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Ausgabe:

1876

Spalte:

616-617

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nowack, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Bedeutung des Hieronymus für die alttestamentliche Textkritik 1876

Rezensent:

Kautzsch, Emil

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Iheologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 24.

616

Patach und Segol vor virtueller Verdoppelung. Liegt
fchon in diefen Beifpielen ein Rückfehritt gegen das
tiberienfifche Syftem vor, fo noch mehr in der Verwendung
des kurzen Vocals zugleich für das entfprechende
Chateph. So dienen die beiden dem fyrifchen Zekafa
gleichenden Punkte ebenfo zum Ausdruck des unbetonten
Patach (immer auch in der Endfylbe vor linea makkepli),
wie des Chateph Patach und nach dem obigen in ge-
wiffen Fällen zugleich des Chateph Segol. Sie vertreten
aber auch das Segol in na», wenn dasfelbe vor linea
makkeph fteht; in diefem Fall bleibt dann n ohne alle
Bezeichnung (z. B. Joel 2, 26. 4, 2. 5. 7. 19) und es
fcheint damit ein völliges Verfchlucken des Vocalanftofses
angedeutet zu fein. Dagegen hat in Fällen, wie crbr-xi
Joel 2, 26 fowohl n als d jene beiden Punkte. Diefelben
werden endlich noch für das Hülfsfegol der Segolat-
formen, fowie für Patach über dem Artikel und Vav
consec. gefetzt, wenn völlige Aufhebung der Verdoppelung
folgt. Vor dagesch forte wird der tonlofe ge-
fchärfte Vocal conftant durch eine darübergefetzte Linie
hervorgehoben, während die daruntergefetzte (aufser bei 5)
den kurzen Vocal, refp. das Chateph zu demfelben bezeichnet
. Die erfte Perfon sing. Imperf. hat Chirek über
der Präfixe: ebenfo fteht Vn für V» und Bildungen, wie
rritN, nenn, n-nn etc. haben gleichfalls Chirek für Segol
(andrerfeits'hat in crr-nb"iy:, '"TW, iTtfi die erfte Sylbe
vielmehr die beiden Punkte für kurzes 'a). Auffällig ift,
dafs die Copula zwar vor Schewa, aber nicht vor den
Lippenlauten (z. B. Joel 2, 12. 23. 24. 3, 3) zu ^ wird;
in letzterem Fall bleibt vielmehr Schewa. — Von einer
Nachpunktirung mit tiberienfifchen Vocalen, die nach
einer Bemerkung Pinner's Jef. 1, 1 —17 begonnen, dann
aber auf einzelne Wörter und Verfe befchränkt ift, finden
fich auch im Hofea und Joel zahlreiche Spuren; befonders
häufig ift die Ergänzung des Segol, wo diefes ganz
fehlte, z. B. Hof. 1, 1—7 al. unter p und rx, häufig
auch tiberienfifches Chateph-Kamez unter by> (z. B.
Hof. 2, 13 al.), doch ohne Confequenz, wie es z. B.
Hof. 9, 15 unvocalifirt geblieben ift. In einigen Fällen
ift der tiberienfifche Vocal zugefetzt, obfehon der babylo-
nifche nicht fehlt; fo Segol Hof. 3, 2. 4,13 (wo indefs der
Text n:ab hat), 12, 5. — Kibbuz Hof. 8, 7. 9, 7. 12, 5.
14, 4. Joel 1, 17. 4, 4. — Patach Hof. 11, 4. — Cholem
Joel 4, 3. — Zere Hof. n, 10 (lab-, weil der Text

1- ritn bot).

Eingehende Aufmerkfamkeit hat Referent endlich
auch der Maffora gewidmet, die theils ad marg. und
zwifchen den beiden Columnen theils (mass. magna) in

2— 5 Zeilen unter dem Text beigefügt ift. Eine Ver-
gleichung mit FrensdorfPs Massora magna ergab einer-
feits, wie vieles fchon im 10. Jahrh. in diefer Beziehung
fixirt war; anderfeits, wie vieles aus diefem Codex für
die Kenntnifs der Maffora noch zu holen fein dürfte.
An den Rändern findet fich bef. die Hervorhebung,
dafs eine Form plene oder defectiv gefchrieben fei,
ferner durch b mit langem Oberftrich (i. e. mb) der Hinweis
, dafs eine Form nur an diefer Stelle vorkomme,
z. B. Blatt 179 b in 14 Fällen. Die gröfseren Noten
am untern Rand beziehen fich 179* auf die 15 Fälle,
wo copulatives (nicht confecut.) vav vor n praef.
impf, fleht (nicht bei Frensd.); iygb ein Alphabeth,
in welchem auf anlautendes n jedesmal ein anderer
Buchftabe folgt; i8oa die 17 Wörter, die mit nd beginnen
(fehlt jedoch "v»«a); i8ob die 20 w-rr; i8ia die 3
ua/A, die 4 o^rs mit Kamez (abweichend von Frensd.
pg.' 267) und 'die 3 niaPB. Ibidem ad marg. die Bemerkung
, dafs btst und dann dreimal b«1 in 9 Verfcn
vorkomme (nicht bei Frensd.); zu der Notiz darüber,
dafs fich auch b?—byi—by in demfelben Verfe finde, ift
die Zahl der Fälle weggelaffen (nach Frensd. 24); i8ik die
13 Formen, die nur einmal mit paufalem Kamez in Sop/i
pasuk vorkommen; genannt werden indefs nur 12 Fälle.
Darnach fcheint die Lefung p Jef. 28, 10 und 13 (allerdings
nicht in Soph pasuk), die auch Bär-Delitzfch aufgenommen
haben, nicht anerkannt zu werden, oder die
Angabe ift falfch; i82a die Bemerkung, dafs alle von
•pn direct abgeleiteten Subftantiven nur einmal vorkommen
; 182'' die 11 Aar und die beiden by mit Kamez
(Frensdorf!" nennt 3 unter Zurechnung von b?o Gen. 27, 39);
i83a die 7 zsq, die 4 na"n und die 3 i~p (alle diefe
Angaben auch bei Frensdorf!); i83b die ii Wortpaare,
deren r. am Ende einmal mit, einmal ohne Mappik
fteht (ebenfo Frensd.); 184, die 12 Mü (Frensd. giebt
19, weil er die Formen mit Präfixen hinzunimmt); l84b die
14 defectiven iy und die 3 EriFnp (alles fo bei Frensd.);
185* die 9 ans (ebenfo Frensd.), die 4 msa^n (Frensd.
richtig 5, wahffcheinlich ift Arnos 6, 14 überfehen) und
die beiden rsian» (nicht bei Frensd.); i85b ein Alphabeth
von fämmtlicheh (?) Atbafch-formen (Frensd. pg. 330);
i86a die 7 Wortpaare, vor denen Kaf einmal mit Schewa,
einmal mit Patach fleht (nicht bei Frensd.); 186b die 10
tnpa und die 6 nbps (einmal mit Copula), beides bei
Frensd.; 187» Alphabeth von Imperfectformen, die auf
nun parag. ausgehen (darin merkwürdiger Weife Sin an
Stelle von Samekh), nicht bei Frensd. zu finden; i87b die
9 ?iBiri und die beiden Pap, (ebenfo PVensd.); i88a die
9 fmrsn' trzra (Frensd. giebt 8 nach der Mass. fin., aber
wahrfcheinlich dort Jer. 50, 20 neben 50, 4 überfehen);
i88b Alphabeth von Formen mit Kamez ftatt Patach
(wieder Sin an Stelle von 0); i89a die 7 Versanfänge
mit Sarka und Schalfchälät.

Ref. hofft mit diefer Ueberficht folchen Befitzern des
Codex gedient zu haben, denen es an Hülfsmitteln zur
Entzifferung der oft änigmatifch kurzen Notizen der
Maffora gebricht. Von dem Herausgeber aber fcheidet
er mit aufrichtigem Dank auch für diefe werthvollc Gabe,
mit Dank befonders dafür, dafs Herr Strack durch den
Modus der Facfimilirung den Codex für die wiffenfehaft-
liche Erforfchung wahrhaft zugänglich gemacht hat, wie
dies durch eine blofse Edition desfclben nicht entfernt
erreicht worden wäre.

Bafel. E. Kautzfeh.

Nowack, Lic. Privatdoc. Dr. Wilh., Die Bedeutung des
Hieronymus für die alttestamentliche Textkritik. Göttingen
1875 , Vandcnhoeck & Ruprecht's Verl. (VI,
55 S. gr. 8.) M. 1. 20.

Mit Recht proteftirt der Verfaffer im Eingang feiner
Arbeit nachdrücklich gegen die noch immer in der alt-
teftam. Textkritik graffirende Methode, auf Grund fchlecht-
übcrlieferter Septuaginta- und Vulgatatexte Abweichungen
vom maforethifchen Text zu ftatuiren und den letzteren
darnach umzumodeln. Erft der Heyfe-Tifchendorf'fche
Text des Amiatinus (der in Wahrheit freilich nur eine
Collation desfelben zur editio Clementina von 1592 ift)
fchien dem Verfaffer die Möglichkeit zu bieten, die
Exegefe des Hieronymus textkritifch zu verwerthen; den
Mangel einer kritifchen Ausgabe der Commentare des
Hieron. fchlägt er nicht fo hoch an, dafs er deshalb die
ganze Unterfuchung aufs Ungewiffe verfchieben zu müffen
geglaubt hätte. Wir pflichten dem bei, bedauern jedoch
zugleich, dafs fich der Verf. die reiche Ausbeute hat
entgehen laffen, welche ihm die treffliche kritifche Ausgabe
de Lagarde's von Hieronymi quaestiones hebr. in
libro geneseos (Ups. 1868) geboten haben würde, ganz
befonders in Bezug auf die Vocalausfprache des Kirchenvaters
. TJebrigens aber mufs Ref. dem gründlichen
Fleifs des Verfaffers, der fich auf eine Durchmusterung
faft des gefammten Vulgatatextes erftreckt, wie der wahrhaft
befonnenen kritifchen Methode alle Anerkennung
zollen. Unterfucht werden zuerft die hebräifchen Kennt-
nifse des Hieronymus, in deren Beurtheilung der Verf.
zwifchen Ueberfchätzung und Geringfehätzung die richtige
Mitte einhält, fodann feine (oft weitgehende)