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Ausgabe:

1876 Nr. 10

Spalte:

272-274

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Boche, K. G.

Titel/Untertitel:

Der preussische legale evangelische Pfarrer. Eine übersichtliche Darstellung des preußischen evangelischen Kirchenrechts. 5. Ausg 1876

Rezensent:

Köhler, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 10.

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predigt von dem ,wahren Begriff des Glaubens als der liehe Leben nutzbar zu machen, — worauf fchon das
Triebkraft der Idealität' (4) ausgeführt und in ihrem Sinne Programm des jungen Berner Profeffors 1841 (Bd. 2, I)
hält fein — letzter — Vortrag über den Ausgang des I hinaus lief. Für Verftändnifs und Gefchick zur Ver-
Pleidenthums (9) der Gegenwart einen Spiegel vor. Das ' ftändlichung der Kirchengefchichtc, namentlich feit der
alles ift eine Durchführung feiner Betonung der ethifchen j Reformation, für Befruchtung ihrer Behandlung aus der
Seite am evangelifchen Chriftenthume, welche durchaus Wechfelwirkung mit den Bewegungen der Gegenwart
berechtigt ift, doch wohl nicht immer mit erwünfehter ! könnte der jetzige Betrieb derfelben viel von H. lernen,

Klarheit die Begriffe: theoretifch, religiös, ethifch band
habt. — Die Ohnmacht der evangelifchen Kirche gegen
über jener Strömung leitete er aus ihrem Mangel an ,So
cialität' ab. Darum tritt er mit dem gröfseften Eifer für

wie viel fie auch an feinen Ergebnifsen zu achten haben
mag.

Grund genug dem Herausgeber für feine Mühe Dank
zu wiffen. Der Verwcrthung diefer Ergänzungen für die

die gefellfchaftliche Geftaltung des evangelifchen Chriften- : Gefchichte des Verf. und feiner Zeit, ift er aufser in dem

thums als auch einer ,Politie' innerhalb des Staates ein,
und macht die ,Kirchenpolitik' zu feinem zweiten Lofungs-
worte; die darauf bezüglichen Arbeiten find im 2. Bande
gefammelt; nur die Ueberficht über ,die ascetifche Social-
reform' bis zur Reformation, in der er das Vorfpiel des
Socialismus fah, ficht Bd. t, I; und doch ift auch fie
vornämlich ein Zeugnifs feiner überwiegenden focial-
kirchlichen Richtung. Gegenüber der ,Theokratic' des
überlieferten Staatskirchcnthumes erftrebt er eine Volkskirche
, die dem Vorbilde der reformirten Freiwilligkeitskirchen
angenähert werden foll. Zur Klarftellung feiner
Anfchauung dient zunächft die Bcftimmung des Falfchcn
im römifchen Katholicismus, deffen Vorfchreitcn in feiner
Zeit er beobachtete und zeichnete (6), den er in feinen
uralten Grundzügen forgfältig analyfirte und eigenartig
zu charakterifiren bemüht war (8. 9.); die Charaktcriftik

felbftändigen Lebensabriffe in dem Vorwort, den einleitenden
Notizen und dem chronologifchen Verzeichnifse
aller Arbeiten H.'s zu Hülfe gekommen. Die Abficht,
das fchwerer zugängliche und allgemein werthvolle zu
erfchliefsen, fcheint durch die Auswahl erreicht; die Anfügung
des Zeitungs-Artikels, welcher den Sänger der
,Wacht am Rhein' enthüllte, hat auch ein Recht; da fteht
der ausharrende und zuletzt noch die Erfüllung feinerjugehd*
wünfehe begrüfsende Vaterlandsfreund vor uns. Wenn
der Lcfer fich bisweilen durch Wiederholungen ermüdet
fühlt, fo fällt die Schuld kaum auf den Herausgeber.
H., oft namenlos und vor verfchiedenen Lefern redend,
wiederholt fich felbft oft wörtlich; er wollte auf den-
felben Punkt fchlagen, — und das ift dann je im Zu-
fammenhange fchwer auszumerzen; vollends mochte es
bei den unfertigen Zufätzen und Entwürfen kaum thun-

des Syftemes der religiöfen ,Signatur' des Sinnlichen ift ! lieh fein. So darf man denn hoffen, dafs feine pietätvolle

höchft anregend. Für die neue Ordnung der kirchlichen
Dinge arbeitete er in der N. Ev. K. Z. durch eine Gefchichte
der Verfaffung in ihrer Abhängigkeit von der
Wiffenfchaft vor (9); namentlich aber vertheidigte er,
in die badener Wirren verflochten, die Unentbehrlichkcit
der Verpflichtung auf die Symbole und die damit wohl
verträgliche freie Schriftforfchung (3. 4. 5.), wobei goldene
Worte fallen; und betonte die unentbehrliche Unter

Arbeit nicht umfonft gethan fei, und er dazu beitrage,
dem entfchlafenen ,deutfchen Theologen' die Nachwirkung
zu fichern, die uns nur zu gute kommen kann.

Halle. M. Kahler.

Boche, Paft. K. G., Der preussische legale evangelische

Pfarrer. Eine überfichtliche Darftellung des preufsi-
feheidung der bekennenden Gemeinde von .dem Publicum fchen evangelifchen Kirchenrechts. 5. Ausg. Nach

der landeskirchlichen Pfarrfprengel'; davon liegt eine 1 ö . ' 3' s'

Anwendung in der Rede .über die Erneuerung des evan- dem Tode des Vcrf- untcr Mitwirkung des Supennt.
gelifchen Aelteften - und Diakonen - Amtes' vor (7). j a. D. Dr. Willi. Altmann beforgt vom Rcchtsanw.
Was der moderne Staat dem Proteftantismus verdanke | Dr. Albr. Altmann. Braunfchweig 1872 und 75,
und ihr ferneres Wechfelverhältnifs bildet die letzten j Schwetfchke & Sohn. (XI, 692 S. gr. 8.) M. 10. —
Gegenftände feiner Schriftftellerei (2. 10.). — Seine Vorliebe
für die reformirte Confeffion verhehlt er nicht; fie i Lieber den Werth oder zur Empfehlung des Boche'-
ftammt nicht allein aus deren hervorftechender Socialität. ! fchen ,legalen Pfarrers' ein Wort zu fagen thut nicht
Wenn der Eifer für diefe wohl etwas zu eilige Uebergänge 1 noth. Die weite Verbreitung und das feftgegründete
von dogmatifchen Prädicatcn des Leibes Chrifti auf die ' Anfehcn, welche das Werk in den Kreifen, für deren

Kirchengefellfchaft veranlafst, fo haben beide, wie uns
icheinen will, die Billigkeit gegen die gefchichtliche Lage
und Erfcheinung des Lutherthums ein wenig beeinträchtigt
; doch es ift uns gut in einen unerbittlichen
Spiegel zu Ichauen. — Diefen Inhalt bietet er in lebendiger
, wuchtiger, edler Rede; das warme Herz und der
ftrenge Ernft fteigern die Darftellung gelegentlich zu

Gebrauch es beftimmt ift, längft gefunden hat, find das
befte Zeugnifs für feine Tüchtigkeit. Als werthvolles
praktifches Hilfsmittel für Alle, die in einer oder der
anderen Weife mit kirchenregimentlicher Thätigkeit be-
fafst find, bleibt ihm feine Stelle neben dem mehr von
wiffenfehaftlichen Gefichtspunkten angelegten preufsischen
Kirchenrecht von Jacobfon gefichert, ohne dafs doch

Meifterwerken männlicher Beredtfamkeit, zumal in dem dje praktifche Beftimmung und Anlage des Buches feiner
,Zuruf an die deutfehe Partei' 1854 (Bd. 1, 8), indem er 1 wiffenfehaftlichen Haltung Eintrag thäte. Vielmehr erden
jüngft gefcheiterten Liberalen Vorhaltung über ihre fcheint die glückliche Verbindjung praktifcher Brauch-
fittliche Stellung, namentlich ihre Kirchenfcheu macht, barkeit und echt wiffenfehaftlicher Auffaffung, welche
Davon hingeriffen fragte fich der Ref., warum der fchon ! durch das Ganze hindurchgeht, als einer der fchätzens-
damals hochgeachtete Lehrer den Studenten fo wenig . wertheften Vorzüge des Werkes.

feffelte; und einer der Gründe, die er fand, ift wahrlich | Die vorliegende 5. Ausgabe fchliefst fich eng an
nicht unrühmlich: H. ift ein Lehrer für Männer; man die im Jahr 1868 erfchienene, eine felbftändige Neubear-
mufs Erfahrung haben, um die angewandte und anzu- 1 beitung darftellende 4. Ausgabe an und führt dicfclbe in
wendende Weisheit zu verliehen, zu fchätzen und — zu ', der Weife weiter fort, dafs überall die in der kirchlichen
prüfen. ] Gefetzgebung inzwifchen eingetretenen Veränderungen

Dies wird hinreichen, um jeden an der Kirche An- j berückfichtigt werden. Bei dem lebhaften Fluffe, in
theil nehmenden wiffenfehaftlich gebildeten Mann an welchem fich die Gefetzgebung der Kirche wie die kir-
diefe Quelle reicher Belehrung und Stärkung zu weifen. | chenpolitifche Gesetzgebung des Staates dermalen befin-
Doch auch die befonderen Imchgenoffen des Verf. kön- ' det, ift es freilich für den Syftematiker nicht immer
nen von ihm lernen, die Kirchcngcfchichte ,von ihrem leicht mit dem Gefetzgeber gleichen Schritt zu halten,
eigenen Standpunkte, dem der Kirche' als Gefellfchaft Und fo stellt fich beim Abfchlufs diefer neuen Ausgabe
(Beiträge S. IX) aufzuraffen und demgemäfs für das kirch- 1 heraus, dafs bereits wieder ein Theil ihres Inhaltes durch