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Ausgabe:

1876

Spalte:

208-209

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bidder, Roderich

Titel/Untertitel:

Ueber Koheleths Stellung zum Unsterblichkeitsglauben 1876

Rezensent:

Kautzsch, Emil

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2o;

Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 8.

208

ronomifchc, Bearbeitung zu fcheiden von der älteren
(jahviflifchen) Schicht. Sehr deutlich find diefe beiden
Stufen z. B. in dem Bericht 1. Sam. 8 ff. zu erkennen.
Ob die jedenfalls in prophetifchem Geift aufgefchriebene
Ueberlicferung direct auf prophetifche Autoren zurückzuführen
, ift freilich die Frage. Aber dafs Mufik, alfo
Gefang eine Hauptbefchäftigung der älteften Propheten
war, lehrt I. Sam. 10, 5; die älteften uns erhaltenen Gelange
der Hebräer find nun hiftorifch, und in einem Falle
wird ausdrücklich als Verfafferin eines folchen Liedes eine
Prophetin genannt. Nimmt man das Intereffe hinzu, welches
auch die kanonifchen Propheten überall an der Vergangenheit
nehmen, fo fcheinen die älteften hebräifchen
Gefchichtsbüchcr in poetifchcr Form, das Buch der Kriege
Jahve's und das Buch des Redlichen, allerdings direct
aus prophetifchen Kreifen herzurühren.

In diefem halle haben die Propheten dem hebräifchen
Volk feine Gefchichte erft gegeben und fich dabei nicht
blofs zum ideellen, fondern mehr oder weniger auch zum
realen Hauptfactor dabei gemacht: im Widerfpruch mit
der Wirklichkeit.

In c. 13 u. 14 wird das Hauptbedenken gegen diefe
aus den Akten gewonnenen Ergebnifse beleuchtet, nämlich
das Neue Tcftament und feine Verwerthung der
Weisfagung. Das Verhältnifs, in welches fich das N. T.
zur Prophetie fetze, erkläre fich thatfächlich daraus, dafs
es allerdings auf dieser und nicht auf dem Gefetze
fortbaue.

Zum Schlufs wird in c. 15 das pofitive Refultat der
Unterfuchung zufammengefafst. Der fcharfe Gegenfatz,
der Deut. 18 und anderswo zwifchen Propheten und Wahr-
fagern ftatuirt wird, fetzt doch die Artgleichheit und die
Möglichkeit der Verwechslung voraus: was für Ifrael der
Nabi ift, find für andere Völker die Wahrfager, ja ifrae-
litifche Propheten felbcr heifsen im Munde ihrer Gegner
Wahrfager. In der That find nach 1. Sam. 9 die älteren
hebräifchen Propheten ,Seher' genannt — und gewefen.
Es war offenbar in alter Zeit keine Ausnahme, fondern
Sitte, wenn ein Mann ,den Seher' um den Verbleib feiner
Efelinnen fragte und ihn dafür mit einer kleinen Münze
bezahlte, wenn eine Mutter über ihr krankes Kind fich
von ihm Befcheid holte und den Dank dafür in Efswaaren
abftattete. Was fpätcr verboten war — obwohl es auch
da noch vorkam Micha 3 — war früher erlaubt und gewöhnlich
; der Unterfchied zwifchen dem Wahrfager für
Alles und dem Boten Gottes an Ifrael hat fich erft allmählich
herausgebildet. Uebrigens enthält auch der Name
Nabi fclbft urfprünglich keinen Gegenfatz zu heidnifchem
Wcfcn, fondern ift felbft heidnifch, etymologifch dem
Hebraismus fremd, als fertiges Wort, als Titel mit der
Sache felbft von den Kanaanäern herübergenommen.
Die älteften Nebiim erfcheinen als Verzückte, diefe
Bedeutung des Worts hat fich in den denominativen
Verbis erhalten. Die Ekftafe aber hat ihren urfprüng-
lichen Platz im Dienft der fyrifchen Naturgötter, nicht
im Dienfte Jahve's, auf den übertragen der Nabi vielmehr
fehr bald leinen ursprünglichen Charakter verlor.

In einer Zeit grosser nationaler und religiöfer Erregung
fleckte das kanaanitifchc hitnabbe auch die Krachten
an; dem formlofen und ftets in Banden auftretenden
Enthuiiasmus wies ein fehr einflufsreicher und patrioti-
fcher Repräfentant des althebräifchen Scherthums, Samuel
, Weg und Ziel. Was aber eigentlich den Prophetismus
in Ifrael zu dem gemacht hat, was er ift, ift ,der Jahvis-
mus'. Freilich kommt man hier über einen fcheinbaren
Cirkel nicht hinaus, man kann auch umgekehrt lagen,
dafs der Jahvismus ohne die Propheten nichts ift —
ficherlich darf man nicht das Gefetz als die gegebene
Grundlage anfehen, von der die Propheten ausgegangen
feien. Die gefchichtliche Wirkfamkcit der Propheten
wird in zwei Stücken zufammengefafst: 1) haben fie
Jahve's Sittengefetz' gehandhabt und gereinigt, 2) haben
fie ,die Jahve — idee' felbcr allmählich vergeiftigt. Ihre

Bedeutung liegt nicht in den Weisfagungcn und auch
. nicht in dem unmittelbaren Einflufs, den fie auf ihre Zeit
ausübten, fondern in der Idee des ethifchen Monotheismus
, welchen das Menfchengcfchlecht ihnen verdankt
.

Ich bin zu Ende mit dem Referat. Die Hauptvor-
i züge, die des Verf. übrige Leiftungen kennzeichnen, finden
fich auch in diefem neueften Buch wieder, gründliche
Beherrfchung des Stoffs und der Literatur, treffende Frag-
ftellung, ruhige Erwägung, beftimmtes^Urtheil, Vermeidung
alles Eifers und alles Nebels. Dafs das Ganze von dem
Gegenfatz der ,organifchcn' zu der ,fupranaturaliftifch. n
Anfchauung beherrfcht ift, bringt allerlei Weitläufigkeit
j mit fich, ift aber durch den Zweck des Buchs bedingt.

Es hängt auch damit zufammen, dafs das Wegräumen
j des Schuttes vorwiegt vor "dem Aufbauen. Eine pofitive
Erklärung des Phänomens der Prophetie ift Kuenen fo
wenig gelungen, wie andern; er hat fie auch wohl nicht
beabfichtigt, anderswo verweift er ausdrücklich auf das
Myfterium der Individualität und ihres nicht zu zergliedernden
Zufammenhanges mit dem Quell aller Wahrheit.
Trotzdem ift jedenfalls das Pofitive nicht? die ftarke Seite
! des Werkes. Was des Verf. Vortheil ift, ift zugleich fein
; Nachtheil: trotz aller aufrichtiger Wärme für feinen Gegen-
ftand, die er befitzt — Congenialität mit den Propheten,
! wie fie z. B. Ewald befafs, wird man ihm nicht nach-
fagen können.

Greifswald. J. Wellhaufen.

Bidder. Dr. Roderich, Ueber Koheleths Stellung zum Unsterblichkeitsglauben
. Ein Beitrag zu gerechter Beur-
theilung d. Buches Koheleth. Erlangen 1875, Dei-
chert. (54 S. gr. 8.) M. — 75.

Wie durch den Titel, der einen ,Beitrag zu gerechter
Beurtheilung des Buches Koheleth' verheifst, fo erregt
der Verfaffer auch durch die Vorrede befondere Erwartungen
, indem er S. V bekennt, faft widerftrebend zu
der Ueberzeugung gedrängt worden zu fein, ,dafs wir
an Koheleth eine der koftbarften Schriften des altteft.
Kanons befitzen'. Natürlich ift der Lefer einigermafsen
auf den Beweis für diefe Behauptung gefpannt und erfährt
zunächft (S. 81, dafs alles von der Frage abhänge,
ob Koheleth eine Unfterblichkeit glaubt. Wir laffen es hier
dahingeftellt, ob man wirklich berechtigt ift, in der alfo
zugefpitzten Frage den Punkt zu finden, ,von welchem
die Beurtheilung des Buches auszugehen hat', werden
vielmehr die angekündigte Apologie fchon dann für gelungen
erachten, wenn der Verf. thatfächlich den Beweis
für den Unfterblichkeitsglauben des Koheleth zu führen
vermag. Mit diefer Erwartung müffen wir uns freilich
lange gedulden. Zuvor redet der Verf. von der fpäten
Abfaffung und der Einheit des Buches und beweift durch
eine ausführliche Erörterung der Begriffe ru'ach, näphäsch
und neschiimrth, dafs weder Koh. 3, 17—22, noch 12, 7 von
einer Unfterblichkeitshoffnung die Rede fein könne. Ab-
gefehen von der ungenügenden Polemik gegen Dclitzfch's
Fahring des viermaligen v-in« (von der Zeit nach dem
Tode) können wir der klaren und unbefangenen Darlegung
des Verf. fo weit völlig zuftimmen. Defto mehr
aber werden wir endlich S. 45 durch die plötzliche Erklärung
überrafcht, dafs in dem Hinweis Koheleth's auf
das aller Menfchen wartende Gericht nothwendig die
Vorausfetzung eines Lebens nach dem Tode enthalten
fei. Man erwartet nun wenigftens, der Verf. werde auf
den noch übrigen 9 Seiten den Beweis bringen, dafs das
fragliche Gericht Gottes nothwendig als ein jenfeitiges
gefafst werden müffe. Aber ftatt eines Beweifes dafür
ftofsen wir nur auf gänzlich unbewiefene Vorausfetzungen.
Gefetzt auch, die Beziehung wenigftens von 11, 9 auf
ein künftiges Gericht wäre exegetifch zweifellos (was wir
nicht einräumen können), fo wäre doch noch ein weiter