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Ausgabe:

1876 Nr. 25

Spalte:

650-651

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Poel, G.

Titel/Untertitel:

Johann Georg Hamann, der Magus im Norden. Sein Leben und Mittheilungen aus seinen Schriften. 2 Thle 1876

Rezensent:

Lindenberg, H.

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Theologifche Literaturzeitung 1876. Nr. 25.

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Rogge. Dr. H. C, Johannes Uijtenbogaert en zijn tijd.

3 Bde. Amsterdam 1874—76, Y. Rogge. (1267 S.
gr. 8.) fl. 13. _
Herr H. C. Rogge, theol. doct. und remonftrantifcher
Pfarrer'in Leyden, hatte fich fchon früher hervorgethan

und dagegen die äufsere, die politifchc Seite zu aus-
fchlicfslich betont; im Ganzen mag er etwas zu viel
Weltmann gewefen fein : er hat aber durch ernften Wandel
und gewiffenhafte Amtsführung viele erbaut, und feine
Ueberzeugungstreue in der Trübfal der Verbannung und
durch die frifche Arbeitskraft des Greifenalters bewährt.

als gründlichcrForfchcr auf dem Gebiete der holländifchen j Auf angenehme Weife hat Dr. Rogge uns diefes

Kirchengcfchichtc im Jahrhundert nach der Reformation. | Leben erzählt und eine reiche Fülle hiftorifchen Materials

Er ift der Verfaffcr einer Monographie über Coolhaes, j jn feine Darftellung verarbeitet. Sein Buch hat klaffifchen

einen Vorläufer der Remonftranten, und der Herausgeber Werth für die Gefchichte der Entftehung des Remon-

der überreichen Correfpondenz Uijtenbogaert'sP) Durch ftrantismus. Freilich hat er die dogmenhiftorifche Seite

diefe letztere Arbeit war er, wie kein Andrer, vorbereitet auffallend vernachläfsigt. Dies hängt zufammen mit

und befähigt zum Biographen des merkwürdigen Mannes,
der eine fo hervorragende Rolle in den kirchlichen und
politifchen Irrungen diefer Zeit gcfpielt hat.

Johannes Uijtenbogaert, Hof- und Feldprediger des
Prinzen Moritz, Freund Louifc de Coligny's und Erzieher
ihres Sohnes, des nachmaligen Statthalters Friedr. Heinrich,
der Vertraute Oldenbarncvclts, hervorragendes Haupt
der Remonftranten, war ein Mann, deffen geiftige Begabung
und grofser Einflufs ihn in den Mittelpunkt der
Bewegung feiner Zeit rücken mufsten. 1557 in Utrecht
geboren, wurde er 1580, nach damaligem Brauch, von
der ffädtifchen Regierung zur theologifchen Ausbildung
nach Genf gefchickt, wo er Beza hörte, fich aber nie
mit der kalviniftifchen Praedeftinationslehre befreunden
konnte. Im Jahr 1584 kehrte er nach feiner Vaterftadt
zurück und war dafclbft bis 1590 als Paftor thätig, ohne
fich in Fragen der Kirchenpolitik befonders zu mifchen,
damals auch noch etwas fchwankend in feiner Stellung
zwifchen der ftrengeren und der freieren Partei. Erft
nachdem er 1590 nach dem Haag übergeficdelt war,
wurde er bald der Rathgeber Oldenbarnevelt's in kirchlichen
Gefchäften, der' gefchickte Vermittler bei den
ftets in wachfender Anzahl vorkommenden kirchlichen
Streitigkeiten. Sein Einflufs bewirkte die Berufung des
Arminras nach Leyden, und nach deffen Tod 11609) die
wo möglich noch verhängnifsvollcre Wahl des Vorstius.
Mag auch wahrfcheinlich die Remonftranz (1610), worin die
Männer feiner Richtung ihre Principien den Staaten von
Holland auseinander fetzten, nicht von feiner Hand herrühren
, fondern von Episcopius, Arminius' Nachfolger
in Leyden, verfafst fein, Uijtenbogaert war doch der
Mittelpunkt und die Seele aller remonftrantifch Gefinnten
in Holland. Als daher mit dem Staatsstreich vom 29. Aug.
i6i8dic Politik, welcher auch er gedient hatte, getroffen war,
begriff Uijtenbogaert, dafs feines Bleibens im Lande nicht
länger fein könne; und er flüchtete fich nach Antwerpen,
fpäter nach Paris und Rouen. Wirklich wurde er denn
auchnichtblofs mitallen Remonftranten vomUrtheilsfpru.cn
der Dordrechter Synode betroffen, fondern auch in den
politifchen Procefs verwickelt, und von den 24 Richtern,
die Oldenbarncvelt zum Schaffot, und die beiden Pen-
fionare H. Grotius und Hoogcrbeets zum Kerker verdammten
, des Landes verwiefen. In der Verbannung
hat er allen Annäherungen und lockenden Anerbieten
von katholifcher Seite mannhaft widerftanden, und,
fowohl aus der Fremde als nach feiner geheimen bald
aber allgemein bekannten Rückkehr (1626), feine ganze
Sorge der Sammlung der zerfprengten Gemeinden und
der Stiftung einer remonftrantifchen Kirche zugewendet.
Er hat die Freude erlebt, diefe Kirche nach den ^tur"ien
der erflen Jahre zu geficherter Exiftenz geführt zu haben,

feiner Unterfchätzung der Bedeutung der dogmatifchen
Streitfrage; eine Unterfchätzung, worüber fich Prof. Rau-
wenhoff (Theol. Tijdschr., Maart 1876) eingehend geäufsert
hat. Dr. Rogge fucht den Schwerpunkt der remonftrantifchen
Bewegung in den kirchenpolitifchen Fragen: nicht
in erfter Linie die Lehre, fondern die kirchliche Autorität
, welche den fymbolifchen Schriften beigemeffen wurde,
erregte bei den freier Denkenden Anftofs. Uijtenbogaert
und feine Freunde find die Apoftel und Märtyrer des
Anti-Confeffionalismus gewefen. Hiergegen macht Prof.
Rauwenhoff geltend, dafs es fich fowohl im Bewufstfein der
Zeitgenoffen als auch in den Verhandlungen (in der Remonftranz
wie bei der Dordrechter Synode) handelte
um die reformirte Lehre, und dafs alfo nicht die
formelle, fondern die materielle Seite der Frage in den
Vordergrund zu rücken ift. Ich denke, dafs man dem
beiftimmen mufs, ohne dafs darum die Verdienfte des
Rogge'fchen Werkes, welche auch Rauwenhoff in feiner
Recenfion völlig anerkennt, gefchmälert werden. Wir
verdanken dem Verf. das Lebensbild eines Mannes, in
deffen Perfon fich das kirchliche Leben feines Zeitalters
fpicgelt.

Hemmen (Niederlande).

P. D. Chantepie de la Saussaye Dz.

Poel, G., Johann Georg Hamann, der Magus im Norden.
Sein Leben und Mittheilungen aus feinen Schriften.
2 Thle. Hamburg 1874—76, Agentur des Rauhen
Haufes. (XV, 438 u. VIII, 640 S. m. photolith. Portr.
gr. 8.) M. 12. —

Hamann gehört noch immer zu den Schriftftcllern,
von denen der Wunfeh der Leffing'fchen Epigramme
gilt: ,Wir möchten weniger erhoben und fleifsiger ge-
lefen fein'. Auch nachdem Diffclhof und Gildemeifter
durch ihre anregenden und eingehenden Arbeiten in die
Dunkelheiten der Hamann'fchen Orakelfprüche Licht gebracht
, nachdem Petri die hervorragendften Schriften und
Briefe des nordifchen Magus, im Zufammenhange feines
Lebens erläutert, neu herausgegeben hat, dürfte der Kreis
der Kenner und Verehrer der .Hamann'fchen Goldmünzen
' kein allzu grofser fein. Unter diefen Umftänden
darf ein Buch, das in weiteren Kreifcn Kenntnifs diefes
originellen und tiefen Geiftes zu wecken fucht, von vorneherein
auf Theilnahme rechnen. Der Vcrfaffer will nicht
neue wiffenfehaftliche Refultate liefern, fondern die Hamann
'fchen Gedanken auch folchen Lefern zugänglich
machen, die ,vor der Hand von einem eigentlichen
Studium der Hamann'fchen Schriften abfehend, fich doch
mit dem Leben und Schaffen diefes aufserordentlichen
und 'ift ''bls' zu den'l'etzten Tagen feines hohen Alters I Mannes etwas eingehender bekannt zu machen wünfehen'.

geifteskräftig, im 88ftcn Lebensjahre (1644; geftorben. | Zu diefem Zweck wird in Band I. Hamann's Leben dar-
Uijtenbo'gaert hat in den vielen Händeln, wobei er geftellp deffen Kenntnifs im Einzelnen z um Verftändnifs
fich als Frieclensftifter verwenden liefs, öfters zu wenig feiner Schriften mehr als bei irgend einem andern Schrift-
Charakterfeftie-kcit bethätigt, er hat die tiefere rehgiole 1 fteller nothwendig ift. Nach einer allgemeinen Ueber-

ficht über die äufseren Lebensereignifse fchildert der Verf.
auf Grund der vorliegenden Briefe eingehend das Ver-
hältnifs Hamann's zu feiner Familie und zu feinen Freunden,
insbefondere zu Claudius, Herder, Jakobi und den beiden
Lindner und fchlicfst den Band mit einer kurzen Cha-

Bedeutung der Fragen feiner Zeit zu wenig verftanden

») Hrieven en omhtgcgcven slukken van Johannes Uijtenbogaert.
3 Theile in 7 Händen. Werken van het histor. Genootsch. te Utrecht.
Ni euwe Serie Nr. II, 12, 15-. 17» '9» 2°' 22p

5'