wir verweifen für Lenormant's Lefung auf dem
Prisma des Sanherib: .Urmilik, König von Byblos' auf

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