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Ausgabe:

1876 Nr. 23

Spalte:

600-603

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Henke, E. L. Th.

Titel/Untertitel:

Nachgelassene Vorlesungen über Liturgik und Homiletik 1876

Rezensent:

Krauss, Alfred

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 23.

600

,reale Analogie' ift nichts als ein unklarer Humbug mit
trüben diffufen Begriffen. Und feine ffocialen Gefetze'
find Nichts als verfchieden variirte Wiederholungen des
Einen, refrainartig wiederkehrenden Thema's: dafs die :
menfchliche Gefellfchaft ein ,realer Organismus' fei und
infofern eine ,Fortfetzung (!) der Natur'. Dabei werden I
nirgends die entfcheidenden, dunklen Begriffe der Realität
' (in ihrem Verhältnifs zur Idealität), der ,Freiheit' (im
Verhältnifs zur Naturnothwendigkeit), der ,Caufalität' (im
Verhältnifs zur Zweckmäfsigkeitq des ,Sittengefetzes' (im j
Verhältnifs zum Naturgefetz) — kurz der Natur im
Verhältnifs zur Gefchichte näher unterfucht.

Wie oft dabei das doppelfinnige lieber ganz zu verbannende
Wort ,organifch' wiederholt und gemifsbraucht
wird, zeigt ein Blick auf jede Seite diefes fonderbaren
Buches. So heifst es im erften Satz der Vorrede: ,der
vorliegende zweite Theil der Gedanken über die Social-
wiffenfchaft der Zukunft fteht in organifchem Zufam-
menhange mit dem erften, indem er nicht nur eine einfache
(?) Fortfetzung des erften giebt, fondern ein orga- !
nifch mit demfelben verknüpftes Ganzes bildet'. Eine j
feine Argumentation das, wenn der begründende Satz j
nur den Gedanken des Hauptfatzes wiederholt! So fehlt
es denn überhaupt bei diefem Buche fchon an einem
lesbaren Styl, an klarer Diction, ja an der grammatifchen |
Sprachcorrectheit. So fpricht der Verf. wiederholt (S.381; !
407 ff.) von den ,aufserhalb uns' fich ausprägenden
Naturkräften! Die im zweiten Theile dargelegten ,focialen
Gefetze' bilden ,die logifche Confequenz der Auffaffung
der menfchlichen Gefellfchaft als einen (!) eben fo realen
Organismus, wie uns folche die Natur bietet' (S. VIII).
,Die Anerkennung der menfchlichen Gefellfchaft als
reales Wefen (!) hat nothwendig zur Folge, dafs auf
diefelbe alle Naturgefetze Anwendung finden müfsen'
(sie!). — ,Wem die im erften durchgeführte reale Analogie
(f. o.!) . . . noch keine felbftverftändliche (!) An-
fchauung geworden find — dem wird fo Manches in
diefem zweiten Theile unklar, unerwiefen und unbegründet
erfcheinen'. — Ja gewifs! Faft Alles. Von Beweis
— keine Spur! Ueberall nur vage Behauptungen, unklare
Analogien zwifchen geiftigen Vorgängen und Nervenreflexen
und immer nur, wie der Verfaller felbft rühmend
hervorhebt, ,flüffige' und .relative' Begriffe, d. h.
ohne Grenzen, ohne fcharfe Definitionen, — alles mit der [
Abficht, den Gegenfatz zwifchen Geift und Materie, Freiheit
und Nothwendigkeit, Zweckmäfsigkeit und Caufali-
tät etc. ,von einem unüberfteiglichen und ftarren zu einem
flüffigen, allmählich übergehenden (sie!) umzuwandeln.'
Wem das ,bene docet qui bene distinguif fo wenig zum
Bewufstfein gekommen ift; wem der als frei anerkannte
menfchliche Geift ,nur eine potenzirte Naturkraft' und der
als fittlich-religiöfes Wefen verherrlichte Menfch felbft
,eine durch Kapitalifation und Specialifation der Kräfte
gefteigertc (!) Stoffentwickelung' ift (S. 41), dem ift Alles
möglich, felbft die craffefte Häckel'fche Defcendenztheo-
rie mit chriftlich-idealem Pofitivismus (S. 46. 445 ff.) zu
vereinigen und für den wahren theiftifchen Gott zu
fchwärmen, der doch mit dem feinften .Weltäther' iden-
tifch fein foll! — Dabei paffirt es dem Verf., dafs er —
nicht etwa durch einen lapsus calami oder in Folge
eines Druckfehlers, — nein: zwei Mal nach einander
den altbekannten Satz: nihil est in intellectu etc. — indem
er ihn für feine .realiftifchen' Zwecke ausbeutet,
ohne daran zu denken oder ohne es zu ahnen, dafs der I
weggelaffene Zufatz: nisi ipsc intellectus — gerade den '
Beweis enthält, dafs eben das Bewufstfeinsphänomen
nicht aus den materiell-ftoffiichen Grundbedingungen, auch
nicht aus Zellentheorie und Nervenreflexen .erklärt'
werden kann (vgl. S. 32 ff.) — dafs er alfo jenen Vor-
derfatz zwei Mal mit dem fchönen Nachfatz krönt (S.74):
quid (!) non antca fuerit in sensu! Er zieht daraus die
Confequenz: nihil est in socictate, quid non antea fuerit in
natura!! — Hier fehlt doch wohl nicht blofs — colle-

gium logicum.- Was würden unfere Tertianer zu folchen
Schnitzern fagen?

Nach dem Verf. foll ,auch das Thier allmählich und
durch fehwere Kämpfe und Prüfungen (!) zum Mcnfchen
erhoben' und ,die Laute der Thiere allmählich in eine
gegliederte Sprache übergegangen fein' (S. 75)! Und
Alles diefes nach dem .hehren Gefetz der dreifachen (!)
Uebereinftimmung des Neben-, Nach- und Ucbercinandcr'
der Dinge (vgl. S. 72. 84. 115 ff. 425. 439 ff.)! .Alle
Gefetze' find nach des Verfaffers .hehrer' Meinung nur
.fpecielle Vorftellungen' — — was? ein Gefetz eine
.fpecielle Vorftellung' —? Ja, fo flehet gefchrieben S. 87:
,alle Gefetze find nur fpecielle Vorftellungen diefes allgemeinen
Gefetzes : nämlich der dreifachen Uebereinftimmung
(!) des Neben-, Nach- und Uebereinander', —
welches dazu beftimmt fein foll, das ,buntc Durcheinander
' der Wirklichkeit zu .entwirren', um durch .Auseinanderfetzen
des Durcheinander' (S. 440 f.) volle Klarheit
zu fehaffen! Dafs der Verfaffer mit diefer .hehren',
.hochwichtigen' Wahrheit die allbekannte Thatfache der
continuirlichen Entwickelung der Dinge in Zeit (Nacheinander
) und Raum (Nebeneinander) nach beftimmter
gefetzlicher Ordnung (resp. Uebcrordnung = Uebereinander
) meint, kann man wohl ahnen. Aber jene dreifache
Uebereinftimmung' ift doch fchlechtcrdings nicht
im Stande irgend etwas zu .erklären', gefchweige denn,
wie der Verf. befcheidenermafsen fich deffen rühmt
(S. 369 ff.) als das eigentliche philofophifche Columbusei
eine funkelnagelneue .Entdeckung' zu begründen (S. 379)!
Seine ganze Illuftration diefes ,Gefetzes' ift nur dazu an-
gethan, zu ,verwirren', d. h. durch Analogien und phra-
fenhaftc Gemeinplätze Alles darunter und darüber gehen
zu laffen.

Sapienti sat Im Hinblick auf beide genannten Werke
können wir nur das Gefühl jenes franzöfifchen Natur-
forfchers theilen, welcher den Seufzer ausftiefs: ,Gott
bewahre uns vor der Analogie!' Jedem ernften wiffen-
fchaftlichen und insbefondere auch dem theologifchen
Forfcher auf dem Gebiete der empirifchen ,Sociologie'
könnten jene beiden Arbeiten als heilfame Warnung
dienen vor der Spielerei mit dem Wort .Organismus'.
Jener holländifchc Rcchtsphilofoph van Krieken hat in
feiner .Kritik der organifchen Staatstheorie' (1873) fo
Unrecht nicht, wenn er mit unbarmherzigen Gel (seihieben
die Phrafeologcn verfolgt. Und auch dem Kritiker der
Baumgärtner'fchen .Weltzellen' (Karl Grimm, in der A.
A. Z. 1875 Nr. 299) können wir nur zuftimmen, wenn er
die .Analogie als das Erbübel unferer Subjectivität' bezeichnet
und ,an die Kette gelegt' fehen möchte. Bei
folcher .verzwickten Weltzellen-Philofophie' geht in der
That ,alies klare Erkennen in Dampf, in Sternennebel
auf.'

Dorpat. Oettingen.

Henke's, Dr. E. L. Th., Nachgelassene Vorlesungen über
Liturgik und Homiletik. Für den Druck hrsg. u. bearb.
v. Pfr. Dr. W. Zfchimmer. Mit einem Vorwort v.
D. Gustav Baur. Halle 1876, Rippert'fche Buchh.
(XVI, 572 S. gr. 8.) M. 10. -

Henke hat bis an fein Ende die ftudirende Jugend
durch die Fülle von geiftreichen Bemerkungen, durch
ausgebreitete Kcnntnifse und Belefenheit und durch den
gefunden Menfchenverftand in der Beurtheilung kirchlicher
Streitfragen mächtig angezogen. Im Befonderen
waren die nun im Drucke vorliegenden Vorlefungen
über Liturgik und Homiletik gerne gehört. Es gewährt
einen eigenthümlichen Genufs, diefem viclfeitig angeregten
und anregenden Geilte zu folgen, der fo viel
Wiffen mit fo viel Originalität verband. Dem Herausgeber
gebührt aufrichtiger Dank dafür, dafs er diefe
Vorlefungen einem weiteren Publikum zugänglich gemacht