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Ausgabe:

1876 Nr. 24

Spalte:

619-620

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hofmann, J. Chr. K. v.

Titel/Untertitel:

Die heilige Schrift neuen Testaments zusammenhängend untersucht. Theil VII, Abth. 3: der Brief Jakobi 1876

Rezensent:

Schmidt, Woldemar

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619 Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 24. 620

H ofmann, Prof. Dr. J. Chr. K. v., Die heilige Schrift neuen
Testaments zufammenhängend unterfucht. Theil VII,
Abth. 3: der Brief Jakobi. Gefchichtliche Bezeugung
der Briefe Petri, Judä und Jakobi. Nördlingen 1876,
Beck. (IV, 179 S. gr. 8.) M. 3. 40.

Bevor es zur Auslegung der drei johanneifchen Briefe
kommt, verläfst mit diefer Arbeit das rüftig fortfchrei-
tende Werk den epiftolifchen Theil des N. T.'s, um feinem
Plane gemäfs üch zunächft den hiftorifchen Büchern des-
felben zuzuwenden. Dafs es bei Löfung der mit dem
Jacobusbrief verknüpften Probleme noch befonders glücklich
gewefen ift, muffen wir in Abrede ziehen. Von ent-
fcheidender Wichtigkeit für die Beurtheilung des Ganzen
erweift üch des Verf.'s Meinung, Jacobus handle 2, 14 ff.
von einem anderen öf/.uinvaüai als Paulus und jener
befpreche deshalb das Verhältnifs von Glauben und
Werken unter einem ganz anderen Geüchtspunkte wie
auf ganz anderen Anlafs hin als diefer. Sei diKttioißJai
dort von einer göttlichen Gerechtfprechung zu verliehen,
fo bedeute es hier ein gerecht werden, ein menfehliches
Verhalten, aus welchem der Stand der Rechtbefchaffen-
heit erwächft. Mit diefer Auffaffung, die nach Früherem
(vgl. ,Schriftbeweis' Bd. I. S. 645 fg.) nicht überrafchen
konnte, dient v. H. wohl feinem bekannten apologetifchen
Intereffe, aber verkennt, wie wir noch immer meinen, Ziel
und Zufammenhang der jacobeifchen Rede. Insbefondere
wird er durch fie bei Normirung der Abfaffungszeit unferes
Briefs auf falfche Bahnen geleitet. Denn eine Bezugnahme
des Jacobus auf die paulinifche Lehre meint er
a priori ablehnen zu dürfen; conjicirt er doch S. 156:
,lange zuvor, ehe Paulus veranlafst war, üch der gefetz-
lich gefilmten jüdifchen Chriften zu erwehren, wird es
jüdifche Chriften gegeben haben, denen es bequem war,
das Wort Jefu Matth. 7, 21 aufser Acht zu laffen, und
gegen welche daher geltend gemacht werden mufste, dafs
die Schrift von keinem Gerechten wiffe, der es von wegen
eines Glaubens ohne Werke war'. So verlegt er die Ent-
ftehung des Briefes vor das Concil der Apoftel. Da foll
fie erfolgt fein durch Jacobus ,den Bruder des Herrn',
der mit dem Apoftel Jacobus, dem Sohn des Alphäus,
identifch war, zu einer Zeit, wo der gleichnamige Bruder
des Johannes fchon das Martyrium erlitten (nach Jahr 44)
und wo zu Antiochien bereits eine aus Juden und Heiden
gemifchte Gemeinde beftand. Um der nichtjüdifchen
Bekenner Jefu willen habe der Verfaffer griechifch ge-
fchrieben, aber mit feinem Briefe fich nicht an die öa-
Öt-y.a (f t Aui iv 77) dictOTtogSt (1, 1) im ethnographifchen
Sinne, fondern an ,dasjenige Israel gerichtet, welches sich
von dem jüdifchen Volke dadurch unterfchied, dafs es
fich nicht blofs in den Ländern des Heidenthums, fondern
überall auf Erden in der Fremde wufste'. — Wir bekennen
dankbar, durch die v. Pl.'fche Arbeit zu erneuter Prüfung
der eigenen Anfchauungen aufgefordert worden zu fein,
können aber diefen Refultaten der Kritik nur unferen
vollen Widerfpruch entgegenftellen, der freilich hier ohne
jegliche Begründung bleiben mufs. Auch die Leetüre
des Commentars ift weniger deshalb fruchtbar, weil er
befondere Schwierigkeiten des Textes recht befriedigend
überwinden hilft, als deshalb, weil überrafchende Einwendungen
und Combinationen die bewährte Auslegung
von Neuem durchdenken und ftützen heifsen. Dafs dahin
z. B. die vorgetragene Erklärung der Ueberfchrift wie
des Paffus 2, 14 ff. gehört, ergiebt fich aus den vorigen
Andeutungen. Ebenfowenig einleuchtend, weil fehr ge-
fucht und fchon durch die Wortftellung verboten ift's,
wenn 1, 17 der Relativfatz 0 tcuzijQ, züv (fiOTWv nag q>
ovx evi ttuoaUaytj ?; zgonyg dnoadaoua gefchrieben und
tlav (f toziov im Gegenfatz zu allen bisherigen Exegeten
nicht mit zov ttazgog verbunden wird. Wohl heifst Gott
nirgends fonft ö nuzng ™v qpo'nwr; doch ift der Ausdruck
nicht fo fingulär, dafs er dem Verftändnifs der
Lefer fich entzöge, und wird demfelben obendrein, wie

Hüther klar gezeigt hat, durch den Nexus näher gerückt.
Diefer Letztere freilich ift an diefer befonders wichtigen
Stelle wenig erkannt worden: weder v. 18, der unferes
Erachtens das Ende der Einleitung bildet, noch v. 19,
gewiffermafsen das Thema des Briefes, werden correct
mit dem Ganzen verknüpft. Gleicher Weife fcheint uns
der Sinn völlig verfehlt zu fein, wenn ilttr/.giü-tjcs 2, 4
mit ,ihr feid unter euch felbft nicht unterfchieden worden'
wiedergegeben wird. Doch kann ja dem Einzelnen hier
nicht nachgegangen werden. Nur Eins fei noch herausgehoben
. Wo v. H. (S. 169 ff.) ,die gefchichtliche Bezeugung
der Briefe Petri, Judä und Jacobi' erörtert, verdeutlicht
er die fchwierigen Worte des muratorianifchen
Fragments ,EpistoIa sanc Jttda et superscrictw Johannis
duas in catliolicas habentur et sapienüa ab amicis Salontonis
in hönorent ipsius scripta1 durch folgende Rücküberfetzung:
Ii fitvroi sniOTokr) lovöa v.ai zov ifayeytjnttutvov 'itodvvbv
Svo iv tfj '/.aOolr/.fj voiuCnvzai Kai aoepia vnb cpiliov
Soloiicövog elg zitiiiv avznv yeygaiuiivrj. Dabei ift er
(S. 173) der Meinung, ,dafs die genannten Briefe in der
Kirche und als von Freunden Salomo's zu feiner Ehre
gefchriebene Weisheit in Geltung feien. Der Verf. nennt
Chriftum Salomo (vgl. Matth. 12, 42) und Chrifti Jünger
diefes Salomo Freunde (vgl. Luc. 12, 4; Joh. 15, 14 mit
Hebr. 1, 9) und, was fie gefchrieben haben, zu diefes
Salomo Ehre gefchriebene Weisheit.' Diefes hermeneu-
tifche Kunftftück wird fehwerlich viel Bewunderer finden.

Leipzig. Wold. Schmidt.

Spurgeon, G. H. President, Commenting and Commen-
taries: two lectures a'ddressed to the students of the
Paftors' College, Metropolitan Tabernacle, together
with a Catalogue of Biblical Commentaries and
Expositions. London 1876, Passmore & Alabaster.
(VI, 200 p. 8.) geb. 2 sh. 6 dl

Jedes Buch aus der PVder des berühmten Bnptiften-
Predigers und wäre es auch, wie das vorliegende, zum
j gröfsten Theil ein Verzeichnifs biblifcher Commentare,
darf auf eine gute Aufnahme rechnen, und verdient eine
folche auch faft ausnahmslos; das gilt auch von diefem
; Buch, von dem, obwohl es erft vor Kurzem ausgegeben
wurde, fchon das zehnte Taufend verkauft wird. Im
j vergangenen Jahr hat Spurgeon unter dem Titel Lccturcs
l to my Students'*) eine Anzahl von (13) Anfprachen veröffentlicht
, die er an die Angehörigen der mit seinem
Tabernakel verbundenen thcologifchen Bildungsanftalt
gerichtet, und hat uns in diesen eine Homiletik (und
Paftoraltheologie) gegeben, wie nur er fie geben konnte,
und in einer Sprache, die das Berte, was wir von ihm
gelefen, übertrifft. In einer zweiten Reihe wollte er
zwei Vorlefungen über Commentiren geben, fand es aber
nützlicher diefelben als Einleitung einem von ihm für
praktifcheGeiftlichc zufammengeftellten Catalog biblifcher
| Commentare beizugeben, und daraus ift ein Buch ent-
rtanden, das in mehr als einer Beziehung wcrthvoll und
charaktcriftifch ift. In der erften ,eine Unterhaltung über
j Commentare' überfchriebenen Vorlcfung (S. I —20) giebt
I er uns in der anregendften Weife fein Urtheil über die
I hauptfächlichften die ganze Bibel umfaffenden (englifchen)
| Erklärungsfchriftcn, z B.Matthew Henry, Calvi n, Poole,
[Trapp, Gill (fchrieb 10,000 Foliofeiten Theologie),
S Adam Clarke, Bengel's Gnomon, Alford's grie-
chifches Teftament, Speaker's Commentary u. s. w.
und wenn wir auch durchaus nicht mit allem einver
ftanden fein können: das Urtheil eines Mannes wie
Spurgeon ift immer beachtenswerth und intereffant. In

*) A selection from addresses delivered to the students of the Pastors'
College, Metropol. Tätern. Pirst Series. London, im gleichen Verlag. 8".
j VI, 200 S. gebunden 2 sh. 6 d. Das zwanzigfte Taufend diefes Bandes ift
gegenwärtig im Verkauf.