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Ausgabe:

Mai/1998

Spalte:

541–543

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Kiel, Christel

Titel/Untertitel:

Christen in der Steppe. Die Máasai-Mission der Nord-Ost-Diözese in der lutherischen Kirche Tansanias.

Verlag:

Erlangen: Verlag der Ev.-Luth. Mission 1996. 390 S. m. Abb. 8 = Erlanger Monographie aus Mission und Ökumene, 25. Kart. DM 52,-. ISBN 3-87214-325-5.

Rezensent:

Klaus-Peter Kiesel

Die vorliegende Veröffentlichung wurde im Sommersemester 1995 von der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin als Dissertation angenommen.

Die Theologin Christel Kiel kam mit ihrem Mann Arnold Kiel im Juli 1986 zum zweiten Mal nach Ostafrika und arbeitete sechs Jahre in der Nord-Ost-Diözese der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tanzania (ELCT) als Pastorin unter den Kisóngo- und Parakúyo-Masai (im Deutschen auch Maasai oder Massai geschrieben), die in den Steppengebieten westlich und östlich der Usambara-Berge ihre Herden weiden und Dialekte des nilohamatischen Maa sprechen.

Die Vfn. bietet in ihrem Werk eine Mischung aus "eigenen Erfahrungen (und deren ihres Mannes) und "unpersönlichen Geschichtsdaten" (7). Sie ist davon überzeugt, daß der auferstandene Herr Jesus Christus in seinen kleinen und oft kümmerlichen Gemeinden in der Steppe gegenwärtig ist (7), fragt aber "Wo war er in der Steppe, bevor es diese kleinen Gemeinden gab? Welche Faktoren waren es, die die Máasai zum Christentum brachten? Welche Faktoren waren es, die sie lange davon abhielten, Christen zu werden?" (7) K. interessiert sich für die christologische, gleichzeitig aber auch ekklesiologische Frage: Wann, wie und wodurch ist der auferstandene Christus den Menschen in der Steppe begegnet?

Der erste Teil des Werkes steht unter der Überschrift "Lebenszyklus, Gesellschaftsordnung und Glaube der Kisóngo und Parakúyo" (11-114). K. verwendet dabei Texte, die von Masai geschrieben wurden, Monographien über Masai und eigene Erlebnisse und Interviews (diese nennt die Vfn. "Fallbeispiele"). Die Masai haben nach ihrem eigenen Dafürhalten die bessere Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung und sind deshalb den anderen Stämmen, die abwertend Ilméek (bedeutet nach J. Hohenberger "Semitisches und hamitisches Sprachgut im Masai", 1958, 290, "Nichtmasai, verachtete Fremdstämmige, Barbaren") genannt werden, überlegen (23-24). Auf der anderen Seite werden die Masai von der seßhaften Bevölkerung als "etwas Zurückgebliebene" (27) betrachtet. Hier wäre zu ergänzen, daß die Nomaden in Tanzania jedoch von vielen Stämmen sowohl verachtet als auch wegen ihrer Viehdiebstähle und Überfälle auf friedliche Bauern und Geschäftsleute gefürchtet und teilweise gehaßt werden.

Gute Information bieten die Abschnitte über den "Tageslauf" (31-38) und die "Lebensphasen" (38-93) der Masai von der Kindheit bis zum Tod. Dabei wird auch die Sonderstellung der "Loibon" behandelt, die als "Seher", Heiler und Berater neben der religiösen vor allem politische Bedeutung haben (63-71). Als Frau hatte K. auch eher Zugang zum weiblichen Teil der Bevölkerung und kann dazu wertvolles Material beitragen. Eigentlich gehören auch die Seiten 140-148 aus dem 2. Teil eher zum volkskundlichen 1. Teil. Hier wird die traditionelle Erziehung der Masai-Kinder, vor allem der Jungen dargestellt.

Die Religion der Masai wird im Abschnitt "Der Glaube an Enkái" (93-114) behandelt. Die Masaisprache hat keinen Begriff für Religion (93), denn wie bei allen traditionellen Religionen bildet das tägliche Leben und der Vollzug des Glaubens in Gebeten und Ritualien eine Einheit.

K. hat sich wohl zu Unrecht entschlossen, wegen der sprachlich weiblichen Form Enkái (Gottheit) eher als eine "sie" (94-101) zu verstehen. Doch ist der Artikel "en" nicht unbedingt Anzeige eines Femininums. So heißt im Maa z. B. auch ein freigebiger Krieger und Wohltäter "engamini", ebenso wie die Worte für Vieh "engishu" und "engerai" für Kind nicht nur Weibliches bezeichnen. Die Masai denken und fühlen Enkái (Engai ausgesprochen) jedoch mehr als eine männliche Gottheit (dazu vgl. Donald C. Flatt, Man and Deity in an African Society, Dubuque, 1980), die nie als Mutter, wohl aber als Vater angeredet wird.

Im zweiten und längsten Teil stellt K. "Die Máasai-Mission der Nord-Ost-Diözese der ELCT von 1892 bis 1992" dar (115-304). War unter den die Masai umgebenden, vor allem in den Bergländern lebenden ackerbautreibenden Stämmen, die Schule der Anknüpfungspunkt für die Erfolge der christlichen Mission geworden, so scheiterten die schulischen Bemühungen unter den Viehnomaden in der Steppe. Achtzig Jahre lang wurden nur einzelne Masai für den christlichen Glauben gewonnen. Trotz Schulen, Hospitälern und Projekten entstanden keine christlichen Volkskirchen wie am Kilimanjaro, in den Pare- und Usambarabergen. Auch während der Tätigkeit des ersten und bisher einzigen Pfarrers der Parakúyo Yakobo Kimbei, der ab 1959 bis zu seinem Tode 1973 Distrikt-Missionar in der Steppe war (190-208), besserte sich die Situation nicht: Die Masaihirten hatten nicht auf die christliche Botschaft gehört.

Dann begann noch zu Yakobos Zeit unter den Masai die sogenannte "Pepo-Krankheit", eine Art Anfallskrankheit mit Elementen von echter Besessenheit, vermehrt aufzutreten. Sie wich auf Dauer nur den christlichen Sakramenten von Taufe und Abendmahl (205). K. widmet diesem Phänomen ein eigenes Kapitel (208-231). "Pepo" ist das Suaheli-Wort für Geist, das heißt für ein körperloses Wesen (Einzahl und Mehrzahl) - nicht nur für den "bösen Geist" (208) wie K. behauptet, sondern auch für den guten Geist "Pepo mwema". Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre brach die Pepo-Krankheit wie eine Epidemie unter den Frauen im Süd-Masai-Land aus (218-221). Vor allem von der Pepo-Krankheit geheilte Masai-Frauen, die sich dem Christentum zuwandten, verändern bis heute immer mehr das Gesamtgefüge der Masai-Gesellschaft. Es entstanden eine Reihe von christlichen Gemeinden in der Steppe. Zwischen 1964-1992 war die lutherische Kirche mit ihren Pfarrern - dazu gehörten Deutsche wie Theo Daub, Thomas Eßrich und Frau K. mit ihrem Mann, aber auch einheimische Pastoren und Evangelisten - die einzige größere Organisation, welche den kranken Frauen und ihren Familien Hilfe anbot (232-304).

Im Vergleich zum Wachstum der Berggemeinden in den ersten hundert Jahren der Mission ist die Ausbreitung des Christentums in der Steppe allerdings immer noch sehr zögernd, trotz einzelner Massentaufen im Gebiet der Arusha-Diözese im Jahre 1992 (273).

Im dritten Teil (305-382) wertet K. die geschilderten hundert Jahre der Masai-Mission auch an Hand einschlägiger Literatur aus. Aus dieser Geschichte geht hervor, daß für die Missionierung eines viehzüchtenden Volkes ein wesentlich ausgedehnterer Zeitfaktor in Rechnung gestellt werden muß als für Ackerbauern (319). Auch die von den Masai geübte Polygamie darf nach Ansicht der Vfn. kein Taufhindernis mehr sein, weil sie kein Glaubenshindernis ist (nach Triebel 322).

Die Mehrzahl der jungen Masai-Gemeinden bestehen vor allem aus Frauen. Ohne Schreib- und in den meisten Fällen auch ohne Lesekenntnisse leben sie ihren Glauben und geben ihn durch ihr Beispiel, ihre Lieder, Gebete und Predigten an die Ehemänner und die nächsten Generationen weiter. Das Zentrum dieses Glaubens ist eine unmittelbare unkomplizierte Verbindung zu Jesus Christus (327).

In ihren Thesen 5 und 9 (390) geht K. auf die am Anfang des Werkes gestellten christologischen und ekklesiologischen Fragen (s. o.) ein: "Das Kreuz Jesu Christi ist der Engpaß, durch den alle aus der traditionellen Religion übernommenen Werte hindurchgeführt werden". Die Masaikirche "wächst in dem ihr gemäßen Tempo hinein in die "Gemeinschaft der Kinder Gottes". - Eine Bibliographie (383-389) schließt die gründliche Arbeit ab.

Einige Fehler wären zu korrigieren: Die Zentraltansanianische Stadt heißt Mpwapwa und nicht Papua (83). Die erste Missionsstation in Arusha heißt Ilboru (117). Stefano Moshi, der erste leitende Bischof der ELCT war, als er am 14. 8. 1976 starb, noch im Amt (354). Dr. Naaman Laiser stammt nicht von dem ersten (1934 ordiniert) Arusha-Pfarrer Lazaro Laiser ab (357) sondern von dem 12 Jahre nach Lazaro geborenen und erst 1950 ordinierten Pfarrer Naftali Laiser.

K. hat mit ihrem Werk an Hand zweier Gruppen des Nomadenvolkes der Masai in Tansania wichtige Themen der Missions-Geschichte und -Methode ausführlich und fundiert behandelt. In einer englischen Übersetzung wird die Arbeit K.s in absehbarer Zeit auch den Masai selbst zugänglich gemacht werden. Erwünscht wäre für diese Ausgabe ein ausführliches Register, das die Beschäftigung mit diesem interessanten Buch wesentlich erleichtern würde.