Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1876 Nr. 14

Spalte:

359-360

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyer, Heinr. Aug. Wilh.

Titel/Untertitel:

Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament. 1. Abth.: Das Evangelium des Matthäus. 6., rev. u. verb. Aufl 1876

Rezensent:

Schürer, Emil

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

359

Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 14.

360

tpfjftrj, auch Her. I, 86 avv Sstli slorpitiov; derartige
unbewufste Weifsagjungen find z. B. Mt. 16, 17 sqq.,
Joh. 11,50. 19, 19. Act. 5, 39. Her. 9, 91. 5, 72. Soph.
El. 1099 und an andern Orten berichtet.

Jena. Edm. Spiefs.

Meyer, weil. Ob.-Confift.-R. Dr. Heinr. Aug. Willi.,
Kritisch-exegetischer Kommentar üb. das Neue Testament
. 1. Abth. Das Evangelium des Matthäus. 6. rev.
u. verb. Aufl. VI, 614 S. gr. 8.) — 11. Abth. Die
Briefe an Timotheus u. Titus, bearb. v. Dr. Joh. Ed.
Huther. 4. verb. u. verm. Aufl. (VIII, 382 S. gr. 8.)
— Göttingen 1876, Vandenhoeck & Ruprecht's Verl.
M. 8. — u. 5. —

Die neue Auflage des Cbmmentares zu Matthäus ifl,
wie es fcheint, das Letzte, was uns aus dem Nachlafs
des heimgegangenen hochverdienten Verfaffers, der Jahrzehnte
lang wie ein Dictator das Gebiet der Neutefta-
mentlichen Exegefe beherrfchte, geboten wird. Während
aber die Neubearbeitung des Fhilipper-, Koloffer- und Phi-
lemonbriefes (1874) noch druckfertig von ihm felbft her-
geftellt wurde, war die neue Auflage des Matthäus, als
er auf fein letztes Krankenlager geworfen wurde, ,nach
feiner eigenen Aeufserung noch nicht völlig reif zum
Drucke' (f. d. Vorwort zum Philipper-, Koloffer- und
Philemonbrief S. XI). Doch hätte er schon fo viel für
diefelbe gethan, dafs es nur einer ordnenden und fichtenden
Hand bedurfte, um auch diefes Vermächtnifs der
literarifchen Welt zugänglich zu machen. Diefer Mühewaltung
hat fleh in dankenswerthefter Weife Ritfehl
unterzogen, und zwar in der Art, dafs er lediglich eine
formale Redaction zum Zweck des Druckes vornahm, fo
dafs nun die vorliegende Arbeit noch ,durchaus das Werk
Meyer's' ift. Es braucht kaum bemerkt zu werden, dafs die
feit der letzten Auflage (4864) erfchienene Literatur fleifsig
berückfichtigt ift. Es kam hiebei weniger die eigentlich exe-
getifche in Betracht, als die hiftorifche über das Leben Jefu,
die Werke von Weizfäcker, Keim, Wittichen, Hausrath
, Weiffenbach u. a. Letzterer wird übrigens con-
fequent Weissaibacli gefchrieben oder vielmehr gedruckt
(S. 92. 223. 471. 472. 474). Nicht berückfichtigt fcheint
die Monographie von Haupt, Die Altteftamentlichen
Citate in den vier Evangelien (1871), ein Umftand, der
freilich kaum von nachtheiligen Folgen für die Sache
war. Für die Textkritik ift durchweg Tifchendorf's Editio
octava benutzt. Aber leider hat fleh der Verf. in feinem
Urtheil dadurch kaum beeinfluffen laffen. Es ift faft
räthfelhaft, wie ein Mann von fo nüchternem Urtheil und
von fo gründlicher philologifcher Bildung für die ein-
fachften Grundfätze der Textkritik geradezu unzugänglich
fein konnte. Wenn etwa ein Wort in den drei oder
vier älteften Handfchriftcn fleh nicht findet und erft in
den fpäteren vorkommt, fo ift er im Stande, zu erklären,
es fei von jenen weggelaffen. Wenn irgendwo, fo wird
nach diefer Seite hin ein fpäterer Herausgeber eine gründliche
Umarbeitung vornehmen müffen, wozu ihm gerade
für Matthäus und Marcus die mufterhaften, durch die
Sicherheit der textkritifchen Methode wahrhaft wohl-
thuend berührenden Arbeiten von Weifs (1876. 1872)
ein unfchätzbaresHülfsmittel bieten werden. Anerkennung
verdient es, dafs die Correctur der hebräifchen Worte
diesmal etwas beffer ift, als es fonft in den neueren
Auflagen des Meyer'fchen Commentares der Fall zu fein
pflegte.

Ich benütze diefe Gelegenheit, um zu 19, 24 gegenüber
der erft kürzlich wieder als Neuigkeit aufgetifchten Behauptung
, das Wort ,Nadelöhr' bezeichne in der Landes-
fprache Paläftina's ein enges Pförtchen (Aug. Baur in
Hilgenfeld's Zeitfchr. f. wiffenfchäftl. Theol. 1876, S. 300
—304 , auf die vortreffliche Abhandlung Wetzstein's

über ,Das Nadelöhr von Jerufalcm' hinzuweifen (Sitzungsberichte
der philof.-philol. u. hiftor. Claffe der Münchener
Akademie 1873, S. 581—596), womit auch zu vergleichen
dieReferate vonDelitzfch Saat auf Hoffnung 1874, S. 210
—2l4iund Geiger (JüdifcheZeitfchr. f. Wiffenfch. u.Leben
XI, 1875, S. 254 f.). Wetzstein verfichert, nie etwas derartiges
gehört zu haben, und hält es für wahrfcheinlich,
dafs der bei der Vorliebe des Orientalen für Bilder und
Witzworte gewifs leicht vorkommende Vergleich einer
engen Pforte mit einem Nadelöhr zu dem — von induftri-
ellen Fremdenführern unterftützten — Mifsverftändnifs geführt
habe, als ob enge Pforten überhaupt oder ein be-
ftimmtes einzelnes Pförtchen in Jerufalem diefe Bezeich-

! nung geführt hätten. Letzteres findet fleh fchon bei Johannes
Poloner 1422 n. Chr. (Tod/er, Descriptioues Terrae

I Sanctae ex saeculo VIII. IX. XII. et XV, 1874, p. 240:
In eadem platea est portida versus austrum, quae Üngua
Saracenorum Tobler: eorttni foramen acus dicitur, de
qua Dominus dixit: Facilius est, camelum ine per foramen

! acus etc.); erfteres mehrfach bei neueren Pilgern. Jedenfalls
hat aber das Zeugnifs eines Mannes, der 15 Jahre
in regem Verkehr mit den Eingeborenen gelebt hat,
mehr Gewicht, als das aller Pilger und englifchen Ladies
insgefammt.

Die Neubearbeitung des Huther'fchen Commentares
zu den Paftoralbriefen hatte fleh hauptfächlich mit der
Auslegung Hofmann's (1874) auseinanderzufetzen. Dafs
ihr der Verf., wie er im Vorworte felbft fagt, meiftens
j polemifch entgegentritt, wird wohl ziemlich allgemeine
Billigung finden. Nächft Hofmann ift auch die 3. Aufl.
des van Oofterzee'fchen Commentares und die prak-
tifche Auslegung von Plitt berückfichtigt. Durch diefes
neue Material ift der Umfang um 20 Seiten erweitert
worden (von 362 auf 382 S.) Aber fachliche Aender-
ungen von irgend welchem Belang find nicht vorgenommen
. Namentlich ift auch das Urtheil über die Echtheit
ganz dasfelbe geblieben wie früher.

Für die künftigen ne uen Auflagen des Meyer'
fchen Commentares erlaube ich mir den dringenden
Wunfeh auszufprechen, dafs jedem Bande desfelben ein
chronologifch geordnetes Verzeichnifs der darin benützten
exegetifchen Literatur mit genauer Angabe der Titel und
womöglich einer kurzen Charakteriftik der wichtigeren
Erfcheinungcn vorangefchickt werde. Es ift dies für das
Bedürfnifs der Lernenden — und für diefe ift das Buch
doch auch beftimmt — unbedingt nothwendig. Ohne
eine folche Orientirung find die in grofser Maffe citirten
Namen nichts als leere Worte, die für den Anfänger gar
keinen Werth haben, weil er keine beftimmte Vorftellung
damit verbinden kann. Ferner dürfte es fleh empfehlen,
die Grammatik von Winer nicht nach Seitenzahlen, fondern
nach Paragraphen zu citiren, damit wenigftens die
beiden neueren Auflagen neben einander benützt werden
können. Endlich gebe ich zu erwägen, ob es nicht beffer
ift, die textkritifchen Vorbemerkungen in kleineren Ab-
fchnitten, etwa nur für je 5—10 Verfe zu geben. Der
Anfänger wird dadurch eher zum Lefen eingeladen, während
bei der jetzigen Art, Alles für ein Capitcl zufam-
menzuhäufen, die Verfuchung, diefen trockenen Paffus
ganz zu überfchlagen, faft allzugrofs ift.

Leipzig. Schür er.

Beyschlag, Dr. Willibald, Zur Johanneischen Frage, Beiträge
zur Würdigung des 4. Evangeliums gegenüber
den Angriffen der kritifchen Schule. Gotha 1876,
F. A. Perthes. (XVI, 260 S. gr. 8.) M. 4. —

Die Johanneifchc Frage wird, fo fcheint es, bald von
der Tagesordnung verfchwinden: mit diefem Eindruck

I befchliefst wohl Jeder, derfich kritiklos derfelbenhingiebt,
die Leetüre der erften der beiden in den Theol. Stud.

I u. Krit. 1874 und 1875 erfchienenen Abhandlungen Bey-