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Ausgabe:

Juni/2006

Spalte:

809–812

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Shenk, Wilbert R. [Ed.]

Titel/Untertitel:

North American Foreign Missions, 1810­1914.

Verlag:

Grand Rapids-Cambridge: Eerdmans 2004. XIV, 349 S. gr.8° = Studies in the History of Christian Missions. Kart. US$ 45,00. ISBN 0-8028-2485-4.

Rezensent:

Werner Ustorf

Neben dem angegebenen Titel in dieser Rezension besprochen:

Stanley, Brian [Ed.]: Missions, Nationalism, and the End of Empire. Associate Ed.: A. Low. Grand Rapids-Cambridge: Eerdmans 2003. X, 313 S. gr.8° = Studies in the History of Christian Missions. Kart. US$ 45,00. ISBN 0-8028-2116-2.

Die hier vorgestellten Sammelbände sind Resultate zweier aufeinander folgender Forschungsvorhaben, des North Atlantic Missiology Project und des Currents in World Christianity Project. Beide Projekte haben eine Fülle wichtiger Materialien und Publikationen hervorgebracht, von denen eine ganze Reihe (nicht nur die beiden hier besprochenen Bände) bei William B. Eerdmans in der von Robert E. Frykenberg und Brian Stanley herausgegebenen Serie Studies in the History of Christian Missions veröffentlicht sind. Der erste vorzustellende, von Brian Stanley (Cambridge, England) herausgegebene, Band Missions, Nationalism, and the End of Empire entstammt dem Currents in World Christianity Project.

Adrian Hastings, der geniale, 2001 verstorbene, katholische Missionswissenschaftler, eröffnet Teil I, »missionarische Traditionen, nationale Loyalitäten und das universale Evangelium«, mit einer kritischen Diskussion des missionarischen Rollenkonflikts am Ende der Kolonialzeit. Hastings war 1997 mit seiner These hervorgetreten, dass der Nationalismus nicht einfach ein Produkt der europäischen Moderne ist, sondern seine Wurzeln biblisch, genauer, in der jeweiligen theologisch-ethnischen Aneignung der Erwählungserzählung zu finden sind. Das würde bedeuten, dass manche der Nationaltraditionen der Dritten Welt nicht einfach Imitationen von Modellen aus der europäischen Aufklärung sind, sondern eher parallele Erscheinungen. Es wäre ein eigenes Forschungsprojekt gewesen, diese These zu testen ­ der vorliegende Band, trotz seiner Qualität, leistet dies nicht. Hastings weist in seinem Beitrag darauf hin, dass fast alle europäischen Missionare »Antinationalisten« und Universalisten waren, sobald einheimische Christen Autonomie und Unabhängigkeit einforderten. Aber er schließt mit der These, dass die US-amerikanische Mission der Gegenwart, vor allem ihre konservativen, fundamentalistischen und charismatischen Vertreter (die große Mehrheit), sehr wohl eine Form des amerikanischen Nationalpartikularismus in universalistischer Verkleidung sei.

Hartmut Lehmann bearbeitet die deutsche protestantische Mission der Zwischenweltkriegszeit (»missionaries without empire«). Seine Erörterung der Verbindung von Mission und Nationalsozialismus ist faszinierend, muss aber ergänzt werden durch weitere Publikationen, die inzwischen heranzuziehen sind. Richard Elphick liefert eine scharfsinnige Studie des missionarischen Anteils an der Entwicklung der Apartheidsideologie, wobei er sich besonders mit den Missionsdenkern der Dutch Reformed Church (Johannes du Plessis, J. G. Strydom, G. B. A. Gerdner) befasst. Elphick zeigt, dass diese und andere Vordenker den entscheidenden Übergang von Rassentrennung zu Apartheid vollzogen hatten, indem sie getrennte, positive »Entwicklung« für Afrikaner entwarfen und die Errichtung abgetrennter »homelands« befürworteten ­ nicht ohne ihren Glauben an die Universalität der Mission und die Gleichheit aller Rassen »vor Gott« zu verlieren. Andrew Porter untersucht die Universities¹ Mission to Central Africa und folgert, dass die anglo-katholische Ausrichtung der Mission und ihr Festhalten am Primat des Episkopats in allen Fragen des Glaubens und der Ekklesiologie eine flexible Reaktion auf den Dekolonisationsprozess eher erschwerten.

Teil 2, »werdende christliche und nationale Identitäten in Asien und Afrika«, setzt ein mit dem Beitrag von Judith Brown zur Frage des Verhältnisses zwischen Hindu-Nationalismus und christlicher Identität am Ende britischer Kolonialherrschaft. Ka-che Yip wendet sich der Geschichte der christlichen Mission in der turbulenten republikanischen Phase Chinas zu (1912­1949). Er zeigt, dass viele Chinesen nicht davon überzeugt waren, dass die Christen irgendetwas zur Lösung des chinesischen Problems beizutragen hatten: »Unfähig, den Chinesen die soziale Notwendigkeit des Christentums vor Augen zu führen, versagten sie zugleich, sie von seiner religiösen Validität zu überzeugen« (142). Daniel H. Bays Beitrag reflektiert dieses Problem im Blick auf die prekäre Position einheimischer protestantischer Kirchenführer (vor allem Chen Chonggui, zwischen 1920­1955). Derek Peterson blickt zurück auf den Mau-Mau-Aufstand im Kenya der 50er Jahre und kann demonstrieren, dass das geschriebene Wort, speziell die Übersetzung der Bibel in die einheimische Sprache, den Kikuyus die Kontrolle über die Wörter und damit auch die Formulierung ihrer politischen Vision (179) ermöglichte.

Teil 3, »christliche Antworten auf die Krisen des zuendegehenden Kolonialismus«, offeriert eine Serie von Fallstudien (John Stuart zum Dilemma britischer Missionare angesichts des afrikanischen Nationalismus; Caroline Howell zur Krise von Kirche und Staat in Uganda 1953­1955; Philip Boobbyer diskutiert den Beitrag der 1938 formierten Moral Re-Armament Bewegung zur Dekolonisation Afrikas; Deborah Gaitskell untersucht die missionarische Erfahrung der Anglikanerin Hannah Stanton; und der nigerianische Kirchenhistoriker Ogbu Kalu liefert das Schlusskapitel mit einer breit angelegten Übersicht des afrikanischen Dekolonisationsprozesses zwischen 1955 und 1975). Von Interesse, weil wenig untersucht, ist das Kapitel zur Bewegung der Moralischen Wiederaufrüstung. Frank Buchmans MRA verfügte über erstaunliche Finanzmittel und war keine eigentliche Missionsgesellschaft, sondern eine Organisation zur Verbreitung christlicher Werte, also eher ein säkularer und kämpferischer Ausdruck christlicher Spiritualität (resolut antikommunistisch), ohne auf einen Religionswechsel abzuzielen. Boobbyer hebt insbesondere auf ihre Politik der Versöhnung ab, den »dialogue of decolonization«, den die Bewegung in Kenya, im Kongo, in Tunesien, Marokko und im damaligen Rhodesien propagierte. Die multinationale und interreligiöse Ausrichtung der MRA stellt eine echte Anfrage an das »traditionelle missionarische Projekt« dar (235), obschon ihr Einfluss auf den Dekolonisationsprozess schwer einzuschätzen ist, zumal Boobbyers Quellen alle aus der MRA selbst stammen.

North American Foreign Missions, 1810­1914 ist von dem mennonitischen Missionshistoriker Wilbert Shenk herausgegeben, der am evangelikalen Fuller Theological Seminary in Pasadena/California lehrt. Das Buch gliedert sich in zwei Abschnitte: 1810 bis 1865 und 1865 bis 1914, das heißt, Teil I setzt mit der Gründung der ersten (erfolgreichen) protestantischen amerikanischen Auslandsmissionsorganisation ein, des »American Board of Commissioners for Foreign Mission«, und reicht bis zum Ende des Civil War; Teil II schreibt die Geschichte fort bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Shenk hat hier eine Reihe kritischer, auf Quellenarbeit fußender Analysen der theologischen und kulturellen Binnenwelten der amerikanischen Missionsmaschinerie sowie ihrer strategischen und politischen Weichenstellungen zusammengebracht ­ 12 Fenster, wie es in der Einleitung heißt (8), die neue Ausblicke eröffnen. David W. Kling zeigt im ersten Kapitel die theologischen Entwicklungslinien auf, die 1810 zur Gründung des American Board führten. Richard L. Rogers fragt allgemeiner, ob sich in der Gründungsphase der von Nordamerika ausgehenden Mission wirklich nur die Schubkraft des evangelikalen Millennialismus der frührepublikanischen Ära manifestiere oder nicht. Antwort: Eschatologische Spekulationen und millennaristische Erwartungen sind zwar Motive, die zum missionarischen Aufbruch beitrugen, aber der religiöse Fanatismus war nicht ausschlaggebend. Wirksamer für den missionarischen Aufbruch war eine populäre narrative Theologie, die es verstand, das Leben der Menschen nicht nur in den Triumph des Christentums einzuweben, sondern auch in den einer zukünftigen angloamerikanischen Weltkultur. Am Beginn der modernen Missionsbewegung steht jedenfalls mehr imperiale Philanthropie oder gar »Aufklärung«, als manchem lieb ist.

Das Drei-Selbst-Programm des bekanntesten amerikanischen Missionstheoretikers in der Mitte des 19. Jh.s, Rufus Anderson, ist Thema des dritten Kapitels (Paul Harris). Charles A. Maxfield treibt die Analyse der Andersonschen Missionstheorie weiter mit Blick auf seine Ansichten über Sklavenhandel und Sklaverei. Diese Fragen wurden ausgelöst durch die Praxis der Sklaverei bei den zum Board gehörenden indianischen Kirchen unter den Cherokee und Choctaw. Anderson warnte im Namen seines Drei-Selbst-Programms vor einem Eingriff in die internen Angelegenheiten dieser jungen Kirchen, lehnte also die Einhaltung einer strikt abolitionistischen Linie ab. Dana Robert beschreibt in Kapitel 5 die Strategien, mit deren Hilfe die Ehefrauen der Missionare in der ersten Hälfte des 19. Jh.s ihre Rolle zwischen »evangelist« und »homemaker« definierten. Das letzte Kapitel des ersten Teils stammt von Susan Wilds McArver und beschäftigt sich mit der (gescheiterten, wie die Autorin meint) presbyterianischen Mission in Liberia zwischen 1833 und 1861. Die Brisanz dieser Mission lag darin, dass presbyterianische Missionare sowohl aus dem abolitionistischen Norden als auch aus dem Sklaven haltenden Süden der USA gemeinsam in einem Territorium arbeiteten, das explizit der Freiheit der Schwarzen gewidmet war.

Wendy J. Deichmann Edwards beginnt den zweiten Teil des Bandes mit einer ideologiekritischen Studie von Josiah Strongs missionarischem Manifest »Our Country« (1885), einem Pamphlet des evangelischen Imperialismus. Strong erneuerte die Vision Amerikas als einer christlichen Nation, nahm jedoch die neue, rassistisch-darwinistische Deutung der Weltgeschichte auf (die Angelsachsen als Höhepunkt der Zivilisation und spiritueller Reinheit) und verband sie mit der »gott-gegebenen« Bestimmung der USA, das Evangelium weltweit zu verkünden. Strongs Manifest war außerordentlich populär sowohl in Missions- wie säkularen Kreisen, vermutlich, wie Edwards meint, gerade weil alte, vertraute Mythologien rassistisch modernisiert und reformuliert waren (190). Der Bruch mit der Missionstradition von 1810, die auf »selbstlose Wohltätigkeit« abhob, kann gar nicht besser illustriert werden. Ruth Compton Brouwer setzt sich mit einer anderen damals gängigen Missionsideologie auseinander, nämlich dem Prinzip, dass die Missionierung von Frauen »Frauensache« war. Am Beispiel der kanadisch-presbyterianischen Frauenmission in Indien, 1877­1914, zeigt Brouwer, dass dieses Prinzip nicht wirklich funktionierte und Frauenmission praktisch zu einer Einrichtung der inneren Mission im Ausland wurde. Janet F. Fishburn verweist in Kapitel 9 auf einen interessanten Briefwechsel zwischen Walter Rauschenbusch (Social Gospel) und seiner Schwester Emma Rauschenbusch Clough, einer Indienmissionarin, die ihn darauf stieß, dass Gedanken eines sozialen Evangeliums implizit in der Missionsbewegung zu finden sind, viele Jahre bevor es eine Bewegung des Social Gospel in den USA gab. Carol Ann Vaughn bietet eine Fallstudie der »Madam Gao«, nämlich der Chinamissionarin Martha Foster Crawford aus Alabama. Crawford mag überspannt und selbstverliebt gewesen sein, aber ihre Konversion von 1883 führte sie dazu, genau diejenige imperialistische und zivilisatorische Ideologie zu verwerfen, die wenige Jahre später von Josiah Strong auf das Podest gehoben werden sollte. Mit John F. Pipers Studie der Missionstheorie von Robert E. Speer sind wir bereits im 20. Jh. angelangt. Speer ist einer der wichtigsten Missiologen in der ersten Hälfte des letzten Jh.s, und die Untersuchung beschreibt Speers Beitrag nicht nur als ein Wiederanknüpfen an die Ideen von Rufus Anderson und Henry Venn, sondern auch als eine eigenständige ökumenische Leistung. Das letzte Kapitel des Bandes hat Alvyn Austin geschrieben und der unkonventionellen Missionskonzeption von Hudson Taylor und der China Inland Mission gewidmet.

Die Beiträge beider Bände zeigen, wie außerordentlich anregend und für das Verständnis der Gegenwart des Christentums unerlässlich das Studium der Missionsgeschichte sein kann.