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Ausgabe:

1876 Nr. 8

Spalte:

213-214

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lindner, Thdr.

Titel/Untertitel:

Geschichte des deutschen Reiches vom Ende des 14. Jahrhunderts bis zur Reformation. 1. Abth.: Geschichte des deutschen Reiches unter König Wenzel. 1. Bd 1876

Rezensent:

Tschackert, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 8.

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glaube ich nicht, dafs wir berechtigt find, den Kaifer |
auch als den Antichrifl anzufeilen. Dagegen macht man
fich die Beziehung des Tempelbaues auf Hadrian's Zeit
zu leicht, wenn man fich der Stelle XVI, 3. 4 als einer
Interpolation entledigt.

Tübingen. C. Weiz fäcker.

Lindner. Prof. Dr. Thdr., Geschichte des deutschen Reiches

vom Ende des 14. Jahrhunderts bis zur Reformation.
1. Abth. Gcfchichte des deutfehen Reiches unter König
Wenzel. i.Bd. Braunfchweig 1875, Schwetfchke & Sohn.
(XVI, 436 S. gr. 8.) M. 8. —

Bei der Mangelhaftigkeit unferer bisherigen Kennt-
nifs des ausgehenden Mittelalters bringen wir mit be-
fonderer Freude ein Werk zur Anzeige, in welchem auf
Grund umfangreicher, ftrenger Qucllcnforfchung (auch
fchon mit Benutzung der Rcichstagsacten v. J. Weiz-
fäcker) der erfte Verfuch gemacht wird, wenigftens in
die Gefchichte des deutfehen Reiches Klarheit zu bringen.
Der oben angezeigte I. Band behandelt diefelbe vom
Jahre 1378 bis 1387. Nachdem in einleitenden Kapiteln
die Politik des durch feine Staatsklugheit mächtigen
Karl IV fkizzirt ift, wird die Reichsregierung feines jugendlichen
Nachfolgers Wenzel eingehend verfolgt, welcher
im Anfang feiner öffentlichen Thätigkeit dem poli-
tifchen Programm feines Vaters mit Eifer treu blieb, bis
er nach wenig Jahren den Sinn für die grofsen Aufgaben
des deutfehen Reiches verlor und dasfelbe bei den auswärtigen
Mächten um feinen politifchen Credit brachte.

Als Reichsgefchichte bietet das Werk, wie das Thema
fordert, faft ausfchliefslich politische Gefchichte; auch die
Beziehungen Deutfchlands zur Kirche werden nur unter
diefem Gefichtspunkte aufgefafst; das culturgefchichtliche
Element ift mit Abficht fern gehalten. An erfter Stelle
alfo hat der politifche Hiftoriker aus diefem Buche reiche
Belehrung zu fchöpfen; der theologifche Eachgenoffe wird
fein Hauptaugenmerk auf diejenigen Partien zu richten
haben, in welchen die kirchlich-politifchen Verhältnifse
der erften Jahre des grofsen abendländifchen Schisma's behandelt
werden. Zwar find zwei gerade in diefer Beziehung
lehrreiche Abfchnittc durch Auffätze des Hrn. Verf. (in
d; Forfch. z. d. Gefch. XIV u. in Sybel's Ztfchr. Bd.
XXVIII 1872) fchon bekannt. Wir benutzen aber gern
die Gelegenheit, hier auf fie hinzuweifen. Von grofser
Wichtigkeit für das Verhältnifs des Reiches zur Curie
find die Verhandlungen über Wahl und Krönung Wenzel's
im Jahre 1376 (Kap. 2), durch welche die goldne Bulle
infofern fogar überboten wurde, als noch bei Lebzeiten
des röm. Königs, Kaifers Karl IV, die Wahl
feines Nachfolgers Wenzel ohne vorher eingeholte
Einwilligung des Papftes zu Stande kam. (Erft nach
der Wahl forgte Karl für die päpftliche Anerkennung.)
Diefer glückliche Schachzug gegen das Papftthum ift in
der Gefchichte der deutfehen Kirchenpolitik des 14. und
15. Jahrhunderts um fo merkwürdiger, als fie vorher und
nachher, ftatt ähnlicher E-rrungcnfchaften, die Excommu-
nication Ludwig's des B. und das Concordat Martin's V
aufzuweifen hat. — Die Schilderung der Wahl Urban's
VIII 1378 (Kap. 5) bildet eine wcrthvolle Ergänzung
zu der Darfteilung Hcfcle's (Concgfch. 6). — Dankbar
find wir dem Hrn. Verf. ferner für den Nachweis, wie
ernftlich der Gedanke an ein allgemeines Concil fchon
im Anfang des Jahres 1380 erwogen wurde, dafs
avignonefifchc Cardinäle fchon damals eine fchriftliche
Widerlegung verfuchten (Kap. 7). Alfo ift der Plan, auf
diefem Wege zu helfen, nicht erft im Jahre 1381 in Paris
aufgetaucht, als Peter von Ailli Namens der Univerfität
vor dem Regenten Frankreichs feine Rede für ein Concil
hielt, und Heinrich von Langendem fein consilium pacis
verfafstc. — Intereffe bieten uns noch die im Zu-
fammenhang dargeftellten politifchen Kämpfe, in welche

das Papftthum feit 1381 in Italien verwickelt wurde
(Kap. 12); die Mittheilungen über die feindfelige Stimmung
deutfeher Städte gegen die Geiftlichkeit (S. 213^
u. a. m.

Mit Quellcnbelegen hätte der Hr. Verf. nicht fo
fparfam fein follen; an manchen Stellen wird die Con-
trole unmöglich; z. B. S. 89 dafs man in Frankreich
zur Verhütung des eben ausbrechenden Schisma's fchon
1378 ein Concil habe berufen wollen; S. 109 dafs Leopold
von Oeftreich 1380 einen ähnlichen Vorfchlag gemacht
.

Trotzdem in der zu behandelnden Periode die Gefchichte
des deutfehen Reiches grofsartiger Ideen und
hervorragender Perfönlichkeiten entbehrt, ift doch der
oft fpröde und unerquickliche Stoff von dem Hrn. Verf.
in eine durchweg angenehme Form gefafst, und die Darfteilung
von Anfang bis Ende frifch und lebendig. Die
Fortfetzung wird, wie wir hören, nicht lange auf fich
warten laffen.

Breslau. Paul Tfchack ert.

Pf leiderer, Prof. Dr. Otto, Die deutsche Religionsphilosophie
und ihre Bedeutung für die Theologie der Gegenwart
. Eine Einleitungsvorlefung. Berlin 1875, G.
Reimer. (20 S. gr. 8.) M. — 30.

Pfleiderer erwartet die Regeneration der Kirche nicht
von den Verfaffungsbeftrcbungen, fondern von der theo-
logifchen Wiffenfchaft. Um diefe regenerirende Wirkung
auszuüben, bedürfe indeffen die Theologie felbft erft einer
Verjüngung. Verjüngen werde fie fich aber nur dann,
wenn fie wieder anknüpfe an die Religionsphilofophic
der letzten Jahrzehnte des vorigen und der erften Jahrzehnte
diefes Jahrhunderts, wobei freilich die Fehler
jener älteren Religionsphilofophie mit Hülfe der exaeten
hiftorifchen Forfchung zu corrigiren wären (S. 4 fg.).
— Um fo dringendere Veranlagung habe die proteftan-
tifche Theologie bei der Religionsphilofophie in die
Schule zu gehen, weil diefe letztere ,die Quinteffcnz
des deutfehen Proteftantismus auf theologifchem Gebiet'
fei, und zwar gerade in der genuinen Vereinigung des
auflöfend-kritifchen und des aufbauend-fpeculativen Factors
. Diefen Grundgedanken feiner Antritts-Vorlefung
fucht Pfleiderer an einer doppelten hiftorifchen Parallele
zwifchen Leffing und Schleiermacher als Vertretern des
vorwiegend kritifchen Elements einerfeits und Herder und
Hegel als Vertretern ,der objectiven Vernunft in der
Gefchichte' andererfeits zu bewähren .{S. 5 fg.). — Die
Aufgabe der Theologie (wohl der fyfternatifchen) in der
Gegenwart fei es nun an der Hand unferer klaffifchen
Denker und unter gewiffenhafter Verwerthung der Rc-
fultate der exaeten Gefchichtsforfchung die fpeculative
Erkenntnifs der Religion zum Abfchlufs und auf den
richtigen Ausdruck zu bringen, eine Aufgabe, die fie in-
defs nur dann löfen werde, wenn fie den Schleiermacher'-
fchen ,Isolirfcheme!' des frommen Selbftbewufstfeins
und den (Hegel'fchen?) Jcarusflug nach fchwindelnden
Höhen leerer Speculation' gleich forgfältig vermeide
(S. 19.).

Mit diefem Programm, welches, wie von dem Hrn.
Verf. nicht anders zu erwarten, in ebenfo formgewandter
wie geiftvoller Weife ausgeführt wird, können wir uns in
der Hauptfache um fo leichter einverftanden erklären, als
es, dem Charakter einer Antritts-Vorlefung entfprechend,
durchaus Skizze geblieben ift. Indeffen ein Bedenken
gegen dasfelbe dürfen wir nicht verfchweigen. Wir wün-
fchen mit dem Hrn. Verf. von Herzen, dafs ,der Gcift'
unferer grofsen Denker, wenn nöthig, auch über die
zunftige Theologie unferer Tage kommen möge. Aber
vorbildlich find die deutfehen Religionsphilofophen weder
in ihren Methoden noch in ihren wiffenfehaftlichen Grund-
anfichten. Vielmehr ift die deutfehe Religionsphilofophie

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