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Ausgabe:

1876 Nr. 14

Spalte:

377-379

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zahn, Theodor

Titel/Untertitel:

Constantin der Grosse und die Kirche 1876

Rezensent:

Harnack, Adolf

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377 Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 14. 378

fsen, mit welcher E. Ranke fein über Veranlaffung,
Namen und Ziel der Italaforfchung in lehrreicher und
lichtvoller Weife orientirendes Vorwort befchliefst. Es
ift eine ausgezeichnete Leiftung, die uns wünfchen läfst,
dem Herrn Verf. noch recht oft auf diefem Gebiete zu
begegnen.

Leipzig. O. Gebhardt.

Zahn, Prof. Dr. Th., Constantin der Grosse und die Kirche.

Vortrag. Hannover 1876, Meyer. (35 S. gr. 8.) M. —75.

Ref. empfiehlt diefen Vortrag auf's befte Allen, die
ein Intereffe für die Gefchichte der alten Kirche haben.
Dafs er auf fehr gründlichen und umfaffenden Studien

beruht und keine thatfächliche Behauptung in demfelben durchaus fchon betheiligt, felbft in weltliche Formen

grofser chriftlicher Name aus diefer Zeit herüber; die
Nachfolger Cyprian's laffen auf fich warten, Rom's Bi-
fchöfe find unbedeutend und die Kirchenfürften Alexandriens
haben an jenem Dionyfius, den man den Grofsen
genannt hat, ein Vorbild fehr zweifelhaften Werthes.
Es ift ein trübes Verhängnifs gewefen, dafs die Kirche
in diefer Zeit fchwerer Krifis keine kraftvollen Männer
gehabt hat und fich für Talente zweiten und dritten
Rangs begcifterte. Die Verhältnifse waren eben zu verworren
, ungefund und unwahr, um freie kirchliche Männer
zu ermöglichen. Rechtlich immer noch verurtheilt und
factifch in feiten unterbrochenem Frieden lebend, unbehelligt
und eben doch noch genug geftört, um die Einbildung
, die verfolgten Heiligen zu fein, ftetig wach und
lebendig zu erhalten, an Weltlauf und öffentlichem Leben

„ewagt ift, für welche nicht der Beweis angetreten wer- [ verfafst, und doch noch genug getrennt, um die alten

den kann, dafür bürgt der Name des Verf., von dem Sätze und Urtheile über Staat und Welt in Wort und

die .Gelehrten' immer lernen werden, auch wo er nicht j Schrift gebrauchen zu können, mit der ganzen Zeitbil-

zu den Gelehrten fpricht. Die Darfteilung ift knapp und ! dung ausgerüftet und doch genug Eigenart, um gelegent-

anziehend; das Urtheil, welches über die Chriftlichkeit 1 lieh noch mit den Mitteln der l'hilofophie und'Rhetorik

Conftantin's und über die Begründung des fogenannten | deren Verächter zu fpielen, hinreichend kräftig und aus-

chriftlichen Staats gefällt wird, ift gerecht, foweit man in gerüftet, eine Weltmiffion anzutreten und überall noch

einem kurzen Vortrage, der eine fo entfeheidende Epoche in freier offener Wirkfamkeit gehemmt — welch' eine

behandelt, billig und gerecht fein kann. Noch nach- Quelle ungefundefter Illufionen, welch' ein Ueberfchufs

drücklicher hätte auf den erften Seiten oder am Schluffe
hervorgehoben werden können, wie energifch fchon im
3. Jahrh. die Hauptftrömung innerhalb der Kirche der
Regierungsfähigkeit zuftrebt. Die Anfänge diefer Ten-
lenzen liegen freilich noch um zwei Menfchenalter weiter

ungenutzter oder mifsleiteter Kräfte; eine wahrhaft unerträgliche
Situation! Man mufs dies erwägen, wenn man
die neue Schöpfung Conftantin's auf ihren fittlichen Werth
hin prüfen will. So wie die Dirfle in der 2. Hälfte des
3. Jahrh.'s lagen, fchaffte der Schritt Conftantin's wenig-
zurück; während umgekehrt die Gefetzgebung des römi- I ftens relativ gefundere und angemeffenere Verhältnifse;
fchen Weltftaates im 2. und 3. Jahrh. eine immer huma- | Rückbildungen, die man wünfchen könnte, waren nicht
nere wird, fittliche Zwecke als Staatszwecke, trotz der | mehr möglich. Die Kirche war in dem 3. Jahrh. felbft
Desorganifation aller Verhältnifse, in den Vordergrund : ein Staat im Staate geworden. Neben inneren Nöthig-
treten und der alte polytheiftifche öffentliche Cultus fich I ungen hatte eben der Druck des Staates fie zu einem
immer ungeeigneter erweift, das neue Gebäude focial- i folchen gemacht, der in feiner Weife auch ,Welt' war.
politifcher Staatsordnung zu ftützen. Die Linien von Die Kirche, welche Schöpfung der conftantinifchen Po-
Juftin und Tertullian zu Lactantius und Arnobius, von j litik ift, unterfchied fich in befonders wefentlichen Punk-
Trajan zu Conftantius convergiren fehr rafch. Die neue , ten gar nicht von der früheren. Die Generation aber,
Ordnung der Dinge verlangt gegen Ende des 3. Jahrh.'s die auf dem neuen Boden erwuchs, fie hat doch gleich
eine monot h eift i fche Staatsreligion zur Grundlage: , anfangs einige grofse und würdige Männer aufzuweifen,
Chriftus oder der Sonnengott, das ift die Frage. Die I die wieder kraftvoll eingreifen, erquickliche Perfönlich-
Forderungen des kosmopolitifchen Stoicismus, diefelben, keiten, deren chriftliche Gefinnung und kirchliche Wirkweiche
die antike Gefellfchaftsordnung untergraben und famkeit unabhängig und fett bleibt auch gegenüber by-
zerftört haben, weifen eine frappante Aehnlichkeit auf mit zantinifchen Machtfprüchen. Wenn Zahn S. 30 f. den
chriftlichen Sätzen, wie fie bei den gebildeten Vertretern richtigen Satz ausführt, dafs, fo lange die Welt eine
des neuen Glaubens galten. Aber doch—welch'ein Un- ehrlich heidnifche war, der ernftefte Chrift in ihr leben
terfchied! Hier werden fie bereits gehandhabt von einer konnte und dafs erft die .chriftliche Welt' die Ernften
feftgefügten, grofsen Gefellfchaft, einem Bruderbunde, der zur Weltflucht getrieben hat, fo mufs diefer Gedanke
die Motive kennt, durch welche fie wirkfam in's Leben dahin ergänzt werden, dafs in vorconftantinifcher Zeit
eingeführt werden und fo täglich den Beweis liefert, dafs die leicht zu erzeugende Einbildung, der Welt nicht
ein Gemeinwefen auf diefen Grundlagen fich behaupten eigentlich anzugehören, bei fehr vielen die richtige Selbft-
kann; dort dagegen lind fie Refultate einer abgezogenen und Weltbeurtheilung trübte. Freilich wie mit einem
Reflexion, wederüberzeugungs-, noch zeugungskräftig, und Schlage waren auch fchon im conftantinifchen Zeitalter
daher mit dem nackteften Egoismus verträglich. Aber alle die abfehreckenden Ausftattungsftücke einer kaifer-
die Ideen der neuen Zeit laffen fich nicht mehr bannen liehen Hof- und Staatskirche gegeben und es mufs uns
und die diocletianifche Verfolgung erfcheint nur als ein heutzutage befonders nahe liegen, ihre verderblichen
letzter ftürmifcher und vergeblicher Verfuch, den Welt- Wirkungen zu erwägen und uns felbft vor Potenzirungen
ftaat, der neuer Grundlagen bedarf — hat er doch mit derfelben zu fchützen. Dennoch bleibt es dabei, dafs
dem alten römifchen wenig mehr als den Namen gemein- : in der neugeftalteten Kirche ein emfter, kraftvoller Mann
fam — unter dem Schutze des Jupiter vom Capitol zu feines Glaubens leben und durch ihn wirken konnte, ohne
belaffen. Wie feft in der zweiten Hälfte des 3. Jahr- in dem Grade der Gefahr einer Selbfttäufchung nahe
hunderts die Kirche felbft fchon mit dem Staate ver- zu fein und gehemmt zu werden, wie in den letzten
flochten gewefen ift, welchen Antheil an der Staatsleitung, vorconftantinifchen Decennien. Wir möchten deshalb
direct und indirect, einzelne chriftliche Männer und Kreife doch von dem, was der Verf. über die ,Lüge der
gehabt haben, willen wir nicht; wir können es nur aus conftantinifchen Schöpfung' ausgeführt hat, nur weniges
Stellen, wie Eufeb. h. e. VII, 30, 19 (hier entfeheidet der ändern; diefe liegt aber auf einem andern Gebiete und
Kaifer Aurelianus, darum erfucht, in der Frage, wel- Conftantin trägt an ihr nicht gerade die Hauptfchuld.
eher von zwei fich Breitenden kirchlichen Parteien das j Es find die eben angedeuteten Erwägungen unabweis-
Kirchenhaus zukomme) annähernd erfchliefsen; denn über bare, fobald man eine Einficht in die Verhältnifse und
wenige Epochen aus der Gefchichte der chriftlichen Kirche Entwickelungen gewonnen hat, welche die conftantinifche
find wir fo ungenügend unterrichtet, wie über die Zeit I Schöpfung abzufchliefsen berufen war. Der Unkundige
zwifchen Decius und Conftantin. Es ragt auch kein | kann diefe Verhältnifse, die Lage der Kirche im 3. Jahrh.

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