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Ausgabe:

1876 Nr. 7

Spalte:

194-197

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Handtmann, Karl

Titel/Untertitel:

Ueber Traurecht und Trauformen. Ein Zeugniß aus der evang. Kirche in Preußen 1876

Rezensent:

Köhler, Karl

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I

Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 7.

194

denn aus die fem angeblichen Ding an fleh, dem Willen,
die auf der Oberfläche in dem Corelatverhältnifs von
Subject und Object abfpielende Erfcheinungswelt hervor

felbe nicht anders ausgefallen ift. Der Verfaffer hat fleh
hier durch Hartmann in deffen Bahnen ziehen laffen.
So wenig aber Hartmann's Räfonnement objective Ueber-

gehen kann. Am ftärkften verfchürzt ift der Knoten in 1 zeugungskraft hat, fo wenig wird das des Verfaffers einen
der Behauptung, dafs der vorftellende Intellect erft ein | Peffimiften bekehren. Jeder wird nach feiner fubjectiven
fpäteres Product des in der Erfcheinungswelt fleh objectivi- Stimmung dem einen oder Bern andern beifallen. Und
renden Willens ift, während doch andrerfeits die Er- I wenn diefe ganze Betrachtungsweife einmal gelten foll,
fcheinun-^swelt nur i ft als Vorftellung. — Aber ange- ! fo läfst fleh mindeftens ebenfo viel für den Peffimismus

nommen einmal diefe Metaphyfik wäre fo erwiefen und
klar, als fie widerfpruchsvoll ift, würde denn der Peffimismus
daraus folgen? Auch diefe Frage verneint der
Verfaffer. Denn man fleht nicht ein, mit welchem Recht
der Gegenfatz von Luft und Unluft überhaupt auf den
alogifchen Weltwillen übertragen wird, da doch nur in
dem Gebiete des mit Bewufstfein verfehenen Dafeins

als gegen denfelben fagen. Darüber ift aber die Hauptfache
verfäumt, nämlich die principielle Beftreitung des
Schemas der Beurtheilung, welches fowohl dem Peffimismus
als dem Optimismus zu Grunde liegt. Denn beide
meffen den Werth des Lebens an der Summe der leidenden
Zuftände und differiren nur darin, dafs fie ein
Ueberwiegen je der Luft oder Unluft behaupten. Beide

Zwecke verfolgt werden und alfo auch nur hier von Luft j find im Grunde Eudämonismus und lähmen die Thatkraft

oder Unluft die Rede fein kann. Soll es aber einmal j des Menfchen. Denn wenn auch der Peffimift fleh zu
fein, fo kann doch der fchrankenlos fleh auswirkende [ vornehmen Betrachtungen des Mitleids im grofsen Styl

Wille nur als Luft gedacht werden, wie ja denn auch das
feiige Nichts, wohin die Rückkehr erftrebt wird, im Zu-
fammenhang der Gedanken Schopenhauer's nur der Weltwille
fein kann, fofern er fleh nicht objectivirt. Es hat
alfo der Peffimismus trotz allem keinen metaphyfi-
fchen Halt.

Diefe fcharffinnige Kritik trifft die Metaphyfik Schopenhauer
's, fofern diefelbe Dogmatismus ift. Sie erreicht
aber ihren Zweck nicht vollftändig. weil fie die Reihenfolge
der Gedanken Schopenhauer's umkehrt. Ift es ihm

emporfchwingt, fo verfäumt er doch im kleinen und einzelnen
mitzuarbeiten wie nur einer, der nur an feine Luft
denkt. Ihnen beiden tritt die ethifche Lebensauffaffung
entgegen, welche den Werth des Lebens an dem fitt-
lichen Werth der thätigen Zuftände oder Handlungen zu
meffen und einzig daraus die Motive des Handelns zu
nehmen befiehlt. Diefe Auffaffung dem Peffimismus fo
gut wie dem Optimismus gegenüber geltend zu machen
und an fleh wie nach den metaphyfifchen Vorausfetz-
ungen zu rechtfertigen, das hält Ref. für die einzige

nicht gelungen., jene beiden Gedankenreihen haltbar zu j Kritik des neueften philofophifchen Peffimismus, welche
verbinden, fo bleiben doch die beiden Punkte unange-
taftet, von denen er ausgeht, einmal der als Ausgangspunkt
nothwendige Idealismus und fodann der Verflach,
durch das, was wir abgefehen vom Intellect find, hinter
die Erfcheinungswelt zu kommen. Es ift nur ein Sophis

in der Philofophie wie im praktifchen Leben auf einigen
Erfolg zu rechnen hat. So wäre das gute und werthvolle
, was auch diefe letzte Erörterung des Verfaffers
enthält, erft in den richtigen Zufammenhang gekommen.
Der Verfaffer hätte fich dann auch nicht die ebenfo

mus, wenn Weygoldt nicht gelten laffen will, dafs wir [ falfche wie verbreitete Meinung angeeignet, dafs die

für uns felbft noch in anderer Weife da find als durch
die Vorftellung, in welcher uns die Welt der EVfcheinung
- und wir als Theile derfelben — gegeben ift. Nun
wurzelt aber der Peffimismus zuerft in dem unmittelbaren
Innewerden des Willens d. h. feiner Befchaf-
fenheit. Mit Hülfe des Idealismus ift die unmittelbare
Erkenntnifs dann zur allgemeinen Weltanficht erweitert
. Gegen diefe beiden Punkte hätte vor allem die
Kritik fich richten muffen. So wie fie lautet, trifft fie
nun nicht ganz zum Ziel. Und das kommt daher, weil
fie nicht der eignen Gedankenfolge Schopenhauer's nachgegangen
ift, fondern gleich das fertige Syftem zum An-
griffsobject genommen hat. Namentlich ift eine direct
gegen den Peffimismus felbft gerichtete Kritik zu ver-
miffen. Aber vielleicht wird' diefe in der empirifchen
Erörterung nachgeholt.

Viel beffer erreicht der Verfaffer feinen Zweck in
der Kritik der Hartmann'fchen Metaphyfik. Hier war die
von ihm befolgte Bctrachtungsweife ganz am Platz. Denn
trotz der inductiv-naturwiffenfchaftlichcn Methode (teilen
die fpeculativen Refultate Hartmann's einen fo frifchen
fröhlichen Dogmatismus dar, dafs deffen Kritik die Philofophie
felbft ins Herz trifft. Und die Kritik ift auch
hier durchweg zutreffend. Wo man mit hypoftafirten
Abftractis wie mit feften Gröfsen rechnet, da behält allemal
derjenige Recht, welcher verneint.

Oben ift gefagt worden, dafs die Kritik Schopenhauer
's namentlich deshalb nicht zum Ziel trifft, weil der
unmittelbare Peffimismus keine Widerlegung gefunden,
obgleich er doch weniger Folgerung als Ausgangspunkt
ift. Aehnliches fagt fich der Verfaffer felbft am Schlufs
der Kritik Hartmann's, um dann den empirifchen Beweis
des Peffimismus einer Beurtheilung zu%unterziehen; d. h.
er ftellt der peffimiftifchen Cafuiftik Hartmann's eine
ahnliche befonnen optimiftifche entgegen. Ref. ift der
Meinung, dafs auf diefem direct gegen die peffimiftifche
Lebensanschauung gerichteten Angriff der Schwerpunkt

chriftliche Lebensanfchauung eine Combination des Peffimismus
und Optimismus fei, da fie doch etwas von beiden
völlig verfchiedenes ift. Endlich wäre der Hinweis auf
die praktifchen Aufgaben der Zukunft dann gehaltvoller
geworden, während er fo ziemlich nichtsfagend ausgefallen
ift.

Alles in allem alfo hat der Verfaffer die Aufgabe,
wie er fie gefafst hat, mit Scharffinn und Gefchick gelöft.
Seine Kritik wäre aber weniger hinter dem Ziel zurückgeblieben
, wenn er die Aufgabe an einigen und nicht
gerade nebenfächlichen Punkten anders gefafst hätte.

Bafel. J. Kaftan.

Handtmann, Pfr. Karl, Ueber Traurecht und Trauformen.

Ein Zeugnifs aus der evang. Kirche in Preufsen.
Leipzig 1876, Mentzel. (121 S. gr. 8.) M. 2. —

Der Verf., er giebt fich im Eingang als ,ein pofitiv
gläubiger evangelischer Geiftlicher' zu erkennen, will durch
feine Schrift ,ein Zeugnifs ablegen' wider das durch
die bekannte Verfügung des Oberkirchenrathes in Berlin
vorgefchriebenc Trauformular. Er fchildert uns zunächft
die ,Stimmung', in welche die meiden (?) Geiftlichen durch
das neue Trauformular verfetzt worden feien. Nach den
ausführlichen Expectorationen S. 6 ff. zu fchliefscn, ift
diefe Stimmung eine gründliche Verftimmung. So tief
geht die Verftimmung bei dem Verf., dafs er fich, wie
er nicht undeutlich zu verftehen giebt (S. 13), die fchwere
Verirrung, in welche der Oberkirchenrath verfallen fei,
nicht anders zu erklären vermag als durch dahinter
flehende fatanifche Einwirkungen. Unferes Bedünkens
geben feine Auseinanderfetzungen einen Beweis, wie
mifslich es ift, fich beim Urtheilen durch Stimmungen
oder vollends Verftimmungen leiten zu laffen. Die Gewinnung
eines objectiven, gerechten Urtheils wird dadurch
zum Minderten nicht erleichtert. Dafs wir in feiner
les Ganzen liegt TJm fo mehr bedauert er, dafs der- | Schrift einen Stimmungsausdruck vor uns haben, mag

*)