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Ausgabe:

1876

Spalte:

539-541

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Smith, George

Titel/Untertitel:

The Assyrian Eponym Canon 1876

Rezensent:

Wellhausen, Julius

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539

S40

Smith. George, The Assyrian Eponym Canon; containing
translations of the documents, and an account of the
evidence, on the comparative chronology of the
assyrian and jewish kingdoms, from the dcath of
Salomon to Nebuchadnezzar. London 1875, Bagfter
& Sons. (VIII, 206 S. gr. 8.) geb.

Wie die Athener nach dem erften Archon und die
Römer nach den Confuln, fo datirten die Affyrer nach
dem Limu, d. i. nach dem vornehmen Beamten, der |
zum Eponymus des betreffenden Jahres ernannt war.
Diefe Ehre traf in einer ziemlich regclmäfsigen Reihenfolge
aufser dem Könige felbft und feinen Grofswürden-
trägern namentlich die Präfecten der grofsen Städte, 1
und zwar fo, dafs mit einer neuen Regierung ein neuer
Turnus anhob. Späterhin wurden fortlaufende Liften der |
Eponymi angelegt und fo ein chronologifcher Kanon
hergeftellt, der in mehreren fragmentarifchen Exemplaren
von Sir H. Rawlinfon aufgefunden (Athenäum vom
30. Mai und 19. Juli 1862) und demnächft durch ihn
utkl Andere für die Jahre 911—950 reconftruirt worden j
ift. Da derfelbe, mittelbar und unmittelbar, Verglci-
chungspunkte mit der hebräifchen Gefchichte und Zeit- ■
rechnung darbietet, fo ift er auch für die biblifche Philo-
logie von nicht geringem Intercffe.

G. Smith giebt hier in englifcher Ueberfetzung alles I
verfügbare Material, um den Kanon zufammenzufetzen, j
mit den anderweitigen Daten der Infchriften zu vergleichen
und nach den gleichfalls ausführlich mitgctheilten 1
affyrifchen Nachrichten, die fich mit der biblifchen Ge- |
fchichtc und Zeitrechnung berühren, die affyrifch-biblifchen
Synchronismen zu beftimmen. Theilweife findet der j
deutfehe Lefer den Stoff fchon bei Schräder, die Keil-
infclir. und das A. T., aber diejenige Recenfion des |
Kanons, welche den Eponymis ihre Titel und kurze j
Noten über das Hauptereignifs des Jahres hinzu fügt
(bei uns droht fich der Name Verwaltungslifte dafür j
einzubürgern), erfcheint hier mit vollftändigerem Apparat
und in angemeffenerer Form, und ganz neu find die j
reichen Citate der überall in der äff. Literatur zerftreuten j
Eponymenangabe, mitteilt deren fich der Kanon contro-
liren läfst — in dem Zeitraum von 719—667 für jedes I
einzelne Jahr mein: doppelt und dreifach. J have sear-
ched through the whole of our national collection and
pickcd out every date and circumstance likely to be of
use in these chronological enquiries. The labour of
these researches can only be estimated by those who
know something of the extent and condition of the texts.'
Schade, dafs aucli G. Smith die Gewohnheit hat, grade
die intereffanteften Eigennamen auf den Infchriften nicht
in ihren affyrifchen üriginalformen (thunlichft mit den
verfchiedenen Möglichkeiten der Ausfprache) wiederzugeben
. So pedantifch es ift, dafs Luther die noch jetzt
aufserhalb des evangel. Deutfchlands allgemein üblichen
Vulgatanamen Ezechias Scnahcrib Zacharias Ezechiel
durcli die ,richtigen' Hifkia Sanherib Sacharja Hefekiel
erfetzt hat, dafs neuere Philologen Pheidias Aischylos
Dareios (Achilleusferfe?) fchreiben ftatt des hergebrachten
Phidias Aefchylus Darius, fo wenig läfst es fich rechtfertigen
, hypothetifche Identificationen hiftorifcher Namen
in die wörtliche Ueberfetzung der Keiltcxte aufzunehmen
und Jchu fon of Omri zu fetzen ftatt Jahua fon of
Khumri, Benhadar ftatt Vulidri (Rammanidri, Binidri,,
Aroer ftatt Qarqara fJ/Ar'ara? Jos. 15 ift dies der richtige
, durch LXX und das heutige M*^* beftätigte Name
des maf. 'Ad'ada), Ahab of Sirhala (Ifrael?) ftatt
Ahabu Shulaai (Zirlaai).

Das Material ift von einigen Erläuterungen begleitet,
über den affyrifchen Kalender, die Methode der Datirung,
Alter und Urfprung der Inftitution der Eponymi. Die
Oktaeteris mit drei Schaltmonaten ift, wie Gutfchmid
gezeigt hat, eine ganz unhaltbare Annahme, intereffant

dagegen, dafs der affyrifche Sabbath nicht in durchgehenden
7tägigen Intervallen, fondern immer vom Neumond
aus gerechnet ward und fo die Phafen des Mondes
begleitete: dies ift gewifs das Urfprüngliche. Gegen
Oppert und Haigh, die an verfchiedenen Stellen grofse
Intervallen im Kanon annehmen, weift Smith überzeugend
deffen fortlaufenden Zufammenhang und ununterbrochene
Vollftändigkcit nach, ,foweit man bis jetzt fehen könne'.
Die fynchroniftifche Fixirung der affyrifchen Daten ift
gelungen durch die Gleichfctzung von 1. Arkeanos (709)
mit dem Regierungsantritt Sargon's (Sarrukin) in Babel,
eine Gleichfctzung, welche durch weitere Coincidenzen
im ptolem. und affyr. Kanon, durch die Sonncnfinfter-
nifs von 763 und andere Argumente beftatigt wird.
Gern erführe man etwas Näheres über den Zuftand der
Fragmente, über die Operationen, welche ihrer Recon-
ftruetion vorausgegangen find, darüber wie es möglich
geworden, die vorkommenden Lücken fo genau auf die
Stellen oder Jahre, die fie enthalten haben müffen, zu
berechnen, auch wo keine Parallele zur Ausfüllung vorliegt
(911. 910. 897—894). Aufserdem hätte wohl etwas
mehr über die divitional lines gefagt werden können,
die fowohl im einfachen als im erweiterten Kanon den
Anfang eines neuen Turnus der Eponymen oder beffer
einer neuen Regierung andeuten. Sie fchwanken an
einigen Stellen in den verfchiedenen Ausgaben um ein
oder zwei Jahre, was darauf hindeutet, dafs fie nicht fo
unmittelbar und objectiv gegeben waren wie die Folge
der Eponymen felbft, fondern ein mehr fubjectives Element
der Tradition darfteilen, gewiffermafsen die Inter-
punetion gegenüber dem Texte. Der Werth des Kanons
felber wird übrigens dadurch kaum beeinträchtigt und
eine Kritik desfelben von den Strichen aus (Gutfchmid
dünkt mich unberechtigt. Unficherheit und Irrthum in
Bezug auf das Datum von Regierungswechfeln ift darum
leicht erklärlich, weil auf den Königsinfchriften felber Anfang
der Herrfchaft und erftes Jahr d. 11. nicht
ganz fefte Bedeutung haben. In der Mehrzahl der Fälle
feheint zwar zwifchen den beiden Ausdrücken fo unter-
fchieden zu werden, dafs Anfang d. H. den Reft des
letzten Jahres des Vorgängers bezeichnet, in welchem
die Thronbefteigung erfolgt ift, erftes Jahr das mit dem
nächften Neujahr (Nifan) beginnende erfte volle Kalenderjahr
, welches in die neue Regierung fällt. Aber nicht
immer werden diefe Termini im technifchen Sinne gebraucht
und dadurch entlieht zuweilen arge Confulion,
z. B. in Bezug auf Sargon's Succeffion.

Obgleich die Zufammenftellung und Erläuterung des
Materials (der Evidenz, wie fich die Engländer ausdrücken
) die Hauptabficht des Verf. ift, fo äufsert er
doch auch zum Schlufs noch feine Meinung über den
Einflufs der affyrifchen auf die biblifche Chronologie, jedoch
mit aller möglichen Vorficht. ,J cannot say J am
certain even on the main points, and J hold myself
ready to change all my conclusions, if satisfactory evidence
should turn up against them.' Man hat das beruhigende
Gefühl, es mit einem Menfchen ohne esprit
de Systeme, aber mit fehr entwickelter Beobachtungsgabe
zu thun zu haben. Freilich aus kritifchen Gründen
entfpringt die Zurückhaltung fehwerlich; der Grundfatz,
dafs die affyrifchen Zeitangaben für die affyrifche und die
biblifchen für die biblifche Gefchichte gelten follen, ift
naiv bis zur Unbegreiflichkeit. Der Eponymenkanon
collidirt ohne jede Frage mit der Chronologie des 2. Buches
der Könige, er läfst für Pekahja und Pekah ftatt 22 nur
etwa 4 Jahre offen und drückt die Regierung Hifkia's
bedeutend herunter. Man kommt alfo um das Entweder-
oder nicht herum, und wofür man fich zu entfeheiden
hat, kann fehwerlich zweifelhaft fein. Dafs infonderheit
die Zahlen der jüdifchen Königsreihe bis zu einem ge-
wiffen Grade fyftematifirt find, habe ich in der Note
Jahrbb. für d.Th. XX S. 621 Angedeutet. Nämlich von der
Epoche des Tempelbaus im 4. Salomo's bis zur Zerftörung