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Ausgabe:

1876 Nr. 25

Spalte:

651-653

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kögel, Rud.

Titel/Untertitel:

Aus dem Vorhof ins Heiligthum. Ein Jahrgang evangelischer Zeugnisse über alttestamentliche Texte. 2 Bde 1876

Rezensent:

Lindenberg, H.

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 25.

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rakteriftik der fchriftflellerifchen Thätigkeit Hamann's
nach Form und Inhalt. Der II. Band will in die Werke
Hamann's einführen und ftcllt, theils citirend, thcils re-
ferirend, die fchriftflellerifche Thätigkeit desfelbcn in
äfthetifcher, politifcher und thcologifcher Beziehung dar.
Die durch die ganze Darftellung hindurchgehende Wärme
und Begeiferung für den Gegenftand läfst über manche
etwas breite Wiederholung hinwegfehen, und der I. Band
dürfte den oben angedeuteten Zweck nicht verfehlen.
Weniger geeignet erfcheint dazu der II. Band, der dem
Kenner der Hamann'fchcn Schriften zu wenig, dem Laien
viel zu viel unverarbeitetes Material bietet. Hätte der
Verf. fich darauf befchränkt, weniger zu citiren und die
Grundanfchauungen feines Autors klar und überfichtlich zu-
fammenzufaffen, — eine zwar fehwicrige, aber nicht unlösbare
Aufgabe — fo würde er mehr, als es jetzt der
Fall ift, den Lefer angeregt haben, die eine oder andere
Schrift Hamann's felber zur Hand zu nehmen. Das bei
der gewählten Art der Darllellung unvermeidliche Ein-
fchieben von Erläuterungen (deren Richtigkeit im Einzelnen
wir hier dahingeftellt fein laffen) hat auf die Dauer
etwas ermüdendes und der weniger bewanderte Lefer
mufs über den vielen Einzelheiten, die ihm entgegengebracht
werden, nothwendig den Faden verlieren. Trotz
diefer in der Anlage des Buches begründeten Mängel
heifsen wir dasfelbe als einen neuen Beitrag zur Würdigung
Hamann's willkommen und wünfehen, dafs es
feinen Zweck, dem lange Verkannten neue Freunde zu
erwerben, erreichen möge.

Nufse bei Mölln. H. Lindenberg.

1. Kögel, Schlofspfr. Hof- u. Domprcd. D. Rud., Aus
dem Vorhof ins Heiligthum. Ein Jahrgang evangelifcher
Zeugnifse über altteflamcntliche Texte. 2 Bde. Bremen
1875. u. 76, Müller's Verl. (VIII, 356 u. VIII,
366 S. gr. 8.) M. 10. 80.

2. Kögel, D. Rud., Der Brief Pauli an die Römer in Predigten
dargelegt. Ein homiletifcher Verfuch. Eben-,
da 1876. (XII, 403 S. gr. 8.) M. 6. —; geb. M. 7. 40.

Das Erfcheinen einer Predigtfammlung von Dr. Rud.
Kögel ift ohne Frage ein Ereignifs in der Gefchichte
der homiletifchcn Literatur. Die in den weiteften Kreifen
bekannten Vorzüge der Predigten des Verfaffcrs, die
unerfchöpflichc Fülle von Gedanken, der Reichthum an
Wendungen und Bildern, die Meifterfchaft, mit kurzen,
fchlagenden Sätzen den Hauptgedanken zu entwickeln,
die edle, kunftvoll gewählte, aber niemals gekünftelte
Sprache — finden fich auch in den vorliegenden Sammlungen
in fchönfter Harmonie vereinigt. Nicht minder
aber bewährt fich an denfelben der alte Satz: ,ßecti/s
facit disertuiu'. Es ift nicht blofs der Gedankenreichthum
, der die Aufmerkfamkeit fortwährend feffelt, nicht
blofs die glänzende Form, die auch den verwöhnten
Hörer oder Lefer beftechen wird; es ift vor Allem die
Wärme der Ueberzeugung, die rückhaltlofe Offenheit
des Bekenntnifses zur evangelifchen Wahrheit, der tiefe
fittlichc Ernft, was diefen Predigten ihre mächtige Wirkung
verleiht. Aus den gedruckten Blättern tritt dem Lefer
ein Mann in Chrifto entgegen, der auf der Höhe der
Bildung feiner Zeit flehend, keiner der geiftigen Strömungen
der Gegenwart fremd, mit voller Begeifterung
fein Zeugnifs von dem Heil in Chrifto ablegt.

Die erfte Sammlung, deren erfter Band bereits 1875
erfchienen war, enthält einen Jahrgang Predigten über
altteftamentliche Texte. Das oft geäufserte Bedenken,
dafs bei gänzlich freier Textwahl der Wiilkür des
Predigers zu weiter Spielraum gelaffcn werde, i(t dadurch
überwunden, dafs fich die gewählten Texte faft ausnahmslos
an die Grundgedanken der Sonntagsperikopen
anfchliefsen, meift in fchr glücklicher Auswahl. So wird

j Mofis Abfchied mit Simeon's Heimfahrt, David's und
I Jonathan's Freundfchaftsbund mit der Hochzeit zu Kana,
die Himmelfahrt des Elias mit Chrifti Hingang in Parallele
geftellt. An das Gleichnifs vom Säemann knüpft der
Verf. das Bild von der Spreu und vom Fruchtbaum
Pf. 1., Kain's Gefchichte wählt er als Gegenftück zur Erklärung
des fünften Gebotes Matth. 5, 21—26, der War-
| nung vor falfchen Propheten Ftcllt er das Gottesurtheil
auf Karmel zur Seite. Es liegt auf der Hand, dafs bei
i diefer Art, zu den Grundgedanken der neutcftamcntlichen
i Perikopen altteftamentliche Gegenbilder zu fliehen, dem
Prediger reiche Gelegenheit geboten wird, von allgemeinerer
Bafis aus auf den Kern des Evangeliums allmählich
hinzuleiten und ,aus dem Vorhof ins Heiligthum' zu
führen. Unerklärlich aber ift es, warum der Verf. zuweilen
diefer Tendenz feiner Predigten untreu wird, indem
er einen ,Doppeltext' voranftellt, einen aus dem alten
und einen zweiten aus dem neuen Teftament. Bei rein
gcfchichtlichen Parallelen mag man fich das allenfalls
gefallen laffen, obgleich dadurch die Predigt an Einheitlichkeit
und damit an Wirkung verliert. Aber wenn z. B.
bei einer Predigt über Pf. 95, v. 6—11 nicht nur Hcbr. 3, 12,
I fondern auch noch Hebr. 4, 11 als Nebentexte verlefcn
werden, fo fieht man in der That nicht ein, was diefe
Stellen als Texte follen, da das Thema der Predigt:
,Es ift noch eine Ruhe vorhanden; 1) Wo ift fie vorhanden
? 2) Wem ift fie vorhanden?' in dem Pfalmwort
hinreichend motivirt ift. Oder wenn ein anderes Mal das
Wort Jef. 42, 3 vom zerftofsenen Rohr und glimmenden
Docht mit der Einladung des Herrn an die Mühfcligcn
und Beladenen als Doppcltext zufammengeftellt wird und
nun Jefus Chriftus, der Heiland der Mühfeligen und Be-
' ladenen'Gegenftand der Betrachtung ift, deren erfter Thcil
I ,in Beifpielen diefe feligc Wahrheit beleuchtet', während
, der zweite ,zur Nachfolge dcrfelben auffordert', fo gehört
1 diefe Predigt in die vorliegende Sammlung offenbar
I nicht hinein, da ihr Gegenftand lediglich aus der neu-
I teftamentlichen Stelle gefchöpft ift. Ueberhaupt gehört
die Textbehandlung nicht zu den hervorragenden Seiten
diefer Sammlung. Der Verf. weicht mehrfach von dem
: aufgehellten Grundfatz: ,Wir verlangen von der Morgendämmerung
kein Mittagslicht' felber ab und wirft alt-
1 teftamentliche und neuteftamentliche Anfchauungcn durcheinander
. Referent ift weit entfernt, den typifchen Charak-
j ter der altteftamentlichen Gefchichte im Grofsen und
Ganzen in Abrede ftellen zu wollen. Aber — um nur
ein Beifpiel anzuführen — in einer fo detaillirten Gegen-
j überftellung Jofeph's und Chrifti, wie fie der Verf., wenn
i auch in höchft geiftvoller Weife, Bd. II. S. 178 verfucht,
vermag er nur eine Parallele zu erkennen, die nicht ,Gott',
! fondern Kögel's glänzende Phantafie ,in den Stiftsteppich
i der heiligen Gefchichte hineingewoben hat'. Je mehr
der Verf. aber fich auf den Boden des Textes ftellt, je
mehr er feine hervorragenden Gaben und feine reiche
paftorale Erfahrung benutzt, um den Text lebendig aus-
! zugehalten, defto eindringlicher wird feine Rede. In
j diefer Hinficht dürften Predigten wie die über Micha 5, 1:
,Bethlehem, die kleine Geburtsftätte des grofsen Herrn'
(Bd. IS. 55) oder über 1. Sam. 20, 42: ,das Lob wahrhaftiger
Freundfchaft, ihre Gabe und ihre Aufgabe'
(Bd. I, S. 118) oder über 1. Mof. 19, 12-29: »Eile und
rette deine Seele' als homiletifche Meifterwerkc daftehen.

Die zweite oben erwähnte Sammlung behandelt den
Römerbrief in Predigten. Wenn der Verf. diefelben auf
S dem Titelblatt als ,einen homiletifchcn Verfuch' be-
1 zeichnet, fo hat er damit wohl auf die hervorragenden
Schwierigkeiten der Aufgabe hindeuten wollen. Und in
! der That mag es als ein kühnes Wagnifs erfcheinen, in
36 Predigten den ganzen Inhalt des Römerbriefcs zu
behandeln und dabei noch Rückficht zu nehmen auf die
Zeit des Kirchenjahrs, auf die fonntäglichen Perikopen,
ja fogar auf befondere Vcranlaffungen wie Krönungsfeft,
Miffionsfeft, Reformationsfeft, Jahresfefte des Jcrufalemer-