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Ausgabe:

1876 Nr. 12

Spalte:

311-313

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tschackert, Paul

Titel/Untertitel:

Anna Maria von Schürmann, der Stern von Utrecht, die Jüngerin Labadie’s. Ein Bild aus der Culturgeschichte des 17. Jahrhunderts 1876

Rezensent:

Augé, Friedrich

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311 Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 12. 312

Berufung auf die fchrif tlich überlieferte Heilswahrheit
lehrte er z. B. auch die Jurisdiction des Königs über die
Landesbifchöfe. ,E textn evangelii (Joh. 16) plane palet,
qnod a tempore missionis Spiritus sancti in apostolos non
fuit nee est opus quaererc plures veritates ad salutcm quam
quae sunt in fiäc evangclica et apostolica nobis scriptis
commendata .... Practerca libros Wicleff non vultis
acceptare, fchreibt er an krakauer Profefforen, cum tarnen
sine notitia ißsorum infinitas particulas logicae, philosophicae,
sacrae scripturae et fidci eliristianae, tamquam coecus Colons
, non potestis cognoscere neque judicare An einer andern
Stelle lefen wir vollends: Spero, dominus Poloniae
me cum cpiscopo (Sbigneo) et doctoribus judicaret, quia
hoc habet facere, ex scriptura judicare episcopos
et omncs alios sacerdotes regni sui. (Bei J. Heyne,
Dbk. Gefch. d. Bisthums u. Hochftifts Breslau. III. Bd.
Breslau 1868. S. 67. 66. Noch andere Belege für Galka's
Theologie dafelbft S. 57—69.). In dem Uberpromotiomim
ed. Muczkowski. Crac. 1849. p. 17 ift er als ,haereticus
pcssimus cum quo disputabant omnes' verewigt.

Manche Äuffaffungen des H. Verf. vermögen wir
allerdings nicht zu theilen, z. B. das Urtheil über die
gefammte Bildung des 15. Jahrhunderts, welches fich in
den Worten ausfpricht: ,in Galka erkennen wir eines jener
Opfer, mit dem die zufällige Mifchung eines Körnchens 1
einfachen Menfchenverftandes mit der fyftematifchen Ver-
bildung jener Zeit immer bezahlt wurde' (S. 407). Da- [
nach wären fämmtlichc nicht ,Geopferten' Dummköpfe
gewefen, was wohl auch der H. Verf. nicht behaupten
wird. Wir glauben auch nicht, dafs das Unionswerk von
Florenz (1439) lediglich ,Blendwerk' oder ,Gaukelfpiel'
(S. 352) gcwelen fei; unterfchreiben ferner die Brachylogie
des H. Verf. nicht, dafs das conftanzer Concil,die Kirchenunion
in eine theologifche Doctorfrage verzerrte' (S. 309).
Etwas ftutzig wurde Ref. aufserdem als Theologe bei der
immerhin ,entfernten' Aehnlichkeit der Individualität des
;waldfrohen' Jagiello von Litthauen mit der des grofsen
Kirchenlehrers Auguftin (S. 96), noch mehr bei dem im
Zufammenhang doch nur auf die Kirche im allgemeinen
zu beziehenden Ausfall ,wer weifs es nicht — die Kirche
heifcht immer?' (S. 106.) Welche denn? und von wem?
— Ein Autor ferner, welcher die Sprache fo mehterhaft
beherrfcht, wie der H. Verf., hätte leicht Ausdrücke
vermeiden können wie ,den König fasciniren' (S. 344),
,fich rattrapiren' (S. 352), ,imprefhonabel' (S. 378), ,Avi-
lirung des Königthums' (S. 469), ,agricolc' Bevölkerung
(S. 501) u. a.

Zu verbeffern: ,Parrhochialkirchen' fS. 97. 163. 320)
ftatt Parochialkirch.cn. — S. 318 zu 319 ift etwas ausgefallen
: ,In diefem Punkte fiel des Tarentiners oftenfible
Aufgabe .... mit dem unmittelbareren der Curie zu-
fammen'. S. 202: ,von dem Gedanken — daran hat
keine Partei gedacht'. S. 481: ,wie er bei durch den
Legaten'. —Der nächftc Band wird die Kataftrophe fchil-
dern, welche das Schickfal des deutfehen Ordens ent-
fcheidet, ein Gegenftand, dem auch die Kirchengefchichte
lebhaftes Intereffe entgegenbringt.

Breslau. P. Tfcii ackert.

Tschackert, Lic. Privatdoc. Dr. Paul, Anna Maria von

Schürmann, der Stern von Utrecht, die Jüngerin La-
badie's. Ein Bild aus der Culturgefchichte des 17.
Jahrhunderts. Gotha 1876, F. A. Perthes. (31 S. 8.)
M. — 80.

Diefer Vortrag über A. M. v. Schürmann, welche
als die Verfafferin der Evy.lrjgi.« seit melioris partis electio
für die Gefchichte des Labadismus von grofser Bedeutung
ift, verdient befondere Beachtung, weil er unmittelbar
aus den Quellen flofs, welche feiten vollftändig zu
haben find. So erfetzt er vorläufig in prägnanter Kürze
eine bis dahin noch fehlende Bearbeitung des Lebens

und der geiftigen Arbeit jener hochbegabten ,Mufe' des
17. Jahrh.

A. M. v. Sch. wurde 1607 zu Cöln in einer vornehmen
urfprünglich niederländifchen, reformirten Familie
geboren. Ihre hohe Begabung veranlafste den
Vater, fie mit den altklaffifchen Sprachen und den Wiffen-
fchaften bekannt zu machen. So las fie bald Seneca,
Virgil und Homer, trieb Franzöfifch, Englifch und Spa-
nifch mit gröfstem Erfolge, fowie Mathematik, Phyfik,
Geographie und Philofophie. Aufserdem zeigte fie ftau-
nenswerthe künftlerifche Begabung. Nach dem Tode
ihres Vaters 1623 kam fie mit ihrer Mutter nach Utrecht.
Schon von Jugend auf mit einer innigen Frömmigkeit
geziert, lernte fie hier die reformirten Univerfitätskreife
z. B. eines Gisbert Voetius kennen. Nun begann fie zur
gründlicheren Erkenntnifs des chriftlichen Glaubens'
Hebräifch, Syrifch, Chaldäifch, Arabifch und Aethiopifch.
Ihr Ruhm verbreitete fich bald weit über Utrecht hinaus,
fie wurde als ,Stern von Utrecht' (decus Ultrajecti) gefeiert
und die gelehrteften und angefehenften Leute ihrer
Zeit traten mit ihr in Verbindung oder befuchten fie
(Prinzeffin Elifabeth v. d. Pfalz, die Königin von Polen
und Schweden, Descartes). 1648 erfchienen zuerft ihre
Opuscula hebr. graec. lat. gall., mit einem hebr. Lobgedicht
des Johannes Leusden eingeleitet.

Eine neue anziehende Seite ihres reichen Wefcns
entfaltete fich nach dem Tode ihrer Mutter in der zwanzigjährigen
Krankenpflege zweier alter erblindeter Tanten,
die fie mit freudigem Verzicht auf die ihr fo liebe wiffen-
fchaftliche Befchäftigung übernahm. An das Ende diefer
Zeit fällt die für A. M. v. Sch. fo wichtige Bekanntfchaft
mit Jean de Labadie, dem ehemaligen katholifchen Südfranzofen
, dann eifrigem Erneuerer der Kirchenzucht in
der reformirten Kirche. Von Genf aus wird Labadie,
den Kreifen der Schürmann fchon bekannt, als refor-
mirter Prediger nach Middelburg berufen. Alsbald ging
der Stern von Utrecht unter in der treuen Jüngerfchaft
Labadie's. Sie folgte dem geiftesmächtigen Manne nach
Amfterdam in fein Haus. ,Das gute Theil' erwählend,
fchlofs fie fich gänzlich der labadiftifchen Gemeinfchaft
an, diefer zur gröfsten Förderung, ihrerfeits mit Aufgabe
alles Früheren. Das Loos der von der reformirten Kirche
feparirten Gemeinde war auch ihr Loos. Sie wanderte
mit, zuerft nach Herford in Weftfalen, zu Elifabeth v. d.
Pfalz, wo fie 1673 ihre ,liebliche' Eukleria Ii, eine Rechtfertigung
ihrer Converfion in klaffifchem Latein, fchrieb,
fodann nach Labadie's Tod nach Wiewert in Friesland.
Hier ftarb fie 1678, nachdem fie vorher den II. Theil
ihrer Eukleria vollendet hatte, welche eine werthvolle
Quelle wie für ihr Leben, fo für die Gefchichte des
Labadismus ift.

Was nun die" Zeichnung des Gefammtbildes diefer
intereffanten Perfönlichkeit betrifft, fo ift durch die Darfteilung
felber Hafe's beiläufiges Urtheil: ,Frommer Blau-
ftrumpf', abgewiefen. Der Verf. hat auf Gruntl der
Quellen die Forderung der Charakteriftik erfüllt, dafs
die Nachwelt die gefchilderte Perfon an der Stelle fehe,
wo fie feiner Zeit geftanden hat. Von der gleichnamigen
Arbeit M. Goebcl's unterfcheidet fich die vorliegende
durch den fteten Hinweis auf die Quellen. Nur in einem
Stück erheben wir Widerfpruch. War der ,Stern von
Utrecht' von Hochmuth befangen, oder die Jüngerin
Labadie's'? Der Herr Verf. behauptet (S. 21) das Letztere.
Die A. M. v. Sch. aber verdient wohl Glauben, wenn
fie felber das Erftere von fich ausfagt. Auch ift Herrn
Dr. Tfchackert das handfehriftliche Zeugnifs eines geg-
nerifchen Zeitgenoffen zugänglich, der von der Jüngerin
Labadie's fagt: ,Enfin fie ift simplicissima gewefen und
hat man an ihr nichts als praxin veri Christianismi und
die klare Demuth fpüren können'. Die S. 21 angeführten
Aeufserungen erklären fich nur zu gut aus der ihr widerfahrenen
Behandlung. Was weiter das Bedauern betrifft,
dafs fie im fpäteren Alter ,mit ihrer Frömmigkeit nicht