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Ausgabe:

1876 Nr. 11

Spalte:

290-291

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rossi, Giov. Batt. de

Titel/Untertitel:

Insigni scoperte nel Cimitero di Domitilla 1876

Rezensent:

Brockhaus, Clemens Friedrich

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289 Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. II. 290

fehlt fcheint mir die Auffaffung des Vaterunfers, wo der
Verf. die m. A. nach ganz unglückliche Unterfcheidung
der evyai und aitrptata aufnimmt und alle drei erften
Bitten ziemlich dasfelbe bedeuten lafst. Die Annahme,
dafs das in der Bergrede gefprochene Vaterunfer fpäter
den Jüngern noch einmal als Gebetsformel gegeben fei,
ift nur ein Zeichen, wie grofs die Schwäche der kritifchen
Partie an dem Buche, und wird durch den fehr ausführlichen
, aber auch überkünftlichen Verfuch ihrer Rechtfertigung
noch erheblich verfchlimmert.

Die Einzelexegcfe ift nicht gleichmäfsig. Ueber einen
doch in mancher Beziehung nicht fo einfachen Spruch,
wie 5,29. 30, erhalten wir nur die höchft fragwürdige
Deutung auf die Exftirpation der ,gefchlechtlichen Liebe
und des interfexucllcn Verkehrs'. Und während der Verf.
• S. 306 darüber reflectirt, warum 6,14. 15 zweimal das
Object ausgedrückt ift und zweimal nicht, während er
zwifchen theva und viol, xur.bg und novrßbg und felbfl,
dem offenbaren Context entgegen, zwifchen noXvXoyiu
und ßctTToloyeiv künftliche Untcrfchiede fucht, macht es
ihm keine Schwicgkeit, £'o»c otov ,fo lange als' zu überfetzen
'S. 116k das Futurum permiffiv (S. 181) und gerundivifch
(S. 422) zu nehmen, bei tö epcog viiäv einen genit. appo-
sitiimis(W anzunehmen (S. 67), bei 5,17 von Vorderfatz und
Nachfatz zu reden (S. 80) und für /moeZv die Bedeutung
von ,nicht lieben' zu fuppeditiren (S. 182). Dafs ruxuXiuv
.nichtig machen, entleeren' heifsen foll (S. 79), fcheint
mir eine einfache Verwechslung mit v.tvovv zu lein. Dafs
bei parabolifchen und ähnlichen Bildfprüchen der Verf.
lieh oft einem ganz unmethodifchen Allegorifiren über-
läfst (vgl. z. B. S. 396. 379. 424), kann freilich bei einem
Ausleger nicht Wunder nehmen, der fich das Wefen des

zeichnet den Auslegungsftandpunkt Kliefoth's als den
,abftract futuriftifchen'; man könnte ihn nebenbei noch
den ,verfchämt kirchengefchichtlichen' nennen; denn Beziehungen
des Inhalts der Offenbarung auf einzelne kir-
chengefchichtliche Zuftände fehlen durchaus nicht in dem
Commentar. Die Polemik Chriftiani's ift in den Hauptpunkten
zutreffend; fo vor Allem dort, wo Kl. fpiritua-
lifirt. Die Dreiftigkeit, mit welcher Kl. das taufendjährige
Reich der verklärten Gemeinde der Endzeit aus dem
20. Cap. wegzuexegefiren verflicht hat, hätte eine noch
fchärfere Verurtheilung verdient. Uebrigens handelt es
fich bei Kl. hier nicht um ein ,bis zum Fanatismus ge-
fteigertes antichiliaftifches( Vorurtheil', fondern um kaltblütige
Durchführung der beiden Grundfätze, dafs die
Schrift fich nicht widerfprechen könne und dafs die offi--
cielle Lehre überall den wahren Schriftfinn — auch der
Apokalypfe — enthalte. Dem Verf. felbft freilich vermag
Ref. auch nur dort zu folgen, wo er die offenkun-
digften Fehler des Commentars, der fehr brauchbar ift,
foweit dogmatifche Fragen nicht berührt werden, aufdeckt
und widerlegt. Dagegen ift Kl. mit feiner Erklärung
von Cap. 7 gegen Chr. gewifs im Recht. Im Allgemeinen
aber gilt es bei Auslegung der Apokalypse
das Entweder — Oder der Chiliaften und ihrer altkirchlichen
Gegner in ein kräftiges Weder — Noch zu verwandeln
. So lange von Seiten der ,rcichsgefchichtlichen'
Ausleger principiell auf jede Berückfichtigung der jüdisch-
apokalyptifchen Literatur zur Erklärung der Johannes-
Offenbarung verzichtet wird, ift eine Einigung mit ihnen
nicht zu erzielen, und fo lange noch mit Chr. gefchrieben
wird ,die Auslegungen von Bleck, de Wette, Düfter-
dieck bieten im Einzelnen fo viel dankenswerthe Be-

Gleichnifses fo wenig klar gemacht, dafs er bei 6,26 von ; lehrung, dafs man fie in keiner Weife ignoriren
einem ,Gleichnifs' redet (S. 351) und bei dem äyyagsvsiv ; kann', wird die hiftorifche Auslegung mit der ,reichs-

G

5.41 an wirkliche Requifitionen denkt (S. 175). Wo der
Verf. feine ganz eigenen Wege geht, geräth er nicht
feiten in Wunderlichkeiten hinein, fo wenn er 5,13 auf
die Million unter Ifrael bezieht oder 6,33 auf die Erfüllung
der fpeeififchen apoftolifchen Lebensaufgabe.
Sprüche, wie 6,34. 7,12, feheinen mir allerdings über
jedes entfchuldbare Mafs hinaus mifsdeutet zu fein, und
wenn der Verf. felbft den letzteren für das Schlufswort
einer ,uns nicht erhaltenen Rede Jcfu' halten mufs, fo
ift es nur eine Probe auf die Erfolglofigkeit feiner Kritik,
wenn er als folche nicht die Bergrede zu erkennen vermochte
.

Damit foll nicht gefagt fein, dafs fich nicht viel
Gefundes und Treffendes in der Exegefe des Verfaffers
findet; aber des wirklich Neuen und für das Verftändnifs
der Bergpredigt Fruchtbaren ift doch nicht genug, um
ein fo umfangreiches Buch über diefelbe zu rechtfertigen

gefchichtlichen' ebenfowenig Frieden fchliefsen können
wie mit der fpiritualiftifchen.

Leipzig. Ad. Harnack.

De Rossi, Giov. Batt, Insigni scoperte nel Cimitero di

Domitilla (Bullettino di Archeologia Cristiana, Serie
Seconda, Anno Sesto [Roma 1875", fasc. 1, p. 5—43;
fasc. 2, p. 45—77)-

Wenn de Roffi bei Aufdeckung der Papftgruft in
der Katakombe des Callixtus erfreut ausrief, er habe ein
neues Blatt der Gefchichte gefunden, ,werthvoller als
Gold und Edelfteinc', fo fcheint fich dies beim Fortgang
der Ausgrabungen in den chriftlichen Nekropolen Roms
immer mehr bewahrheiten zu wollen. Eröffnen alle auf
die Kirchcngcfchichte bezüglichen Entdeckungen in den

Das Buch ift ein ehrendes Zeugnifs für den Flcifs und Katakomben Quellen von erfter Bedeutung, To find auf

das eindringende Studium des Verfaffers, für die Frifche einzelne vielfach noch der Aufklärung bedürftige Punkte

und Wärme feines theologifchen Strebens. Wer Mufse I durch dicfelben fehr beherzigenswerthe Streiflichter

hat, wird Vieles darin gern lefen und fich dadurch an- , gefallen. Ich nenne hier namentlich die Nachweife

geregt fühlen. Eine wefentlichc Bereicherung für die | über die hier beftatteten Glieder vornehmer römifcher

Wiffcnfchaft ift es nicht. Familien und die daraus fich ergebenden Einblicke in

Kicl Dr Weifs die Bekcnrung dcrfelben zum Chriftenthum. So hat

'__'____ ! de Roffi fchon in feiner Roma sotterranea (Bd. 1, 318 f.)

es fehr wahrfcheinlich gemacht, dafs die Lucina, nach
Christiani. Gen.-Superint. Dr. A., Zur Auslegung der Apo- : der die Krypte der Lucina, der ältefte Theil der Callixt-
kalypse. Mit Berückfichtigung des neueften Commen- katakombe benannt wird, niemand anders fei, als die
tars über diefelbe. (Aus: „Mittheilungen u. Nach- im Jahre 57, wie Tacitus (Anna/. XIII, 32) erzählt, wegen
richten etc.") Riga 1875, Brutzer & Co. (32 S. gr. 8.) '< fremden Aberglaubens (suporsR/mnis exUmae) angeklagte
; & u t» , Pomponia Graccina, die Gemahlin des Plautius, der

— 75- J unter Claudius Britannien unterwarf, welche den Namen

Vorftehende kleine Schrift enthält eine Kritik des < Lucina nicht als Familien- fondern als häufig vorkom-
Kliefoth'fchen Commentars zur Apokalypfe. Der Verf. menden chriftlichen, Beinamen führte. Fragmente von
fleht, wie bekannt, auf Seiten der fog. reichsgefchicht- Grabfchriftcn eines Pomponius Gräcinus und zweier
liehen Ausleger und hat noch vor einigen Jahren (1868) Glieder des verwandten Zweiges der Pomponii Baffi
nach feiner gröfseren Arbeit über den Inhalt der Apo- führten ihn darauf, und zeigten, dafs wir hier die Be-
kalypfe eine kritifche Studie über die Bemerkungen von gräbnifsftätte mehrerer Gheder der Gens Pomponia haben,
Keil zur chiliaftifchen Frage veröffentlicht. Chr. be- aus der auch Cicero's Freund Atticus flammte, und die