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Ausgabe:

Februar/1998

Spalte:

210–212

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Ernst, Manfred

Titel/Untertitel:

The Role of Social Change in the Rise and Development of New Religious Groups in the Pacific Islands.

Verlag:

Münster-Hamburg-London: LIT 1996. XVIII, 355 S. m. zahlr. Abb. 8° = Beiträge zur Missionswissenschaft und Interkulturellen Theologie, 8. Kart. DM 58,80. ISBN 3-8258-2822-0.

Rezensent:

Theodor Ahrens

In Ozeanien vollziehen sich, ähnlich wie in Lateinamerika, Afrika und auf dem indischen Subkontinent, tiefgreifende Transformationen der etablierten Missionskirchen. An diesen Prozessen sind die sogenannten neuen religiösen Bewegungen erheblich beteiligt. Die Studie von Manfred Ernst ist die erste umfassende Untersuchung dieser Phänomene in Ozeanien. E. unternimmt einen religionssoziologischen Zugriff auf die Problematik und hängt seinem Befund zum Schluß einige pastoral-theologische Empfehlungen an.

Kapitel 1 (23 ff.) enthält eine Übersicht zur Lage und einen Vorschlag zur Klassifikation. E. unterscheidet zwischen den solide etablierten neuen religiösen Bewegungen, zu denen er z. B. die Assemblies of God, aber auch die Bahai und Siebten-Tags-Adventisten zählt, dann der zweiten Gruppe, der Neuankömmlinge, darunter z. B. The Church of the Nazarene (57ff.), drittens der Gruppe der Separatisten und schließlich viertens der Gruppe evangelikal-fundamentalistischer Parakirchler (23 ff.), wie etwa dem Campus Crusade for Christ and World Vision, aber auch dem Summer Institute of Linguistics.

Kapitel 2 (113 ff.) bietet sechs Fallstudien, die sich vor allen Dingen auf Polynesien und Mikronesien beziehen. Aus dem melanesischen Inselbogen wird Fiji in Sicht genommen. Das bevölkerungsreichste Land, Papua Neuguinea, mit dem größten Anteil an Christen bleibt im wesentlichen außer Betracht. Dennoch schränkt diese Auswahl die Deutekraft der vorgelegten Studie meines Erachtens nicht ein. Für E. ergibt sich, daß etwa 1960 noch fast 100% der Bevölkerung Ozeaniens zu einer der traditionellen Großkirchen der Lutheraner, der Katholiken, Methodisten, Presbyterianer oder Anglikaner gehörten, während mittlerweile mindestens 20% der Bevölkerung einer der neuen religiösen Bewegungen angehören, die in sich vielschichtig und durchaus unterschiedlich, jedenfalls das gemeinsam zu haben scheinen, daß sie ihren Ursprung meist in Nordamerika haben, dort der politischen Rechten zuzurechnen sind und erhebliche Finanzströme für ihre missionarischen Feldzüge mobilisieren können. Im Blick auf die separatistischen Kirchen (76 ff.) muß man diese Behauptung bezweifeln. Wie auch immer, es erfolgt eine erhebliche religiöse Neuorientierung der Bevölkerung, eine enthusiastische Umprägung, die übrigens weit in die etablierten Missionskirchen hineinreicht, ein Umstand, der bei E. nur unzureichend angeleuchtet und interpretiert wird.

Kurz: Kapitel 1 und 2 breiten die Fakten aus und verhelfen zu einer differenzierteren Wahrnehmung der religiösen Lage in der mikronesischen und polynesischen Inselwelt. Das Wachstum dieser Bewegungen erfolgt auf Kosten vor allem der etablierten protestantischen Missionskirchen. Es ist aufschlußreich und deckt sich mit Beobachtungen aus anderen Regionen, daß die römisch-katholische Kirche bei weitem nicht in dem Umfang von derartigen Einbrüchen betroffen ist wie die protestantischen Großkirchen.

Wie sind nun diese Transformationsprozesse und Diversifikationsprozesse des Christlichen zu interpretieren, fragt E. im 3. Kapitel (233 ff.). E. interpretiert diese Bewegungen aus einer sozialpsychologischen Perspektive (236 ff.). Er führt das Wachstum dieser neuen Bewegungen vor allem auf ökonomische, von außen induzierte Veränderungen, kurz, auf die Einbeziehung der pazifischen Inseln in den globalen Markt zurück und sieht in diesen religiösen Schüben wesentlich Kompensationen ökonomischer und sozialer Deprivationen (242 ff., 248ff.). Er notiert allerdings auch, daß diese Bewegungen nicht nur von außen induziert sind, sondern daß die Dynamik gesellschaftlichen Wandels, die Verwerfungen der Situationen in Ozeanien selbst sowie dortige innerkirchliche Spannungen zur Entstehung derartiger Schübe beitragen.

Dazu kommt, daß die Großkirchen, festgelegt auf missionsgeschichtlich vermittelte Modelle pastoralen Handelns, die wesentlich aus dem vorigen Jahrhundert stammen, auf eine Ethik, die nicht mehr auf Gegenwartsfragen eingeht und auf Amtsmodelle, die die Entfremdung von der Situation spiegeln, nicht ausgerüstet sind, auf die Veränderungen ihrer Situation zu antworten. Großkirchen haben ihre Mitglieder in den sozialen und politischen Umstellungskrisen oft allein gelassen und in den starren Formen des Gottesdienstes kaum Möglichkeiten angeboten, die harten Erfahrungen des Alltags christlich zu bearbeiten. Im übrigen ist der Vf. der Meinung, das Christentum im Südpazifik sei, historisch ohnehin nie tief gedrungen, weitgehend nominell und insofern von vornherein schlecht ausgerüstet gewesen, auf Gegenwartsfragen zu antworten. Wie bewertet der Vf. nun diese neuen religiösen Bewegungen, insofern, als sie nicht nur Hoffnungen auf eine jenseitige Entschädigung diesseitiger Entbehrungen in Aussicht stellen, sondern auch zu einem harmonischen Gruppenleben beitragen, Egalitarismus, Gruppenzusammenhalt und Initiative fördern? Er veranschlagt ihren Einfluß teilweise positiv (252 ff.). Insgesamt aber spielen diese Bewegungen nach seiner Meinung den Globalisierungsmächten nur in die Hände und tragen so dazu bei, Menschen erneut zu Opfern fremder, rivalisierender Mächte zu machen. Wieviel Ausnahmen verträgt diese Generalisierung? Es lassen sich gewichtige Ausnahmen beibringen (Separationsbewegungen, Pfingstlertum der ’Kleinen Leute’) ebenso wie Hinweise auf Forschungen etwa von David Martin (Tongues of Fire. The Explosion of Protestantism in Latin America, London 1990) und von Richard Gray (Black Christians White Missionaries, Yale/London 1990), die schärfer die Motivationen der Beteiligten ins Auge fassen und diese Bewegungen daher nicht vorwiegend unter dem Gesichtspunkt religiöser Kompensation, sondern als kommunale Experimente mit religiösen Initiationen, Selbsthilfeunternehmungen in eine neue Zeit, ansprechen, also nicht nur als koloniale, sondern vor allem als postkoloniale Phänomene einordnen.

E. selbst empfiehlt ­ angesichts der unbezweifelbaren Defizite dieser Bewegungen ­ als Heilmittel eine lokale Variante von Befreiungstheologie, die die Themen des Konziliaren Prozesses als die im Kontext seiner Meinung nach wirklich relevanten Themen aufgreift, um die Kirchen kontextuell sprach- und handlungsfähig zu machen.

Es handelt sich um eine wertvolle Studie insofern, als sie einen ersten Gesamtüberblick gibt und in ihren Daten, die bis in den Anfang der 90er Jahre führen, auch zuverlässig sein dürfte. Sie ist valide auch in ihrer weithin berechtigten Kritik der Großkirchen. Sie ist schwach in der Interpretation religiöser Phänomene, vor allem in der Interpretation des Chiliasmus, der nicht erst heute, sondern seit 150 Jahren ein Ferment religiöser und sozialer Wandlungsprozesse in Ozeanien gewesen ist.