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Ausgabe:

1876 Nr. 12

Spalte:

319-320

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Burmeister, Ernst

Titel/Untertitel:

Die Festhälfte des Kirchenjahrs, Epistelpredigten 1876

Rezensent:

Bender, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 12.

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der der Beruhigung knüpfen. Dafs ich aber mir erlaubt
habe, vorherrfchend meinen Widerfpruch gegen diefe
Schrift zu erklären, rührt daher, dafs ich nicht wünfche,
meine Mitarbeit an der Lehre von der Kirche, weil ich
fie bisher nur in Zeitfchriften niedergelegt habe, ignorirt
zu fehen, wie es mir fchon oft genug zu Theil geworden
ift.

Göttingen. A. Ritfchl.

Burmeister, Paft. Ernft, Die Festhälfte des Kirchenjahrs,
Epistelpredigten. Parchim 1876, Wehdemann. (VIII,
289 S. gr. 8.) M. 4. 50.

Es ift vielleicht gegen den Wunfeh des Verf. ge-
fchehen, dafs die vorliegenden Predigten, welche laut
Vorrede für die Parchimer Gemeinde gedruckt wurden,
auf dem literarifchen Weltmarkte zur Ausheilung gelangt
find. Wir wollen das zu feiner Entfchuldigung annehmen.
Denn wenn diefelben auch allenthalben den perfönlichen
Ernft und Eifer eines tüchtigen Geiftlichen erkennen
laffen, fo dürften fie doch unferer homiletifchen Literatur
nach keiner Seite hin zur Bereicherung dienen.

Der Verf. bezeichnet es als feinen vornehmften Zweck,
die Hörer und Lefer feiner Predigten in ein tieferes Schrift-
verftändnifs einzuführen. Ohne Zweifel eine löbliche Abficht
. Ob diefelbe aber erreicht werden könne, wenn
man felbft offenbar keine anderen Hilfsmittel der Schrifterklärung
kennt als die lutherifche Bibelüberfetzung und
vielleicht noch eine Ueberfetzung der Concordienformel,
mufs denn doch mehr als fraglich erfcheinen. Von der
exegetifchen Kühnheit des Verf., welche ihm beifpiels-
weife geftattet (in einer Charfreitagspredigt über Jes. 53,
S. 178 fg.), den Propheten Jefaia als antieipirten Vertreter
der fcholaftifchen Satisfactionstheorie zu fchildern, fehen
wir ganz ab. Denn auf die Verficherung unferes Bibel-
crklärers, dafs ,im Geilte' kein Unterfchied zwifchen der
jPaffahfeier' des ifraelitifchen Propheten und eines dog-
matifch correcten Neulutheraners unferer Tage beftehe
(S. 184), wird kein Vernünftiger repliciren wollen. Aber
ftellen wir uns einmal auf den exegetifchen Standpunkt
des Verf., fo mufs es immer noch auffallend erfcheinen,
dafs er in zwei Ofterpredigten (S. 188 ff.) über die ,Leiblichkeit
' der Auferftehung Chrifti feiner Gemeinde Auf-
fchlüffe giebt, welche in ihrer materialiftifchen Sicherheit
fchon durch ein befonnenes Lefen der lutherifchen Bibelüberfetzung
recht wohlthätig hätten erfchüttert werden
können. FYeilich wem es fich bei dem beregten Gegen-
ftande nur ,um die allcreinfachftc Sinnenwahrnehmung'
handelt, den wird man fchwerlich durch den Verweis
auf bekannte paulinifche Erklärungen in der Meinung
beirren, dafs er damit lediglich nur die Anficht des Paulus
vertrete. Nach dem Allem wird man es begreiflich
finden, dafs die Exegefe im grofsen Stile, wie fie der
Verf. übt, für exaetes Wort- und Satzverftändnifs nichts
übrig hat. Der Ehrfurcht vor dem Schriftworte ift ja
bei einer gewiffen Klaffe von Schrifterklärern vollauf
genug gethan, wenn man vor fich und den Gläubigen
folche Proben von Bereitheit die Vernunft in den Ge-
horfam des Glaubens zu geben wie unfer Verf. ablegen
kann.

Die exegetifche Naivetät des Verf. wird indeffen noch
überboten durch feine dogmatifche Confufion. Wer in
diefen Predigten eine ungebrochene, in fich klare Ge-
fammtanficht der chriftlichen Religion in ihrer verhöhnenden
und heiligenden Macht fucht — und das ift es
doch was man in einem folchen Predigtcyclus fuchen
mufs — der wird fich fehr enttäufcht finden. Und fogar
das ,Stückwerk' traditioneller Dogmatik, welches der
Verf. feiner Gemeinde ftatt chriftlicher Religion als ,be-
feligende Lehre' bietet, fcheint ihm felbft nicht völlig
klar geworden zu fein. Oder wer wollte z. B. der folgenden
Erörterung über Sühne und Opfer dogmatifche

Klarheit und Correctheit nachrühmen: ,Keinerlei Sühne
kann dein Opfer bringen, und keinerlei Verdienft erwirbt
es dir, dennoch follft du's nicht unterlaffen zu opfern:
wozu denn? dazu, dafs das, was Gott im Tode Chrifti
gerichtet hat, die Sünde, auch von dir an dir felber gerichtet
werde; dafs das, was in Chrifto am Kreuze ge-
ftorben ift, die fündige Menfchennatur, auch an dir und
in dir wirklich erfterbe. Siehe, darum follen wir Chriften
auch nicht dies und jenes opfern, nein, Alles, uns felbft,
unfere Leiber follen wir zum Opfer begeben, zu einem
Opfer, das da lebendig vor Gott fei, will fagen, nicht
erit, wenn die Lüfte und Begierden mit dem Alter von
felbft nachlaffen, (!) fondern während fie lebendig und
kräftig das Gefctz in deinen Gliedern bilden, da fchon,
bei lebendigem Leibe follen wir einfehneiden in Eleifch
und Blut, und täglich ertödten den alten Menfchen, denn (!
nicht einen Leichnam bringt man zum Opfer dar, fondern
ein Lebendiges' (S. 89). Gewifs eine deutliche Erklärung
des Opfercharakters des Todes Chrifti und des
chriftlichen Lebens als eines Opfers an Gott; zugleich
auch eine anfprechende Probe von dem Stil, in welchem
fämmtliche Predigten gehalten find.

Zur Vervollltändigung unferes Referats theilen wir
nur eine Dispofitionsprobe ftatt vieler mit. Das Thema:
,Wie unfer Glaube der Sieg ift, der die Welt überwindet?'
wird in den zwei Theilen behandelt: ,Indem wir erkenne'n
1. dafs der Gläubige eine neue Creatur von Gott geboren
ift, 2. dafs der Gläubige das Zeugnifs des heiligen
Geiltes bei fich hat' (S. 208).

Müffen wir annehmen, dafs in diefem Tone und
Stile in vielen Kirchen gepredigt wird, fo können wir
uns allerdings nicht wundern, wenn in denfelben Kirchen
die Klagen über den fteten Rückgang kirchlicher Sitte
und chriftlicher Ifrkenntnifs laut werden. Eine Urfache
des kirchlichen Nothftandes liegt aber gewifs in folchen
Predigten, die nicht nur allen Gefetzen der Logik und
Aefthetik Hohn fprechen, fondern auch nichts weniger
als geeignet erfcheinen, dem heutigen Publikum die Wahrheit
, Gröfse und Kulturmacht des Chriftenthums zu Ge-
müthe zu führen.

Worms a. Rh. Wilh. Bender.

Hülfsmittel zum christlichen Religionsunterrichte in der
Volksschule.

Es ift ein verheifsungsvolles Zeichen, dafs auf dem
Gebiet der Literatur, welche die Ueberfchrift nennt, die
frühere Regfamkeit noch immer nicht nachgelaffen hat.
Ueberblicken wir im Folgenden einige Leiftungen aus
neuefter Zeit, fo heben wir naturgemäfs bei denen an,
die der Unterweifung in der biblifchen Gcfchichte dienen
wollen. Von befondererBedeutung ift hier, was K. Knoke,
Seminar-Dirigent zu Wunftorf, im erften Bande feines
Werkes ,Zur Methodik der biblifchen Gcfchichte' gegeben
hat fHannover, Carl Brandes, 1875, 270 S. 8.). Von dem
Gedanken ausgehend, dafs die allgemeinen Bcftimmungen
der Schulregulative für die Geftaltung des biblifchen Ge-
fchichtsunterrichts keineswegs ausreichende Fingerzeige
enthalten, fragt der Verfaffer die Gefchichte, auf welche
Weife von jeher der genannte Lehrftoff in der chriftlichen
Kirche angewandt worden ift, um auf diefem hiftorifch-
genetifchen Wege Material für eine wahrhaft wiffenfehaft-
liche Methodik der biblifchen Gefchichte zu fammeln.
Seine Arbeit führt uns vorläufig herab bis zur Zeit des
kirchlichen Mittelalters. Zeigt der erfte Abfchnitt, wie
die biblifche Gcfchichte in der heiligen Schrift felbft ver-
werthet fei, fo fchildert der zweite die Darftellungen der-
felben in der alten und der dritte die in der mittelalterlichen
Kirche. Dafs dabei die biblifchen Schriften wie die
der erften nachapoftolifehen Zeit allfcitig berückfichtigt
wurden, war durch die Wichtigkeit der Sache geboten;
vom Zeitalter des Origenes an dagegen hat der Verfaffer