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Ausgabe:

1876 Nr. 19

Spalte:

489-493

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Preger, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter 1876

Rezensent:

Weizsäcker, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 19.

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verfchrieben haben, um mit feinem Namen ihre kirchliche
Überhoheit zu verfchanzen und etwa auch Rom
gegenüber auf apoftolifchen Urfprung pochen zu können.
Aber ift diefer Gedanke etwas Befferes als eine Ver-
fuchung?' Nun, es ift allerdings jedem Hellblickenden
offenbar, dafs er etwas befferes ift; deutlicher, als es
hier ausgefprochen ift, braucht fich die Tendenz diefer
mailändifchen Legende nicht zu enthüllen. - Trotz ihres
Barnabas hat fich freilich die oberitalifche Metropole
gegen Rom nicht behaupten können: Mailand wurde
römifch, und Roms Herrfchaft ftand bereits im fpätcren
Mittelalter fo feft, dafs es gleichmüthig auch Mailand
feinen Apoftel laffen konnte, dafs es heutzutage Schriften
römifcher Theologen, welche den -abendländifchen Apoftel
Barnabas in feine vermeintlichen Rechte cinzufetzen
verfuchen, das ItHßriniatw ertheilt, ohne befürchten zu
müffen, dafs das Haupt des h. Barnabas zu Mailand fich
je wieder gegen die Gebeine des h. Petrus zu Rom erheben
werde. Eine Wirkfamkeit des Barnabas in Rom —
jedenfalls der relativ beftbezeugte und ältcfte Ab-
fchnitt aus den abendländifchen B.-Legenden — anzunehmen
, ficht fich übrigens Braunsbcrger doch aufser |
Stande; mindeftens fei er nicht vor Petrus dort gewefen.
,Ein kurzes Verweilen, bei welchem B. etwa auch die
eine oder andere Anfprache gehalten und von Petrus
Sendung und Segen fich erholt hätte, ift damit
nicht ausgcfchloffen' (S. 112 f.). Alfo hier fordert die
Uogmatik des römifchen Theologen wieder einmal die
fonft fo gefürchtete Kritik heraus: die Predigt des B. in
Norditalien ift fehr wahrfcheinlich, aber Rom's Thore
find ihm vcrfchloffen geblieben, es fei denn, dafs er
Segen flehend dem h. Petrus fich nahen wollte. Eine
genaue Chronologie des Lebens des B., der am II. Juni 56
auf Cypern den Märtyrertod erlitt, fchliefst diefen Ab-
fchnitt.

Ref. kann zum Schlufs nur den Wunfeh ausfprechen,
dafs auch betreffs der übrigen Apoftel und Apoftel-
fchüler die Legenden fo vollftändig mögen gcfammelt
werden. Das Werk Braunsbcrger's und Garns' Kirchen-
gefchichte Spaniens dürften als Muftcr dienen. Die Kritik
hat ein leichtes Gefchäft, wenn ihr das ganze Material
einmal fo überfichtlich geordnet vorliegt; denn es deuten
fleh dann Sage und Legende wie von felbft, und
man kann es nur aufrichtig bedauern, dafs die katho-
lifchen Gelehrten diefen verhaltnifsmäfsig mühclofeften,
aber doch wichtigften Theil der Arbeit Anderen über-
laffen wollen — und müffen.

Leipzig. Ad. Harnack.

Preger, Lic. Gymn.-Prof. Wilh., Geschichte der deutschen
Mystik im Mittelalter. Nach den Quellen unterfucht
und dargeftellt. 1. Theil: Gefchichtc der deutfehen
Myftik bis zum Tode Meifter Eckhart's. Leipzig 1874,
Dörffling & Franke. (VIII, 488 S. gr. 8.) M. 9. —

Prcger's vorliegendes Werk gehört entfehieden zu
den bedeutendften Erfcheinungen neuerer Zeit in der
Literatur der hiftorifchen Theologie. Es hat fich wohl
in der gelehrten Welt bereits hinreichend eingebürgert,
wenn auch die Aneignung einer folchen durchaus felb-
ftändigen, umfaffenden und vielfach bahnbrechenden
Leiftung der Natur der Sache nach ihre Zeit haben will.
Auch die kritifche Auseinanderfetzung kann hier nur
allmählich und faft nur durch weitere felbftändige Arbeit
fleh vollziehen. Aber wir haben es hier keineswegs
mit einem ausfchlicfslich gelehrten Werk, fondern mit
einer Gefchichtfchrcibung zu thun, welche ein überaus
gehaltvolles und anziehendes Blatt aus der Gefchichte
des Mittelalters und feines Geifteslebens jedem theolo-
gifch Gebildeten, ja überhaupt jedem Gebildeten in neuer
Weife vorführt und verftändlich macht. Ein Ueberblick

des Planes und die Hervorhebung befonders bemerkens-
werther Partien möge diefen Eingang fördern. Wer Ge-
fchmack an diefen Dingen haben will, mufs allerdings
nicht blofs einen gewiffen Sinn für Gefchichte überhaupt,
fondern für das Arbeiten des denkenden und fittlichen
Gciftes, das der Myftik eigen ift, insbefondere befitzen,
Erleichtert aber hat es der Verfaffer durch feine Art,
die von der gewöhnlichen Weife der dogmenhiftorifchen
Darftcllung nicht unwefentlich abweicht, ebenfo durch
die Bemühung knapper überfichtlichcr, nicht allzu lang-
athmiger Rcproduction der Gedanken und Gedanken-
kreife, als durch die Abwechslung dcrfelben mit kirchen-
und culturhiftorifchen Ucberblicken und biographifchen
Stücken, und ferner auch mit allgemeinen Reflexionen
des Darftcllers, endlich auch durch die Einlegung litera-
rifchkritifcher Erörterungen. Die letzteren find faft un-
erläfslich auf einem Gebiete, wo es fich grofscnthcils
erft um den Nachweis der Quellen oder doch die metho-
difche Benutzung derfelbcn handelt. Sie dienen aber
ebenfalls dazu, den wohlthätigen Wechfel im ganzen
durchzuführen, der allein eine folche Arbeit auch ge-
niefsbar, ein Buch diefer Art lesbar machen kann. Mir
feheint, der Verfaffer fei bemüht, auf unferem Gebiete
nach der Art der neueren durchaus von Ranke's Vorbild
beherrfchten Gefchichtfchrcibung darzuftellen, und nach
den Eindrücken wenigftens, welche ich empfangen habe,
ift ihm dies in hervorragender Weife gelungen.

Da die geftellte Aufgabe ausdrücklich die deutfehe
Myftik des Mittelalters angeht, fo ift damit von felbft
als Mittelpunkt das 14. Jahrhundert, der Dominikanerorden
, und die Perfon Heinrich Eckhart's gegeben.
Eckhart und feine Lehre fallen noch in diefen erften
Band, das letzte Dritttheil desfelben gehört ihm ganz
und ift der Kern des Ganzen. Im folgenden Bande
werden wir es mit feiner Schule zu thun haben. Im
vorliegenden Bande aber ift in den zwei erften Dritt-
theilen die Vorgefchichte diefer grofsen deutfehen Myftik
des 14. Jahrhunderts enthalten. Der Verfaffer theilt fie
in zwei Bücher, das erftc Buch behandelt: Myftifchcs
Leben im XII. und XIII. Jahrhundert, das zweite Buch:
myftifche Lehre vor Meifter Eckhart.

Der Begriff: myftifches Leben, ift an fich ein weiter,
nicht leicht fafsbarer, und es wird fich über die Berechtigung
, die Erfcheinungen diefes Titels in diefen gc-
fchichtlich.cn Zufammenhang zu bringen, faft überall
verfchiedene Meinung aufftcllen laffen. Ich leugne nicht,
dafs man den Stoff vielleicht mit gleichem Rechte noch
anfehnlich bereichern könnte, oder dafs die getroffene
Auswahl immer fich in fliefsenden Grenzen bewegen
wird. Aber ich halte den Grundgedanken des Verfaffers
für richtig. Denn diefer geht deutlich dahin, dafs fich
die Myftik des 14. Jahrhunderts überhaupt nur anfehau-
lich machen läfst auf dem Boden des mittelalterlichen
Klofterlebens und feiner asketifchen Contemplation.
In diefem Sinne haben die hier ausgewählten hervorragenden
Erfcheinungen ihre hohe Bedeutung als vorbereitende
und verwandte Lebensäufscrungen, wenn fie
auch zum Theil der eigentlichen Myftik noch ferne flehen.
Sic find geographifch geordnet: 1. Die Rheinlande im

XII. Jahrhundert. 2. Die Niederlande und das Rheinland
im XIII. Jahrhundert. 3. Thüringen und Sachfcn im

XIII. Jahrhundert. 4. Das füdliche Dcutfchland im XIII.
Jahrhundert. Der Gegenftand find durchgängig Frauen,
Nonnen, Beginen, ihre ekftatifchen Zuftände, Vifioncn,
Wunder, Schriften und Biographien. Im erften Stücke
find es Hildegard von Bingen und Elifabeth von Schönau.
Der Verfaffer giebt eine vortreffliche kritifche Unter-
fuchung über die Biographie der erfteren, ihre Corrc-
fpondenz und Schriften. Mir feheint, er hat diefer
literarifchen Kritik nicht die ganze Folge gegeben in
dcrDarftellung des Inhaltes. DiefeVifionen, prophetifchen
zeitgefchichtlichcn Inhaltes, meift gefchmacklofc Nachahmungen
, trocken und künftlich, vgl. S. 34, find doch