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Ausgabe:

1876 Nr. 14

Spalte:

367-368

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Godet, F.

Titel/Untertitel:

Commentaire sur l’évangile de St. Jean. T. I 1876

Rezensent:

Mangold, Wilhelm

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367

Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 14.

368

ygäxpag xavxa (21, 24); die Präfumtion der Augenzeugen-
fchaft des Schriftftellers, welche das Urtheil über den
Vorzug der Darftellung des 4. Ev. auch in dem Ab-
fchnitt S. 53—123 unwillkürlich beeinflufst, fällt alfo hinweg
, und die Kritik wird ihr Verdict zu Gunften der
Synoptiker abgeben. Die Johanneifche Frage, fo fcheint
es, wird fo bald noch nicht von der Tagesordnung ver-
fchwinden — wenigftens nicht auf dem Wege von Bey-
fchlag's Löfungsverfuch derfelben.

Bonn. Mangold.

Godet. Prof. F., Commentaire sur Tevangile de St. Jean, j

T. I. Introduction historique et critique. 2. ed. com-
pletement refondue. Paris 1876, Sandoz & Fifch-
bacher. (VIII, 368 S. gr. 8.)

Godet bezeichnet mit vollem Recht die im erften
Bande der 2. Auflage feines Commentars zum Ev. des
heiligen Johannes gegebene hiftorifch-kritifche Einleitung
in dasfelbe als completement refondue. In der That die
Anordnung des Stoffes ift eine vollftändig andere geworden
; denn der Verf. begnügt fleh nicht mehr damit,
nur eine Prüfung der äufseren Zeugnifse für die Echtheit
des 4. Ev. dem Commentar vorauszufchicken und die
innere Kritik" in Form von Folgerungen aus der Auslegung
fein Werk befchliefsen zu lauen, wie in der
1. Auflage; jetzt behandelt er die Johanneifche Frage
nach allen Richtungen als ein abgerundetes Ganze in
einer felbftändigen Unterfuchung, die er feinem Commentar
vorausfehickt. Aber auch der Stoff felbft ift nicht
unbeträchtlich erweitert; nicht blofs, dafs die einfchla-
gende deutfehe und franzöfifche Literatur, die feit 1863,
dem Jahre des Erfcheinens der erften Auflage, felbft noch
vermehrt ift, in gröfster Vollftändigkeit, die holländifche
und englifche wenigftens in einzelnen Erfcheinungen be-
rückfichtigt ift, auch die ganze Ausführung ift dadurch,
dafs fle vom Commentar losgelöft erfcheint, ausführlicher
, eindringender und in ihrer Weife beweiskräftiger
geworden. Daneben ift die echt franzöfifche Klarheit
und Feinheit der Darftellung zu loben, wie auch
die ernfte theologifche Geflnnung des Verf. wohlthuend
berührt. Im Anfchlufs an zwei einleitende Capp., von
denen das erfte die Stellung des 4. Ev. zu den fynop-
tifchen und den Gcfichtspunkt für feine Würdigung im
Allgemeinen befpricht, das zweite die Geschichte der
Entwickehmg der Kritik des Johanneifchen Ev. bis auf
die Gegenwart überflehtlich darfteilt, vertheilt die Abhandlung
ihren Stoff in drei Bücher: das erfte befchäf-
tigt fleh mit der Perfon des Johannes nach den Notizen,
welche Schrift und Tradition zurKenntnifs feines Lebens,
feiner Entwickelung und feines Charakters darbieten; das
zweite verflicht eine Analyfe und eine Charakteriftik des
4. Ev.; die Analyfe hat ihren Schwerpunkt in dem Nachweis
, dafs das Evangelium ein fo wohlgefügtes, einheitliches
Ganze fei, dafs jede Art von Theilungshypothefe
demfelben nicht gerecht werde, die Charakteriftik in der
Darlegung, dafs die Eigenthümlichkeit der Berichterftat-
tung fowohl über die Thaten als die Reden Jefu auf
einen Augenzeugen und Ohrenzeugen als Verfaffer des
Ev. fchliefsen lafse, dafs ferner die Johanneifche Theologie
nicht auf Einwirkungen des Alexandrinismus oder
gar des Gnofticismus zurückzuführen, fondern als Reful-
tat der tieferen Erfaffung des Wefens Jefu von Seiten
des Lieblingsjüngers zu begreifen fei, endlich, dafs die
literarifche Eigenthümlichkeit des Evangeliums, fein Styl
mit feiner hebräifchen Seele in einem griechifchen Leib,
feine Darftellung, die mit der höchften Einfalt eine unerreichbare
religiöfe Tiefe verbinde, es als Unicum
in dergefammten Literatur hinftelle; das dritte Buch behandelt
die Entftehung des 4. Ev.; auf Grund der
äufseren Zeugnifse in ihrer Harmonie mit den inneren
Merkmalen der zu prüfenden Schrift Hellt es feft, dafs

diefe gegen das Ende des saec. 1 von dem Apoftel
Johannes inEphefus gefchrieben fei, der, wahrfcheinlich
von feiner Umgebung dazu veranlafst, aus perfönlicher
Erinnerung zur Ergänzung bzw. Berichtigung der Synoptiker
gerade das habe mittheilen wollen, was ihn felbft
zum Glauben an die Meffianität und göttliche Würde
Chrifti geführt habe, um dadurch den Glauben der chrift-
lichen Gemeinde in derfelben Richtung zu ftärken (20,
30. 31) und indirect der Irrlehre des Kerinthus, nach der
Tradition eines Zeitgenoffen des Johannes, entgegen zu
treten. — Diefe Ueberficht über den reichen Inhalt der
vorliegenden Schrift, die in jedem ihrer Theile ihre po-
fitive Auffaffung auf eine Kritik der gegnerifchen Anflehten
in allen ihren Einzelnheiten ftützt, fle zeigt fchon,
dafs Godet mit vollem Ernfte auf das kritifche Problem
der Johanneifchen Frage eingegangen ift; hat er fleh die
Löfung desfelben doch noch dadurch erfchwert, dafs er
auch die Apokalypfe dem Verfaffer des Evangeliums zu-
fehreibt (S. 326 ff.)! Auch ift es ihm zum Lobe anzurechnen
, dafs er die vollen Confequenzen feines Standpunktes
übernimmt und weder an den Wunderberichten
(S. 156 ff), noch an den Ausfagen über die reale Vorwelt-
lichkeit Chrifti im 4. Ev. (S. 177 ff.) deutelt. Aber der
Einwurf, den Ref. gegen Beyfchlag geltend gemacht hat,
dafs eine Schrift, wie das 4. Ev., nicht auf einen ge-
fetzestreuen Urapoftel, die Autorität der Quartodecimaner
zurückgeführt werden könne, gilt auch gegen Godet;
und diefer hat weder durch die Verweifung auf das
testamentum XII pattiarcharutn mit feinem ftelienweis
interpolirten Text, feiner modaliftifchen Chriftologie und
feiner unficheren Abfaffungszeit die äufsere Bezeugung
des 4. Ev. ficherer geftellt (S. 289), noch hat er durch
die Verweifung darauf, dafs Paulus fchon in den Korin-
therbriefen gegen eine falfche Gnofis zu kämpfen gehabt
(S. 297 f.), und durch den Rückzug vom Philonifchcn
Logos auf die Hypoftafirung der Weisheit, die fleh doch
nur unter alexandrinifchem Einflufs vollzogen hat, oder
auf die Mcmra der Targuniim, deren Rcdaction wenigftens
auf jeden Fall viel fpäter fällt, die Zeitlage des
4. Ev. im saec. 1 begreiflich gemacht.

Bonn. Mangold.

Wittichen, Carl, Das Leben Jesu in urkundlicher Darstellung
. Eine kritifche Bearbeitung der Ftvangelien
nach Marcus, Matthaeus und Lucas mit Einleitung
und Erläuterungen. Jena 1876, Dufft. (XIV, 397 S.
gr. 8.) M. 9. -

Es war gewifs ein glücklicher Gedanke, nach fo
manchen neueren Darftellungen des Lebens Jefu, in denen
über den Reflexionen und Schilderungen des Erzählers,
über dem kritifchen Waffengeklirr und dem Geräufch
der gelehrten Forfcherarbeit der fchlichte Evangelientext
kaum mehr zur Geltung kommt, einmal die Evangelien
felbft reden zu laffen und nur fo viel hinzuzufügen, als zu
ihrem gefchichtlichen Verftändnifs nothwendig ift. Freilich
mufs zu dem Ende erft feftftehen, dafs unfre Evangelien
nach ihren Entftehungsvcrhältnifsen glaubwürdige
Kunde über das Leben Jefu enthalten, und da der Verf.
der altkirchlichen Ueberlieferung über fle, welche diefelbe
zunächft zu gewährlciften fcheint, nur einen fehr geringen
gefchichtlichen Werth beilegt und ihren Inhalt durchweg
von feiner Kritik nicht beftätigt findet, fo fucht er nach
einem andern P undament dafür und findet dies theils in
den Zeugnifsen nichtchriftlicher Zeitgenoffen über die
chriftliche Gemeinde, theils in der älteren chriftlichen
Literatur, foweit diefelbe noch zu Rückfchlüffen auf die
Perfon und die Wirkfamkcit Jefu berechtigt. In diefem
Sinne Hellt der erfte $ der Einleitung die ,gefchichtliche
Grundlage des Lebens Jefu' dar. Enthält diefer Ab-
fchnitt auch natürlich nichts Neues und ift er auch in
der zweiten gröfseren Hälfte ftark durch die kritifchen