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Ausgabe:

1876 Nr. 12

Spalte:

305-307

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lenormant, François

Titel/Untertitel:

Les sciences occultes en Asie. La divination et la science des présages chez les Chaldéens 1876

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung

Herausgegeben von Prof. Dr. E. Schür er.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

1. Jahrgang. 10. Juni 1876. N°- 12.

Lenormant, La divination et la science des
presages chez les Chaldeens (Baudiflin).

Ohrloff, Die Bruchftücke vom Alten Tefta-
ment der Gotifchen Bibelüberfetzung (Wellhaufen
).

Perrot, De la disparition de la langue gau-
loise en Galatie (Schürer).

Caro, Gefchichte Polens 4. Thl. (Tfchackert). | Burmeifter, Die Fefthälfte des Kirchenjahres,
Tfchackert, Anna Maria von Schürmann j Epiftelpredigten (Bender).

(Aug*).

Zeitfchrift für Kirchengefchichte, hrsg. v. Brie-

ger, I. Bd., 1. Hft. (Nafemann).
Kr aufs, Das proteftantifche Dogma von der I fchick).

unfichtbaren Kirche (Ritfehl)

Hülfsmittel zum chriftlichen Religionsunterrichte

in der Volksfeinde (Wold. Schmidt).
Hollenberg, Philofophifche Propädeutik(Gott-

Lenormant. Fr&ngois, Les sciences occultes en Asie. La c. i, 21 vgl. 10, 1 S. 172); das Wunder derWeisfagung
divination et la science des presages chez les Chaldeens. ganz beft.imn.ter Einzelheiten bleibt nach ihm auf jeden

Paris 1875, Maifonneuve & Co. (236 S. 8.)

Auf den erften Tlieil von Les sciences occultes (f.
Theol. Literaturztg. Nr. 3) hat der unermüdlich fleifsige
Verfaffer in kurzer Zeit den vorliegenden zweiten folgen
laffen. — Nach einer kurzen Auseinanderfetzung über den
Urfprung der Wahrfagungskunft (S. 1 —15, folgt die Dar-
ftellung ihrer befonderen Arten bei den Affyrern; es
wird zunächft behandelt das Wahrfagen mit Loofen und
Ringen (S. 17—32); dann nach einer Befprechung der
affyrifchen Literatur über das Augurium aus Naturerfchei-
nungen (S. 33—49) die Wahrfagung aus dem Vogelfiuge
und der Eingeweidefchau (S. 51—61), aus atmofphärifchen
Erfcheinungen, Feuer, Waffer. Steinen (S. 63—83), aus
Beobachtungen an Bäumen, Thieren und Menfchen 'S.
85—Ipl), aus Mifsgeburten ;S. 103 — 126;, aus Träumen
(S. 127—149). Den Schlufs macht ein Capitel über die
Pythonc (Bauchrednerei) und die Todtenbefchwörung (S.
151 —167). — Der Verf. hat überall die Parallelen aus
dem A. T. herbeigezogen.

Wir können hier nur aufmerkfam machen auf dieStellen
des Buches, welche für die Erklärung altteftamentlichcr
Darftellungen neues Licht bringen. Aus dem gröfseren
oder geringeren Glänze beftimmter Edelfteine wurde ge-
weisfagt (S. 81 ff.); vgl. dazu die Urim und Thummim.
Auch aus Fliegen (ihrem Fluger oder ihrer Menger) wurde
gewahrfagt (S. 95); vgl. den Baal-Zebub von Ekron als
Orakelgott (II Kon. 1. 2). Für sin ,Wahrfagegeift' ftellt
L. eine neue Erklärung auf S. 159 ff. aus affyr. abutiiv
od. ubutuv akkad. nbi ,Befragung (oder Citirung) eines
Geiftes'; akkad. itbi foll als Verb, bedeuten ,emporfteigen'.
Was der Verf. S. 66 f. für i:"iy als Denom. von -,:y geltend
macht, kann nicht überzeugen; es wird nur'eine
affyrifche Wetterprophezeiung aus Wolkenbeobachtung
angeführt.

Fall beliehen; wolle man diefes befeitigen, fo muffe man
um der meffianifchen Verkündigungen willen einen Chriften
zum Verf. machen ('.). Was nun der Nachweifung ge-
fchichtlicher Glaubwürdigkeit im Wege zu flehen fcheint,
weifs L. auf gute Weife zu befeitigen. Der Text des
Buches ift uns nämlich in einem fehr verunftalteten Zu-
(tande erhalten (z. B. die Zahl c. 1, 1 beruht auf dem
Irrthum eines Correctors S. 179), der gröfsere Theil nur
in fpäter aramäifcher Ueberfetzung (erft in diefer find
die griechifchen Namen der Inftrumente c. 3 eingetragen
S. 174), welche da eingefchaltet wurde, wo der Grundtext
verloren ging. rru:-iN c. 2, 4 ift eineGloffe, ebenfo wie
Esra 4, 7 das zweite rr73-us (S. 176 f.). Wie fonderbar
nur, dafs in beiden Büchern das hebräifche Original gerade
von der Stelle an verfchwand, wo fich der Ueber-
gang ins Aramäifche fo leicht erklärt! — Was nun für
die hiftorifchc Glaubwürdigkeit beigebracht wird, be-
fchränkt fich auf den Namen des Belfaroffor, welcher
jetzt als Sohn und Mitregent des letzten babylonifchen
Königs Nabonahid aus den Keilinfchriften bekannt ift
(S. 180 f., vgl. Schräder, Keilinfchr. u. d. A. T. S.
279 f.), auf die Rechtfertigung der Namen Abednego
(ftatt Abadnabu) und nttp» (ftatt mattf», LXX 'Aßieadui,
Aßvtadot = Assa-ibni-zir S. 182 f.), der Angabe von gerade
fünf (?) Klaffen der Weifen und einer befonderen
Sprache derfelben c. 1, 4 (S. 189; aber fie heifsen auf
den Denkmälern niemals Kasdim, f. Schräder S. 178)
und der Bezeichnung isstJ (ftatt LXX Au&hiah

A/ntotiäo — muH ussur) für den Schatzmcifter (S. IQÖ),
Für die medifche Herrfchaft über Babylon, welche das
Buch Daniel auf die chaldäifche folgen läfst, verdient es
wenigftens Beachtung, dafs Cyrus erft von dem dritten
Jahre nach der Eroberung Babylon's an in den Keilinfchriften
als König von Babylon bezeichnet werden foll
(S. 182). Was L. fonft noch anführt, kann nicht in Be-

Intereffantere Ergebnifse für das A. T. verfpricht da- tracht kommen, dafs man nämlich in Babylon auf Träume
gegen die Uebcrfchrift eines Anhangs: ,Die fechs erften viel hielt (S. 188), dafs namentlich die Dynaftic Nabopo-
Capitel des Daniel' (S. 169—227). Wie diefe Abhandlung I laffar's die priefterliche Würde mit der königlichen ver-
hierher kommt, fieht man nicht recht ein; wohl nur weil einigte (S. 189), dafs am Hofe junge Gefangene erzogen
in diefem Buche Magier und Auguren erwähnt werden! zu werden pflegten (S. 189 f.), dafs die Tcmpelmufik im
Der Verf. verfpricht in den einleitenden Worten wichtige j fiebenten Jahrhundert einen Auffchwung nahm (S. 190),
Auffchlüfse aus den Keilinfchriften über den hiftorifchen | dafs auf Verweigerung der Verehrung der Götter grau-
Gehalt diefes Buches. Nur die erften 6 Capitel werden j fame Todesftrafe gefetzt war (S. 191 f.), dafs Afurbanipal (!)
behandelt, nicht allein weil fie fleh als gefchichtlicher | Löwenkäfige hatte (S. 192), dafs auf zwei affyrifchen
Abfchnitt von den übrigen unterfcheiden, fondern weil
L. fle für das Werk eines älteren Verf. (in der Achäme-
nidenzeit) hält.

Uebrigens find es nicht Beziehungen auf die feleuci-
difchc Zeit, welche L. veranlafsen, den zweiten Theil
fpäter anzufetzen (er fagt nicht wann), fondern einige
.redactionelle Verfchiedenhcitcn' (es wird nur angeführt

Lre-

Tafeln ziemlich grofser goldener Statuen Erwähnung
fchieht (S. 194 f.). Wir wollen die Angaben aus den
Keilinfchriften, die wir nicht controliren können, in gutem
Glauben hinnehmen; aber der gröfsere Theil des hier
Angeführten nöthigt doch gewifs nicht zu der Annahme,
dafs der Verfaffer diefer Abfchnitte mit babylonifchen
Verhältnifsen vertraut war; jene allerdings auffallenden

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