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Ausgabe:

1876 Nr. 16

Spalte:

416-417

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bunsen, Ernst von

Titel/Untertitel:

Das Symbol des Kreuzes bei allen Nationen und die Entstehung des Kreuzsymbols der christlichen Kirche 1876

Rezensent:

Brockhaus, Clemens Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 16.

416

{ich W. auch in der Anordnung der Bücher (die katho-
lifchen Briefe unmittelbar nach der Apoftelgefchichte).
Stellen wie Marc. 16, 9—20 und Joh. 7, 53—8, II find
mit Recht nur in kleinerer Schrift unter dem Text gegeben
, und ,ganz Verwerfliches' wie die drei himmlifchen
Zeugen I Joh. 5, 7 völlig getilgt. Sehr zu billigen ift
es auch, dafs die finnftörenden Versabtheilungen befeitigt
find. Die Verszahlen werden zwar am Rande notirt, hingegen
neue Zeilen nur bei wirklichen Sinnabfchnitten gemacht
. Ob es gut gethan war, auf orientirende Ueber-
fchriften und Inhaltsangaben zu verzichten , darüber wird
fich Breiten laffen. Zu Gunften der Weglaffung kann der
Verf. die Confequenz feines Principes anführen, wonach
er eben nur den Text geben wollte. Dagegen hätten
wir auf jeden Fall gewünfcht, dafs wenigftens bei Alt-
teftamentlichen Citaten die Stellen notirt und innerhalb
der Synoptiker die Parallelen nachgewiefen worden
wären.

Gemäfs den Grundfätzen, nach welchen bei der
Ueberfetzung verfahren wurde, ift fie nicht für den eigentlich
erbaulichen Gebrauch beftimmt. Um fo willkommener
aber wird fie allen denen fein, welchen es um
ein wirkliches Verftändnifs des Neuen Teftamentes zu
thun ift. Wir wünfchten fie namentlich in den Händen
recht vieler Laien, die in der Schrift forfchen wollen,
ohne doch den Grundtext felbft benützen zu können.
Aber auch Theologen werden fie mit Nutzen gebrauchen.
Eine gute Ueberfetzung ift fchon die Hälfte einer Erklärung
. Und es wird wohl nur Wenige geben, die fich
eine fo fichere Kenntnifs des Grundtextes zutrauen, dafs
ihnen nicht die rafche Orientirung über diefen oder jenen
Abfchnitt gelegentlich von Werth fein könnte.

Leipzig. E. Schürer.

Zoeckler, Prof. Dr. O., Das Kreuz Christi. Religions-histo-
rische und kirchlich-archäologische Untersuchungen.
Zugleich ein Beitrag zur Philofophie der Gefchichte.
Gütersloh 1875, Bertelsmann. (XXIV, 484 S. gr. 8.)
M. 8. —

Ein wahrhaft edles Werk liegt uns hier vor. In
warmer Begeifterung von einem weiten Standpunkt aus
gefchrieben und durch die ernfteften mühevollften
Detailunterfuchungen hindurchgegangen, Eignes und
Fremdes in tüchtigfter Weife zufammenarbeitend, verdient
es wohl einen Ehrenplatz in der theologifchen
Literatur. Des Verf.'s Abficht ift, Vorhandenfein
und Geltung des Kreuzeszeichens im vorchriftlichen
Leben und in allen Phafen der chriftlichen Entwickelung
nachzuweifen und in feiner Bedeutung zu erklären. Er
greift dabei über das eigentliche Gebiet der bildenden
Kunft hinaus und berührt die Kreuzesvorftellungen auch
in Dichtung, Gottesdienft, Askefe, Myftik und Theofophie.
Sein Weg ift der hiftorische, indem er eine genetifche
Entwickelung der dem Kreuzesfymbol immanenten Idee
in verfchiedenen Ausdrucksformen annimmt, von dem
erften nachweisbaren Vorkommen derfelben bis zur
Gegenwart diefelbe verfolgt, und mit einem propheti-
fchen Ausblick auf die Heilswirkungen des Kreuzes in
der Zukunft endigt. Bringt er hierbei nicht immer
Neues, fo zeigt er doch einen fehr ausgeprägten Takt,
die Knotenpunkte in der Entwickelung des Kreuzes hervorzuheben
und die daraus refultirenden Phafen derfelben
klar darzulegen. Fern von jeder phantaftifchen
Combination fucht er durchgängig auf dem Boden wiffen-
fchaftlicher Erweisbarkeit zu bleiben. Vierzehn gelehrte,
umfaffende, namentlich literarifche Nachweife enthaltende
Beilagen, die monographifche Literatur über das Kreuz,
über den ornamentalen Gebrauch des Kreuzeszeichens
auf vorchriftlichen Monumenten, ältere und neuere Meinungen
in Betreff des fymbolifchen Sinns des ägyptifchen
Henkelkreuzes, über die Form des Marterkreuzes Chrifti

u. f. w., laffen in die Werkftatt des Verfaffers blicken
und bezeugen hinlänglich, wie ernft es fich derfelbe hat
angelegen fein laffen, zu begründeten Refultaten zu gelangen
. Eine andere Frage ift freilich die, ob es ihm
gelingen kann, feinen Anflehten Eingang zu verfchaffen
und fle bis zur Evidenz zu begründen. Der Verf. ergreift
das Problem von vornherein unferer Meinung nach ganz
richtig, indem er in dem Kreuzesfymbol eine Doppelfeite
anerkennt, eine Bedeutung zum Segen und zum
Fluch, und aus der letzteren leitet er die Anwendung
kreuzesgeftaltiger Marterwerkzeuge ab. Hierdurch leitet er
in paffendfter Weife zu den chriftlichen Vorftellungen
vom Kreuz und der Anwendung desfelben über. Es ift
ganz unzweifelhaft, dafs das Kreuz bei den Chriften nicht
nur in feiner Bedeutung als Marterwerkzeug des Herrn
in Geltung war, fondern dafs — und gerade in der älte-
ften Zeit — eine mehr magifche und höchft wahrfchein-
lich an überkommene heidnifche Traditionen angelehnte
Vorftellung von demfelben vorwaltete, aus der wir allein
das faft ausfchliefsliche Vorkommen der fogenannten
Cruces dissimulatae in den erften chriftlichen Jahrhunderten
uns erklären können. Diefe magifche Kraft, die man
dem Kreuze zufchrieb, führte zu den Verfuchen der Apologeten
, feine Geftalt überall wiederzufinden und zu feiner
Anwendung beim Kreuzfchlagen u. f. w. Erft allmählich
kommt die beftimmte Beziehung des Kreuzes auf den
Erlöfertod Chrifti zur ausfchliefslichen Geltung, und jene
magifchen, aus dem Heidenthume theilweife üfierkomme-
I nen Kreuzesvorftellungen werden von derfelben abforbirt,
fo dafs die heilfehaffende Wirkung des Kreuzes allein
I im Zufammenhange mit dem am Kreuze von Chrifto er-
| worbenen Heil und auch diefes immer mehr auf gei-
ftigem Gebiete gefunden wurde. Nur im Volksaber-
I glauben hat fich die magifche Vorftellung erhalten. Der
| Verf. hat nun einen Anlauf genommen, die urfprüngliche
Gefchiedenheit diefer Vorftellungen und ihr allmähliches
Zufammen- und Ineinanderübergehen nachzuweifen. Wir
würden ihm fehr dankbar gewefen fein, wenn er diefen
Anlauf confequent durchgeführt hätte, was nicht vollkommen
gefchehen ift, obfehon der reiche, kunftarchäo-
logifche und literarifche Apparat, den der Verf. fich angeeignet
hat, ihn dazu vor allem befähigt hätte. Frag-
i lieh könnte es auch fein, ob die an fich fehr fchönen
und lefenswerthen Abfchnitte über die Ergründung der
Tiefen des Kreuzes, Nachempfinden der Schmerzen des
i Kreuzes (Cap. V), Vergeistigung der Idee des Kreuzes
j (Cap. VI) und das Kreuz in Gegenwart und Zukunft der
I Kirche (Cap. VII) den Standpunkt der Arbeit ftreng
wahren. Fufst doch dabei der Verf. vielfach nur auf dem
herkömmlich gewordenen Wortfinn des Kreuzes, der
ebenfo durch andere Ausdrücke fich hätte decken laffen.
1 Indeffen folche Ausheilungen wiegen leicht gegenüber
I dem wiffenfehaftlichen Ernft und der chriftlichen Be-
j geifterung, mit denen der Verf. feine Arbeit erfafst hat,
und es fei diefelbe deshalb einem Jeden, der fich mit der
Gefchichte diefes chriftlichen Haupt- und Grundfymbols
j vertraut machen will, dringend empfohlen.

Leipzig. C. Brockhaus.

Bunsen, Ernst v., Das Symbol des Kreuzes bei allen Nationen
und die Entstehung des Kreuzfymbols der
chriftlichen Kirche. Berlin 1876, Mitfchcr & Röftell.
(VII, 236 S. gr. 8.) M. 3. 60.

War es als ein Vorzug des vorher besprochenen
Zöckler'fchen Buches zu rühmen, dafs es foviel als möglich
auf dem Boden hiftorifcher Objectivität zu bleiben
fuchte, die fubjective Meinung des Verfaffers von der
eigentlich hiftorifchen Ausführung fo ziemlich gefchieden
auftrat, und der Gelegenheit, bei Befprechung der vorchriftlichen
Kreuzesformen in Hypothefen und Combina-
tionen fich zu baden, mannhaft widerftanden wurde, fo