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Ausgabe:

1876 Nr. 13

Spalte:

343-345

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lenz, Max

Titel/Untertitel:

König Sigismund u. Heinrich V. von England. Ein Beitrag zur Geschichte der Zeit des Constanzer Concils 1876

Rezensent:

Tschackert, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 13.

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volle Arbeit unfern Dank ausfprechen, hoffen wir ge-
fpannt auf die Fortfetzung des wichtigen Unternehmens.

Leipzig. Ad. Harnack

Lenz. Dr. Max, König Sigismund u. Heinrich V. von England
. Ein Beitrag zur Gefchichte der Zeit des Con-
ftanzer Concils. Berlin 1874, G. Reimer. (VIII, 215 S.
gr. 8.) M. 3. -

Diefes Werk giebt uns vortreffliche Winke zu
einer richtigen Beurtheilung der Vorgänge auf dem con-
ftanzer Concil, indem es über Verhältnifse Licht verbreitet
, von denen man bisher, wie ein Blick auf Hefele,
Concilgefch. 7, S. 301 zeigt, ganz ungenügende Vorftel-
lungen hatte. Wir wiffen, dafs König Sigismund den
grofscn politifch-kirchlichen Congrefs zu Conftanz anderthalb
Jahre (v. 18. Juli 1415 bis 27. Jan. 1417) tagen liefs,
während er felbft in Spanien, Frankreich und England
auf Reifen war. Dafs ihn weniger die Kirche als feine
Politik fo lange von den Verhandlungen der Väter fern
hielt, lehrt uns die vorliegende Schrift. Denn nachdem
er durch den Vertrag zu Narbonne (am 13. Dec. 1415)
die fpanifchen Regierungen für die Anerkennung des
Concils gewonnen, war feine kirchliche Miffion erledigt;
aber in Lyon änderte er feinen Rückweg, entliefs wahr-
fcheinlich hier die Concilsgefandten, Welche ihn nach
Spanien begleitet hatten, und ging Ende Febr. 1416 nach
Paris. Was trieb ihn dahin? Vor wenig Monaten waren
die Franzofen bei Azincourt gefchlagcn worden; es lag
nahe, dafs Sigismund, als fie feine Vermittelung begehrten,
die Rolle eines fcheinbar unintereffirten Friedebringers
übernahm. So liefs er fich denn in der franzöfifchen
Hauptftacit feiern, um nicht lange darauf Frankreich an
England — zu verrathen. Schon feit 1411 hatte das
Haus Lancafter eine antifranzöfifche Alliance mit Sigismund
geplant; 1414 war ein Bündnifs von Heinrich V
eingeleitet worden; zur Ausführung kam es endgültig,
als jetzt, im Jahre 1416 der römifche König nach England
ging. Der Vertrag von Canterbury vom 15. Aug.
1416 (bei Lenz S. 120 ff.) bezweckte nichts anderes, als
die gänzliche Unterwerfung Prankreichs, des feitherigen
Bundesgenoffen der Luxemburger. Diefcpolitifche Schwenkung
Sigismund's veranlafste auf dem Concil den Ueber-
tritt der franzöfifchen ,Nation' auf die Seite der altkirchlichen
Partei; fie fteht fortan mit dem Cardinalcolleg und
den Italiänern gegenüber von Sigismund, der deutfchen
und englifchen Nation.

Diefe Rückwirkung des Bündnifses von Canterbury
auf die conftanzer Synode ift für die Kirchengcfchichte
der wichtigfte Theil der lehrreichen Schrift. Wir erwähnen
hier eine intereffante Regung des Grolls der Franzofen
gegen die Engländer, welche dem Verf. entgangen ift;
die aber noch behendere Rückficht verdient, weil die
Berichte darüber uns zugleich einen Einblick in die Verhandlungen
, welche der ftürmifchen Sitzung vom 5. Nov.
1416 vorangingen, geftattcn, während uns bei von der
Hardt und Manfi meift nur die Acten über die öffentlichen
Sitzungen vorliegen, welche aber blofs das Re-
fultat der uns bis jetzt noch unbekannten Vorverhandlungen
innerhalb der Nationen find. Jene unbeachteten
Quellen befinden fich in Gersonn opera ed. Dupin. Antw.
1706. tom. V, p. 692 sqq., nämlich ein Proteft Ailli's vom
7. Nov. 1416, durch welchen er fich einer gegen die Engländer
gerichteten Erklärung der franzöfifchen Gefandten
und der ,wohlgefinnten' Franzofen vom 5. Nov. anfchlofs
(1. c. 695 C), ein Protokoll, zu dem er in Folge deffen
vernommen wurde, und eine Denkfchrift derjenigen Fran-
zofen, welche das Vorgehen Ailli's, der Gefandten und ihres
Anhangs nicht billigten. Diefe Schriftftücke enthalten
auch Andeutungen über das gegenfeitige Verhältnifs der
drei Vertreter der politifch eben engagirten Monarchen,

Sigismund's, Heinrich's V und Karl's VI, über den Pfalzgraf
Ludwig, den Bifchof von Salisbury und den Cardinal
Ailli (vgl. z. B. 1. c. 696 A.).

Leider hat L. diefen letztgenannten kirchlichen Diplomaten
vorwiegend auf Grund einiger Bemerkungen von
Feinden desfelben charakterifirt; die Schilderung der
erften ,Intriguen' Ailli's (bei Lenz S. 161 ff.) ruht nur auf
zwei Briefen von Engländern, welche allein ebenfowenig
mafsgebend find, wie der zornige Ausfall Bonifaz Ferrer's
(S. 165); nicht einmal die beiden gröfseren Schriften
des Cardinais aus der conftanzer Zeit hat L. dabei be-
rückfichtigt. Oder hätte Ailli etwa ,das grofse Werk der
Kirchenreformation' nicht betrieben? Ich erinnere nur
an feine von Conftanz aus fchnell verbreitete und fpäter
oft gedruckte Schrift de reformatione.— Dabei hat L. das
feindliche Verhältnifs Sigismund's zu Ailli überfpannt.
Der König habe nach der Rede des (ihm politifch nahe
flehenden) Bifchofs von Salisbury, fagt L., dem Cardinal
die Möglichkeit, eine Begrüfsungsrede zu halten, mit der

1 Erklärung abgefchnitten, nun fei der Beglückwün-

j fchungen genug; er fei von der Reife ermüdet und bedürfe
erft leiblicher Stärkung. Die Quelle aber berichtet
nur: da der König noch nichts gegeffen hatte, wollte
ihn niemand mehr beläftigen {and for as moclie as
tht Kyng ivas Fasting at t/iat Our, ther wolde 110 Man

| oeenpye hym mor Ihat day; in der lat. Ueberfetzung

j fteht falfch nemo ille [ftatt üli velitG) molestiam exhibere;
Kymer, foedera. IJ40 t. IX. p. 192). — Seine Vermu-
thung ,weiterer Intriguen' Ailli's hat L. zur Thatfachc

' erhoben, ohne den Beweis beizubringen; nach S. 167
hätten die Caftilianer im Mai 1417 ,auf Ailli's Antrieb'
erklärt, nicht eher dem Concil beitreten zu wollen, als bis
man fich über den Modus der Papftwahl geeinigt habe;
die Quellen führen aber nicht weiter als bis zu der Annahme
, welche fchon der Zeitgenoffc Polka ausfprach,
dafs die Caftilianer fich vielleicht haben durch die
Cardinäle zu ihrer Erklärung verleiten laffen (bei Hübler
, Conft. Ref. S. 18. Anm, 54). — Auf S. 159 Anm. I
hat L. auch die von Hardt t. II. p. 584 und 585 mitge-
theilte Schedula (, Videtur multis prac/atis') dem Cardinal
von Cambrai zugefprochen; wir wiffen aber über ihren

I Vf. bis jetzt noch nichts. (Nach Flüblcr, S. 73 wurde
fie zu Anfang 1415 abgefafst; da aber bereits fünf Nationen
genannt werden, ift diefe Bcfitimmung unrichtig). —
Ueberdies finden wir Ailli auch in feiner Jugend nicht fo
liberal in feiner Lehre, wie Schwab meint, und die ver-
innerlichendc Richtung, welche L. (nach Schwab; bei ihm
in feinem Alter vermifst, läfst fich dutzendfach belegen,
wie feine vielen erbaulichen Tractate, auch aus der conftanzer
Zeit beweifen (eine Auswahl in P. de Alliaco, tretet.

' et serm. s. I. e. a. und Arg. 1490). Grade fie find in
zahllofen Handfchriftcn verbreitet gewefen und zum Theil
noch im 17. Jahrh. wieder gedruckt worden (Duaci.
1634 in 12.). — Ebenfowenig war Ailli ein ,alter Freund
Johann's XXIII' (L. S. 187), wie er felbst im Jahre 1416 bezeugt
. Vgl. v. d. Hardt. T. VI. 60. — In die Verhandlungen
vor der Papftwahl 1417 hat L.'s Arbeit dankenswerthe Klarheit
gebracht; nur wollen wir uns die Bemerkung erlauben,
dafs feine Motivirung des Wahlvorgangs aus politifch-
nationalen Rückfichten bis jetzt nur eine kühne Hypo-

• thefe, wenn auch eine fehr verlockende ift. Um z. B. zu
erklären, dafs das Cardinalcolleg oder wenigftens die
Majorität desfelben für Colonna, gegen Ailli ftimmte,
braucht man keine Sympathien derfelben, für die eng-
lifch-deutfche Alliance zu vermuthen; die Cardinäle mufs-
ten fich, fo meinen wir, felbft fagen, dafs unter den
politifchen und kirchlichen Wirren der ehrenwerthe Sprofs
des berühmten Haufes Colonna, welcher bisher nach
keiner Seite Anftofs erregt, vor dem Emporkömmling,
welcher fein Leben lang Parteimann gewefen und wiederholt
, befonders in den letzten Jahren den Hafs der
Gegner herausgefordert hatte, den Vorzug verdiene; die

' Wahl Ailli's hätte eine offene Kriegserklärung der Curie