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Ausgabe:

1876 Nr. 11

Spalte:

286-289

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Achelis, Ernst

Titel/Untertitel:

Die Bergpredigt nach Matthäus u. Lucas, exegetisch u. kritisch untersucht 1876

Rezensent:

Weiß, Bernhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. II.

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fchichte hinzugekommen (vgl. S. 458V Es wird dabei
überfehen, dafs die Ausfagen des A. T. felbft über diefen
Punkt nicht übereinftir nen. Jof. 24, 2. 14 f., vgl. Gen.
31, 19 Ez. 20, 24 wira von den Vätern Ifrael'.s ausge-
fagt, dafs fie andern Göttern gedient hätten, ohne dafs
hinzugefügt würde, diefe Verehrung mehrerer Götter fei
nicht die ältefte Religionsform gewefen. Dafs diefe
Nachricht von urfprünglichem Polytheismus der Therachi-
den eine Erfindung der fpäteren Zeit fei (Renan), ift undenkbar
. Man wird doch gewifs nicht vom Standpunkte
des Monotheismus aus der Väterzeit eine tiefer ftehende
Gotteserkenntnifs angedichtet haben. — Wie diefe andere
Anfchauung von den Anfängen der ifraelitifchen Religion
bei dem Verf. ignorirt wird, fo gefchieht auch
deffen keine Erwähnung, dafs fich im A. T. noch manche
Spuren für urfprüngliche Naturreligion in den Ausfagen
über Jahve und in dem Cultus erhalten haben. Dagegen
ift der Verf. vollkommen im Rechte, wenn er die Behauptung
zurückweift, dafs fich der Anfang der Religion
als Polytheismus oder Fetifchismus hiftorifch nachweifen
laffe. Wenn man zur Erhärtung die Religionen
der fog. Wilden herbeigezogen hat, fo ift man vollftändig
den Beweis dafür fchuldig geblieben, dafs bei ihnen die
urfprüngliche Auffaffung unverändert fich erhalten habe.
Ebenfowenig wird fich freilich, wie der Verf. annimmt,
gefchichtlich beweifen laffen, dafs Monotheismus (oder
fogenannter Henotheismus) die erfte Religionsform fei;
wir können lediglich bei einigen Völkern verfolgen, wie
die Zahl der unterfchiedenen Götter abnimmt, je weiter
wir zurückgehen. — Sehr vermiffen wir in diefem Ab-
fchnitt (oder auch in $ 16) Bezugnahme auf Renan's
Anfchauung von einem volksthümlich-femitifchen Monotheismus
, welche fo viel Anklang gefunden hat, dafs fie
nicht unbeachtet gelaffen werden darf, um fo mehr als
ihr ein Wahrheitsmoment nicht abgefprochen werden
kann. — Auch $ 91 ,Der Götzendienft' (S. 458 ff.) ift
mit Rückficht auf die neuen Ergebnifse der Affyriologie
wefentlich umgeftaltet. Warum der Verf. S. 459 f. die
Identificirung von rr.30 mit affyr. Sakkut und -jvd mit
affyr. Kaiwan Am. 5,26) nicht zugeben will, ift nicht
einzuteilen; neben rrDD macht es doch unabweisbar
, in allen drei Bezeichnungen die eine affyr. Gottheit
zu erkennen, welche Maliku, Sakkut, Kaiwan genannt
wurde: ftatt deffen b und b für fonft gar nicht belegbare
Appellativa zu halten, verurfacht grofse Schwierigkeiten.
Die Verehrung des Baal Peor (=Kemofch?) mit wol-
lüftigem Dienft (S. 462) ift eine jahrhundertalte Eintragung
in den Bericht Num. 25, 1 ff., der nichts davon
lagt, wie mit Recht neuerdings von Kautzfeh (Moabitica
S. 71 ff.') hervorgehoben worden ift. Für die Hörner der
Aftarte (S. 465 f.) wäre eher als Philo Byblius, der ficher
Bilder der Göttin mit ägyptifchen Attributen kannte, anzuführen
gewefen der alte Stadtname crrip rmnüb (Gen.
14, 5). Irrig ift die Meinung, Atergatis fei nicht mit der
Aftarte verwandt (S. 468). Atar ift vielmehr nur andere
Form für -ipvü? (himjar. athtar), wie die Schreibung nnrir"
Palm. III zeigt (mit Hinzufügung des Gottesnamens nnr)
Da in dem alten Afchteroth Karnajim {liuovatv I Makk.
5, 43) zur Makkabäerzeit ein 'Jity/areiov ftand (II Makk.
12, 26) und der Atergatis nur bei griechifchen, römifchen,
fyrifchen Schriftftellern, im Talmud und in der genannten
Inlchrift vom J. 140 n. Chr. Erwähnung gefchieht, fo ift
in diefer Gottheit eine jüngere (aramäifche) Form der
alten Aftarte zu erkennen. S. 473 wird als Schradens
Meinung angegeben, dafs der ,canaanitifchc Baal aus Bei
hervorgegangen' fei und Ref. dagegen angeführt; die
Meinungen find vielmehr umgekehrt vcrtheilt (in dem
Citat ift zu Lefen p. 19 ft. p. 10). Was (S. 473) ubcr Gad
und Moni beigebracht wird, find hergebrachte Vermuthungen
, die in einem Handbuch beffer fehlten, da wir
mit Sicherheit über diefe Gottheiten gar nichts wiffen.
Ebenfo wäre die Berufung auf die Aftarte der moabiti-
fehen Thonwaaren (S. 466) beffer unterblieben. — Eine

grofse Verbefferung der neuen Auflage ift die Trennung
der fymbohfehen Bedeutung des mofaifchen Cultus von
der typifchen. Unferer Meinung nach gehört freilich die
Befprechung der letzteren überhaupt nicht in eine Bibl.
Archäologie, da hier Einrichtungen des A. B. nicht aus
lieh felbft, londern aus der neuteftamentl. Anfchauung
von denfelben erklärt werden. Aber jedenfalls ift es
beffer, dafs Beides gefondert wird, um nicht den Schein
zu erwecken, als fei die neuteftl. Auslegung fchon in
jenen Einrichtungen felbft zu fuchen. Durch diefe Trennung
find mehrere Abfchnitte zu neuen befondert
worden. Auch fonft find einzelne der 1. Aufl. theils
zerlegt, theils zufammengezogen. — So weit wir im
Uebrigen beide Auflagen verglichen haben, befchränkt
fich das Neue auf unwefentliche Umänderungen. Neue
Literatur wurde namentlich zu den Abfchnitten über das
Opfer, auch zu den Münzen nachgetragen.

Leipzig. W olf Baudi ff in.

Achelis. Paft. Ernft, Die Bergpredigt nach Matthäus u.
Lucas, exegetifeh u. kritifch unterfucht. Bielefeld 1875.
Velhagen & Klafing. (XII, 492 S. gr. 8.) M. 8. —

Man hört heutzutage oft die Klage, dafs der Abfatz
von theologifchen Specialarbeiten immer fchwieriger
werde, und leider mit vollem Rechte. Aber man fojl
ihn denn doch auch nicht fchwieriger machen, als er
fchon ift. Ein Buch von 492 Seiten engen Drucks über
die Bergpredigt — auf welches Publicum ift das berechnet
? Exegetifeh angefehen, find doch diefe drei
Kapitel des Matthäus nicht fchwieriger, als andere Reden
der Evangelien, manche Partieen find vielmehr auffallend
leicht und erklären fich faft von felbft. Einzelne cruces
interpretum finden fich hier, wie überall. Das Haupt-
intereffe concentrirt fich immer wieder um die wichtigen
principiellen Fragen, die fich an die Gefetzesauslegung
Chrifti in Kapitel 5 knüpfen, und um das Gebet des Herrn,
ohne dafs doch auch hier von verwickeltercn exegetifchen
Problemen die Rede fein kann. Das Schwierigfte bleibt
die Frage nach der Compofition der Rede, nach ihrer
Gliederung und ihrem inneren Zufammenhange, und diefe
ift unzertrennlich von der kritifchen Frage. Allerdings
erwartet man nach dem Titel, dafs auf diefe derfelbe
Fleifs gewandt fein werde, wie auf die Exegefe; allein
wer fo wenig, wie der Verf. nach S. 429, von den bisherigen
Erfolgen und den Ausfichten der Evangelicnkritik
hält, der kann fchwerlich auf diefem Gebiete viel Frucht
fchaffen. In der That ift, was wirklich über das Ver-
hältnifs der übereinftimmenden Partieen in den beiden
Recenfionen der Bergrede beigebracht wird, im Vergleich
mit dem Umfange des Buches unglaublich dürftig
und daher auch das Refultat ein fehr unbefriedigendes
(S. 491). Etwas mehr ift hie und da für die Vergleichung
der Stücke in der Matthäusbergpredigt, die bei Lucas
anderwärts ihre Parallelen haben, mit diefen gethan, und
da zeigt der Verf. vielfach einen richtigen Blick für das
Sccundäre in der Geftaltung der Stoffe bei Lucas; aber
wo ihn nicht die Anfchauung, die er über den Umfang
der urfprünglichen Bergrede gewonnen hat, nöthigt, die
Einreihung der entfprechenden Stücke bei Lucas für
eine willkürliche oder offenbar identifche Stücke für
verfchiedene zu erklären, da bleibt doch auch hier alles
im Ungewiffen hangen. Das Refultat in Betreff der
Matthäusrede lautet denn freilich um fo einfacher und
entfehiedener: 5,3—6,18. 7,13—27 ift die echte Bergrede
bis auf die beiden Sprüche 5,42 und 7,19 (von denen der
erfte gewifs mit grofsem Unrecht ihr abgefprochen wird ',
nur dafs zwifchen 6,18 und 7,13 Einiges ausgefallen fein
kann, an deffen Stelle dann der Redactor das der Rede
urfprünglich fremde Stück 6,19—7,12 gefetzt hat und zwar
,mit glücklichem Griffe', den man freilich nicht recht anerkennen
wird, wenn hier fo viel Zufammenhangslofigkeit