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Ausgabe:

Februar/1998

Spalte:

212–214

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Mundt, William F.

Titel/Untertitel:

Sinners Directed to the Saviour. The Religious Tract Society Movement in Germany (1811-1848).

Verlag:

Zoetermeer: Boekencentrum 1995. 343 S. gr.8° = Mission, 14.

Rezensent:

Johannes Althausen

Die Arbeit füllt eine Lücke. Sie hat 765 christliche Traktate (Kleinschrifttum) aus der Zeit zwischen 1800 und 1850 analysiert und damit ein Stück Kirchen- und Missionsgeschichte lebendig gemacht, das man bisher wenig kannte.

Von der Literaturanalyse ausgehend, ist eine Utrechter Dissertation (Erstgutachter Prof. Jongeneel) entstanden, der man anmerkt, daß sie über einen längeren Zeitraum hin erarbeitet worden ist und dementsprechend verschiedenen Interessen Rechnung tragen will. Nach dem einleitenden Kapitel widmet der Vf. seine Aufmerksamkeit zuerst der historischen Darstellung des britischen und des kontinentalen Hintergrunds, um dann die Gründungsgeschichte von vier größeren Traktatgesellschaften in Deutschland aufzuzeichnen: Eisleben (1811), Wuppertal (1814), Berlin (1814) und Hamburg (1820). Danach folgt ein Kapitel über "die Botschaft der Traktate" sowie ein solches über ihre Mission, d. h. ihre Missionspraktiken. Letzteres gibt offensichtlich das ursprüngliche leitende Interesse der Arbeit wieder. Anhangweise behandelt Kapitel VII die staatlichen und gesellschaftlichen Reaktionen, ehe Kapitel VIII das ganze zusammenfaßt. Der ausführliche Apparat bietet reichlich Nachweise in Fußnoten sowie eine Zeittafel, die Dokumentation der wichtigsten Statuten deutscher Traktatvereine, ein umfangreiches Literaturverzeichnis (Material aus 16 Archiven, mehr als 1000 Titel von Traktaten, 50 Titel aus der Arbeit der Gesellschaften und 440 Titel Sekundärliteratur) und einen langen Namens-Index. Eine Zusammenfassung in Deutsch und eine in Holländisch sollen den Lesern aus diesen Bereichen Hilfen anbieten, die Absicht des Vf.s zu erkennen. Nicht nur für die Erschließung der Quellen war die Arbeit in zwei Sprachen nötig. Auch im Text der Arbeit werden alle Übersetzungen vom Vf. selbst angefertigt, eine anerkennenswerte Leistung. (Die Herrnhuter werden manchmal mit "Brethren" übersetzt, manchmal richtig mit "Moravians".)

Die Erbauungsliteratur, die von der Erweckungsbewegung hervorgebracht worden ist, ist in Antithese zur Aufklärung und zu der in Folge ihres Vernunftglaubens entstehenden Säkularisierung geschrieben worden. Sie hat den Menschen ihre Sündhaftigkeit zeigen und sie als Sünder zu Christus rufen wollen. Dazu hat sie ihre Bekehrung angestrebt und ihr Leben in Heiligung befestigen helfen wollen. Darum war sie der puritanischen "Earnestness", der unbedingten Ernsthaftigkeit in der Lebensgestaltung, verpflichtet und hat versucht, den Leser zu einer im unerschütterlichen Glauben begründeten Glückseligkeit in Gott hinzuführen. Die Erbauungsschriften haben für jedermann nachlesbar gemacht, was die Erweckungsbewegung wollte. Aber sie haben gleichzeitig bei der Aufklärung gelernt. Diese hat die Gattung des Kleinschrifttums neu entdecken helfen. Und sie hat im Individuum ihren Partner gefunden. An ihn wenden sich die Erbauungstraktate, ebenso wie sie hinsichtlich der erhofften Wirkung ihres Wortes den Optimismus und Fortschrittsglauben der Aufklärung teilen.

Der Unterschied zwischen England und Deutschland ist bei den in dieser Untersuchung ausgewerteten Schriften gering. Dennoch werden Differenzen sichtbar, die über die seinerzeit beim Abdruck von Übersetzungen in den Gesellschaften angemahnte Situationsverschiedenheit hinausweisen. Auf der englischen Seite geht ein Sinn fürs Machbare und Praktische mit einem starken weltweiten Sendungsbewußtsein Hand in Hand. In Deutschland muß man vor allem auf die Fragen der Menschen in der Umbruchzeit nach Napoleon tiefer eingehen. Hier entsteht eine Literatur, in der das unverdiente Wirken der Gnade und eine Grundhaltung des An-sich-wirken-Lassens bei den Glaubenden stärker hervorgehoben wird als in England. Das ist vom Vf. gut beobachtet und nachgewiesen. Einen Erklärungsversuch macht er aber eigentlich nicht. Könnte man nicht auf die lutherisch reformatorische Tradition verweisen?

Eine theologiegeschichtliche Problemdiskussion hätte ich mir auch sonst noch öfter gewünscht. Natürlich möchte der Historiker zuerst beschreiben. Darin liegt auch die Stärke dieser Arbeit. Aber um Bewertungen kommt er nicht herum. Dazu wäre manchmal mehr Reflextion durchaus angebracht, z. B. bei der Auswahl der Loci für die Gestaltung des Kapitels V oder insbesondere in dem christologischen Abschnitt S.167 ff.

Fragen möchte ich auch, ob die Rolle der Preußischen Union als Stimulanz für die Erweckungsbewegung richtig gesehen ist (47ff.). In Preußen selbst ist diese Maßnahme "von oben" sehr ambivalent aufgenommen worden. Vielleicht könnte man in der späteren Konfessionalisierung der Erweckungsbewegung sogar eher eine negative Auswirkung erkennen, und das trotz Claus Harms. Und was ist (117) mit dem Hinweis auf Schleiermachers "Reden über die Religion" gemeint?

Eine weitergehende Differenzierung der Hintergrundstudien möchte ich auch im Blick auf Johann Hinrich Wichern anmahnen, der in der deutschen Literatur immer mit seinen zwei Vornamen zitiert wird. Ist die Konzeption Wicherns von einer "Inneren Mission" schon in der Gründung des Rauhen Hauses erkennbar (vgl. 142 f.)? Oder ist diese nicht erst allmählich gewachsen? Nach ersten Teilvorschlägen in den "Fliegenden Blättern" seit etwa 1844, bei denen der Ausdruck "Innere Mission" wohl auch schon vorkommt, ist er erst in der Denkschrift von 1849 umfassend entwickelt worden. Anstaltsdiakonie in der Art des Rauhen Hauses ist dabei nicht der Kern der Sache, obwohl sie weiter von Wichern gefördert wird. Eigentlich geht es jetzt aber um eine umfassende Mission mit vielen vor allem auch kirchenoffiziell und staatlich getragenen Maßnahmen. Richtig ist natürlich, daß mit dem Jahre 1848 die Stunde für neue Konzepte geschlagen hat. Insofern ist die Begrenzung der Betrachtungen Mundts richtig.

In die theologische Fragestellung gehört auch der folgende Hinweis: Kapitel VI stellt dar, wie bei der englischen Religious Tract Society Movement die weltweite und die lokale Dimension ineinander liegen, während die Schwestergesellschaften in Deutschland ihre Aufmerksamkeit nicht so deutlich auf die weite Welt richten. So richtig das ist, so sehr darf man auf der anderen Seite nicht vergessen, daß auch hier zwischen Bibel-, Judenmissions-, Heidenmissions- und Traktatgesellschaft innerhalb der Trägerschaft viele Beziehungen bestanden. Das Gesellschaftsleben hatte, wie ja auch dargestellt wird, hüben und drüben ähnliche Strukturen. Trotzdem fällt auf, daß für die Erweckten in Berlin eine Bibelstelle wie Mt 5,13-16 vom Salz und Licht offensichtlich eher das Grundmotiv für die Mission abgibt, als das vom Vf. für die englischen Gesellschaften mit Mt 28 angegeben ist. Es gilt, das Licht der Welt überall zum Scheinen zu bringen. Denn Finsternis und Licht liegen im Streit miteinander. Die Christen werden mit Gaben ausgestattet, um dies Licht zu verbreiten. Und das hat außer der geographischen Dimension vor allem eine menschliche. Mir scheint der theologische Unterschied zwischen England und Deutschland vor dem jeweiligen historischen Hintergrund bezeichnend zu sein.

Vielleicht darf ich an dieser Stelle auf meine Dissertation hinweisen, die Mundt mehrfach zitiert: "Kirchliche Gesellschaften in Berlin 1810-1830" (Halle 1966). Darin gehe ich ausführlich auf den "Aufruf" August Neanders von 1822 ein, der für die Missionsgesellschaft in Berlin als Urdokument gilt, aber die Neandersche Erweckungstheologie exemplarisch widerspiegelt. Er stützt die genannte Motiv-These. Vgl. dazu auch den Aufsatz, der aus der Dissertation s. Z. hervorging, im Jahrbuch für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte 43. Jahrgang 1968 S.112 ff.

Die historische Verknüpfung der englischen und der deutschen Traktatgesellschaften ist bekannt. In der vorliegenden Dissertation wird sie Hauptthema und in vielen Einzelheiten, vor allem in der Darstellung der inhaltlichen Abhängigkeiten der Literatur ausführlich aufgespürt. Das ist sehr dankenswert und füllt eine Lücke in der Missionsgeschichtsschreibung. Ich finde es auch wertvoll, daß dies aus dem Blickwinkel von außen (Kanada) geschieht. Freilich stelle ich auch fest, daß die Betrachtung immer wieder von der Engführung des Themas, also von dem Befund in Deutschland her, ausgeweitet wird auf eine Gesamtbetrachtung, bei der mitunter die englische Literatur doch noch wichtiger ist. Als ein Beispiel sei das Kapitel über "earnestness" (152-158) angeführt. Nach einer ausführlichen Darstellung dessen, was mit "earnestness" gemeint ist, und wie dieser Begriff Eingang in die englische Literatur gefunden hat, sollte seine Widerspiegelung in der deutschen Literatur folgen. Auf S. 158 gibt der Vf. aber nur allgemeine Hinweise. Auch die Sache mit dem unermüdlichen, jahrzehntelang wirkenden Reisenden in Sachen Religious Tract Society, Dr. Pinkerton und seinen Besuchen bei den Gründungsversammlungen in Deutschland, ist nicht etwa eine Geschichte von englischen Gründungen auf deutschem Boden, sondern zeigt, wie der Vf. richtig darstellt, daß die behandelten Traktatgesellschaften aus den Aktivitäten des "in der Liebe tätigen Glaubens" der Erweckten in Deutschland hervorgegangen sind und die Hilfe der Engländer eigentlich mehr in der praktischen Gestaltung sowohl der Statuten als auch der internationalen Verbindungen zwischen den Knotenpunkten des Netzwerkes erweckter Christen bestand, freilich Grund genug, diese Tätigkeit ausführlich zu untersuchen.

Bei der Fülle des Stoffes sind Wiederholungen fast nicht zu vermeiden. Es gibt aber auch Ungenauigkeiten und ziemlich viele Druckfehler im Text. Korrigiert werden muß vor allem die Angabe über die erste "Feld"-Entscheidung der Berliner Missionsgesellschaft (113, Ende 1. Absatz). Diese hat nicht erst 1841 stattgefunden, sondern schon 1832 und erfolgte für Südafrika, nicht für Ostindien (Vgl. "Kirchliche Gesellschaften in Berlin 1810-1830", 227).

Die Arbeit ist ein Gewinn für die Missionsgeschichtsschreibung. Man sollte sie aber darüber hinaus auch als frömmigkeitsgeschichtlichen Beitrag werten. Denn hier werden sehr viele Aufschlüsse gegeben über die praxis pietatis der einzelnen und der Gemeinden in Deutschland während der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.