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Ausgabe:

1876 Nr. 19

Spalte:

499-501

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gizycki, Georg von

Titel/Untertitel:

Philosophische Consequenzen der Lamarck-Darwin’schen Entwicklungstheorie. Ein Versuch 1876

Rezensent:

Pfleiderer, Edmund

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499

Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 19.

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dafs die verfchiedenen Parteien derer, die überhaupt
noch an der chriftlichen Religion hängen, endlich einmal
aufhören mögen, angefichts des gemeinfamen äufsern
Feindes in häuslichem Zwift lieh zu verzehren. Gewifs
find die innerhalb der Theologie zur Verhandlung flehenden
und die Parteien fo fcharf fondernden Fragen wichtig
genug; aber fo lange es fich um Sein oder Nichtfein
der Religion und Theologie überhaupt handelt, füllten
diefelben füglich bei Seite geftellt werden.

Jena. Bernhard Pünjer.

Giz'ycki, Dr. Georg v., Philosophische Consequenzen der
Lamarck-Darwinschen Entwicklungstheorie. Ein Vernich
. Leipzig 1876, C. F. Winter. (XVI, 97 S. gr. 8.)
M. J. —

Der zuerft nur heimlichen — feither indefs bereits
auch allerorts proclamirten — Ehe von Philofophie und
Naturwiffenfchaft, nach Straufs im neuen Glauben, mufs
man jedenfalls das nachfagen, dafs fie an Fruchtbarkeit
nichts zu wünfehen übrig läfst. Insbefondere die neue
Generation philofophifchen Denkens und Strebens, welcher
vermuthlich auch der Verf. obiger Schrift angehört
und der man den Namen Jung-Häckelianer' geben möchte,
fcheint den ,Mauferzuftand' fatt zu haben, in welchem
Straufs ebendort die Philofophie leider feit geraumer
Zeit begriffen ficht, übrigens mit der Hoffnung, dafs ihr
die Federn fchon wieder wachfen werden. Eine ganze
Reihe frifcher Kräfte ergiebt fich dermalen hoffnungsfreudig
dem Bemühen, der Philofophie aus der Naturwiffenfchaft
, fpcciell dem Darwinismus neues Blut in die
erftorbenen Adern zu transfundiren und ihrer Abmagerung
durch mehr Stoffzufatz aufzuhelfen, worin ja Straufs
felbft mit fo grofsem Erfolg vorangegangen ift. Sicherlich
wäre es ebenfo vergeblich als fachlich ungehörig,
diefen Zug des modernen philofophifchen Gciftes als
folchen zu tadeln oder gar zu verwerfen. Danken wir
es fchon dem Peffimismus, dafs er durch feine Pikan-
terie die Philofophie wieder gefellfchafts- und falonfähig
gemacht hat, fo haben wir zumal in der Erinnerung an
unfere auch naturwiffenfehaftlich fo grofsen Philofophen
Kant oder Leibniz und Ariftoteles noch mehr Grund,
eine Rehabilitirung des philofophifchen Denkens und In-
tereffes auch in der oben erwähnten Weife willkommen
zu heifsen. Nur kann ich im Blick auf verfchiedene
hierher gehörige Erfcheinungen der neueften Literatur ein
gewiffes Bedenken nicht unterdrücken. Auch ein rein
wiffenfehaftliches und echt fpeculatives Streben vorausgefetzt
■— was wir ja vor Erweis des Gegentheils immer
anzunehmen haben — liegt nach einem längeren Hunger-
ftadium die Gefahr nahe, dafs man fich auf die eben
neu vorgefetzten Speifen allzu heifshungrig und harpyen-
haft ftürzt, die kritifchen Zähne zu wenig braucht und
der Verdauung nicht die nöthige Rückficht fchenkt, während
doch die wahre Wiffenfchaft nicht den Magen des
Vogels Straufs hat. Deutlicher geredet glauben wir bemerken
zn muffen, dafs Manche philofophifcher Seits
fich der neuen naturwiffenfehaftlichen Lehre, deren grofse
Bedeutung zumal auf ihrem Gebiet wir fclbftverftändlich
zu würdigen wiffen, fozufagen blindlings an den Hals
werfen, wie ein mannsfüchtiges Mädchen, was bekanntlich
nie glückliche weil achtungslofe Verbindungen giebt.
Alsdann wird nur noch dem Wort nach philofophirt, in
Wahrheit ift man zur ancilla pedisequa einer anderen, einer
Fachwiffcnfchaft geworden, wie man es vor Zeiten gegenüber
der fcholaftifchen Theologie war. Andere Philofophen
gehen zwar keineswegs fo weit, fondern Richen
immerhin den Standpunkt ihrer Wiffenfchaft noch feft-
zuhalten; nichtsdeftoweniger ergeht es ihnen beinahe
wie dem Jüngling im Gedicht: .Halb zog fie ihn, halb
fank er hin und ward nicht mehr gefehn'. Denn das
pofitive Intereffe für jene naturwiffenfehaftlichen An-

fchauungen überwiegt doch auch bei ihnen in einer Weife,
dafs fie weder mehr genug Blick und Auge für die immerhin
noch zweifelhaften und weiterer Klärung fehr
bedürftigen Momente jener fo umfaffenden Anficht haben,
noch auch, dafs fie die unter allen Umftänclen beftchen-
bleibende Verfchiedcnheit der philofophifchen und der
naturwiffenfehaftlichen Fachaufgabe oder Betrachtungsweife
auch desfelben Objects gehörig beachten. Auf
Grund von Beidem ergiebt fich dann bei ihnen eine
gewiffe Harmoniftik, welche die unterfchiedlichen und
namentlich philofophifch längft erkannten Schwierigkeiten
gewiffer Probleme unterfchätzt oder allzurafch glaubt,
philofophifch-ideale Pofitionen mit realiftifch-naturuiffen-
fchaftlichen ohne Weiteres in Einklang bringen zu können
. Das gelingt hinfichtlich der Elfteren freilich nur
durch allzu fkizzirend und präliminar gehaltene Umrifs-
zeichnung, refp. durch Hinwegeilen über ihre volle Tiefe
und Tragweite, während bei einer doch meift unerläfs-
lichen weiteren und genauer überdachten Ausführung die
bedenklichen Mängel der Synthefe fich rafch offenbaren
würden. Ich meine deshalb, dafs man bei der aufrich-
tigften Anerkennung jenem Zug unferes modern-philofo-
phifchen Geiftes dennoch kritifche Vorficht und Umficht,
neben aller Bcgeifterung und frohen Zukunftshoffnung
ruhiges Blut und gemäfsigtes Tempo wünfehen darf und
mufs, follen die fo reichlich anfetzenden Blüthen fich
nicht als taube erweifen, ftatt Früchte zu tragen.

Möge der Lcfer diefe etwas lang gewordene Vorbemerkung
damit entfchuldigen, dafs fich diefclbe gleichzeitig
auf mehrere verwandte Schriften bezieht, deren
Befprechung gerade in diefen Blättern unfere Aufgabe
war und ift. Wir können dagegen hinfichtlich der fpeciell
uns jetzt vorliegenden Brofchüre kürzer fein, indem die-
felbe wefentlich in die zweite Klaffe der oben fkizzirten
philofophifch-naturwiffenfehaftlichen Schriften gehört.

Der Verf. zeigt eine reiche Belefenheit in der ein-
fchlägigcn älteren und namentlich neuen Literatur. Nicht
blofs die deutfehe und fachmäfsige, fondern auch die eng-
lifche oder franzöfifche und belletriftifchc fteht feinem,
übrigens bei einer derartigen Unterfuchung vielleicht
allzu reichlichen Citiren zu Gebot. Es lautet daher faft wie
ein fich felbft exeufirendes und damit aceufirendes Gefühl
diefes formellen Mangels, wenn er (S. 64. 65) einmal mit
grofsem Nachdruck betont: .Philofophie entfeheidet ja
nicht nach Auctoritätcn, fondern allein nach Gründen.
Petrarca's Wahlfpruch: sumsectarum ncgligens, veri appetens
mufs auch der unfere fein'. Aus dcmfelben Grund kann ich
es auch nicht für die ganz richtige wiffenfehaftliche Redeweife
halten, wenn er feine vielen (lebenden) Auctori-
täten in gehäufter Weife mit Epitlicta ornautia, wie ,der
berühmte, der geiftvolle, der ausgezeichnete' etc. anzuführen
pflegt. So fchön und achtbar allezeit die dankbare
Pietät gegen directe und indirecte Lehrer ift, dürfte
dies in einem Buch denn doch ein wenig gegen den
wiffenfehaftlichen Gefchmack verftofsen und jedenfalls
den Verdacht erregen, als ob mit .Auctoritätcn', alfo
mit einem nicht allzeit mafsgebenden suffrage universel
des Publicums imponirt werden follte.

Sachlich ift G. ein begeifterter Anhänger der Dar-
winifchen Entwicklungstheorie, der er an Tragweite und
Bedeutung nur den Kopernikanismus an die Seite ftellt,
fofern fie die endliche Einführung des Satzes vom zureichenden
Grund auch in die Erfcheinung des organi-
fchen Lebens fei und nur wenige abzuftreifende ,Menfch-
lichkeiten' oder ablösbare Irrungen an fich trage. Ohne
Anfpruch auf eine erfchöpfende, ,bei der unermefslichen
Bedeutung diefer neuen Wahrheit' gar nicht mögliche
Darfteilung will er nun die philofophifche Bedeutung
diefer Lehre für einige Hauptpunkte in das rechte Licht
fetzen, oder genauer für Pfychologie, Erkenntnifslehre,
Moral und Religion theils pofitiv ihren fördernden, theils
wenigftens negativ-apologetifch ihren keineswegs fchäd-
lichcn Einflufs aufzeigen. Das ift nun freilich für nur