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Ausgabe:

1876 Nr. 23

Spalte:

583-587

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Eusebi Chronicorum libri II. Edidit Alfred Schoene 1876

Rezensent:

Lipsius, Richard Adelbert

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5§3

Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 23.

584

Differenz auf ein möglichft geringes Mafs zu reduciren.
Wie üblich, wird zu diefem Zweck namentlich der vermeintliche
innere und wefentlicheZufammenhang zwifchen
Glauben und Werken, welcher auch nach Jakobus ftatt-
finden foll, betont. Nur der lebendige Glaube, welcher
die Werke aus fich erzeugt, fei auch nach Jakobus der
wahre; fo dafs alfo die Werke nicht als folche, fondern
lofern fie Erzeugnifse des Glaubens feien, die Rechtfertigung
bewirken. Diefe ganze Behauptung eines inneren
und wefentlichen Zufammenhangs zwifchen Glauben und
Werken nach Jakobus ift aber exegetifch unhaltbar.
Jakobus fagt zwar, dafs der Glaube auch Werke im Gefolge
haben müffe (2, 17: e'gya tyeiv); dafs er durch Werke
vervollftändigt werden müffe (2, 22: celeiovolrai). Aber
dies heifst bei ihm nur, dafs, wer den Glauben hat, auch
demgemäfs handeln müffe. Ein innerer Zufammenhang
in der Art, dafs der Glaube mit Naturnothwendigkeit die
Werke aus fich erzeugt, befteht bei ihm nicht. Vielmehr
kann nach ihm der Glaube, und zwar der richtige und
wahre Glaube, auch faul oder todt (dgyrj, vsxgct), d. h.
ohne Erüchte fein. Denn es liegt ihm durchaus fern, zu
fagen, dies fei nicht der richtige und wahre Glaube.
Sondern feine Auffaffung ift die, dafs dem Chriften fein
(richtiger und wahrer) Glaube nichts nützt, wenn er, der
Chrift, nicht demgemäfs handelt. Der Glaube ift dem
Jakobus wefentlich die Annahme nicht nur der chrift-
lichen Glaubenswahrheit, fondern auch und hauptfäch-
lich des chriftlichen Sittengefetzes, des vöttog zeXeiog.
Infofern mit der Annahme diefes Gefetzes deffen Befolgung
zufammenhängt, kann man allerdings fagen,
der Glaube bringe die Werke hervor. Aber auch nur
in fo fern. Ein innerer und nothwendiger Caufalzu-
fammenhang befteht nicht. Denn auch das anerkannte
Gefetz kann befolgt oder nicht befolgt werden.

Wenn der Verf. nach dem Vorgange Vieler zwifchen
der paulinifchen Lehre und der des Jakobus zwar eine
Verfchiedenheit bei höherer Einheit, aber keine eigentlich
fachliche Differenz anerkennen will, fo vermag Ref.
diefe Unterfcheidung nicht für glücklich zu halten. Sie
ift jedenfalls überflüfsig, fobald man einmal Art und
Mafs der Verfchiedenheit zwifchen Paulus und Jakobus
richtig beftimmt hat. Uebrigens lehrt auch diefe Abhandlung
wieder, dafs eine blofse Vergleichung der beiden ,Lehrtropen
' nicht zu einer lebendigen Erkenntnifs der Eigen-
thümlichkcit des Jakobusbriefes führt. Um diefe wirklich
zu erreichen, mufs die hiftorifche Frage in den Vordergrund
geftellt werden: Ob der Jakobusbrief ein Er-
zeugnifs des vorpaulinifchen naiven Judenchriftenthums
oder des nachpaulinifchen gefetzesfreien Heidenchriften-
thums ift: Je nachdem die Frage nach diefer oder jener
Seite hin beantwortet wird, fallen alle Einzelheiten unter
einen ganz verfchiedenen Gefichtswinkel. Auf jene
Frage follte daher jede künftige Unterfuchung ihr Hauptaugenmerk
richten.

Leipzig. E. Schürer.

Eusebi Chronicorum libri II. Edidit Alfred Schoene.
Armeniam versionem latine factam ad libros manu-
scriptos recensuit H. Petermann. Graeca fragmenta
collegit et recognovit, appendices chronologicas sex
adjecit A. Schoene. Vol. I. Liber prior. Berlin
1875, Weidmann. (XVI, 245 S. gr. 4.) M. 20. —

Dem im Jahre 1866 erfchienenen zweiten Theile der i
Chronik des Eufebios, welcher die ygovixol xavöveg enthält
, hat der Herausgeber nunmehr auch den erften Theil
folgen laffen, mit welchem das ganze Werk zum glücklichen
Abfchluffe gediehen ift. Für Philologen und Hifto-
riker der wichtigere, hat diefer erfte Theil für den Theologen
allerdings nur ein untergeordnetesIntereffe. Derfelbe
iftabgefehen von den zahlreichen griechifchen Fragmenten
nur in der armenifchen Verfion erhalten, und auch in I

diefer nur unvollftändig, da die Handfchriften gerade bei
der Kaiferzeit abbrechen. Doch ift unter Anderem die
vollftändige Chronographie des Reiches der Hebräer
(Sp. 71—131 bei Schöne) erhalten, welche bis zum XV.
Jahre des Tiberius, als dem Jahre des öffentlichen Auftretens
Chrifti, fortgeführt ift. Als Quellen für die letztere
nennt Eufebios felbft aufser den altteftanientlichen
Schriften namentlich die Antiquitäten des Jofephus und
die Chronik des Julius Africanus.

Der Text des Armeniers ift in der lateinifchen
Ueberfetzung Aucher's gegeben, welche ebenfo wie im
zweiten Theile von dem feitdem verftorbenen Petermann
revidirt, verbeffert und mit Angabe der Varianten verfehlen
ift. Die griechifchen PVagmente, welche fich in
der praeparatio cvangelica, bei Georgios Synkellos und
einigen anderen byzantinifchen Chroniften, namentlich
aber in den von Cramer [Anccdota Paris. T. II. p. 115 ff.)
gefammelten exccrptis Eusebianis finden, find dem armenifchen
Texte zur Seite geftellt. Die Cramer'fchen Excerpte
hat P. de Lagarde neu collationirt. Was für die kritifche
Herftellung der Fragmente gefchehen ift, kommt fo gut
wie ausfchliefslich auf die Rechnung von Alfred von
Gutfchmid, deffen Name hinreicht, um den Werth der
Arbeit zu verbürgen. Der Herausgeber hat fich feiner-
feits begnügt, die ihm durch Gutfchmid in überallher
Weife zur Verfügung geftellte Sammlung eigner und
fremder Emendationen fämmtlich unter der Chiffre AvG
einzutragen, ohne anderweite Hülfsmittel herbeizuziehen,
daher auch manche fchon von Anderen gefundene Berichtigung
unter Gutfchmid's Chiffre erfcheint. Der gröfste
Theil der dargebotenen Emendationen ift in den Text
genommen, ein kleinerer lediglich in den Anmerkungen
verzeichnet. Ein beftimmtes Princip, nach welchem diefe
Unterfcheidung erfolgt wäre, ift nirgends erfichtlich; wie
es fcheint, haben lediglich äufsere Umftände über Aufnahme
oder Nichtaufnahme in den Text entfehieden.

Die Appendices enthalten zunächft die reguiit series
nach dem Armenier und nach Plieronymus; die durch
Gutfchmid gefammelten griechifchen Fragmente find
fammt deffen kritifchen Noten am Schluffe in den Ad-
dendis hinzugefügt. Dann folgt ein ziemlich werthlofes,
in einigen Handfchriften des Hieronymus enthaltenes
Exordium, dann die fogenannte fyrifche Epitonie, das
Xgovoygacptiov othroiiov, Varianten zu den canones des
Hieronymus aus den codd. Middlehillensis und Fuxensis,
von denen jener durch Franz Rühl, diefer durch Richard
Schöne neu verglichen ift, endlich die excerpta latina
barbari. Zu den Corrigendis et addendis hat wieder Gutfchmid
das Meifte und Befte beigetragen.

Mit der Chronik des Eufebios ficht freilich keins der
in den Appendices beigefügten chroniftifchen Werke in
unmittelbarer Beziehung, daher fich die Einfügung des
Variantenverzeichnifses zur Chronik des Hieronymus
zwifchen dem ygovo-ygui/ dm' ovvrofiov und den exccrptis
latinis barbari ziemlich fonderbar ausnimmt. Die fyrifche
Epitome, deren gröfserer Theil bereits den ygovixot
xavovsg (p. 203—219) beigefügt war, ift kein Auszug aus
Eufebios, fondern aus einer unbekannten Chronographie
aus dem 7. Jahrh. Die von Schöne mitgetheilte lateinifche
Ueberfetzung ift auch für diefen erften Theil der Chronik
noch von dem verftorbenen Rödiger beforgt.

Von ungleich gröfserem Intereffe für den Kirchen-
hiftoriker ift das /•govoygacpdov avvzouov, deffen erfter
und wichtigerer Theil fich als ix twv Evoeßlov tov llc.u-
qjilov 7iovrjticitiov bezeichnet, während der zweite Theil
ygovoygcKf tinv avaccev ix tuv 77ovr/itaTtov tov ccylm 'Emcpa-
viov ugxiE/ctaxoicov nnkewg Ktovaravciag xov Kv/igou über-
fchrieben ift. Die eine Üeberfchrift ift eben fo falfch
wie die andere. Die Chronik flammt aus dem Jahre 853
(dem ,13. Jahre Michaels des Jüngern und der Theodora
und Thekla'). Herausgegeben ift fie zuerft von Mai
(Scriptt. Vett. Nova Coli. T. 1. P. 2) aus einem bisher
nicht wieder aufgefundenen cod. Vatican. Schöne hat