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Ausgabe:

1876 Nr. 18

Spalte:

464-466

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bisping, Aug.

Titel/Untertitel:

Erklärung der Apokalypse des Johannes 1876

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 18.

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Byblius neben Xouat/p und Xovowq] mit o uvoiyei g erklärt
und Philo B. ihn mit Hephäftos identificirt —
alfo: Jephta = Chufor = Hephäftos = Sonne!! Wie
Khryforos bedeuten könne ,Eröffner' läfst Goldz. unerklärt
; das richtige Chuforos = -nnin aber kann nichts
Anderes fein als ,der Verbindende'; Damascius hat fich
einfach geirrt, und Philo's Identificirung mit Hephäftos
kann die folare Natur diefes Gottes nicht ervveifen. —
Sara ,Fürftin' ift die ,Himmelskönigin' bei Jeremia, d. h.
die Mondgöttin; Hagar ,die Flüchtige' folglich als ihre
Gegnerin die fchnelleilende Sonne 'S. 138 f.). — Der
Sonnenmythos hat fich noch an die Perfon des hifto-
rifchen Elia angefetzt, was nicht nur daraus zu erfehen,
dafs er auf feurigem Wagen gen Himmel fährt, fondern
auch daraus, dafs er ein haariges Gewand trägt (S. 148;
Haare = Sonnenftrahlen S. 160; vgl. den haarigen Efau,
als Widerpart von Jakob [,Nacht'j = Sonne S. 161). —
Auch der fich entblöfsende Noa ift die fich am Morgen
enthüllende Sonne (S. 152). —< Es ift fchwer, unter all'
den hier vorliegenden Abgefchmacktheiten die fchönften
Blumen auszulefen; mindeftens hübfeh aber ift die Behauptung
, Rahel (,Schaf), welche Jer. 31, 15 um ihre
Kinder weinen läfst, fei nichts Anderes als die .Lämmerwolke
', welche weint, wenn fie Regen vergiefst 'S. 190),
woraus hervorgeht, dafs die Lämmerwolken, welche in der
modernen Zeit aus Altersfchwäche nicht mehr die Fähigkeit
befitzen, Regen zu bringen, damals als fie noch den
Namen Rahel führten, von anderer Befchaffenheit waren.

In dem folg. Cap. erfahren wir zunächft, welche
Umwandlungen und Erweiterungen der urfprünglich um
Nachthimmel und Sonne fich bewegende Mythos durch
den bei dem ackerbautreibenden Menfchen entftandenen
Culturmythos erfuhr (S. 242—263 , ; ein zweiter Abfchnitt
belehrt uns über ,die ältefte Geftalt der hebr. Religion'

S. 263—278). Mindeftens einfeitig ift die Behauptung,
dafs die Religion des nomadifchen Hebräers beftanden
habe ,in einer Verehrung des Wolken- und Regenhimmels
' (S. 269); wenn dies aus der Wolkcnfäulc, der
Wolke im Allerheiligften u. A. entnommen werden mag,
fo flehen dem gegenüber die Bilder, welche Jahve als im
Lichte wohnend darfteilen, woraus zu erfehen ift, dafs
es der Himmel mit den verfchiedenen Erfcheinungen des
Lichtes wie des Dunkels war, in welchem die alten
Hebräer die Gottheit verehrten. Als erft fpäter eingedrungen
laffen fich diefe Lichtelemente nicht nachweifen,
am wenigften durch die Behauptung, dafs der Kampf
der Leviten (d. h. der Schlangenföhne; vgl. in^ib) gegen
den Kälberdienft den Kampf der alten Religionsform

Schlange = Wolke) mit dem folarifchen Element
'Ochs = Sonne, bedeute (S. 273 f.). Die Phantafie in
diefer Combination ift allerdings zu bewundern. Wenn
übrigens der ungeneigte Lefer erftaunt fein follte darüber
, dafs hier wieder von vorne angefangen werde,
nachdem doch die ältefte Geftalt des Mythos fchon vorher
beftimmt war, fo erfahre er aus Cap. 8: .Anfänge
des Monotheismus und Differenzirung des Mythos'
(S. 314—347; CaP- 7 handelt von dem .Einflufs des erwachten
Nationalitätsgedankens auf die Umbildung des
hebr. Mythos'), dafs es Mythos gab, längft ehe die Religion
.wurde', wir alfo aus jenem nicht direct auf diefe
fchliefsen können. Wie ein deus ex machina tritt die
Religion, man erfährt nicht woher, auf den Schauplatz
nach S. 318: ,...wenn wir in Betracht ziehen, dafs die
Religion dort beginnt, wo das Leben der Mythologie
endet, aus deren Elementen die erften Anfänge der
theiftifchen Religion entftehen'. Man glaube nicht wegen
des beirrenden Zufatzes .theiftifch', dafs der Verf. nur
von einer beftimmten Religionsform rede; die weiteren
Ausführungen benehmen diefen Zweifel. Nachdem es
nun eines Tages dem Menfchen beliebt hatte, Religion
zu haben, und er diefe zunächft als Polytheismus gebildet
hatte, entftand fpäter aus diefem der Monotheismus durch
,dic religiöfe Vertiefung und Befchauung cinerfeits und

die philofophifche Speculation andererfeits' (S. 320), was
nur beiläufig erwähnt wird, während der Verf. weiter
ausführlich darlegt, wie die monarchifchen Staaten ganz
befonders geeignet feien zur Erzeugung des Monotheismus
, weil das himmlifche Regiment dem irdifchen ent-
fprechend gedacht werde. Daher war es die .politifche
Centralifation' zu David's und Salomo's Zeit, welche ,die
Erftarkung des Monotheismus beförderte' (S. 324).

Uebcr die letzten beiden Capp., welche nur anhangs-
weife noch zur Sache gehören: ,Der Prophetismus und
die Jahve-Religion' (S. 348—376) und: ,Üer hebräifche
Mythos im babylon. Exil' (S. 377—398) fei nur bemerkt,
dafs ein ganz verworrenes Bild von der Entftehung der
Jahve-Religion durch die Wirkfamkeit der Propheten
gezeichnet wird, und endlich alle Berührungen mit baby-
lonifchen Vorftellungen (Kosmogonic, Sintfluth u. f. w.)
auf die Zeit des Exils zurückgeführt werden, weshalb
Elohift nicht minder als Jehovift früheftens der Zeit des
Exils angehören follcn [nach S. 382 f. gehört wenigftens
j der jehoviftifche Fluthbericht dem Exil an, nach S. 384
auch die elohiftifche Kosmogonieä Erftaunlich ift die
Kühnheit, mit welcher der Verf. die verwickeltcften
Fragen der altteftamentlichen Kritik hier leichtfertig
durchfehneidet.

Hätte der Verf. feinen Beweis führen wollen, fo
wäre dies nur auf dem Wege möglich gewefen, dafs er
Namen der hebr. Urgcfchichte als Götternamen anderer
j femitifcher (oder auch etwa nichtfemitifcher) Völker
nachgewiefen hätte. Das ift aber nicht gefchehen und
kann nicht gefchehen bei unfern gegenwärtigen Kcnnt-
nifsen des femitifchen Alterthums. An und für fich ift
I es nicht unwahrfcheinlich, dafs in einzelnen Geftalten
der altteftl. Urgefchichtc irgendwelche Gottheiten zu
fuchen feien; fpätere Entdeckungen können fie vielleicht
noch einmal zu Tage fördern. In den Lebensjahren des
Henoch (365) liegt eine Beziehung auf den Sonnenlauf
| deutlich vor; die keinesfalls ganz des hiftorifchen Unter-
1 grundes entbehrende Geftalt des Simfon feheint mit der
J eines Sonnengottes verfchmolzen zu fein. Aber das
j find nur fchwache Spuren. Mit Recht legt der Verf.

S. 161 f. kein Gewicht auf den Ovaaog (Efau? S. 161 f.
J [und 'IoQaft] unter den Göttergcftalten des Philo
I Byblius. —Im höchften Grade einfeitig ift die Gefammt-
anfehauung des Verf. von der Mythologie, die Zurück-
führung aller mythologifchen Geftalten auf Nacht und
Sonne. Kenntnifs der letzten Quellen wirklicher Mytho-
' logic verräth der Verf. nirgends; aus den fecundären Darftellungen
wählt er das ihm Bequeme. Seine Kritik beftcht
einzig in der Befeitigung des Traditionellen; darüber hinaus
feheint er blind dem jeweils Neueften zu folgen.

Es ift dies Referat länger ausgedehnt worden als es
einem Buche zukommt, welches als werthlos zu bezeichnen
ift. Es wird diefer Schrift fo wenig als der
von A. de Gubernatis an Lobrednern fehlen und
hier vielleicht wie dort von Andern gefchwiegen werden,
welche fie mifsbilligen. Um fo nothwendiger fehlen es,
durch ein einfaches Referat die Bodenlofigkeit diefer
Sorte von Mythcnforfchung an den Pranger zu Hellen.
Wir bedauern, dafs der Verf., vor deffen Kenntnifs der
femitifchen Dialekte und namentlich der auch in diefem
Buche bezeugten Belefenheit in der arabifchen Literatur
wir die höchfte Achtung haben, auf dem fchlüpfrigen
Gebiete der Mythologie zu einem bedenklichen Fall ge*
kommen ift.

Leipzig. Wolf Baudiffin.'

Bisping, Prof. Dr. Aug., Erklärung der Apokalypse des

Johannes. (Exeget. Handbuch z. N. T. IX. Bd.).
Münfter 1876, Theiffing. (VII, 356 S. gr. 8.) M. 4. 50.

Vergleicht man diefen Commentar zur Apok. des
Johannes mit älteren katholifchen Arbeiten, fo darf man