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Ausgabe:

Juni/2007

Spalte:

724–726

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Bauerochse, Ernst

Titel/Untertitel:

Ihr Ziel war das Oromoland. Die Anfänge der Hermannsburger Mission in Äthiopien.

Verlag:

Münster: LIT 2006. 408 S. m. Abb. u. Ktn. 8° = Quellen und Beiträge zur Geschichte der Hermannsburger Mission und des Ev.-Luth. Missionswerkes in Niedersachsen, 14. Kart. EUR 24,90. ISBN 3-8258-9567-X.

Rezensent:

Jobst Reller

Der langjährige Äthiopienmissionar Ernst Bauerochse, im Land von 1954–1974, legt in dieser wissenschaftlichen und zugleich allgemeinverständlichen Studie die Entwicklung evangelischer Mission unter dem als Stammesgruppe größten Bevölkerungsanteil Äthiopiens, den Oromo (amharisch pejorativ: Galla), bis 1951 dar. Einleitend informiert er über die traditionelle Religion der Oromo mit ihren wenig spezifischen fruchtbarkeitsreligiösen (Atete), schamanistischen (Qaalluu) und ekstatischen Elementen (Zar-Kult). Interessantes Nebenergebnis ist dabei die Beobachtung einzelner Begriffsbildungen durch die Bibelübersetzung des Onesimus Nesib: das tradtitionelle Wort Waaqayyo für den transzendenten Schöpfergott, das jedoch nicht Barmherzigkeit und Vatersein integriert, das Wort ayyaana für das immanente Sein des Schöpfergottes in der Welt, das Onesimos für Gnade einsetzt. Knapp werden die römisch katholische Mission des 16./17 Jh.s, die Episode des Wirkens des Lübecker Kaufmanns Peter Heyling um 1650 und der von ihm verstärkten Bibelbewegung in der orthodoxen Kirche (nach dem schwedischen Forscher Arén eine »evangelische Bewegung«), die Tätigkeit der Church-Missionary-Society mit Samuel Gobat und Johann Ludwig Krapf bis 1854, die katholische Oromomission vor allem unter Massaia bis 1886 dargestellt.
Relativ breit lässt B. dann den ersten Kurs der Zöglinge des 1849 in Hermannsburg gegründeten Missionsseminars zu Wort kommen, die sich die von Krapf inspirierte Missionsvision des dortigen Gründers Ludwig Harms zu eigen machten. Krapf hatte auf die Stammesgruppe der Oromo aufmerksam gemacht, die den kriegerischen Germanen vergleichbar nicht dem Islam anheimfallen dürfte. Harms entwickelte romantisierend diesen Gedanken zu einer Vision weiter, wie man über B. hinaus zuspitzend sagen muss: Das Kriegervolk der Oromo, von dem er sich in Anspielung auf Bonifatius und die angelsächsische Mission nach seiner in einem Netzwerk von Kolonistengemeinden erfolgten Bekehrung die Christianisierung ganz Afrikas erhoffte – eine Vision, die zu­mindest indirekt auch imperiale Schwertmission durch Einheimische nicht ausschloss, während sie europäischen Kolonialismus als Import einer Herrenkultur verabscheute. Verdienstvoll ist die Veröffentlichung und Analyse des Berichts von Wilhelm Kohrs über die erste Reise 1853 mit dem eigens gebauten Missionsschiff Candace und des Berichts von Heinrich Hohls im Gegenüber zu der Harmsschen Berichterstattung im 1854 begründeten Missionsblatt. Die Reise endet unverrichteter Dinge mit dem Beginn einer Missionsarbeit in Natal, weil der Imam von Sansibar in Mombasa die Landung nicht erlaubt – wie Krapf zehn Jahre später an den Schweden Waldemar Rudin schreibt –, deshalb, weil die Engländer angesichts des eigenen Schiffes ihre Handelsinteressen gefährdet sahen (Beskow, Den Svenska Missionen i Östafrika).
Harms selbst sieht mangels besserer Kenntnis die Schuld bei dem muslimischen Sultan, so dass er für eine Teilgruppe der Missionare in Natal die Oromos im Auge behält – nun auf einer Reise im Inland von Natal aus. Die zweite Aussendung 1857 hat das gleiche Ziel: eine Landung zwischen Mombasa und Kap Ras Xaafuun. B. lässt verdienstvoll wieder die Quellen sprechen, die nun zugänglichen Briefe an die Missionare in Südafrika (In treuer Liebe und Fürbitte, Münster 2004), die Tagebuchaufzeichnungen des Missionars Ernst Klasen, die Briefe Heinrich Filters aus dem Archiv des ELM. Erst im Hermannsburger Missionsblatt 1859, 4, erklärt Harms seine akribisch verfolgte Missionsvision für gescheitert. 1865 überlässt er das Feld der Mission der schwedischen Vaterlandsstiftung in einem Brief an Waldemar Rudin, wobei er Krapf als Phantasten bezeichnet (abgedr. 376 ff.).
Das 3. Kapitel stellt auf der Grundlage der Studie von Gustav Arén diese Mission dar, die ab 1866 unter befreiten Oromosklaven in Massawa, Eritreia, begann. Auch die methodistische Missionsinitiative 1861/62 ist erwähnt, ebenso die Arbeit der Pilgermissionare von St. Chrischona dargestellt (1855–1868). Ein eigentümlicher Zug der Mission in Äthiopien, die indigene biblische Alphabetisierung, wird an Gäbru Desta († 1950) deutlich, der 1872 in St. Chrischona bei Basel eine Ausbildung erhält, Krapf bei der Bibelübersetzung behilflich ist, von 1881–1886 am Blauen Nil unter den Oromo arbeiten kann und unter Ras Makonnen, dem Vater Haile Selassies, bzw. Kaiser Menelik als Kantiba von Gondar tätig sein kann. Eine ähn­liche Rolle spielt der befreite Oromosklave Onesimos Nesib († 1931), der nach einer Ausbildung in Schweden durch die Übersetzung der Bibel, des württembergischen Katechismus, vieler Ge­sangbuch­lieder und anderer Texte in die Oromosprache zusammen mit der Mitübersetzerin Aster Gannoo als Schöpfer der Oromoliteratur angesehen werden kann. Fünf Oromoexpeditionen (1877–1898) schwedischer Missionare blieben angesichts der missionsfeindlichen Haltung der Kaiser erfolglos. Auch die zunächst presbyteria­nische, dann evangelikale Mission des Amerikaners Dr. Lambie und die Mission der Siebenten-Tags-Adventisten in Addis Aläm und Aira werden skizziert. Zu kurz kommt der Umstand, dass Kaiser Menelik im Sinne einer »top-bottom-mission« die von Oromo bewohnten Provinzen mit der Unterwerfung über Gebote zur Taufe, zum Einhalten von Fasten und Feiertagen auch zum Teil oberflächlich orthodox christianisierte.
Kapitel 4 wendet sich dem erneuten Hermannsburger Vorstoß 1927 zu, der durch den Forschungsreisenden Max Grühl mit Blick auf das Botorgebirge angestoßen wird – wie im Nachhinein deutlich wird mit nicht ganz lauteren Absichten angesichts der Goldfunde in Wollega (161). Ausführlich kommen u. a. die ersten Missionare Hermann Bahlburg in Addis Abeba und Dietrich Waßmann in Aira zu Wort. Die Wahl der ersten Missionsstation Aira in West-Wollega, nicht im Botorgebirge, ist eher das Ergebnis von Missverständnissen seitens Gäbru Destas und kaiserlicher Missionsfeindlichkeit, die zu einer Entscheidung vor Beginn der Regenzeit zwingen. Zur bereits in Nakamte und Nedjo tätigen schwedischen Mission entspannt sich das Verhältnis in kurzer Zeit. Waßmann beobachtet die durch die orthodoxe Kirche zum Teil erfolgte oberflächliche Christianisierung und betont die freundschaftlichen Beziehungen zu deren Priestern, die allerdings nicht über den Sinn ihrer Riten Auskunft geben können, nur über ihre behauptete apostolische Herkunft aus Jerusalem. Die Mission beginnt mit dem Aufbau einer Krankenstation unter Schwester Martha Waßmann, der Alphabetisierung durch den Aufbau einer Schule mit einem einheimischen Helfer Dafaa Jammoo und regelmäßigen Gottesdiensten ab Pfingsten 1932. Einer der ersten Konfirmierten ist 1935 Dafaa. In Addis Abeba beginnt die Arbeit mit einem Waisenhaus und einem Seminar, an dem u. a. auch Dafaa eine erste Ausbildung erhält. Die Ausweitung der medizinischen Arbeit durch eine weitere Station in Bedelle wird ebenfalls geschildert. Diese Arbeit wird durch die italienische Invasion 1935/36 zunächst nur beeinträchtigt, insofern als die Familien über den Sudan nach Deutschland zurückreisen, bis nach der Ermordung des Schmiedes Adolf Müller aus Bedelle 1836 auch die anderen Missionare sich zur Heimkehr entschließen. Die Station in Aira bleibt unter Dafaas Leitung unversehrt, Bahlburg kann in Addis Abeba bleiben. Weil als einzige ausländische Mission die Hermannsburger weiter tätig bleiben kann, reisen Waßmann und Hornbostel 1938 wieder nach Äthiopien aus, um 1939 wieder in Aira zu beginnen, zunächst mit intensiver Konfirmandenarbeit bis zur durch die Ankunft der englischen Invasionsarmee erzwungenen zweiten Abreise 1941. Mit Ashanaa Naggaadee aus Teegii tritt wieder der Zug einheimischer biblischer Alphabetisierung hervor, die die traditionellen von den Qaaluu bestimmten Zusammenhänge verlässt. Die Bibel hatte er von der schwedischen Mission erhalten. Neben die Schilderung Waßmanns stellt B. zwei Studien zur mündlichen Überlieferung über diese Bekehrung, in der auch Träume und Heilungserfahrung eine Rolle spielen.
B. liefert unter der Überschrift »Durchbruch des Evangeliums im Gallaland« das Material zu einer missionsgeschichtlichen These, ohne es selbst zu analysieren: Biblische Aphabetisierung als Anfangsschritt aus einer oralen in eine Schriftkultur, die mit technischer und medizinischer Überlegenheit verbunden scheint, erhält eine Eigendynamik in einer Situation politischer und religiöser Majorisierung durch ein anderes Volk. Voraussetzung ist einmal, dass die traditionelle Religion als nicht mehr heilkräftig erfahren wird und die Alphabetisierung durch die orthodoxe, aber auch die muslimische Schriftverehrung vorbereitet ist. Der Missionar ist Verstärker eines schon vorliegenden Impulses, der Rufe aus den verlassenen Arbeitsgebieten der anderen Missionen erhält. Die Phänomene sind überall ähnlich.
Genannt sei hier noch die Wirksamkeit von Frau (!) Haadha Gammachuu in Nedjo, die Gottesdienste hält und unterrichtet (328) und Waßmann vor seiner Abreise 1941 zur Ordination von Dafaa bewegt. Damit gewinnt die evangelische Kirche unter den Oromo einen institutionellen Zug durch einheimischen Klerus. Für die Entwicklung nach 1941 kann sich B. wieder auf Studien von Mulatu Gadisa und Jonas Biratu stützen, die umfassende und »automatische« biblische Alphabetisierung belegen. Die wachsende Bewegung der »Feinde Marias« (Tsära Maryam) wiederum wird zunehmend von orthodoxen Christen angefeindet, der Bau von Kirchen und Bethäusern untersagt. Ungeklärt bleibt eine Unstimmigkeit, nach der Jonas Biratu die offizielle Anerkennung einer evangelischen Kirche im Regierungsbezirk Gimbi auf eine Mission von Dafaa nach Addis Abeba 1950 folgen lässt, B. hingegen (359) auf 1949 schließt.
Verdienstvoll ist die umfassende Aufarbeitung von äthiopischer Forschung in Aira und von Archivmaterial aus dem ELM in Hermannsburg und in Teilen der evangelischen Vaterlandsstiftung in Stock­holm.